Fischer Tourist Parabel Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral
Wenn es bequem ist und ins Weltbild passt, muss es stimmen. Nach diesem Motto werden heute Geschichten gelesen, kommentiert, geteilt und unangenehme Wahrheiten ignoriert. Selektive Wahrnehmung und Selbstverstärkung sind aber denkbar schlechte Ratgeber und wirken wie Zement auf fluide Intelligenz. In diese Kategorie fällt auch die Parabel vom dösenden Fischer und Touristen...

Inhaltsangabe: Eine kleine Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral

Die Parabel vom zufriedenen Fischer geht - verkürzt - so:

In einem kleinen Mittelmeerhafen liegt ein ärmlich gekleideter Fischer in seinem Boot und döst. Da kommt ein gut gekleideter Tourist daher, macht ein paar Fotos, schenkt dem Mann eine Zigarrette und beginnt ein Gespräch. Wie viele Fische er denn heute so gefangen habe, fragt der Tourist den Fischer. Nicht allzu viele, antwortet der Fischer. Aber er sei mit seinem Fang zufrieden.

Da erzählt ihm der Tourist enthusiastisch, was der Fischer nicht alles erreichen könnte, wenn noch mal aufs Meer hinausfahren, mehr Fische fangen und mehr verdienen würde. Er könnte Karriere machen, von dem Geld ein zweites Fischerboot kaufen, andere Fischer einstellen und noch mehr Geld verdienen. Aber Ende würde er so reich werden, dass er sich bequem zur Ruhe setzen und im Hafen dösen könnte.

Da entgegnet der Fischer milde lächelnd: "Das kann ich jetzt auch schon".

Die ausführliche Parabel ist auch bekannt als "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral" von Heinrich Böll. Er schrieb sie für eine Sendung des Norddeutschen Rundfunks zum "Tag der Arbeit" am 1. Mai 1963.

Damals war sie gedacht als Provokation und Kritik am Selbstbewusstsein des neuen deutschen Wirtschaftsbooms. Den Menschen ging es gut, zu gut womöglich. Also belehrt der gönnerhafte Tourist den scheinbar faulenzenden ärmlichen Fischer - um am Ende festzustellen, dass er der Dumme ist, weil er einen arbeitsreichen, materialistischen Kreislauf beschreibt, der genau dort endet, wo er begonnen hat.

Böll mahnt, dass der Mensch nicht lebt, um zu arbeiten, sondern arbeitet, um zu leben.

Ich gebe zu, ich mag Heinrich Böll, aber seine Anekdote vom zufriedenen Fischer nicht. Ich mochte sie nie sonderlich. Denn sie so hübsch sie auch ist, genauso naiv ist sie.

Der naive Plot ist ein Pyrrhussieg der Einfalt

Die Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral gibt es inzwischen in zahlreichen Varianten. Mal mit Angler und Berater, mal mit mexikanischem Fischer und Investmentbanker. Ihr Problem aber ist immer gleich.

Die Anfangs- und Endsituation der Anekdote sind nur vordergründig identisch. In beiden Fällen döst der Fischer zufrieden im Hafen. In dem einen Fall aber muss er morgen schon wieder auf einen guten Fang hoffen, darauf, was ihm das Meer schenkt. Im zweiten Fall kann er ebenfalls seinem Beruf und seiner Leidenschaft nachgehen - er muss es aber nicht mehr. Riesenunterschied!

Mehr noch: Was wenn der Fischer morgen krank oder gar berufsunfähig wird oder irgendwann zu alt ist und nicht mehr fischen kann? Wovon lebt er dann? Wer versorgt dann seine Familie? Oder bürdet er diese Verantwortung ad hoc seinen Kindern auf, wodurch diese keine Wahl mehr haben, ob sie überhaupt Fischer werden wollen?

Zugegeben, das alles ist wilde Spekulation. Man kann eine solche Geschichte auch überinterpretieren und überstrapazieren, was ihr letztlich nicht mehr gerecht wird.

Parabeln wollen meist nur - im Gewand des pointierten Storytelling - einen wesentlichen Kerngedanken transportieren. Manchmal auch zwei oder drei.

Und so ist die Parabel und ironische Anekdote natürlich auch eine mahnende Erinnerung daran, jeden Moment, den wir satt und gesund sind, zu genießen und dankbar dafür zu sein. Ein Gedanke, der in unserer Überflussgesellschaft leider häufig viel zu kurz kommt.

Jeden Augenblick, den wir zufrieden mit guten Freunden verbringen, dürfen und sollten wir wertschätzen und nicht schon wieder durch die Sorgen an das Morgen miniaturisieren. Leben im Hier und Jetzt - nicht nur im Gestern und Morgen.

Sorgen machen

Dankbarkeit und Zufriedenheit sind zwei wesentliche Schlüssel zum Glück.

Mit dieser Interpretation der Geschichte bin ich sehr einverstanden. Ich fürchte nur, diese abstrakte Metaphorik kommt dabei viel zu oft zu kurz.

Die meisten sehen wohl eher nur den genügsamen Fischer, der über den kapitalistischen und gierigen Touristen triumphiert. Sie lesen die Anekdote und denken: Mit Arbeit verschwendet man nur seine Zeit. Ein paar Fische - und die Welt ist schön. Der Rest ist Dösen im sicheren Hafen.

Eine gefährliche Lesart.

Man kann die Geschichte nämlich auch anders lesen:

Es ist der Pyrrhussieg der Einfalt über die vorausschauende Vernunft. Die Geschichte eines trotzigen Naivlings, der einen gut gemeinten Rat ausschlägt, um seine Komfortzone nicht verlassen zu müssen. Es ist der selbstgefällige Triumph eines Träumers, der aufgehört hat, sich weiterzuentwickeln und seine Potenziale zu nutzen; der seinen beschränkten Horizont und den Mangel an Visionen zur Tugend erklärt und seine Talente lieber vergräbt, anstatt sie zu vermehren.

Diese Perspektive der Geschichte ist sicher unbequemer, vielleicht sogar für manche provokanter. Aber deswegen ist sie nicht weniger relevant.

Das Streben nach Glück

Natürlich fällt der Tourist in der Parabel auf der anderen Seite vom Pferd, indem er das einzig erstrebenswerte Glück darin sieht, Reeder mit eigener Fischereiflotte zu werden. Das individuelle Glück - es liegt für die meisten wohl woanders. Zwischen Großreederei und Alter-Mann-mit-Boot existiert schließlich eine breite Grauzone.

Genau für die aber macht die Anekdote blind.

Der Widerspruch, den wir hier aushalten müssen, ist nur ein scheinbarer: Leben im Hier und Jetzt - aber auch klug sein und an das Morgen denken, vorsorgen - und nicht zuletzt: sich stetig weiterentwickeln. Beide Pole schließen sich nicht aus und sind Teil derselben Medaille: Leben.

Das Streben nach Glück ist nicht zuletzt auch das: ein Streben. Glück fällt uns nur scheinbar in den Schoß. Und Wohlstand ist immer noch und überwiegend das Ergebnis beharrlicher Arbeit.

Leben, um zu arbeiten oder arbeiten, um zu leben - das suggeriert einen Gegensatz, wo keiner ist. Wir leben auch, wenn wir arbeiten.

Leben und Arbeit können wunderbar symbiotisch und harmonisch nebeneinander existieren. Sogar erfüllend wirken - erst recht in einem Beruf, in dem wir entdecken, was alles in uns steckt. Und selbst dieser Beruf kann sich im Laufe des (Arbeits-)Lebens immer wieder verändern.

Man kann das alles wegdösen. Vielleicht sogar verschlafen ohne böses Erwachen.

Klüger aber handelt, wer den Weckruf eines zufälligen Touristen in seinem Leben nicht einfach mit einer Pointe wegwischt, um sich wieder schlafen zu legen, sondern den Impuls zur Selbstreflexion nutzt. Womöglich steckt in uns mehr als ein Fischer - ein Meer voller Möglichkeiten.

Auf ein Zeichen warten

[Bildnachweis: Karrierebibel.de]

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