Studieren mit ADHS: Das geht!

Das Leben mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom) ist gewiss nicht einfach: immer unter Strom, immer „on“, immer getrieben. Die Gedanken fahren Karussell im Kopf und bewegen sich auf 30 Ebenen gleichzeitig. Die Konzentration auf das Wesentliche, das Filtern von Reizen und Emotionen fällt den Betroffenen deutlich schwerer als anderen. Kann man unter diesen Voraussetzungen dann überhaupt studieren? Wir sagen: Ja. Studieren mit ADHS – das geht unter bestimmten Voraussetzungen…

Studieren mit ADHS: Das geht!

Studieren mit ADHS: Kein Ding der Unmöglichkeit

Ein Studium trotz oder mit der Diagnose ADHS aufzunehmen, ist möglich. Es gibt sogar einige Beispiele bekannter Persönlichkeiten, die zeigen: Die Erkrankung hat ihre positiven Seiten.

Zu ihnen gehört der Kabarettist und Arzt Dr. Eckart von Hirschhausen. Hirschhausen absolvierte mit der Erkrankung nicht nur ein Medizin-Studium, sondern startete auch eine erfolgreiche Karriere als Komiker und Moderator.

In einem offiziellen Bekennerschreiben konstatiert er:

Ich lebe sehr gut damit. Ich lebe sogar davon. Denn ohne meine sprunghafte Aufmerksamkeit wäre ich nie Komiker geworden. (…) Komik springt um die Ecke. Und um auf so etwas zu kommen, braucht man eine gelockerte Assoziationsfähigkeit.

Berühmte Persönlichkeiten mit ADHS

Auch Microsoft-Gründer Bill Gates erfüllt nach eigenen Aussagen alle Kriterien von ADHS, das nach aktuellen Erkenntnissen auf eine neurobiologische Entwicklungsverzögerung zurückzuführen ist.

Das hielt ihn aber nicht davon ab, sich 1973 an der renommierten Harvard University einzuschreiben. Parallel widmete er sich dem Aufbau seiner Firma Microsoft. Der Rest ist Geschichte: Unter Gates‘ Führung entwickelte sich das Unternehmen zu einem der mächtigsten IT-Imperien der Welt.

Die Beispiele zeigen: In einem Leben mit ADHS ist nichts ausgeschlossen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass ADHS-Betroffene ihre persönlichen Vorlieben und Neigungen kennen und diesen Rechnung tragen. Ansonsten wird ein Studium mit ADHS zum Desaster.

ADHS im Studium: Das sind die Symptome

Im Rahmen ihres Studiums sind ADHS-Betroffene nämlich Stressoren ausgesetzt, die auf sie stärker und behindernder wirken, als auf andere Menschen. Da sind die unregelmäßigen Vorlesungszeiten, enge Prüfungsintervalle, überfüllte Hörsäle und intensive Lerneinheiten.

Allesamt schwierige Unterfangen für ADHS-Patienten: Sie haben häufig Probleme, sich in Gruppensituationen einzufügen und können mitunter den Gedanken anderer nur schwer folgen.

Hinzu kommt, dass der Lernstoff in großen Teilen selbstständig zu erarbeiten ist. Das verlangt eine hohe intrinsische Motivation und ein hohes Maß an Strukturiertheit und Eigenorganisation ab. Auch damit haben ADHS-Betroffene ihre Probleme.

Zum Beispiel verzetteln sie sich oft, wenn sie mehrere Aufgaben zeitgleich bearbeiten sollen, weil sie zwischen den einzelnen To Do’s hin und herspringen. Am Ende haben sie alles angefangen, aber nichts wirklich zum Abschluss gebracht. Und weil sie sich durch ihre „Hibbeligkeit“ mitunter körperlich verausgaben, sind sie phasenweise erschöpft und müde. Das führt dazu, dass sie sich nicht konzentrieren können und Arbeiten aufschieben oder nur langsam bearbeiten.

Diese Verhaltensweisen werden außerdem mit ADHS in Verbindung gebracht:

  • Häufige Unterbrechungen durch spontane Aufnahme anderer Aktivitäten
  • Vergessen von Terminen und Erledigungen
  • Vermeiden von Aufgaben, die dauerhafte und erhöhte Aufmerksamkeit erfordern
  • Nicht-Einhaltung von Fristen
  • Vermeidung uninteressanter Aktivitäten
  • Niedrige Frustrationstoleranz, daher schnelle Resignation und häufige Gedanken an Studienabbruch

ADHS hat unterschiedliche Ausprägungen

Zugegeben, all das scheint gegen die Aufnahme eines Studiums zu sprechen. Doch erstens sind die Symptome nicht bei jedem gleich intensiv ausgeprägt: Bei ADHS gibt es viele verschiedene Abstufungen. Zweitens bringt die Erkrankung nicht nur Negatives mit sich.

Als positive Eigenschaften von Menschen mit ADHS werden zum Beispiel immer wieder Kreativität und besondere Begeisterungsfähigkeit in die Waagschale geworfen.

Das heißt im Umkehrschluss: Wer seine Leidenschaft für ein Fachgebiet entdeckt, das ihm liegt, wird sich voll darauf stürzen und einlassen können.

Und die Chance ist groß, dass gerade aufgrund der Sprunghaftigkeit der Gedanken Ideen entstehen, die in der Form noch niemand hatte. So ähnlich, wie es auch Eckhart von Hirschhausen in seinem Brief beschreibt.

Um auch nochmal auf das Beispiel von Bill Gates zurückzukommen: Diese verdeutlicht, wie weit es ADHS-Betroffene bringen können, wenn sie den Kern ihrer Leidenschaft entdecken. Gates erkannte früh, welche Inhalte ihn am meisten bewegen und konnte sich sehr gut auf sie einlassen. Heute gilt er als einer der reichsten Männer der Welt.

Die Wahl des richtigen Fachs

Die wichtigste Voraussetzung für ein Studium mit ADHS ist daher, dass man für sein Fach regelrecht brennt. Damit allein ist es aber natürlich nicht getan. Ist der passende Studienplatz gefunden, geht es darum, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Zum Beispiel sollte sich der Student eine Wohnung suchen, die möglichst reizarm ist. In einem Studentenwohnheim oder einer WG wird er sich kaum konzentrieren können. Hier ist das Ablenkungspotenzial einfach zu groß. Besser taugt ein ruhiges Zimmer in ländlicher Gegend.

Genau aus diesem Grund sollten sich ADHS-Betroffene in Vorlesungen auch nach Möglichkeit einen Platz in den vorderen Reihen suchen. Wer dennoch befürchtet, durch die Anwesenheit anderer zu stark abgelenkt zu werden, sollte sich überlegen, die Vorlesung mitzuschneiden.

Lernzeiten bewusst wählen

Wichtig ist außerdem, herauszufinden, wann man zuhause am aufnahmefähigsten ist und seine Lernphasen entsprechend einzuplanen.

Möglicherweise ist der frühe Abend eine bessere Lernzeit als der späte Nachmittag: Das milde Dämmerlicht des ausklingenden Tages wirkt beruhigend und draußen ebbt langsam der Alltagsstress ab. Auch das Benutzen geräuschdämpfender Ohrstöpsel und das Herunterziehen der Jalousien kann unterstützen, weil somit alles, was ablenken könnte, ausgeblendet ist.

Ganz wichtig in diesem Zusammenhang: Handy aus, Fernseher aus, E-Mail-Programm am Laptop aus, so lange man auf diesem seine Seminararbeit tippt. Nicht-ADHS-Betroffene können kleine akustische Störungen wegstecken. Für den, der betroffen ist, birgt jedes noch so klein „Bing“ am Handy die Gefahr, nicht mehr in das Thema zurückzufinden.

Aber selbst das reizärmste Umfeld wird spontane Impulse und Gedanken nicht unterdrücken können. Das wäre auch der falsche Ansatz. Betroffene sollten ihren Gedanken Raum lassen, sonst kreisen sie im Kopf weiter. Dann geht gar nichts mehr.

Tipp: Die Ideen in einem Impulsbuch niederschreiben. Der Effekt: Der Studierende hat sich ihnen gewidmet und sie dokumentiert. Das verschafft Sicherheit. Er kann sie erstmal ablegen, aber jederzeit wieder zu ihnen zurückkehren.

Struktur und Entlastung in den Alltag bringen

Rituale wie diese sind wichtig. Sie bringen Struktur und Entlastung in den Alltag. Denn mit Unvorhersehbarkeiten können ADHS-Patienten schlecht umgehen. Auch feste Essenszeiten, Lernpläne, ein klar geregelter Tagesablauf können hier viel bewirken.

Fazit: Ein Studium mit ADHS zu bewältigen, ist gewiss nicht leicht. Medikamente als Unterstützung von schweren Konzentrationsschwächen empfehlen sich aber nur in absoluten Ausnahmesituationen, denn sie bringen oft schwere Nebenwirkungen mit sich. Viel besser ist es, sich von vornherein nicht zu sehr unter Druck zu setzen und mehr Zeit für das Studium einzuplanen.

Übrigens haben ADHS-Betroffene in manchen Fällen Anspruch auf Nachteilsausgleich an Universitäten. Dabei geht es zum Beispiel um Zeitverlängerungen für die Bearbeitung von Hausarbeiten, Schreibzeitverlängerungen bei Klausuren, das Schreiben von Klausuren in einem gesonderten Raum oder die Unterbrechung einer Prüfung durch Pausen. Wer seine Chancen und Möglichkeiten nutzt, kann sicher sein: Dann klappt’s auch mit dem Abschluss.

[Bildnachweis: Gorodenkoff by Shutterstock.com]
30. Mai 2018 Autor: Sonja Dietz

Sonja Dietz arbeitet als freiberufliche Journalistin und Social-Media-Redakteurin. Die studierte Germanistin verfügt über eine vertiefte Expertise im Bereich HR-Management. Ihr besonderes Interesse gilt dem Thema Digitalisierung der Arbeitswelt.

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