Rattenrennen: Warum wir nicht aussteigen

Das Leben ist ein Rattenrennen, aus dem wir praktisch nie aussteigen. Glauben Sie nicht? Dann stellen Sie sich bitte eine Auktion vor: Jeder kann mitbieten, jeweils in 1-Euro-Schritten. Doch jetzt kommt der Clou: Der Sieger zahlt und bekommt das Objekt – wie üblich. Der Zweitplatzierte muss aber ebenfalls sein Höchstgebot bezahlen, bekommt aber nichts… Einige werden nun sagen: So ein Blödsinn! Eine solche Auktion hat überhaupt keinen Sinn. Oder Sie werden denken: Eine solche Auktion kann nicht gut ausgehen, das gibt Mord und Totschlag, weil sich beide Endbieter ein Duell bis zum bitteren Ende liefern werden. Denn als Zweiter zahlt man ja fast genauso viel, bekommt aber nichts. Und hier kommt der zweite Clou: Die Auktion ist eine Parabel für das Leben und eben dieses Rattenrennen

Rattenrennen: Warum wir nicht aussteigen

Das Leben ist ein Rattenrennen, aus dem wir nicht aussteigen

Der Gewinner bekommt alles, aber der Verlierer zahlt trotzdem – das ist die exakte Beschreibung für ein typisches Rattenrennen. Laut Definition ist ein Rattenrennen…

ein Wettbewerbsprozess, bei dem mehr Ressourcen aufgewendet werden, als gewonnen werden können. Es ist ein sich aufschaukelnder und zugleich zerstörerischer Kreislauf.

Ganz typisch dem bekannten Hamsterrad im Job. Das sieht von innen auch aus wie eine Karriereleiter.

Wer einmal in das Rattenrennen eingestiegen ist, der macht immer weiter, investiert immer mehr, um wenigstens etwas herauszubekommen. Das lässt sich an den Börsen genauso beobachten wie an Karrieren.

  • Wenn die Menschen beispielsweise immer mehr machen, obwohl der Körper und die Freunde längst signalisieren: es reicht!
  • Oder wenn sie dem Geldverdienen und Aufstieg alles opfern. Am Ende wird nur einer der Boss, der beste Verkäufer, der mit dem größten Dienstwagen – aber bezahlen müssen alle anderen trotzdem.

Bei Wahlen ist es genauso: Die Wahl gewinnt am Ende nur eine Partei. Aber sobald eine damit beginnt, viel Geld ins Marketing zu investieren, ziehen die anderen sofort nach. Die Wahlkampf- und Tamtam-Spirale beginnt sich zu drehen – bis hin zu den Inhalten, die im schlimmsten Fall immer extremer werden, um noch irgendwie aufzufallen.

Selbst bei so kleinen Dingen wie einem Streit oder einer Diskussion kann es zum sprichwörtlichen Rattenrennen kommen: Ein Wort gibt sich das andere und plötzlich mag keiner mehr aussteigen – dabei geht es schon lange nicht mehr um die Sache selbst, sondern nur noch um das Gewinnen.

Der Streit eskaliert.

Die obige, hypothetische Auktion erklärt auch, warum aufgeben oft so schwer fällt. Und warum vieles so leicht aus dem Ruder läuft.

Immer noch einen draufsetzen, einer geht noch… bis nichts mehr geht: Menschen lieben dieses Rattenrennen – Konkurrenzdenken kann ja auch ein Antrieb und Motor für Wettbewerb und Innovationen sein.

Man kann das nicht durchweg verurteilen. Aber das Rattenrennen ist eben auch gefährlich:

  • Weil es eine enorm einnehmende Eigendynamik entwickelt.
  • Weil es die Sinne vernebelt.
  • Und weil es blind macht für eine Option, die, je eher sie ergriffen wird, mehr nutzt als schadet: einfach aussteigen.

Solange alle Beteiligten den Wettbewerb sportlich nehmen und sich an Fair-Play-Regeln halten, kann ein bisschen Konkurrenz beflügeln und neue Ideen hervorbringen.

Im Job und im Büro artet das aber leider häufig aus. Aus Kollegen werden verbitterte Konkurrenten, die sich mit Hahnenkämpfen und Zickenkrieg hinterrücks in die Pfanne hauen, an Stühlen sägen, rücksichtslos Beine stellen und in gezückte Messer laufen lassen.

Ungesundes Konkurrenzdenken beginnt meist schon im Kopf. Es ist eine besondere Form des Schwarz-Weiß-Denkens, eine Art Nullsummenspiel, in dem es nur Gewinner oder Verlierer gibt. Dazwischen gibt es nichts.

Steigen Sie daher lieber rechtzeitig aus diesem unheiligen Rattenrennen aus. Denn…

Konkurrenzdenken sieht nur den Mangel – Kooperationsdenken dagegen erfreut sich am (gemeinsamen) Gewinn.

[Bildnachweis: Ho Yeow Hui by Shutterstock.com]
6. Oktober 2019 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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