Zweiter Eindruck: Besser auf den zweiten Blick

„Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance“, heißt es. Wahr ist aber auch: Ein schlechter erster Eindruck ist nicht endgültig und kann mit dem zweiten Eindruck oft korrigiert werden. Wie oft schon haben wir uns in einem Menschen getäuscht? Gerade wer sich nur auf Äußerlichkeiten und den ersten Eindruck verlässt, trifft öfter die falsche Wahl oder sitzt Vorurteilen auf…

Zweiter Eindruck Psychologie Bedeutung Korrektur Tipps

Der erste Eindruck prägt – kann aber falsch sein

Der erste Eindruck entsteht in nur 100-150 Millisekunden – oft unbewusst und basierend auf zahlreichen Reizen wie Körpersprache, Stimme, Duft und Kleidung. In Sekundenbruchteilen entscheiden wir darüber, ob uns eine Person sympathisch oder vertrauenswürdig erscheint. Dieser sogenannte Primäreffekt (engl. Primacy-Effect) wurde bereits 1946 von dem US-Psychologen Solomon Asch entdeckt und ist nur schwer zu revidieren. Kurz: Der erste Eindruck zählt und prägt die Bewertung eines Menschen beharrlich und anhaltend – besonders wenn dabei auch noch Vorurteile oder Vorbehalte bestätigt werden. Doch stimmt das auch?

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Warum stimmt der erste Eindruck nicht?

Dieses schnelle, meist unterbewusste Ersturteil ist jedoch fehleranfällig. Es basiert überwiegend auf Heuristiken (Schubladendenken) statt auf fundierten Informationen. Hinzu kommen oftmals Wahrnehmungsfehler (sog. Bias) wie der Halo-Effekt (Gegenteil: Horn-Effekt) bei denen eine einzelne Eigenschaft den Gesamteindruck überstrahlt und wir fälschlicherweise auf andere positive oder negative Eigenschaften schließen. Auch situative Faktoren wie Nervosität, Stress oder vorheriger Ärger können das Verhalten unseres Gegenübers in der ersten Sekunde beeinflussen. Der erste Eindruck muss daher nicht den wahren Charakter der Person widerspiegeln – Fehleinschätzungen sind dadurch programmiert.

Der zweite Eindruck ist wichtiger – und hält länger

Der zweite Eindruck sagt oft mehr über die Persönlichkeit eines Menschen aus. Davon ist der Osnabrücker Persönlichkeitsforscher Julius Kuhl überzeugt. Es gebe Menschen, die schüchtern oder hochsensibel sind und deshalb anfangs unsouverän oder unsympathisch wirken können. Betroffene machen beim ersten Kennenlernen selten eine gute Figur – dafür aber vielleicht beim zweiten!

Erst wenn wir Menschen häufiger begegnen, uns eine Weile mit ihnen beschäftigen oder gar mit ihnen zusammenarbeiten, bekommen wir ein umfassenderes Bild, das bleibend ist und auch mehr der Wirklichkeit entspricht. Es ist also vor allem der zweite Eindruck, der zählt und prägen sollte. Auch echte Menschenkenntnis entwickelt sich häufig erst auf den zweiten Blick. Der zweite Blick verlagert deshalb das typische Schubladendenken hin zu dem tatsächlichen Charakter.

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Wie hinterlässt man einen guten zweiten Eindruck?

Damit aus dem zweiten Eindruck ein korrekter und bleibender Eindruck wird, muss es mehr unter die Oberfläche gehen – an die Substanz. Das erste Kennenlernen, der erste Smalltalk werden in der Regel von Äußerlichkeiten und Förmlichkeit bestimmt. Es geht dabei um grundsätzliche Sympathie, das Auftreten und das Erscheinungsbild. Beim Zweiteindruck müssen Sie beweisen, dass sich die Beziehung zu Ihnen lohnt. Wer beim zweiten Eindruck gut abschneidet, ist eben keine flüchtige Bekanntschaft mehr – wir adeln sie oder ihn zum potenziellen Geschäftspartner, Ratgeber, Vertrauten, Freund. So können Sie einen guten zweiten Eindruck erzeugen – oder einen schlechten ersten korrigieren:

1. Erwähnen Sie Gemeinsamkeiten

Hören Sie Ihrem Gegenüber von Anfang an aufmerksam zu und merken Sie sich Details – z.B. die Vornamen der Kinder, das letzte Urlaubsziel oder ein Hobby. Die Kunst ist, mögliche Gemeinsamkeiten zu finden und im Gespräch zu betonen. Das verbindet und schafft gegenseitiges Vertrauen. Umgekehrt sollten Sie mehr von sich preisgeben: Das macht Sie zwar latent verletzlich. Die Offenheit ist aber essenziell für eine starke Bindung und einen guten zweiten Eindruck. Sie müssen deswegen keinen Seelenstriptease hinlegen – ein erster Schritt, ein kleines Geständnis wirken schon aufrichtig, authentisch und vertrauensbildend. Nur bitte nicht labern, sonst verspielen Sie die zweite Chance.

2. Stellen Sie gute Fragen

Echtes Interesse an uns spüren wir intuitiv. Woran wir das festmachen, sind meist kluge Fragen. Natürlich sollten die nicht gleich indiskret werden, aber eben auch nicht oberflächlich bleiben. Der Schlüssel hierfür ist aktives Zuhören: Hören Sie nicht nur zu, sondern stellen Sie immer wieder Rückfragen, wiederholen Sie Aussagen in eigenen Worten (sog. paraphrasieren) oder haken Sie nach, um Missverständnisse zu vermeiden. Studien zeigen: Wir empfinden Gespräche dann als besonders anregend und wertvoll, wenn wir selbst den größeren Redeanteil hatten. Das spricht zwar eher für den Narzissmus in uns allen, lässt sich aber für den zweiten Eindruck nutzen: Indem Sie Fragen stellen und immer wieder Ihr Interesse am anderen unterstreichen, gewinnen Sie mehr Sympathien und Vertrauen zurück.

3. Punkten Sie mit Beständigkeit

Ein verpatzter erster Eindruck lässt sich hauptsächlich durch Beständigkeit revidieren. Wenn Sie etwa zum ersten Date unpünktlich waren, müssen Sie bei allen nachfolgenden Treffen unbedingt pünktlich erscheinen. Auch eine sofortige Entschuldigung und nachvollziehbare Erklärung können manchen schlechten Eindruck korrigieren. Auch Selbstironie kann peinliche Pannen oder eine Blamage entschärfen. Wichtig ist nur, dass Sie um solche Patzer nicht allzu viel Aufhebens machen, sonst verstärken Sie den Ersteindruck nur noch.

4. Verlassen Sie rechtzeitig die Bühne

Nach einem Patzer gleich die Flucht zu ergreifen, wäre grundfalsch. So prägt sich der erste Eindruck erst recht ein. Entscheidend ist, dass Sie dem zweiten Eindruck Zeit geben und die sprichwörtliche zweite Chance lassen. Nutzen Sie also das Gespräch zum besseren Kennenlernen, offenbaren Sie mehr von sich, um sich besser einzuschätzen – auch wenn das verletzlich macht. Pluspunkte sammelt, wer dabei zusätzlich Empathie und Einfühlungsvermögen zeigt und immer wieder auf seinen Gesprächspartner eingeht. Dann aber ist es wichtig, dass Sie auch den richtigen Absprung finden. Sobald Sie spüren, dass der zweite Eindruck positiv sitzt, wird es Zeit, die Bildfläche zu verlassen. Erst dadurch kann sich der zweite Eindruck manifestieren.

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Was tun, wenn ich den ersten Eindruck vergeigt habe?

Auch das kommt vor. Womöglich haben Sie einen schlechten Witz erzählt. Oder Sie wollten die Stimmung auflockern und sind stattdessen in einen Fettnapf getreten. Passiert. Was Sie in solchen Situationen tun können, um die Situation zu retten und dem zweiten Eindruck eine Chance zu geben:

  1. Sofort entschuldigen

    Weil der erste Eindruck nachhaltig prägt, muss Ihre Reaktion umgehend erfolgen. Bei schwerwiegenden Fehltritten sollten Sie sich deshalb sofort entschuldigen und auch gleich Wiedergutmachung anbieten. Das kann bedeuten, dass Sie den entstandenen Schaden begleichen, einen Drink ausgeben oder Ihre Aussage umgehend revidieren und als das bezeichnen, was es war: Blödsinn.

  2. Initiative ergreifen

    Bei kleineren Fauxpas können Sie die Situation mit Humor entschärfen. Haben Sie jedoch ein Kompliment gemacht, das bei Ihrem Gegenüber anzüglich ankam, müssen Sie ebenfalls sofort handeln und in die Metaebene wechseln. Verbalisieren Sie Ihren Eindruck: „Ich spüre gerade, das kam bei Ihnen ganz anders an, als es gemeint war.“ So beweisen Sie im zweiten Anlauf mehr Empathie.

  3. Erklärung finden

    Was auch hilft, ist, den Patzer zu erklären. Wohlgemerkt: erklären, nicht rechtfertigen! Erzählen Sie zum Beispiel, dass Sie gerade emotional aufgewühlt waren, einen schlechten Tag oder wenig Schlaf hatten und daher übers Ziel hinausgeschossen sind. Kommt vor, wir alle stehen mal mit dem falschen Bein auf. Beschönigen Sie aber nichts, sondern appellieren Sie an die menschliche Fehlbarkeit in uns allen und die Fairness Ihres Gesprächspartners. Damit sind Sie übrigens schon mitten im zweiten Eindruck.

Ein kleiner Trost zum Schluss: Wir sind oft unsere härtesten Kritiker. In vielen Fällen haben andere den „furchtbaren“ Auftritt längst nicht so dramatisch wahrgenommen wie wir selbst. Und man sieht sich ja doch immer zweimal im Leben…


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