Ausbildung mit Abitur: Lohnt sich das?

Abitur, Studium, Karriere – so sieht der traditionelle Werdegang vieler junger Menschen, zumindest nach der Vorstellung konservativ orientierter Eltern, aus. Die Realität hat dieses einstige, und seit jeher zweifelhafte, Ideal jedoch längst hinter sich gelassen. Immer mehr Abiturienten liebäugeln statt einem Studium auch mit einer Ausbildung und ziehen diese ernsthaft in Erwägung. Doch lohnt sich eine Ausbildung mit Abitur überhaupt? Und wenn ja, wann und für wen?

Ausbildung mit Abitur: Lohnt sich das?

Ausbildung: Abiturienten sind (teilweise) herzlich willkommen

Irgendetwas scheint Abiturienten am Ausbildungsweg anzuziehen. Der Berufsbildungsbericht 2019 zeigt es klar: Hatte im Jahr 2009 erst jeder fünfte Azubi ein Abi-Zeugnis in der Tasche, waren es 2017 mehr als 29 Prozent aller Auszubildenden, die über eine Zugangsberechtigung zum Hochschulstudium verfügten.

Wirklich überraschend ist das nicht, beklagen Schüler mit Real- und Hauptschulabschluss doch bereits seit einigen Jahren ihre immer schlechter werdenden Chancen in bestimmten Branchen. Ein wichtiger Grund dafür sind die von vielen Unternehmen deutlich angehobenen Einstellungskriterien für Azubis.

In vielen Branchen und Ausbildungsberufen ist ein Abitur inzwischen fast verpflichtend, Bewerber mit Realschulabschluss müssen hervorragende Noten aufweisen und Bewerber mit Hauptschulabschluss haben fast gar keine Chance mehr. Diese durchaus diskussionswürdige Entwicklung betrifft vor allem Berufe im Finanz- und Bankensektor und im kaufmännischen Bereich. Hier legen Unternehmen gesteigerten Wert auf einen hervorragenden Schulabschluss.

In handwerklichen Berufen und Ausbildungsberufen im industriellen Bereich sieht die Lage ein wenig anders aus. Hier stehen die Chancen von Abiturienten vergleichsweise schlechter. Bewerber mit Real- und Hauptschulabschluss haben aufgrund ihres größeren Praxisbezuges, auch wenn dieser vielleicht nur vermutet wird, bessere Karten.

Die beliebtesten Ausbildungsberufe von Abiturienten

Abiturienten zieht es hauptsächlich in die kaufmännischen Berufe. In vielen Ausbildungsberufen ist das Abi-Zeugnis gar – inoffizielle – Einstellungsvoraussetzung. Für Real- und Hauptschüler oder Schulabbrecher bedeutet das: Sie haben geringe bis gar keine Chancen, eine Lehrstelle zu finden.

Für die Abiturienten selbst bedeutet das: Sie stehen zwar vor offenen Türen, werden aber auch mit einer qualitativ und zahlenmäßig starken Konkurrenz konfrontiert. Das Abitur lohnt sich dennoch für viele Auszubildende, denn es bringt einen entscheidenden Vorteil: Sie können in vielen Ausbildungsbereichen ihre Ausbildungszeit verkürzen.

Je nach Ausbildungsvertrag und Branche sowie den Abiturnoten kann das Abitur die Ausbildung um bis zu 12 Monate verkürzen! Eine Mindestausbildungszeit darf zwar nicht unterschritten werden, aber für die üblichen Regelausbildungszeiten bedeutet das:

  • Regelausbildungszeit von 3,5 Jahren: nur noch 2 Jahre
  • Regelausbildungszeit von 3 Jahren: nur noch 1,5 Jahre
  • Regelausbildungszeit von 2 Jahren: nur noch 1 Jahr

Allerdings gibt es keinen Anspruch auf die Ausbildungsverkürzung und sie muss beantragt werden.

In diesen Ausbildungsberufen ist der Anteil der Abiturienten am größten:

[Quelle: BIBB]


Die beliebtesten Branchen von Abiturienten

Unter Handwerkern ist das Abitur noch immer eine Rarität. Doch haben auch Schreiner, Dachdecker oder Mechatroniker vor ihrem Berufseinstieg immer häufiger das Gymnasium besucht. Im Jahr 2009 verfügten nur 6,3 Prozent der neuen Lehrlinge im Handwerk über die Hochschulreife, 2017 – so der vorläufige Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2019 (PDF) – waren es immerhin schon 14,1 Prozent.

Ganz anders im öffentlichen Dienst. Hier hat bereits über die Hälfte der neuen Azubis das Abitur – 55,5 Prozent. Auch in Industrie und Handel (35,5 Prozent) und in der Landwirtschaft (23,4 Prozent) stieg der Abiturientenanteil in den vergangenen Jahren deutlich an.

In den freien Berufen ist das Plus etwas geringer – von 2009 bis 2017 stieg der Abi-Anteil von 23,8 auf 28,6 Prozent. Zu den freien Berufen zählen zum Beispiel Physiotherapeuten, Hebammen oder Podologen.

Nur die Hauswirtschaft ist weiterhin Abi-freie Zone. 2009 hatten ganze 1,3 Prozent der neuen Hauswirtschafts-Azubis das Abi in der Tasche, mittlerweile sind es mit 3,4 Prozent nicht viel mehr. Alle Branchen können deutliche Zuwächse verzeichnen, allein bei den freien Berufen fiel der Zuwachs mit 0,1 Prozent sehr schwach aus.

Diese Ausbildungsberufe mit Abitur werden gut bezahlt

Hohe Gehälter in AusbildungDie beliebtesten sind nicht automatisch die bestbezahlten Ausbildungsberufe. Laut BIBB gibt es in folgenden Ausbildungsberufen – vor allem in Westdeutschland – die dicksten Gehälter.

Aber Achtung: Bitte nicht das Azubi-Gehalt mit den langfristigen Gehaltsperspektiven vermischen. So kann die Vergütung nach dem Ende der Ausbildung und einigen Jahren Berufserfahrung schon wieder ganz anders aussehen – und der Beruf im Gehaltsranking eine ungleich schlechtere Position einnehmen.

In diesen Ausbildungsberufen verdient man am besten (jeweils im letzten Lehrjahr):

  • Beton- und Stahlbauer: bis zu 1.374 Euro
  • Bauzeichner: bis zu 1.231 Euro
  • Binnenschiffer: bis zu 1.208 Euro
  • Altenpfleger: bis zu 1.150 Euro
  • Anlagentechniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik: bis zu 1.099 Euro
  • Chemilaborant: bis zu 1.095 Euro

Ausbildung: Hier gibt’s sie nur mit Abitur

Wie eingangs erwähnt, ist das Abitur in vielen Finanzinstituten und kaufmännischen Berufen ein ungeschriebenes Gesetz. Als formelle Einstellungsvoraussetzung ist das Abi eher selten.

Allerdings gibt es Ausbildungen, die von vornherein nur absolvieren darf, wer die Hochschulreife vorzeigen kann. Zum Beispiel diese:

  1. Polizei

    Die Polizei fällt in den politischen Zuständigkeitsbereich der Länder. Folgerichtig sind die Anforderungen deutschlandweit nicht einheitlich. Die Polizei Niedersachsen zum Beispiel stellt niemanden ein, der am Tag der Einstellung älter als 31 Jahre alt ist. Bei der Hamburger Polizei liegt die Obergrenze dagegen bei 34 Jahren.

    Und auch beim Schulabschluss sind die Hamburger großzügiger. Um am Auswahlverfahren für die Ausbildung teilnehmen zu können, müssen Bewerber nicht mehr als einen Hauptschulabschluss mit abgeschlossener Berufausbildung vorlegen. In Niedersachsen hingegen ist Abitur, Fachhochschulreife oder ein „gleichwertig anerkannter Bildungsabschluss“ vonnöten.

  2. Bundespolizei

    Die Bundespolizei hat ihre Einstellungsvoraussetzungen abgestuft. Für die zweieinhalbjährige Ausbildung im mittleren Dienst benötigt man zumindest einen Hauptschulabschluss mit abgeschlossener Ausbildung.

    Eine Karriere im gehobenen Dienst steht hingegen nur Abiturienten offen. Mehr noch: In Deutsch und Englisch muss mindestens die Note 4 auf dem Zeugnis stehen, in Sport sogar die Note 3. Und für den höheren Dienst rekrutiert die Bundespolizei ausschließlich Uni-Absolventen.

  3. Zoll

    Beim Zoll geht nichts ohne die Hochschulreife. Abitur, Fachabi oder ein gleichwertiger Schulabschluss sind Einstellungsvoraussetzungen.

    Doch das reicht noch nicht aus. Bewerber, die sich in einem der Hauptzollämter ausbilden lassen wollen, müssen zudem das schriftliche Auswahlverfahren bestehen. Gefragt sind mathematische Fähigkeiten, Sprachverständnis, analytische Fähigkeiten und Allgemeinbildung. Wer hinterher auch noch das mündliche Auswahlverfahren meistert, hat gute Chancen.

  4. Pilot

    Piloten winkt Reputation und ein Top-Gehalt, ohne dass dafür akademische Meriten vonnöten wären. Einfach ist der Weg bis ins Cockpit aber nicht. Ohne Abitur oder Fachabi verweigert jede Flugschule den Einlass.

    Wer sich zum Piloten ausbilden lassen möchte, braucht außerdem gute Englischkenntnisse und Adleraugen. Das gilt zum Beispiel für die deutschen Airlines Lufthansa und Air Berlin.

  5. Fluglotse

    Auch Fluglotsen wird der Ausbildungsplatz nicht geschenkt. Sie benötigen ähnlich wie Piloten eine gute Sehkraft, Englischkenntnisse – und das Abitur.

    Wer das harte Auswahlverfahren übersteht, kann seine Ausbildung bei der Deutschen Flugsicherung beginnen – und in überirdische Gehaltssklassen aufsteigen.

Ausbildungsberufe: Alternativen für Abiturienten

Alternativen für Ausbildung mit AbiturKlar ist, wo die Konkurrenz am stärksten ist, kann auch nicht jeder Azubi mit Abitur gewinnen. Angebot und Nachfrage sind schon seit vielen Jahren nicht deckungsgleich und so bezeichnet der vorläufige Bildungsbericht 2019 die vollständige Zusammenführung von Angebot und Nachfrage als eine der zentralen Herausforderungen des Ausbildungsmarktes.

Abhängig ist das nicht nur von der persönlichen Eignung des Bewerbers, sondern auch von der Region. Der Nordosten Deutschlands und das Ruhrgebiet haben diesbezüglich größere Probleme, ihre Nachfrage zu decken als etwa Bayern oder das Münsterland.

Auf der anderen Seite hängt der Erfolg von der Branche ab: Klassischerweise haben das Lebensmittelhandwerk, die Gastronomie
und das Reinigungsgewerbe Besetzungsprobleme – die Stellenangebote fallen deutlich zahlreicher aus als die Bewerbungen.

Demgegenüber stehen die Versorgungsprobleme des Mediensektors und des kaufmännischen Bereichs: Sie können sich kaum vor Bewerbungen retten. Heißt: Hier ist die Wahrscheinlichkeit einer Absage für Sie deutlich höher. Traditionell viele freie Plätze bieten diese Ausbildungsberufe:

  • Restaurantfachleute
  • Fleischer
  • Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk
  • Fachleute für Systemgastronomie
  • Klempner
  • Bäcker
  • Beton- und Stahlbetonbauer
  • Gerüstbauer
  • Hotelkaufleute
  • Gebäudereiniger
  • Fachkräfte für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice
  • Steinmetze und Steinbildhauer
  • Köche
  • Tierwirt
  • Glaser

Allerdings muss klar gesagt werden: Diese Branchen tun sich nicht ohne Grund schwer, Nachwuchs zu finden. Bei einigen sind die Ausbildungsgehälter vergleichsweise gering (zum Beispiel für Köche, Bäcker), die körperliche Arbeit dafür hart. Auch kommen veränderte Arbeitszeiten durch Schichtarbeit hinzu.

In diesen Bereichen kann sich eine Ausbildung mit Abitur dennoch lohnen, wenn Sie beispielsweise „von der Pike auf“ etwas lernen wollen und zu einem späteren Zeitpunkt mit einem Studium aufsatteln.

Für wen lohnt sich die Ausbildung mit Abitur?

Die eingangs gestellte Frage lässt sich daher recht einfach beantworten: Ja, eine Ausbildung mit Abitur lohnt sich für eine bestimmte Gruppe von Abiturienten und Bewerber. Ob Sie dazu gehören, hängt von einigen Faktoren ab. Die wichtigsten:

  • Wollen oder können Sie direkt nach dem Abitur in die eher selbstbestimmte Studienorganisation einsteigen?
  • Haben Sie Spaß an der Erarbeitung theoretischen Wissens oder brauchen Sie den Praxisbezug, um effektiv zu lernen?
  • Ist die Dauer der verschiedenen Studiengänge, die oft über der Ausbildungsdauer liegt, für Sie in Ordnung?
  • Liegen Ihre schulischen und persönlichen Stärken in Bereichen, die Ihrer Wunsch- oder Zielausbildung entgegenkommen?
  • Bevorzugen Sie einen schnellen Berufseinstieg gegenüber perspektivisch betrachtet besseren Verdienstmöglichkeiten?

Die letzte Frage mag für den einen oder anderen provozierend klingen, wird jedoch sowohl durch eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung als auch durch den OECD Bildungsbericht 2018 (PDF) gestützt.

Beide zeigen, das Akademiker im Laufe ihrer Karriere (deutlich) mehr verdienen als Kollegen ohne Studienabschluss. Das ist jedoch nicht unbedingt ein Argument gegen eine Ausbildung nach dem Abitur. Denn die Zahlen gelten nur für Arbeitnehmer, die ihre gesamte Karriere ohne Studienabschluss bestreiten. Doch Arbeitnehmer mit Ausbildungsabschluss verdienen deutlich früher Geld als die akademischen Kollegen und können den Studienabschluss später aufbauend und/oder berufsbegleitend nachholen.

Eine Ausbildung mit Abitur eignet sich also vor allem dann für Sie, wenn Sie nach der Schule Praxisluft schnuppern und Ihr Wissen direkt anwenden wollen. Aus rein finanziellen Gründen kann eine Ausbildung sogar einem dualen Studium überlegen sein.

Die Ausbildungsvergütungen liegen in vielen Bereichen zwar auf dem Level dualer Studenten. Doch in der Regel gibt es deutlich mehr Ausbildungsplätze als duale Studienplätze. Ihre Chancen sind daher als Abiturient bei der Suche nach einer Ausbildung besser, sofern Sie die Suche passend vorbereiten.

Bewerbung um eine Ausbildung: Tipps für Abiturienten

Bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind die oben genannten Ausbildungsberufe im Finanz- und Bankensektor oder dem öffentlichen Dienst oder kaufmännischen Bereich für Abiturienten naheliegend, da ein Abitur für die Ausbildung oft vorausgesetzt wird. In diesen Branchen können Sie sich mehr oder weniger normal auf einen Ausbildungsplatz bewerben. Das bedeutet:

  • Sie machen im Bewerbungsschreiben deutlich, was Sie an der Ausbildung reizt und warum das Unternehmen für Sie als Ausbildungsträger attraktiv ist.
  • Sie führen auf, welche praktische Erfahrung oder Berührungspunkte Sie bereits zur Ausbildung haben.
  • Sie listen in Ihrem Lebenslauf neben den schulischen Stationen auch alle relevanten Praktika und Ehrenämter auf.
  • Sie recherchieren das Unternehmen vor der Bewerbung gründlich und passen die Bewerbung entsprechend an.

Wollen Sie sich jedoch auf einen Ausbildungsberuf bewerben, in dem traditionell eher Bewerber mit Real- oder Hauptschulabschluss eingestellt werden, beispielsweise im Handwerk, sieht die Lage ein wenig anders aus. In diesem Fall sind Ihre praktischen Erfahrungen und Ihre Affinität für die Ausbildung und den Beruf essentiell. Um ein etwas plakatives Beispiel zu wählen:

Wollen Sie unbedingt eine handwerkliche Ausbildung im Metallbereich machen, sollten Sie im Vorfeld bereits Erfahrung im Umgang mit Metall haben. Selbst wenn diese Erfahrung rein aus dem Hobbybereich oder aus Praktika stammt, ist sie wichtig und sollte sich in Ihrer Bewerbung prominent wiederfinden. Ergänzend spielt Ihre Motivation für gerade diese Ausbildung eine entscheidende Rolle. Was treibt Sie dazu, sich für genau diesen Weg zu entscheiden? Warum handelt es sich um Ihre Wunschausbildung? Welche Aspekte faszinieren Sie? Können Sie diese Fragen beantworten, stehen Ihre Chancen gut.

Bewerben Sie sich mit Abitur auf eine Ausbildung, könnten einige Unternehmen Sie als überqualifiziert oder fehlgeleitet wahrnehmen. Der eine oder andere Personaler oder Chef wird Ihnen Ihre Motivation für die Ausbildung nicht abnehmen. Stattdessen kann schnell der Verdacht im Raum stehen, Sie würden die Ausbildung lediglich als Notnagel sehen, da Sie keinen Studienplatz gefunden haben.

Diesem Verdacht können Sie nur durch die klare Kommunikation Ihrer Begeisterung für die Ausbildung entgegenwirken. Es kommt dabei nicht auf geschliffene Formulierungen oder zahlreiche Fachbegriffe an. Viel wichtiger ist, dass Sie offen und ehrlich aufschreiben, was Sie antreibt und an der Ausbildung fasziniert. So steigen nicht nur Ihre Chancen. Sie wissen dann auch, dass die Ausbildung zu Ihnen passt und sich für Sie lohnt.

[Bildnachweis: Pressmaster by Shutterstock.com]
26. April 2019 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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