Leiharbeit: Chancen, Risiken, Arbeitnehmerrechte

Die Möglichkeit der Leiharbeit wird gerne von Unternehmen genutzt, um flexibler auf die Auftragslage reagieren zu können. Dabei ist der Arbeitnehmer nicht im Betrieb selbst angestellt, sondern wird aus einer Leiharbeitsfirma ausgeliehen. Diese Flexibilität ist kurzfristig für den Arbeitgeber vielleicht teurer, langfristig rentiert sich diese Möglichkeit für ihn aber. Die Frage ist, wie es aus Arbeitnehmersicht aussieht. Zwar hat der Gesetzgeber die Bedingungen der Leiharbeit erleichtert, dennoch fühlen sich viele Leiharbeiter noch immer als Arbeitnehmer zweiter Klasse. Welche Probleme das mit sich bringen kann, aber auch welche Vorteile sich durch dieses System ergeben können, klären wir hier…

Leiharbeit: Chancen, Risiken, Arbeitnehmerrechte

Definition: Was ist Leiharbeit?

Definition: Was ist Leiharbeit?Leiharbeit ist ein Synonym für Arbeitnehmerüberlassung. Der Begriff wird insbesondere in der Schweiz häufig benutzt. In Deutschland wird gerne auch Zeitarbeit dazu gesagt. Zwischen den Begrifflichkeiten besteht inhaltlich kein Unterschied, sie werden synonym verwendet.

Die Bundesagentur für Arbeit definiert Leiharbeit so:

Zeitarbeit, Leiharbeit oder Arbeitnehmerüberlassung bedeutet, dass ein Arbeitnehmer von einem Arbeitgeber einem Dritten gegen Entgelt und für eine begrenzte Zeit überlassen wird. Der Arbeitgeber wird dabei zum Verleiher, der Dritte zum Entleiher.

Auf diese Weise entsteht ein Dreieck aus Arbeitnehmer, Leiharbeitsfirma und Unternehmen. Dies sieht im Einzelnen folgendermaßen aus:

  • Der Arbeitnehmer hat einen Arbeitsvertrag als Leiharbeiter mit der Zeitarbeitsfirma abgeschlossen, die ihn jedoch nicht direkt beschäftigt, sondern an verschiedene Unternehmen auslieht.
  • Die Leiharbeitsfirma berechnet dem Unternehmen als ihrem Kunden dafür eine Gebühr. Auf diese Weise entsteht ihr Gewinn.
  • Das Unternehmen bucht sich über die Leiharbeitsfirma je nach Bedarf Leiharbeitskräfte und kann auf diese Weise das Stammpersonal gering halten und geht keine langfristigen Bindungen ein. Dadurch werden Kosten gespart.

Vor- und Nachteile der Leiharbeit

Die Vorteile für die Unternehmen und die Leiharbeitsfirmen liegen auf der Hand: Durch das Entleihen der Arbeitnehmer sparen die Betriebe Kosten und können flexibler auf Auftragsspitzen reagieren. Die Leiharbeitsfirmen erzielen dadurch einen Gewinn.

Man könnte also annehmen, dass die Leiharbeiter in diesem System die Leidtragenden sind. Doch das ist nicht in jedem Fall gesagt. Für viele stellte Leiharbeit bereits auch schon ein Sprungbrett in eine dauerhafte Beschäftigung dar. Es ist daher wichtig, die Vor- und die Nachteile aus der Perspektive der Arbeitnehmer genauer zu beleuchten.

Die Chancen von Leiharbeit

  • Berufserfahrung

    Gerade Arbeitnehmer, die über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen oder noch nicht die erforderliche Berufserfahrung besitzen, können über Leiharbeit unkompliziert einen Fuß in eine Arbeit bekommen und auf diese Weise Praxiserfahrung sammeln. Der Bewerbungsprozess ist in der Regel schnell und einfach zu bewerkstelligen, eine langwierige und umständliche Suche entfällt.

  • Übernahme

    Wer einmal in einem Betrieb gearbeitet und die internen Abläufe verinnerlicht hat, besitzt logischerweise einen großen Vorteil gegenüber einem externen Bewerber. Insofern kann Leiharbeit auch den Sprung in eine Festanstellung bedeuten, sobald der entleihende Betrieb eine solche Position ausschreibt.

  • Netzwerk

    Wer in der Leiharbeit beschäftigt ist, kommt unter Umständen viel herum. In jedem Betrieb lernt man nicht nur neue Inhalte und Impulse bezüglich der Tätigkeit kennen, sondern auch neue Menschen. Auf diese Weise kann der Leiharbeiter ein berufliches Netzwerk knüpfen, das ihm langfristig durchaus von Vorteil sein kann gegenüber den Mitbewerbern.

  • Lohnfortzahlung

    Wer als Leiharbeiter angestellt ist, erhält wie jeder Arbeitnehmer sein Gehalt und hat seinen gesetzlichen Urlaubsanspruch. Beides besteht auch dann, wenn gerade kein Unternehmen einen Bedarf an der Arbeitskraft anmeldet, da man ja bei der Leiharbeitsfirma und nicht im Betrieb selbst angestellt ist. Zudem ist die Alternative für viele, die in der Leiharbeit beschäftigt sind, die Arbeitslosigkeit. Insofern bietet Leiharbeit eine geregelte Einnahmequelle.

Die Nachteile von Leiharbeit

  • Tätigkeiten

    Da Leiharbeiter meist nie sehr lange im Betrieb sind und ihre Einarbeitung jedes Mal aufs Neue entsprechend lange dauert, sind viele Unternehmen dazu übergangen, ihnen hauptsächlich Hilfsarbeiten aufzutragen. Auf diese Weise verhindern die Firmen auch, dass mit dem Ende der Leiharbeit ein erheblicher Wissensverlust stattfindet.

  • Lohn

    Die Entlohnung in der Leiharbeit ist zwar an bestimmte tarifvertragliche Vereinbarungen gebunden, dennoch ist sie in den meisten Fällen niedriger als die der Stammbelegschaft. Dies ist gerade auch darauf zurückzuführen, dass es sich bei Leiharbeit um die angesprochenen Helfertätigkeit handelt.

  • Team

    Wer über Leiharbeit in ein Unternehmen kommt, hat wenig Chancen als vollwertiges Teammitglied wahrgenommen zu werden. Viele Leiharbeiter berichten von schlechter Stimmung und mangelndem Zugehörigkeitsgefühl bis hin zu Erfahrungen von Ausgrenzung oder gar Mobbing.

  • Einsatzort

    Leiharbeit wird meist regional in großem Umkreis betrieben. Oftmals holen Fahrer der Leiharbeitsfirma die Arbeitnehmer früh morgens von einem Sammelpunkt mit einem Kleinbus ab und fahren diese in die umliegenden Städte und Gemeinden. Nur wenigen Leiharbeitern ist es vergönnt, auf Dauer direkt an ihrem Wohnort eingesetzt zu werden.

Wo ist Leiharbeit zu finden?

Wo ist Leiharbeit zu finden?Leiharbeit wird häufig mit der Industrie- oder Handwerksbranche assoziiert. Dies liegt auch an der öffentlichen Wahrnehmung der Tarifparteien. Insbesondere die IG Metall gilt als eine Gewerkschaft, die sich besonders für die Rechte von Leiharbeitern einsetzt und stark macht.

Doch Leiharbeit ist in weit mehr Berufsfeldern zu finden als man gemeinhin annimmt. So ist sie häufig in der Pflege zu finden, aber auch für Bürotätigkeiten wird das System oft genutzt. Insbesondere bei personalintensiven Tätigkeiten wie Inventur oder hohen Kundennachfragen sind viele Firmen dankbar für diese zeitweilige Unterstützung.

Selbst viele Lehrer sind inzwischen als Leiharbeiter beschäftigt. Nach einem Bericht des Weser Kuriers sind allein an Bremer Schulen über 600 Lehrer über Leiharbeit beschäftigt.

Rechte der Arbeitnehmer in der Leiharbeit

Der Ruf der Leiharbeit ist nicht der beste. Das liegt daran, dass Arbeitnehmer, die über das System Leiharbeit in Unternehmen kamen, lange Zeit schlechter gestellt waren, als die festangestellten Kollegen. Inzwischen wurden jedoch sowohl Tarifvertrag, als auch das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) angepasst und deutlich verbessert.

Insbesondere im Jahr 2017 wurden viele Änderungen zum Vorteil der Arbeitnehmer aufgenommen, um eine arbeitsrechtliche Gleichstellung von Leiharbeitern zu erreichen:

  • Mindestlohn
    Leiharbeit unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns ist nicht zulässig.
  • Bezahlung
    Nach neun Monaten im Betrieb gilt das sogenannte Equal Pay. Das bedeutet, dass ein Leiharbeiter nach dieser Zeit genauso viel Lohn bekommen muss, wie ein festangestellter Mitarbeiter.
  • Höchstüberlassungsdauer
    Ein Mitarbeiter darf per Leiharbeit nur maximal für 18 Monate an ein Unternehmen verliehen werden, sofern seine Tätigkeit nicht für mehr als drei Monate unterbrochen wurde. Will das Unternehmen ihn länger behalten, muss es den Leiharbeitnehmer fest anstellen.
  • Streik
    Wer als Leiharbeiter in eine Firma kommt, darf nicht als Streikbrecher eingesetzt werden. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass Unternehmen Streiks durch Leiharbeit einfach aussitzen.
  • Konkretisierung
    Für die Leiharbeit gilt ein Vertrag, der zwischen Verleiher und Entleiher zustande kommt. In diesem muss sowohl die Tätigkeit, als auch der Arbeitnehmer genau bezeichnet werden.
  • Kettenüberlassung
    Leiharbeiter dürfen nicht an andere Unternehmen weiterverliehen werden. Dies soll die Gefahr von Subunternehmern mindern.

Mit diesen Regelungen trug der Gesetzgeber dazu bei, die Rechte in der Leiharbeit zu stärken. Gerade im Niedriglohnsektor wurden zuvor Arbeitnehmer ausgenutzt und ihnen blieb oft nur wenig zum Leben übrig. Zudem sollte verhindert werden, dass Leiharbeit ein Dauerzustand für die Beschäftigten wird.

Dennoch gilt für viele Arbeitnehmer nach wie vor Leiharbeit als Abstieg und als etwas, das es zu vermeiden gilt. Trotzdem gilt es, neben den Risiken auch die Chancen zu sehen und nüchtern gegeneinander abzuwägen. Oftmals ist die Alternative zur Leiharbeit eine längere Arbeitslosigkeit, die mit viel größerer Wahrscheinlichkeit in eine Sackgasse mündet, als eine Beschäftigung in Leiharbeit.

[Bildnachweis: Gorodenkoff by Shutterstock.com]
10. März 2020 Tilman Schulze Redakteur Autor: Tilman Schulze

Tilman Schulze, Jahrgang 1973, arbeitet zudem freiberuflich als Kommunikationstrainer, Coach und Mediator in Freiburg und Umgebung. Als Autor einiger Bücher ist er es gewohnt, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und mit der Sprache zu spielen.


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