Bedeutung: Was ist Genügsamkeit?
Genügsamkeit bedeutet, mit dem, was man hat, zufrieden und glücklich zu sein, statt ständig nach mehr zu streben. Ein genügsames Leben zeichnet sich dadurch aus, nicht mehr zu brauchen, als nötig ist. Es kann sogar bedeuten, mit ganz wenig glücklich zu sein (siehe: Minimalismus). Ein einfaches Leben mit wenig Besitz, das sich dennoch erfüllt und sich reich anfühlt. Genügsamkeit ist das Gegenteil zur verbreiteten Immer-mehr-Mentalität.
Synonyme für Genügsamkeit (englisch: „contentment“ oder „frugality“) sind Anspruchslosigkeit, Bescheidenheit, Schlichtheit, Einfachheit, Mäßigung und Zufriedenheit. Das Gegenteil sind Unersättlichkeit, Maßlosigkeit, Gier und übertriebene Ansprüche. Dabei geht Genügsamkeit über materiellen Verzicht hinaus: Auch wer viel besitzt oder ehrgeizige Ziele hat, kann genügsam sein. Er macht sein Glück nur nicht vom nächsten Erfolg oder einer weiteren Anschaffung abhängig.
Gefangen im goldenen Hamsterrad
Es ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, nach etwas zu streben oder zu suchen: dem perfekten Partner, der vollkommenen Liebe, beruflichem Erfolg, finanzieller Freiheit. – Hinter jedem Glück steckt eine starke Sehnsucht. Das Streben nach Glück ist selbst eine solche Sehnsucht. Doch sind Ehrgeiz und Anspruchsdenken auch gefährlich. Wer ihnen verfällt, dem reicht bald nichts mehr. Es gibt immer noch ein Höher, Weiter, Schneller. Was bleibt (und nagt), ist das Gefühl, dass alles noch zu wenig ist.
Die Gefahr, die in der ewigen Steigerung lauert, ist das Rattenrennen und Hamsterrad, in das wir freiwillig einsteigen. Auf der Suche nach dem Traumjob, der nächsthöheren Gehaltsstufe oder dem größeren Luxus und Wohlstand machen wir uns zu Gefangenen externer Maßstäbe. Irgendwas fehlt eben immer. Eine galoppierende Lifestyle-Inflation.
Genügsamkeit schafft Freiheit
Dabei ist weniger oft mehr: Genügsamkeit stellt sich der stetigen Unzufriedenheit entgegen, hält inne – ohne sich wie Verzicht anfühlen zu müssen. Vielmehr ist sie eine Form der Achtsamkeit. Sie fokussiert auf das Hier und Jetzt. Statt ständig zu fragen, was noch fehlt, erkennen genügsame Menschen, was bereits gut ist. Das macht sie unabhängiger von Statussymbolen, fremden Erwartungen und dem Druck, immer mehr erreichen zu müssen.
Genügsamkeit befreit das Leben von Ballast. Wer genügsam lebt, konzentriert sich auf das Leben selbst – und weniger auf Besitz, Reichtum oder Prestige. Dabei gewinnen wir etwas enorm Wertvolles: Freiheit. Ebenso Freizeit, Muße und Energie, um sich dem zu widmen, was einem selbst (!) wichtig ist.
Genügsamkeit begnügt sich mit dem, was wir selbstverständlich erachten und deshalb geringschätzen: Gesundheit, Freunde, ein Dach über dem Kopf… Auf nichts davon müssen wir verzichten, sollten es aber wieder als Privileg erkennen und wertschätzen. Braucht es wirklich so viel mehr für ein glückliches Leben? Oft fehlt nur eines: die richtige Einstellung. Und die Erkenntnis, wie gut es uns längst geht. Auch Philosophen (siehe Zitate) beschäftigen sich seit Jahrhunderten mit der Frage, was das Leben wirklich wertvoll macht: gute Beziehungen, Erfahrungen und schöne Erlebnisse.
Genügsamkeit: Zitate & Sprüche
- „Genügsamkeit ist natürlicher Reichtum, Luxus künstliche Armut.“ (Sokrates)
- „Es gibt nur ein Mittel, sich wohlzufühlen: Man muss lernen, mit dem Gegebenen zufrieden zu sein und nicht immer das zu verlangen, was gerade fehlt.“ (Theodor Fontane)
- „Reich wird man erst durch Dinge, die man nicht begehrt.“ (Mahatma Gandhi)
- „Sich mit Wenigem begnügen ist schwer, sich mit Vielem begnügen unmöglich.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)
Genügsamkeit lernen: 4 Tipps, wie Sie genügsamer werden
Genügsamkeit ist eine Tugend. Zum Glück eine, die sich lernen lässt. Selbst wenn in der Konsumgesellschaft die Mentalität wächst, viel hilft viel: Wahr ist eben auch – weniger ist mehr. Jedenfalls sehr oft. Wer Genügsamkeit üben möchte, muss dafür weder seinen Besitz aufgeben noch auf ehrgeizige Ziele verzichten. Beginnen Sie mit Ihrem Blick auf das, was Sie bereits haben, und verändern Sie einige Gewohnheiten im Alltag.
Schauen Sie auf das, was Sie haben
Der erste Schritt zu mehr Genügsamkeit führt über eine einfache Bestandsaufnahme. Blicken Sie objektiv auf Ihr Leben und nehmen Sie auch scheinbar Selbstverständliches wahr. Was haben Sie schon alles? Gemeint sind nicht nur materielle Dinge, sondern all das, was Sie nicht anfassen können: Gesundheit, Freunde, Familie, ein Beruf, Ihre Lebensfreude, persönlichen Stärken und Talente sowie viele Chancen, die sich Ihnen bieten.
Nehmen Sie sich dafür 10 Minuten Zeit und schreiben Sie auf, was Ihr Leben heute schon bereichert. Besonders aufschlussreich ist die Frage: Was davon würde ich schmerzlich vermissen, wenn es morgen fehlte? Oft erkennen wir den Wert einer Sache erst, wenn wir uns ihren Verlust vorstellen.
Entwickeln Sie größere Dankbarkeit
Dankbarkeit ist ein guter Weg zu mehr Glück und Zufriedenheit. Sie wirkt Frust, Neid und Ärger entgegen. Dankbarkeit ist wie durchatmen. Dankbar zu sein, ist ebenfalls eine Haltung, ein Lebensgefühl. Dahinter steckt zutiefst empfundene Wertschätzung und tiefe Anerkennung für einen Zustand oder eine Zuwendung. Oder wie es Jean-Baptiste Massillon ausgedrückt hat: „Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens.“
Eine einfache Übung: Notieren Sie jeden Abend 3 Dinge, für die Sie an diesem Tag dankbar waren. Das dürfen kleine Erlebnisse sein – ein gutes Gespräch, ein leckeres Essen oder ein unerwartetes Kompliment. Mit der Zeit richten Sie Ihre Aufmerksamkeit bewusster auf das, was Ihnen guttut.
Hören Sie auf, sich zu vergleichen
Ständige Vergleiche mit anderen richten enormen seelischen Schaden an. Sie sind eine Kampfansage an unser Selbstbewusstsein und schüren Minderwertigkeitsgefühle. Problematisch wird es immer dann, wenn diese Vergleiche zum Maßstab für unseren Selbstwert bzw. unser Selbstwertgefühl werden. Wenn sie eben nicht dem Ansporn dienen, sondern zu einem relativen Erfolgsdruck führen und uns nur noch die eigenen Unzulänglichkeiten sehen lassen. Dann können Bitterkeit und Neid die Folgen sein. Umso wichtiger ist es, das ständige Vergleichen zu stoppen.
Fragen Sie sich stattdessen: „Was ist mir wichtig? Welchen Lebensstandard benötige ich tatsächlich? Und welches Ziel verfolge ich nur, weil andere es bereits erreicht haben?“ Solche Fragen helfen, fremde Erwartungen von eigenen Wünschen zu unterscheiden.
Genießen Sie das Leben – jetzt
Bei allem Streben denken wir an den künftigen Nutzen. Die Zukunft ist immer besser als die Gegenwart. Die Sichtweise führt in einen gefährlichen Tunnelblick, bei dem wir all das Schöne und Gute um uns herum übersehen. Es ist, als würden wir mit Scheuklappen durchs Leben rasen. Genügsamkeit verschafft uns hierbei eine heilsame Verschnaufpause. Das Leben ist zu kurz für „irgendwann“! Genießen Sie also Ihre Zeit, denn Sie leben jetzt und heute. Morgen können Sie gestern nicht nachholen.
Probieren Sie öfter aus, bewusst genug zu haben: Legen Sie das Smartphone beim Essen weg, verbringen Sie einen freien Nachmittag ohne feste Pläne oder verzichten Sie auf einen unnötigen Kauf. Auch das japanische Prinzip Hara Hachi Bu folgt dem Gedanken der Mäßigung: mit dem Essen aufzuhören, bevor man vollständig satt ist. Übertragen auf den Alltag lautet die Frage: Wann ist es genug, damit ich zufrieden bin?
Genug: Auch Genügsamkeit hat Grenzen
Genügsamkeit befreit und besitzt viele Vorteile. Sie hat aber auch Grenzen. Wie bei allem gilt auch bei Bescheidenheit und Einfachheit: Die Dosis macht das Gift. So sehr Genügsamkeit die Zufriedenheit steigert, so sehr kann sie umgekehrt Motivation und Eifer ausbremsen. Zum Beispiel dann, wenn wir uns ZU FRÜH mit etwas zufriedengeben oder mit dem Mittelmaß begnügen. Dann verharren wir unter unserem Potenzial.
In dem Fall schlägt die positive Seite der Genügsamkeit ins Gegenteil und führt womöglich zu Unzufriedenheit. Wir erkennen, was wir alles aus unserem Leben hätten machen oder erreichen können. Stattdessen haben wir nur – bequem – nach dem Spatz in der Hand gegriffen. Es bleibt eben eine Gratwanderung: Sie sollten sich auch weiterhin hohe Ziele stecken und dürfen sich Ihre Ambitionen leisten – ohne zugleich die Gegenwart und Vergangenheit aus den Augen zu verlieren.
Wer genügsam ist, darf mehr wollen. Eine bessere Bezahlung, eine erfüllendere Aufgabe oder mehr Verantwortung sind legitime Wünsche. Genügsamkeit hilft lediglich dabei, den eigenen Wert und das persönliche Glück nicht vom Erreichen dieser Ziele abhängig zu machen. Sie dürfen stolz auf das sein, was Sie schon geschafft haben – und trotzdem neugierig bleiben auf das, was noch vor Ihnen liegt.
Was andere dazu gelesen haben
