Urteilsvermögen: So können Sie es besser nutzen

Urteilsvermögen und Menschenkenntnis hängen eng miteinander zusammen und sind wichtig für alle Arten von zwischenmenschlichen Beziehungen – so auch die beruflichen. Leider sind nicht alle Bewerber und Kollegen mit einer guten Portion Urteilsvermögen gesegnet. Diese Personen müssen aber nicht verzweifeln. Wer aufmerksam durchs Leben geht und auf ein paar Dinge achtet, kann seine Menschenkenntnis trainieren und sogar einen Ausweg aus unangenehmen Situationen finden…

Urteilsvermögen: So können Sie es besser nutzen

Urteilsvermögen: Definition des Begriffs

Urteilsvermögen: Definition des BegriffsAls Urteilsvermögen bezeichnet man die Eigenschaft eines Menschen, Situationen und Menschen korrekt einschätzen zu können. Personen, die über ein gutes Urteilsvermögen verfügen, können sich schnell auf neue Situationen einstellen und ihr Verhalten entsprechend anpassen.

Die Fähigkeit bezieht sich – vor allem im beruflichen Kontext – aber auch darauf, dass Personen in der Lage sind, anhand der Fakten (oder auch ihres Bauchgefühls) die richtige Entscheidung für das Unternehmen zu treffen.

Für Führungskräfte gehört Urteilsvermögen aus diesem Grund zu den wichtigen Soft Skills, die gerne im Bewerbungsverfahren überprüft werden. Aber auch Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung können von einem guten Urteilsvermögen profitieren – schließlich sollten sie ihre Kollegen gut einschätzen können. In diesem Sinne hängt Urteilskraft eng mit Menschenkenntnis zusammen.

Besseres Urteilsvermögen: So können Sie es trainieren

Gerade wenn Sie neu in ein Unternehmen kommen und vollkommen auf sich allein gestellt sind, also keinen Kontakt haben, auf den Sie für Informationen zurückgreifen können, müssen Sie sich auf Ihr Urteilsvermögen verlassen. In den ersten Tagen im Job ist Ihre Menschenkenntnis einer der besseren Indikatoren dafür, an welche Kollegen Sie sich halten und welche Sie eher meiden sollten.

Menschenkenntnis kann man erlernen. Grundsätzlich gilt, dass uns der Umgang mit neuen Personen dabei hilft, diese Eigenschaft auszubauen und zu perfektionieren. Das bedeutet auch, dass Sie Rückschläge nicht ausschließlich negativ bewerten sollten. Jeder Kontakt – gleichgültig, wie er letzten Endes ausgeht – ist wichtig und bringt Sie weiter.

Wenn Sie Ihr Urteilsvermögen anderen Menschen gegenüber trainieren möchten, können Sie folgende Dinge ausprobieren:

  • Mimik bewerten

    Um einen ersten Eindruck von Ihrem Gegenüber zu bekommen, sollten Sie auf Signale achten, die sich nur schwierig willentlich beeinflussen lassen. Dazu zählt die Mimik und der Sprechausdruck.

    Ein zum Boden geneigter Blick spricht dafür, dass Ihr Gegenüber unsicher oder nervös ist. Beginnt Ihr Gesprächspartner damit, auf der Unterlippe zu kauen, ist ihm oder ihr die Situation unangenehm.

    Mit etwas Übung werden Sie immer weitere Indizien entdecken, die Ihnen einen Aufschluss über das Befinden Ihres Gegenübers geben können. Wie schon gesagt: Je mehr Übung Sie haben, umso besser werden Sie in der Einschätzung.

    Trainieren können Sie die Beurteilung der Mimik zum Beispiel durch aufmerksames Beobachten von Fernsehinterviews. Gerade Politiker sind darauf bedacht, sich in Sendungen möglichst sachlich zu äußern – das gelingt ihnen aber nicht immer. Achten Sie darauf, in welchen Situationen sie sich nicht mehr vollkommen unter Kontrolle haben und wie ihr Gesichtsausdruck dabei wirkt. Je öfter Sie das machen, umso besser werden Sie auch kleine Veränderungen in der Mimik Ihres Gegenübers wahrnehmen. Das hilft Ihnen dabei, die wirklichen Motive oder Meinung besser einzuschätzen.

  • Die Gestik beachten

    Ebenso unwillkürlich wie die Mimik ist die Gestik. Daher können wir auch diese dafür nutzen, unser Urteilsvermögen zu trainieren.

    Einige Gesten nutzen Menschen in unserem Kulturkreis, um ihre Unsicherheit und Nervosität zu überspielen: Hastiges durch die Haare streifen (besonders bei Frauen), nervöses Trommeln mit den Fingern auf dem Schreibtisch, den Kugelschreiber hektisch auf- und zudrücken oder das berühmte sich am Kopf kratzen.

    Je häufiger Sie diese Gesten beobachten, umso besser werden Sie sie einordnen können. Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit noch weiter trainieren, werden Ihnen vielleicht sogar bestimmte Gesten auffallen, die einige Kollegen grundsätzlich in einer bestimmten Situation machen – und die verraten Ihnen etwas über die Absicht oder den Gemütszustand der Person.

  • Auf den Sprechausdruck achten

    Der Ton macht die Musik

    Was unser Gegenüber sagt, sondern auch darauf Wie es gesagt wird. Durch bestimmte Merkmale des Sprechausdrucks (die sogenannten prosodischen Merkmale) verrät uns der Sprecher mehr, als er mit seinen Worten sagt.

    Wenn Sie wissen, worauf Sie bei Ihrem Gesprächspartner achten sollen, kann Ihnen das wichtige Hinweise darauf geben, was er im Schilde führt. Leises und undeutliches Sprechen ist in vielen Fällen ein Hinweis darauf, dass sich Ihr Gesprächspartner unsicher ist oder aber die Dinge selbst nicht glaubt, die er behauptet. Auf der anderen Seite können Sie Vorschlägen, die mit fester Stimme und gut artikuliert – mit dem Brustton der Überzeugung – vorgetragen werden, eher glauben.

    So können Sie Ihr Gegenüber auch ohne perfekte Menschenkenntnis und Urteilsvermögen besser einschätzen.

  • Seien Sie sich kognitiver Verzerrungen bewusst

    In den meisten Situationen, besonders im beruflichen Kontext, müssen wir schnell entscheiden. Das war in früheren Zeiten der Menschwerdung auch schon so. Daher haben wir bestimmte Faustregeln ausgebildet, die uns dabei helfen sollen, ohne großes Zögern zu einer Entscheidung zu kommen.

    Die sogenannten kognitiven Verzerrungen sind ein Beiwerk dieser Faustregeln. Sie führen dazu, dass wir aufgrund bestimmter Eigenschaften Menschen falsch einschätzen – sowohl positiv als auch negativ.

    Wer diese Verzerrungen und Psychoeffekte kennt, dessen Urteilsvermögen profitiert davon. Anders ausgedrückt, wenn wir Trugschlüsse so weit wie möglich vermeiden, können wir Menschen mit größerer Objektivität beurteilen.

    Zu den kognitiven Verzerrungen, denn wir immer wieder unterliegen, gehören:

Fehlendes Urteilsvermögen: So kommen Sie durch den Arbeitsalltag

Leider ist nicht jeder von uns mit einer großen Portion Urteilsvermögen gesegnet. So kommt es vor, dass wir im Arbeitsalltag in Situationen kommen, die uns unangenehm sind und die ein anderer Arbeitnehmer mit etwas mehr Urteilskraft vielleicht vermieden hätte. Hilft nur eins: das Beste aus der Situation machen. Und das geht so:

  • Humor zeigen

    Schon wieder ein Fettnäpfchen, dem Sie nicht ausweichen konnten? Kommt vor. Nehmen Sie es mit Humor und Leichtigkeit und versuchen Sie die Situation so gut wie möglich zu überspielen.

    Sie sind von Natur aus weder mit viel Urteilsvermögen noch mit Schlagfertigkeit gesegnet? Auch das ist noch kein Beinbruch, denn flotte Antworten auf Situationen oder Äußerungen lassen sich trainieren. Mit unseren Tipps für mehr Schlagfertigkeit.

  • Ruhe bewahren

    Die Sache mit der Schlagfertigkeit funktioniert (noch) nicht richtig? Statt in Panik zu verfallen und sich Gedanken über die weitere Zusammenarbeit mit den Kollegen zu machen, sollten Sie in einer derartigen Situation ruhig bleiben.

    Versuchen Sie unter keinen Umständen mit einem Schnellschuss wieder gutzumachen, was Sie zuvor verbockt haben. Ein anderes Vorgehen ist eher angesagt: Sehen Sie sich in aller Ruhe die Reaktionen der Kollegen an und warten Sie ab. Das kann nicht nur einige Minuten, unter Umständen kann es auch Stunden oder gar Tage dauern, bis Sie sich zu der Angelegenheit äußern sollten.

    Der Vorteil: In der Zwischenzeit können Sie sich die Situation und ihre Entstehungsgeschichte durch den Kopf gehen lassen. Je mehr Zeit vergeht, umso mehr Einfälle werden Sie dazu bekommen. Der Rat, erst eine Nacht über eine Entscheidung zu schlafen, bevor man einen Entschluss fasst, kommt schließlich nicht von ungefähr.

    Also, lassen Sie sich Zeit, evaluieren Sie Ihre Optionen und äußern Sie sich bei Gelegenheit dazu. Überfallen Sie die Kollegen nicht mit Ihrer Apologie, sondern warten Sie auf einen günstigen Moment, bei dem die Erwähnung Ihres Missgeschicks gar nicht weiter auffällt.

  • Fehler akzeptieren

    Das Fettnäpfchen war zu groß, als dass Sie Ihre Verfehlung es mit einem kurzen Gespräch oder einer lustigen Bemerkung wieder ausbügeln könnten? Dann müssen Sie wohl durch! Auf keinen Fall sollten Sie auf Biegen und Brechen versuchen, Ihren Tritt ins Fettnäpfchen herunter zu spielen.

    Das kommt bei niemandem gut an – also auch nicht bei den Kollegen. So bitter es klingt: Stehen Sie dazu, dass Sie einen Fehler gemacht haben, ziehen Sie daraus aber auch Konsequenzen. Das bedeutet: Analysieren Sie, warum es in der Situation so schlecht für Sie gelaufen ist und versuchen Sie unbedingt, es beim nächsten Mal besser zu machen. Dann verzeihen Ihnen die Kollegen gelegentliche Ausrutscher. Vor allem dann, wenn Sie neu im Unternehmen sind.

  • Zustimmung erzeugen

    Gerade wenn Sie neu im Unternehmen sind, werden Sie anfangs vermutlich Schwierigkeiten haben, einen neuen Vorschlag umzusetzen. Wenn Sie in dieser Situation mit der Tür ins Haus fallen, machen Sie sich keine Freunde. Nutzen Sie lieber einen kleinen psychologischen Trick.

    Wenn Sie eine Person oder gar Personen überzeugen müssen, die gerne das Sagen haben, können Sie das für sich nutzen. Vermeiden Sie unbedingt offenen Widerspruch, sondern pflichten Sie allen Bemerkungen bei. Gleichgültig für wie abwegig Sie sie halten.

    Wenn diese Grundlage sitzt, können Sie die Situation für sich nutzen und die Zustimmung für Ihren Vorschlag erzeugen. Das geht so: Sie geben dem Kollegen (oder Vorgesetzten) nicht nur Recht, Sie machen noch mehr.

    Erwähnen Sie im Gespräch, wie gut/treffend/gelungen/weitsichtig Sie den Vorschlag finden. Dadurch fühlt sich der Kollege geschmeichelt und zeigt sich Ihnen gewogener. Um zu demonstrieren, wie gut Ihnen die Idee gefällt, sollten Sie außerdem die Bereitschaft signalisieren, dem Vorschlag zuzustimmen.

    Danach schlägt Ihre Stunde. Jetzt ist der Kollege bereit für einen neuen Vorschlag. Achten Sie genau darauf, dass Sie Ihre Vorschläge als Frage formulieren. Das zeigt wiederum die Wertschätzung, die Sie Ihrem Kollegen entgegenbringen und bringt Sie in eine bessere Position, um Ihren Vorschlag durchzusetzen.

    Das machen Sie ganz geschickt, indem Sie Fragen stellen, statt Vorschläge zu machen. Dieses Prinzip des Führens durch Fragen gehört zu den Klassikern der Managementberatung, kann natürlich auch für den Umgang mit Kollegen genutzt werden.

[Bildnachweis: Billion Photos by Shutterstock.com]
2. Februar 2019 Julia Sima Autorin Autor: Julia Sima

Julia-Eva Sima arbeitet als freie Journalistin und war mehrere Semester Dozentin an der Universität des Saarlandes. Danach wechselte sie in die Personalbranche und arbeitete unter anderem als Headhunter.

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