Seelsorge: Beratung in der Not

Es kann Situationen im Leben eines Menschen geben, da weiß er einfach nicht weiter. Freunde und Familie stoßen irgendwann an ihre Grenzen, keiner weiß Rat. Die Seelsorge kann dann eine Anlaufstelle sein, um sich wieder sammeln und orientieren zu können. Dort leihen Ihnen Menschen ein Ohr, hören sich Kummer und Sorgen an: Wie geht es weiter, welche Möglichkeiten habe ich? Ausgebildete Seelsorger helfen bei der Beantwortung der dringendsten Fragen und vermitteln an weitere Fachstellen. Welches Angebot die Seelsorge umfasst und warum es keine Schande ist, sich Hilfe zu holen…

Seelsorge: Beratung in der Not

Definition: Was ist Seelsorge?

Die Vorstellung, dass dem Menschen eine Seele innewohnt, die sein Wesen ausmacht, ist eine sehr alte. Die beiden großen christlichen Kirchen, die evangelische und katholische, haben es sich zur Aufgabe gemacht, sich um das Seelenheil der Menschen zu kümmern.

Gemeint ist die persönliche Hilfe und Beratung unter geistlichen Gesichtspunkten. Dennoch steht dabei gar nicht so sehr die Konfession im Vordergrund: Seelsorge gibt es für Katholiken genauso wie für Protestanten, ebenso für Atheisten oder Andersgläubige.

Die geistliche Unterstützung findet in Form eines 4-Augen-Gesprächs zwischen dem Seelsorger – oftmals ein entsprechend qualifizierter Geistlicher – und dem Betroffenen statt. Ausgangspunkt der Seelsorge ist das christliche Selbstverständnis.

Demnach ist grundsätzlich jeder Christ durch sein Christsein und Einfühlungsvermögen in der Lage, seelsorgerisch tätig zu werden.

Beratungsangebote für jedermann

Wer glaubt, Seelsorge sei etwas Angestaubtes aus dem letzten Jahrhundert, irrt. Das Beratungsangebot lässt kaum Wünsche übrig und ist modern aufgestellt. Seelsorge gibt es online im Chat, als Mailberatung, am Telefon oder vor Ort.

Je nach Einrichtung stehen unterschiedliche Seelsorger für Gespräche zur Verfügung. Die katholische Kirche im Bistum Münster bietet Männer und Frauen mit unterschiedlichem Hintergrund, die sich um das Online-Seelsorgeportal kümmern:

  • Diakon
  • Ordensschwester
  • Pastoralreferentin
  • Pfarrer
  • Psychologin
  • Theologin

Diese Menschen leihen Auge und Ohr bei…

  • Arbeitsplatzverlust
  • Einsamkeit
  • Krankheit
  • Mobbing in der Schule oder am Arbeitsplatz
  • Problemen mit dem Partner
  • Sinnkrisen
  • spirituellen Fragen
  • Suchtproblemen

Kurz: Bei allem, was den Durchschnittsarbeitnehmer oder noch allgemeiner: Bürger bewegt. Und die Seelsorge-Angebote sind sehr ausdifferenziert. Wer einen Seelsorger braucht, muss nicht in die Kirche gehen. Krankenhäuser und Flughäfen haben ebenfalls Hilfsangebote.

Es gibt neben allgemeiner Seelsorge Angebote für unterschiedlichste Zielgruppen:

  • AIDS-Seelsorge
  • Altenheim-Seelsorge
  • Betriebsseelsorge
  • Blindenseelsorge
  • Gefängnisseelsorge
  • Gehörlosenseelsorge
  • Krankenhausseelsorge
  • Militärseelsorge
  • Notfallseelsorge
  • Polizeiseelsorge
  • Schulseelsorge
  • Telefonseelsorge

Ein Arbeitnehmer, dessen Betrieb von Insolvenz bedroht ist, kann bei einer allgemeinen Seelsorge ohne Weiteres über seine Ängste vor drohender Arbeitslosigkeit sprechen. Gibt es in seiner Seelsorgeeinrichtung das Angebot für eine Betriebsseelsorge, hat er dort regelrechte Spezialisten für seine Probleme.

Arbeitsspezifische Themen wie Betriebsschließungen, Leistungsdruck oder Burnout werden dort ebenso erörtert wie Konflikte mit Kollegen, Umgang mit Lästereien und vieles mehr.

Seelsorge und Psychotherapie

Seelsorge ist keine Therapie, auch wenn ausgebildete Seelsorger teilweise ähnlicher oder gleicher Methoden bedienen. Es geht im Wesentlichen auch nicht um Problemlösung, sondern ums Zuhören. Vermitteln, dass jemand da ist.

Rettung in der Not – wenn nichts mehr geht – die Seelsorge geht immer. Was sehr dramatisch klingt, ist Ausdruck einer starken Nachfrage und eines unzureichenden Angebots. Die Nachfrage an Psychotherapieplätzen steigt seit Jahren unaufhörlich. Leider hält das Angebot an qualifizierten Therapeuten damit nicht Schritt.

So kommt es, dass viele Bedürftige lange auf Therapieplätze warten müssen. Woher kommt die starke Nachfrage, ist die Gesellschaft derart „gestört“? Abgesehen von einigen tatsächlich dysfunktionalen Verhaltensweisen und traumatischen Erlebnissen, dürfte ein geändertes Bewusstsein für psychische Problematiken entscheidend dazu beigetragen haben, dass immer mehr Menschen sich zu einer Therapie entschließen.

Und nicht zuletzt: Mit der steigenden Zahl an Therapieerfahrenen steigt auch die gesellschaftliche Akzeptanz – wenn jeder jemanden kennt, der eigentlich „ganz normal“ wirkt, obwohl er eine Psychotherapie gemacht hat, fallen leichter Bedenken weg, sich selbst einmal um eine Therapie zu bemühen.

Sich Hilfe zu suchen, zu erkennen, dass man bei bestimmten Problemen nicht weiterkommt, ist also keine Schande. Im Gegenteil, es ist Teil eines Reflexionsprozesses. Und sollte ein Seelsorger im Gespräch an seine Grenzen stoßen (etwa weil sich schwerwiegende psychische Probleme abzeichnen), muss er ohnehin an entsprechende Experten verweisen.

Besonders im Fokus: Männer

Und damit das klar ist: Es geht bei Seelsorge nicht einfach nur um seichtes Gequatsche, Gott und die Welt. Die deutsche Telefonseelsorge teilt auf ihrer Homepage ein Video der Movember Foundation, die auf einen wichtigen Aspekt aufmerksam macht: Gerade Männern fällt es oftmals schwer, über ihre Probleme zu reden.

Das hängt mit dem gesellschaftlichen Rollenbild zusammen: Männer haben stark zu sein, keine Schwäche oder gar Gefühle zu zeigen. Dummerweise stimmen das nach außen vermittelte Bild und die innere Wirklichkeit nicht immer überein.

Viele wissen dann keinen Ausweg. Die Selbstmordraten sprechen eine klare Sprache: Etwa 10.000 Menschen bringen sich jährlich in Deutschland um, die Rate der Männer ist dabei dreimal so hoch wie die der Frauen.

Seelsorge an der Universität

Seit Einführung der Bachelor- und Master-Abschlüsse fühlen sich viele Studierende überfordert: Ein deutlich größeres Wissenspensum muss in kürzerer Zeit in den Kopf, parallel dazu haben sich die finanziellen Belastungen verdichtet. Das sorgt für Druck und Stress bis hin zum Gefühl der Erschöpfung.

Oft trauen sich die Betroffenen aus Scham oder Angst nicht über ihre Gefühle zu reden. Doch der Frust muss raus, sonst kommt eine Abwärtsspirale in Gang.

„Ich kann nicht mehr. Ich bekomme mein Studium überhaupt nicht mehr auf die Reihe.“ Oder: „Ich hab richtig Angst, wenn meine Eltern anrufen. Sie wissen nicht, dass ich gar nicht mehr zur Uni gehe. Könnt ihr mir helfen? Ich kann da einfach nicht mehr hin.“ Hilferufe wie diese sind bei den so genannten Nightlines Standard.

Studenten helfen Studenten

Das Besondere: Am anderen Ende der Leitung nehmen nicht etwa Psychologen, Pfarrer oder Sozialpädagogen den Hörer ab, sondern ausnahmslos Studierende. Leitgedanke des Angebots, das sich in immer mehr Unistädten etabliert, ist, dass Studierende einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund mit den Anrufenden haben und sich diese dadurch besonders gut verstanden fühlen.

Druck, Stress und Prüfungsangst sind für die beratenden Nightliner schließlich selbst keine Fremdworte. Diese Gemeinsamkeit schafft die nötige Vertrauensbasis für das Gespräch.

Ursprünglich stammt die Idee aus Großbritannien. Entsprechende Hotlines gibt es hier an fast jeder Uni. Vor über einem Jahrzehnt schwappte die Idee von der Insel aufs Festland. Und so ging in Heidelberg die erste Nightline an den Start.

Inzwischen gibt es deutschlandweit 16 Studi-Sorgentelefone plus eine telefonische Anlaufstelle für Studierende der Evangelischen Studentinnen- und Studentengemeinde (ESG) in Hamburg.

Besonderes ehrenamtliches Engagement

Vertraulichkeit ist wie bei der Seelsorge insgesamt oberstes Prinzip:

  • Anonymität auf beiden Seiten lässt die Hemmschwelle sinken, sich alle Sorgen von der Seele zu reden.
  • Jemand, der weiß, dass sein Studienkumpel bei der Nightline arbeitet, ruft möglicherweise nie oder nicht mehr an – aus Angst, erkannt zu werden.
  • Die Gesprächsinhalte unterliegen der Schweigepflicht und werden streng vertraulich behandelt.

Das soziale Engagement der zahlreichen ehrenamtlichen Helfer, die an mehreren Abenden in der Woche für ihre Mitstudenten da sind, verdient höchste Anerkennung – soviel steht fest. Nichtsdestotrotz sei erwähnt, dass auch die Berater durchaus wertvolle Erfahrungen machen, von denen sie nicht nur im späteren Arbeitsleben profitieren:

  • Anderen zu helfen, stärkt das Selbstvertrauen und das eigene Selbstwertgefühl.
  • Das Verständnis für Menschen in schwierigen Lebenslagen wächst. Das sorgt für ein Plus an Teamfähigkeit. Auch das Vermögen auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht zu nehmen wächst.
  • Diese Fähigkeiten sind für die Arbeitswelt der Zukunft von besonderer Bedeutung: Denn Arbeitsverdichtung ist kein Phänomen, das sich auf den Unialltag beschränkt. Wichtig also zu wissen, wann die eigenen Grenzen und auch die anderer erreicht sind.

Voraussetzungen bei Seelsorgern und Nightlinern

Ganz gleich, ob als Seelsorger oder als Nightliner speziell für Studis: Die Mitarbeiter werden professionell geschult. Wer anderen zuhören und lebensweisende Tipps geben möchte, muss auch das nötige Handwerkszeug parat haben.

Daher durchlaufen alle Nightliner-Anwärter ein Schulungswochenende, bei dem Psychologen mit ihnen grundlegende Gesprächskompetenzen trainieren.

Eine bewährte Methode ist die des aktiven Zuhörens. Ziel ist es, zwischen den beiden Gesprächspartnern eine Verbindung entstehen zu lassen: Der andere nimmt mich ernst, er versteht mich, ihm kann ich vertrauen.

Die wichtigsten Elemente des aktiven Zuhörens sind:

  • Aufmerksamkeit zukommen lassen.

    Dem Gesprächspartner signalisieren, dass er jetzt in Ruhe alles sagen kann.

  • Missverständnissen vorbeugen.

    Wiederholte kurze, sinngemäße Wiedergaben des Gehörten, um potenziellen Missverständnissen vorzubeugen.

  • Technik des Spiegelns.

    Das heißt, die Gefühle des Gesprächspartners auszusprechen, damit er sich verstanden fühlt: „Sie sind froh…“, „Das beunruhigt Sie…“, „Sie klingen zornig…“

  • Fragen stellen.

    Fragen können ein Gespräch in Gang bringen oder die Gesprächsrichtung steuern. Etwa: Wie könnte eine gemeinsame Lösung aussehen?

Diese Elemente zeichnen Seelsorge allgemein aus. Welche Voraussetzungen ein Seelsorger darüber hinaus mitbringen muss, ist abhängig vom jeweiligen Einsatzbereich. Für eine Seelsorge in der Palliativabteilung sind andere Kenntnisse und Fähigkeiten notwendig als für eine Betriebs- oder Gefängnisseelsorge.

Teilweise gibt es eigene Ausbildungseinrichtungen. Gern gesehen ist in jedem Fall eine gewisse Lebenserfahrung und ein hohes Maß an Sozialkompetenz:

  • Belastbarkeit, um sich genügend von den Problemen der Betroffenen abgrenzen zu können
  • Empathie, um Probleme des Gesprächspartners nachvollziehen zu können
  • Offenheit, um sich auch auf völlig neue einlassen zu können
  • Selbstwahrnehmung, um das notwendige Standing für belastende Situationen mitbringen zu können
  • Toleranz, um sich mit bisweilen schwer nachvollziehbaren Lebensentwürfen beschäftigen zu können

Wann ist der Gang zum Fachmann unumgänglich?

Absolut kontraproduktiv wäre es, die Aussagen des anderen zu bewerten oder zu moralisieren, selbst wenn der Anrufer in seinen Urteilen falsch liegt. Ziel ist es, ihn durch eigene Einsicht zu einer konstruktiven Erkenntnis zu bewegen. Zweifellos nicht immer leicht.

Hier liegt auch die Grenze einer telefonischen Seelsorge. Zeichnet sich ab, dass der Anrufer in seinem Gemütszustand eine Gefahr für sich oder andere darstellen könnte, oder er einfach nicht zugänglich ist, ist der Hinweis einen Fachmann aufzusuchen ein Muss.

Für solche Fälle kooperieren Nightliner als auch Seelsorger mit professionellen Anlaufstellen wie psychologischen Beratungsstellen, niedergelassenen Psychotherapeuten oder Kliniken.

Aber viele Probleme lassen sich am Telefon lösen. Oft lockern sich Gedankenblockaden, indem man seine Ängste verbalisiert und sich diese vor Augen führt.

Fachliche Angebote für Supervision oder Coaching gibt es übrigens auch für Nightliner und Seelsorger.

So soll der gesunde Abstand zu den Problemen des Anrufers gewährleistet sein – Psychohygiene ist ein Muss.

[Bildnachweis: Photographee.eu by Shutterstock.com]
5. Juli 2019 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.


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