Definition: Was bedeutet Selbstakzeptanz?
Selbstakzeptanz (auch: Selbstannahme) ist die Fähigkeit, sich selbst als Person mit allen Stärken, Schwächen, Fehlern und Gefühlen zu erkennen und anzunehmen. Wer sich selbst akzeptiert, sagt zu sich: „Ich mag mich und finde mich gut so, wie ich bin. Ich bin gut genug.“
In der Psychologie gilt Selbstakzeptanz als wichtige Voraussetzung für psychisches Wohlbefinden und gesunde Beziehungen. Ebenso prägt sie unseren Selbstwert, unsere emotionale Unabhängigkeit und unsere Lebenszufriedenheit. Sich selbst zu akzeptieren, bedeutet allerdings nicht, alles gutzuheißen. Sie dürfen mit einer Eigenschaft unzufrieden sein, Fehler bereuen oder sich verändern wollen. Selbstakzeptanz heißt lediglich, sich deshalb nicht als Mensch abzuwerten.
Unterschied: Selbstakzeptanz, Selbstliebe und Selbstwert
Selbstakzeptanz ist eng mit anderen psychologischen Eigenschaften verbunden. Die Begriffe werden oft synonym verwendet, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte:
Begriff |
Bedeutung |
| Selbstakzeptanz | Ich nehme mich an, wie ich bin – auch mit Fehlern und Schwächen. |
| Selbstliebe | Ich behandle mich liebevoll und achte auf meine Bedürfnisse. |
| Selbstwertgefühl | Ich erkenne meinen eigenen Wert als Mensch an. |
| Selbstachtung | Ich respektiere mich und meine persönlichen Grenzen. |
| Selbstvertrauen | Ich vertraue meinen Fähigkeiten und traue mir Herausforderungen zu. |
| Selbsteinschätzung | Ich beurteile meine Eigenschaften und Fähigkeiten möglichst realistisch. |
Selbstakzeptanz ist damit eine wichtige Grundlage für Selbstreflexion und persönliche Entwicklung: Erst wenn wir unsere Eigenschaften ehrlich anerkennen, können wir bewusst entscheiden, welche wir beibehalten oder verändern wollen.
Selbstakzeptanz ist keine Selbstverliebtheit
Selbstakzeptanz ist nicht dasselbe wie Selbstverliebtheit oder Egoismus, der bis zum pathologischen Narzissmus reichen kann. Selbstverliebte erhöhen sich und machen sich zum Maßstab für die eigene Großartigkeit. Wer sich dagegen selbst akzeptiert, kennt die eigenen Schwächen und Fehler, findet sich damit aber trotzdem okay – ohne aufzuhören, weiterhin an sich zu arbeiten.
Selbstakzeptanz lernen: 7 praktische Übungen
Mehr Selbstakzeptanz lässt sich lernen und im Alltag trainieren. Allerdings brauchen Sie dafür Zeit und Geduld: Eingeschliffene Verhaltensmuster und Denkweisen lassen sich nicht von heute auf morgen verändern. Wichtig ist, dass Sie regelmäßig üben und sich dabei nicht noch zusätzlich unter Druck setzen.
1. Benennen Sie Ihre Stärken
Wer sich viel kritisiert und unzufrieden mit sich ist, dem fällt diese Übung oft schwer. Dabei ist sie grundlegend: Machen Sie sich Ihre Stärken und verborgenen Talente bewusst und lernen Sie, diese zu schätzen. Fragen Sie zum Beispiel Freunde, was diese an Ihnen bewundern. Fertigen Sie eine Liste Ihrer positiven Eigenschaften an und ergänzen Sie diese regelmäßig. Versuchen Sie dabei, die Stärken anzuerkennen, ohne sie gleich wieder kleinzureden.
2. Akzeptieren Sie Ihre Schwächen
Ein schwerer, aber notwendiger Schritt auf dem Weg zur Selbstakzeptanz: Erkennen Sie Ihre Defizite an. Unzulänglichkeiten sind nicht schlimm, sondern menschlich! Sagen Sie sich: „Ich bin gut so. Ich darf Fehler haben!“ Sie müssen nicht alles können, wissen oder erreichen. Das ist kein Grund, sich zu grämen oder Abneigung gegen die eigene Person zu empfinden. Im Gegenteil: Aus Fehlern können Sie lernen und manche Schwächen durch die Unterstützung anderer Menschen ausgleichen. Die Übung: Schreiben Sie drei Eigenschaften auf, die Sie an sich nicht mögen. Ergänzen Sie dahinter jeweils den Satz: „Auch mit dieser Eigenschaft bin ich ein wertvoller Mensch.“ Ziel ist nicht, die Schwäche schönzureden, sondern sich ihretwegen nicht abzulehnen.
3. Senken Sie Ihre Erwartungen an sich
Viele Menschen mit geringer Selbstakzeptanz haben völlig überzogene Erwartungen an sich selbst. Sie setzen sich unrealistische Ziele oder haben Träume, die sie kaum erreichen können. Das verursacht unnötigen Stress und setzt sie enorm unter Druck. Erwarten Sie keine Perfektion von sich! Fragen Sie sich stattdessen: „Würde ich dieselben Ansprüche auch an einen guten Freund stellen?“ Falls nicht, sollten Sie Ihre Maßstäbe überdenken.
4. Erkennen Sie Ihre Erfolge
Eine wichtige Übung, um Selbstakzeptanz zu lernen, ist, die eigenen Erfolge bewusster wahrzunehmen. Ändern Sie den Blickwinkel und führen Sie sich bewusst vor Augen, was Sie alles können oder schon erreicht haben. Loben Sie sich dafür! Schreiben Sie beispielsweise jeden Abend drei Dinge auf, die Ihnen gelungen sind. Dazu zählen auch kleine Fortschritte oder Situationen, in denen Sie eine schwierige Aufgabe bewältigt haben. Sie müssen nicht erst außergewöhnliche Leistungen erbringen, um stolz auf sich sein zu dürfen.
5. Lassen Sie negative Gefühle zu
Selbstakzeptanz bedeutet auch, unangenehme Gefühle anzunehmen. Wut, Angst, Traurigkeit oder Neid gehören zum Leben. Sie machen Sie weder zu einem schlechten noch zu einem schwachen Menschen. Versuchen Sie deshalb nicht, solche Gefühle sofort zu unterdrücken oder sich dafür zu verurteilen. Die Übung dazu: Nehmen Sie sich 5 Minuten Zeit und benennen Sie, was Sie gerade empfinden: „Ich bin enttäuscht“, „Ich habe Angst“ oder „Ich bin neidisch“. Verzichten Sie dabei bewusst auf Bewertungen wie „Das dürfte ich nicht fühlen“. Lassen Sie das Gefühl zunächst zu, ohne gleich darauf reagieren zu müssen.
6. Entschärfen Sie Ihren inneren Kritiker
Viele Menschen sprechen mit sich selbst härter als mit anderen. Nach einem Fehler denken sie beispielsweise: „Ich bin unfähig!“ oder „Typisch, ich bekomme nichts hin!“ Solche negativen Gedanken verstärken die Selbstabwertung. Beobachten Sie deshalb Ihre inneren Selbstgespräche und ersetzen Sie pauschale Urteile durch faire Aussagen. Übung: Schreiben Sie einen selbstkritischen Gedanken auf und formulieren Sie ihn neu. Aus „Ich bin ein Versager“ wird beispielsweise: „Das ist mir misslungen. Beim nächsten Mal mache ich es besser.“ Solche realistischen, stärkenden Affirmationen helfen, freundlicher mit sich umzugehen, ohne Probleme zu beschönigen.
7. Akzeptieren Sie, was Sie nicht ändern können
Manche Dinge lassen sich verändern, andere nicht. Vergangene Fehler, bestimmte körperliche Merkmale oder Entscheidungen anderer Menschen liegen außerhalb Ihrer Kontrolle. Wer ständig dagegen ankämpft, verschwendet Kraft und bleibt unzufrieden. Mehr Selbstakzeptanz entsteht, wenn Sie zwischen beeinflussbaren und unveränderlichen Umständen unterscheiden. Empfohlene Übung: Teilen Sie ein Blatt Papier in zwei Spalten: „Das kann ich ändern“ und „Das muss ich akzeptieren“. Ordnen Sie Ihre aktuellen Sorgen zu. Konzentrieren Sie Ihre Energie anschließend auf die erste Spalte. Bei allem anderen üben Sie, die Realität anzuerkennen, statt sich immer wieder darüber zu ärgern.
Vorteile: Warum ist Selbstakzeptanz so wichtig?
Ohne Selbstakzeptanz sind wir permanent im Krieg mit uns selbst. Wir pflegen einen wehmütigen Blick auf eine idealisierte Vorstellung von uns – wie wir hätten sein können, aber nicht sind. Dabei verharren wir in einer Art Opferrolle und reinem Wunschdenken. Nicht wenige werden darüber verzweifelt, notorisch unzufrieden oder bitter.
Selbstakzeptanz ist dagegen eine wohlwollende Haltung uns selbst gegenüber. Wir nehmen uns an – mit allen Charaktereigenschaften, auch den schwierigen. Dabei begegnen wir uns selbst wie einer guten Freundin oder einem guten Freund. Diese Haltung hat zahlreiche Vorteile:
- Weniger Selbstkritik
Sie verurteilen sich nicht ständig für Fehler oder Schwächen. - Mehr Zufriedenheit
Sie vergleichen Ihr Leben seltener mit unerreichbaren Idealvorstellungen. - Größere Zuversicht
Sie trauen sich zu, Schwierigkeiten zu bewältigen, ohne perfekt sein zu müssen. - Gesündere Beziehungen
Sie müssen niemandem etwas vormachen und können authentischer auftreten. - Mehr innere Unabhängigkeit
Die Meinung anderer bestimmt weniger stark, wie Sie sich selbst sehen. - Bessere Fehlerkultur
Sie lernen aus Niederlagen, statt sich dafür abzuwerten. - Persönliches Wachstum
Sie erkennen Entwicklungsmöglichkeiten, ohne Ihren aktuellen Wert infrage zu stellen.
Diese Haltung fördert die Lebenszufriedenheit, stärkt die Zuversicht und unterstützt die mentale Stärke. Wer sich selbst akzeptiert, muss Schwächen nicht länger verstecken und erkennt in Fehlern eher Chancen für persönliches Wachstum.
Psychologie: Was sagt die Wissenschaft über Selbstakzeptanz?
Die Bedeutung der Selbstakzeptanz ist auch in der Psychologie fest verankert. Besonders zwei Ansätze erklären, warum es Menschen guttut, sich selbst anzunehmen, statt ständig gegen vermeintliche Schwächen anzukämpfen:
1. Carl Rogers: Bedingungslose positive Wertschätzung
Der Psychologe Carl Rogers, einer der Begründer der humanistischen Psychologie, betonte bereits 1957 in einer Studie die Bedeutung der „bedingungslosen positiven Wertschätzung“ für therapeutische Veränderungsprozesse. Gemeint ist eine akzeptierende Haltung gegenüber Menschen, unabhängig von ihren Fehlern oder Schwächen. Übertragen auf die eigene Person bedeutet das: Sie müssen nicht erst bestimmte Leistungen erbringen oder Erwartungen erfüllen, um sich als wertvoll anzuerkennen. Gerade hier liegen häufig die Ursachen fehlender Selbstakzeptanz: Wer in der Kindheit erfahren hat, nur für gute Leistungen oder angepasstes Verhalten geliebt zu werden, entwickelt leichter das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Auch Mobbing oder Ausgrenzung können das Selbstbild langfristig belasten und Minderwertigkeitsgefühle verstärken. Rogers’ Ansatz stellt dieser bedingten Anerkennung eine wertschätzende Haltung gegenüber, die persönliches Wachstum ermöglicht.
2. Das Paradox der Veränderung
Das sogenannte „Paradox der Veränderung“ wird dem Gestalttherapeuten Arnold Beisser zugeschrieben. Sein Kerngedanke: Veränderung entsteht leichter, wenn Menschen anerkennen, wer und wie sie gerade sind, statt zwanghaft jemand anderes sein zu wollen. Wer sich ständig bekämpft, investiert viel Energie in Selbstablehnung. Wer die Realität akzeptiert, kann sich gezielter weiterentwickeln. Ein verwandter Ansatz findet sich in der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT). Sie unterstützt Menschen dabei, unangenehme Gedanken und Gefühle anzunehmen, statt sie permanent kontrollieren oder vermeiden zu wollen. Gleichzeitig lernen sie, ihr Handeln an persönlichen Werten auszurichten. Eine Metaanalyse von 67 Studien zeigt: ACT fördert die psychische Flexibilität und verringert psychische Belastungen. Selbstakzeptanz bedeutet in diesem Verständnis nicht Resignation, sondern mehr Freiheit, das eigene Leben bewusst zu gestalten.
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