Ambitionen: Das Streben nach Erfolg hat einen Preis

Aim high! – Wer den Erfolg sucht, sollte hoch zielen. So groß wie möglich denken und immer noch ein bisschen mehr erreichen wollen. Eben kein Kleingeist sein. Die geheimnisvoll treibende Kraft dahinter sind Ambitionen – zu deutsch: Ehrgeiz. Visionäre überstrahlen andere durch ihren Anspruch und ihre Leistungen. Sie erklimmen die Karriereleiter im Sauseschritt, erreichen größere Erfolge und bekommen bessere Jobs. Das Einkommen wächst nicht selten gleich mit. Ambitionen haben schon so mancher Karriere zu Glanz und Glorie verholfen. Wie so oft gibt es allerdings auch eine Schattenseite: Ambitionen können Menschen ebenso zerstören…

Ambitionen: Das Streben nach Erfolg hat einen Preis

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Was sind Ambitionen?

Der Begriff „Ambition“ ist vermutlich über das Französische ins Deutsche gelangt und stammt ursprünglich vom lateinischen Substantiv „ambitio“ ab. In der deutschen Übersetzung bedeutet das soviel wie „Ehrgeiz„, „eifrige Bemühung“ oder „Eitelkeit„.

Typische Synonyme sind Zielstrebigkeit, Strebsamkeit und Wetteifer. Häufig wird das Wort im Plural verwendet. Wir sagen: „Jemand hat große Ambitionen“ – und meinen damit, dass jemand große Ziele hat, mehr erreichen will als andere oder der Durchschnitt. Dahinter steckt allerdings zugleich immer auch der Wunsch, aus der Masse herausragen, besser zu sein.

Ambitionen und Ehrgeiz sind immer relativ. Es geht nicht nur darum, „etwas“ zu erreichen, sondern „mehr“ (als andere). Ambitionen wohnt latent immer auch der Wettbewerbsgedanke inne. Eine Definition könnte daher lauten:


Ambitionen meinen das Streben eines Menschen nach besonders hohen Zielen oder besonders großem Erfolg. Oft sind damit Anerkennung, Einfluss, Prestige oder Macht verbunden, seltener ein materieller Nutzen. Wer ambitioniert ist, will persönlich Großes erreichen, aber ebenso dafür bewundert oder begehrt werden.



Das Wort „begehrt“ ist kein Zufall. Ambitionen, Attraktivität und Anziehungskraft gehören untrennbar zusammen. Erfolg macht sexy. Frauen fühlen sich zu ehrgeizigen Männern hingezogen. Männer wiederum entwickeln unglaubliche Ambitionen, um auf Frauen verführerisch zu wirken – bis hin zur protzigen Formel: „mein Haus, mein Auto, mein Boot.“ So gesehen waren Sex und Ehrgeiz schon immer Geschwister.

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Sind Ambitionen angeboren?

Es gibt Menschen, denen ist das Streben nach Höherem scheinbar in die Wiege gelegt. Ihr Ehrgeiz ist mit dem Charakter stark verbunden. Trotzdem ist es kein Schicksal, ambitioniert zu sein. Teile davon sind zwar genetisch bedingt, glaubt zum Beispiel der US-Psychologe Dean Simonton von der Universität von Kalifornien: „Ehrgeiz ist Energie plus Entschlossenheit„, sagt Simonton.

Es brauche aber auch Ziele, auf die es sich hinzuarbeiten lohnt, damit sich die inneren Antriebskräfte entfalten. Oder anders formuliert: Ambitionen sind vor allem eine Willenssache. Je konkreter wir unsere Ziele formulieren, je plastischer die damit verbundene Befriedigung, desto größer wird die Leidenschaft, die wir dafür entwickeln.

Ambitionen sind also entwickelbar und damit erlernbar und trainierbar.


Zeig mir nicht, wie man geht, wenn ich lernen will, wie man fliegt!


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Ist Ehrgeiz wichtiger als Intelligenz?

Von dem französischen Schriftsteller Victor Hugo stammt angeblich der Satz: „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Der Volksmund wiederum sagt: „Wo ein Wille ist, da findet sich auch ein Weg.“ Beides stimmt. Doch nutzt die beste Idee nichts, wenn dem erleuchteten Geist der Ehrgeiz fehlt, diese in die Tat umzusetzen.

Die schönste Idee ohne Plan ist eben nur ein frommer Wunsch.

Ohne Ambition, ohne den mitunter sturen Willen zur Machbarkeit, wären Erfindungen und Entwicklungen ausgeblieben, hätte manche berufliche Karriere nie stattgefunden, würden sich hoch bezahlte Spezialisten weiter als Straßenmusiker durchs Leben schrammeln.

Ambitionen sind ein wesentlicher Motor des Erfolgs. Wer keine Ziele hat, kann nichts erreichen. Wer nicht strebt, scheitert schon an ersten Hürden und Hindernissen.

Immer mehr Studien deuten darauf hin: Dieser unbedingte Erfolgswille ist sogar wichtiger als Intelligenz. Als zum Beispiel die Personalberatung Heidrick & Struggles vor einiger Zeit mehr als 1000 deutsche Manager dazu befragte, welche Kriterien die für ihre Karriere ausschlaggebend hielten, gab es ein überraschendes Resultat: Nicht Herkunft, nicht Bildung oder Intelligenz waren förderlich. Vor allem der Ehrgeiz und ein funktionierendes Netzwerk waren die wichtigsten Kriterien für den beruflichen Aufstieg.

„Niemand ist so talentiert, dass er nicht für seinen Erfolg kämpfen müsste“, sagt die Psychologin Angela Duckworth von der Universität von Pennsylvania. Dazu brauche es nicht nur Ziele, sondern eben auch Entschlossenheit und Umsetzungskompetenz. Lewis Terman, der Erfinder des Stanford-Intelligenztests, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Über Dekaden verfolgte er die Entwicklung besonders talentierter (und erfolgreicher) Studenten – und musste feststellen: Intelligenz wird zuweilen überschätzt, Beharrlichkeit und Ambitionen hatten oft die größeren Auswirkungen auf den Erfolg.

Vor allem berufliche Ambitionen lassen sich – laut den US-Psychologen Andrew Elliot und Marcy Church – noch einmal in zwei Kategorien unterscheiden:

  • Lernziele
    Wer diese Ziele verfolgt, will in erster Linie seine Fähigkeiten, sein Können und Wissen perfektionieren. Diese Menschen streben nach eigener Exzellenz.
  • Leistungsziele
    Leistungsorientierte Menschen dagegen befinden sich in einem anhaltenden Wettkampf mit anderen: Sie vergleichen sich permanent und wollen besser sein als andere (oder weniger Fehler machen).

Natürlich ahnt man, was die Forschung über beide Arten der Ambition heute weiß: Menschen, die Lernziele verfolgen, sind häufig zufriedener mit sich und ihrem Job. Obendrein sind sie weniger verbissen.

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Gute Gründe für mehr Ambitionen

Ambitionen sind nicht nur gut für die Karriere. Es gibt weitere Gründe, ehrgeiziger zu sein sowie größere Ambitionen zu entwickeln:

  • Ambitionen fördern den Charakter
    Ehrgeiz gilt bereits als positive Charaktereigenschaft. Ambitionen wirken sich zudem auf weitere Eigenschaften der Persönlichkeit aus. So sind ambitionierte Menschen meist disziplinierter, wenn es darum geht, Ziele in die Tat umzusetzen. Und sie entwickeln mehr Durchsetzungskraft, haben aber auch die nötige Geduld. Sogar Kreativität kann aus Ambitionen entstehen, wenn es darum geht, Wege und Lösungen zu finden.
  • Ambitionen lassen sich übertragen
    Eine ehrgeizige Persönlichkeit beschränkt sich nicht auf einen Teil des Lebens. Wer im Beruf Ambitionen entwickelt, besitzt diese meist auch in seiner Freizeit – etwa bei einem Hobby oder im Sport. Und umgekehrt. Wer lernt, ehrgeizig zu denken und zu handeln, profitiert in den unterschiedlichsten Bereichen davon.
  • Ambitionen führen zu großer Befriedigung
    Kaum etwas vermittelt ein so gutes Gefühl, wie seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und hoch gesteckte Ziele zu erreichen. Damit verdienen Sie sich nicht nur den Respekt von anderen, sondern können auch stolz auf sich selbst und das Erreichte sein. Das stärkt zudem Ihr Selbstbewusstsein und die sogenannte Selbstwirksamkeit.
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Segen und Fluch der Ambition

Ambitionen können verschiedene Bereiche im Leben betreffen:

  • Manche Menschen entwickeln politische Ambitionen, indem sie um Wähler werben und sich um politische Ämter bemühen.
  • Andere entwickeln berufliche Ambitionen, wollen Karriere machen oder ein eigenes Unternehmen hochziehen.
  • Wieder andere haben künstlerische oder wissenschaftliche Ambitionen.

„Ehrgeiz, Eitelkeit, Stolz – das sind Kräfte, die eine ungeheure Elastizität haben und einen Menschen weit bringen können“, schrieb schon der dänische Existenzphilosoph und Theologe Søren Kierkegaard. Es sind allerdings dieselben Kräfte, die uns ebenso ins Verderben stürzen können. Ehrgeiz und Ambitionen können unterschiedlich stark ausfallen. Das Spektrum reicht von sportlich bis krankhaft. Oder wie Paracelsus sagen würde: „Die Dosis macht das Gift.“

Wer zum Beispiel „überambitioniert“ ist, dem ist irgendwann jedes Mittel recht, um sein Ziel zu erreichen. Er oder sie sucht den Erfolg um jeden Preis – koste es, was es wolle. Und wenn es gar die Seele oder Gesundheit ist. So wie es einst bei Ikarus war. Dem brachten seine Ambitionen, der Sonne entgegen zu fliegen, am Ende nur den Untergang.

Wissenschaftler wie der kanadische Forscher Robert Vallerand unterscheiden deshalb zwischen „harmonischer“ und „zwanghafter“ Leidenschaft. Beide Formen mögen von Ambitionen getrieben sein. Aber bei der zwanghaften, bei der überambitionierten Variante wird aus Leidenschaft Besessenheit. Solche Menschen mutieren nicht selten zu Workaholics oder landen gar im Burnout.

„Der Preis für Ehrgeiz ist hoch“, sagt Manfred Kets de Vries, Leiter des Global Leadership Centre der französischen Business School Insead. Der Grat zwischen aufbauendem und fehlgeleitetem Ehrgeiz ist schmal: Läuft es gut, können Ehrgeizige Berge versetzen. Läuft es schlecht, können sie ganze Länder ins Verderben stürzen – wie die Geschichte zeigt.

Sind ambitionierte Menschen glücklicher?

Viele ambitionierte Menschen haben sich aus ungünstigen Verhältnissen nach oben gearbeitet. Oft haben sie eine Eigenschaft gemein, die der Stuttgarter Eignungsdiagnostiker Heinz Schuler „kompensatorische Anstrengung“ nennt: Aus Angst vor dem Abstieg entwickeln diese Menschen enorme Mühen und Kontrollstrategien, um ihren Status zu halten oder zu steigern – selbst auf die Gefahr hin, als Streber zu gelten. Aber wie sieht es innen drin aus? Machen diese Menschen ihre Ambitionen glücklicher?

„Nein“, sagt Timothy Judge, Management-Professor an der Universität von Notre Dame. Jedenfalls nicht zwangsläufig. Zwar würden sich Ambitionen unzweifelhaft positiv auf Karrieren und den Erfolg auswirken. Doch seien die Betroffenen kaum glücklicher als ihre weniger ambitionierten Kollegen. In seinen Langzeitstudien zeigte sich, dass Ambitionen einen geringeren Einfluss auf die Zufriedenheit und das Lebensglück hatten als angenommen. „Womöglich haben all die Investitionen in die Karriere auch ihre Kosten“, folgert Judge aus der Studie.

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Ambitionen haben einen Preis

Auch wenn wir Ambitionen begrüßen, wollen wir ihre Kehrseite nicht ignorieren: Jede Karriere hat ihren Preis. Dabei ist der größte Kostenfaktor der am stärksten ignorierte: die Zeit. Beruflicher Erfolg stellt sich nur ein, wenn man mehr und Besseres leistet als andere.

Folglich bleibt weniger Freiraum für eigene Belange – die Familie, Kinder, Freunde, Hobbys. Anfangs fällt das nicht auf, die Freunde und Partner haben vielleicht ähnliche Ambitionen. Doch irgendwann fallen die Partys aus, weil man noch arbeiten muss. Der Urlaub beschränkt sich auf Wochenenden mit iPad und iPhone. Freundschaften mutieren zu Zweckgemeinschaften. Die Einsamkeit wächst.

Erfolg kostet Kompromisse. Manche opfern für ihre Ambitionen allerdings auch Werte:

  • Wozu schweigt man sehenden Auges?
  • Wozu sagt man noch „ja“, wenn das Gewissen bereits „nein“ schreit?

Oft ist das ein schleichender Prozess. Konzessionen beginnen mit der Sprache. Dann werden Verhaltensweisen angeglichen. Zum Schluss folgt die moralische Rechtfertigung über den Brauch: „Das machen doch alle so!“ Wer solche Kompromisse zu oft schließt, wird sich selbst immer fremder, bis er nur noch eine Hülle ist – so dickfellig, dass sie auch ohne Rückgrat aufrecht stehen kann.

In der Fachliteratur spricht man in dem Zusammenhang von der „déformation professionelle„, der deformierten Persönlichkeit. So weit haben es diese Ehrgeizlinge gebracht: Sie bilden eine bedauernswerte Gattung.

Es schadet also nicht, sich seine Ambitionen und deren Folgen gelegentlich bewusst zu machen.

Erfolg ist und bleibt eine Frage der Lebensbalance und der Balance eigener Ziele und Werte. Eine gesunde Distanz zum eigenen Status zu bewahren, Bodenhaftung zu behalten – das sind essenzielle Gegenmittel. Vor allem aber: Behalten Sie den Preis im Auge, den Sie gerade noch bereit sind für Ihre Ambitionen zu zahlen.


Wie glücklich ist ein Leben, wenn es mit der Liebe beginnt und mit dem Ehrgeiz endet. (Blaise Pascal)

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[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]
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16. Oktober 2020 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.


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