Nach Angaben der Bundesregierung verbringen nur 4,5 Prozent aller Azubis einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland. Diese Quote soll in den kommenden Jahren steigen - am besten bis auf zehn Prozent im Jahr 2020. Schon jetzt gibt es immer mehr Optionen für Auszubildende, noch während ihrer Lehrzeit Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Diverse Förderprogramme helfen dabei...

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Ausbildung im Ausland: Geht das?

Im Jahr 2005 wurde das Berufsbildungsgesetz reformiert. Seitdem steht dort:

Teile der Berufsausbildung können im Ausland durchgeführt werden, wenn dies dem Ausbildungsziel dient. Ihre Gesamtdauer soll ein Viertel der in der Ausbildungsordnung festgelegten Ausbildungsdauer nicht überschreiten.

Bei einer dreijährigen Ausbildung wären das demnach neun Monate, eine zweijährige Lehre könnte sechs Monate im Ausland umfassen. Eine verkürzte Ausbildungszeit wird nicht angerechnet.

Unmittelbar nach Bestehen der Zwischenprüfung - das könnte für Azubis ein guter Zeitpunkt für einen Auslandsaufenthalt sein. Theoretisch denkbar ist auch, die Zeit in mehrere kleine Blöcke einzuteilen.

Voraussetzung ist zunächst: Der Ausbildungsbetrieb muss dem Auslandsaufenthalt des Azubis zustimmen. Ein verbrieftes Recht hat dieser nämlich nicht. Einigen sich Betrieb und Azubi, dann sollten sie den Aufenthalt schriftlich vereinbaren und der jeweiligen IHK melden. Das Ausbildungsverhältnis wird dadurch auch nicht unterbrochen, der Betrieb zahlt den Lohn ganz normal weiter.

Am besten, Betrieb und Auszubildender legen den Auslandsaufenthalt schon zu Beginn der Lehre fest. Eine Vereinbarung kann aber auch erst später getroffen - und als Ergänzung zum Ausbildungsvertrag fixiert werden.

Ausbildung im Ausland: Vor- und Nachteile

Ausbildung im Ausland: Vor- und NachteileDie Vorteile eines Auslandsaufenthalts für Azubis: Er oder sie...

  • lernt eine neue (Arbeits-)Kultur kennen
  • wird eigenständiger
  • verbessert Fremdsprachenkenntnisse
  • knüpft neue Kontakte im Ausland
  • hübscht den Lebenslauf auf
  • verbessert die Jobperspektiven

Die Nachteile: Er oder sie...

  • fehlt dem Betrieb in Deutschland
  • hat zusätzlichen Lernaufwand
  • bekommt möglicherweise Probleme mit der Anerkennung
  • benötigt (meist) von vornherein gute Sprachkenntnisse
  • findet nur schwer einen Ausbildungsplatz im Ausland

Ausbildung im Ausland: Welche Möglichkeiten habe ich?

Eine beliebte Option ist das Programm Erasmus+, ein Förderprogramm der Europäischen Union. Es vermittelt Auslandspraktika zwischen zwei Wochen und zwölf Monaten und richtet sich unter anderem an Auszubildende. Azubis können Zuschüsse zu Fahrt-, Aufenthaltskosten und Visum erhalten. Natürlich kann auch der Ausbildungsbetrieb die Kosten übernehmen, ein Recht hierauf besteht gleichwohl nicht.

Auch bei Erasmus+ gilt: Das Auslandspraktikum bleibt Teil der Ausbildung, der Arbeitgeber zahlt weiter.

Wer kein Risiko eingehen will, könnte das Auslandspraktikum auch in die Ferien legen. So muss der Azubi hinterher weniger Stoff aus der Berufsschule nachholen.

Achtung: Erasmus+ deckt ausschließlich die EU-Mitgliedstaaten sowie die Türkei, Norwegen, Liechtenstein und Mazedonien ab. Um die Lücke zu schließen, hat das Bundesbildungsministerium ein neues Programm aufgelegt: Ausbildung Weltweit. Es ist global ausgerichtet, ausgenommen sind genau die 33 Länder, die Erasmus+ abdeckt.

Die Förderdauer von Ausbildung Weltweit beträgt für Azubis drei Wochen bis drei Monate. Fahrt- und Aufenthaltskosten werden bezuschusst.

Eine weitere Möglichkeit für Auszubildende heißt: Doppelabschluss. Der ist unter anderem für Personen interessant, die in einer Grenzregion leben. Sie können parallel zum deutschen Berufsabschluss auch den des Nachbarlandes erwerben und sich damit noch breiter aufstellen. Dafür müssen sie oft nicht mehr als ein (kurzes) Praktikum oder ein Zusatzmodul im Nachbarland absolvieren.

So wie in Belgien: Dort hatten sich die Deutschsprachige Gemeinschaft und der Bezirk der Handwerkskammer Aachen auf eine Bi-Diplomierung für die Ausbildungsberufe Friseur und Kfz-Mechatroniker geeinigt.

Bedeutet für Azubis: Gesellenprüfung in Deutschland bestehen, zweiwöchiges Praktikum in Belgien absolvieren, dort ebenfalls die Prüfung ablegen und einen zweiten Gesellenbrief erhalten. In diesem Fall müssen sie nicht einmal Fremdsprachenkenntnisse mitbringen.

Wie finde ich einen Ausbildungsplatz im Ausland?

Ausbildungsbetrieb, Berufsschule und die Kammern sind die ersten Ansprechpartner für alle Azubis, die ins Ausland wollen. Die Betriebe etwa führen oft Ausbildungsprojekte zusammen mit ausländischen Partnern durch, haben Niederlassungen oder Kunden im Ausland - und die richtigen Kontakte.

Grundsätzlich muss der Auszubildende für die Zeit seines Auslandsaufenthaltes eine Beurlaubung von der Berufsschulpflicht bei seiner Berufsschule beantragen. Dazu gibt es in den Ländern unterschiedliche Regelungen. Eine Beurlaubung ist von Schulseite in der Regel bis zur Dauer von neun Monaten möglich.

Während dieser Zeit muss der Azubi im Ausland keine vergleichbare Berufsschule besuchen. Er setzt die Ausbildung ausschließlich im Betrieb fort, muss allerdings den versäumten Stoff privat nachholen.

Kann ich auch die komplette Ausbildung im Ausland absolvieren?

Grundsätzlich ja. Beispielsweise bietet die IHK Aachen gemeinsam mit französischen Kooperationspartnern eine "deutsch-französische Ausbildung zum Industriekaufmann/-frau" an. Die Ausbildung dauert zwei Jahre und erfolgt bei einem Unternehmen in Paris. Kandidaten benötigen allerdings neben dem Abitur gute Französisch- und Mathematikkenntnisse.

Das Programm ist eindeutig eine Ausnahme. Einer kompletten Ausbildung im Ausland stehen gemeinhin einige Hindernisse im Weg. Da ist zum Einen die duale Berufsausbildung, die für Deutschland typisch ist und als Erfolgsmodell gilt. Die meisten anderen Länder kennen sie nicht. Dort verbringt man einen Großteil an staatlichen oder privaten Schulen. Das Ausbildungsniveau dort: höchst unterschiedlich und nicht einheitlich geregelt.

Für Azubis besteht zudem die Gefahr, dass ihre Ausbildung im Ausland nicht anerkannt wird. Zwar wurden die Verfahren zur Berufsanerkennung in Deutschland im Zuge der massiven Einwanderungswelle erleichtert, aber einen Freifahrtschein gibt es nicht. Wer mit einer Ausbildung im Ausland liebäugelt, sollte unbedingt vorher die Anerkennung prüfen.

Den Rat, auf eine deutsche Berufsausbildung zu verzichten, um sich im Ausland selbst zu verwirklichen, kann man guten Gewissens also nicht geben. Das macht nur für diejenigen Sinn, die den Lebensmittelpunkt komplett in das jeweilige Land verlegen wollen. Oder für junge Menschen ins besonderen Lebenssituationen. Beispiel: Die Eltern arbeiten als Expats für mehrere Jahre im Ausland.

Für alle anderen ist es einfacher und sinnvoller, im Rahmen eines Förderprogramms wie Erasmus+ "nur" einen Teil der Ausbildung im Ausland zu absolvieren.

Was wird aus meiner Krankenversicherung?

Im europäischen Ausland besteht der Schutz der deutschen Sozialversicherung unter normalen Umständen weiter. Am besten mit der Krankenkasse Kontakt aufnehmen und bestätigen lassen.

Für das außereuropäische Ausland stellt sich zunächst die Frage, ob das jeweilige Land ein Sozialversicherungsabkommen mit Deutschland abgeschlossen hat. Wenn nein, muss der Auszubildende eine Krankenversicherung abschließen. Auch ist eine private Zusatzversicherung eine Option, über die sich nachzudenken lohnt.

Ausbildung im Ausland: Europass beantragen!

Ausbildung im Ausland: Europass beantragen!Der Europass besteht auf fünf Dokumenten. Diese sollen es einfacher machen, Qualifikationen und Kompetenzen innerhalb der EU vergleichbar zu machen.

Hinweis: Es ist keinesfalls Pflicht, einen Europass im Etui zu haben - auch nicht, wenn Sie im Ausland arbeiten wollen. Aber er kann Ihnen die Sache erleichtern und Überzeugungsarbeit bei potenziellen Arbeitgebern leisten. Sie können einen Europass - wenn Sie wollen - hier beantragen.

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