Klatsch und Tratsch: Das alles steckt hinter dem Gossip

Klatsch und Tratsch sind eine Form der sozialen Neugier. Den Menschen hat schon immer interessiert, wie es anderen ergeht, ob sie auf- oder absteigen, reich oder arm werden, wer mit wem gerade kann und wer Beef hat. Praktischer Nebeneffekt: Wer bescheid weiß und etwas zu erzählen hat, steigt selbst im Ansehen auf. Gut informiert zu sein, zeugt schließlich von einem funktionierenden Netzwerk. Obendrein kann das (spannende) Wissen im richtigen Moment einen entscheidenden Vorsprung liefern. Klatsch und Tratsch unterscheiden uns übrigens auch von Tieren: Die tauschen sich zwar auch aus. Doch nur der Mensch redet nicht nur miteinander, sondern auch übereinander…

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Klatsch und Tratsch: Das alles steckt hinter dem Gossip

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Klatsch und Tratsch Bedeutung: Warum eigentlich?

Schon paradox: Klatsch und Tratsch haben einen miesen Ruf. Trotzdem machen alle mit. Angeblich drehen sich zwei Drittel aller Unterhaltungen um Gossip, wie das Gerede auf Englisch heißt.

Der Grund: Klatsch und Tratsch dienen als „emotionales Ventil“ und „bauen Aggressionen ab“, sagt zum Beispiel Christian Schuldt, Soziologe und Buchautor („Klatsch! Vom Geschwätz im Dorf zum Gezwitscher im Netz“).

Überdies erfüllen sie die Funktion von Nachrichten, sobald Unsicherheit herrscht. „Wo immer in der Kommunikation ein Vakuum entsteht, werden Gift, Müll und Unrat hineingeworfen.“ So hat einmal der britische Publizist Cyril Northcote Parkinson das Hörensagen beschrieben.

Sex, Crime, Intrigen, Erfolge, Pannen und Pleiten – das hat die Menschen schon immer interessiert und fasziniert. Heute ist die Boulevard-Presse voll von Tratsch aus der Welt der Promis, der Royals und Hollywood-Sternchen. Gossip verkauft sich gut.

Der gute Ruf – er sorgt für Ruhm und Reichtum. Die üble Nachrede kann jedoch beides zerstören.

Klatsch und Tratsch sind somit auch ein veritables Machtinstrument.

Das gezielte und wiederholte Verbreiten von Gerüchten verändert Rangordnungen und das Teamgefüge. Im Extrem wird daraus Mobbing (Bossing, wenn der Chef mobbt; Staffing, wenn sich die Intrige gegen den Chef richtet).

Woher stammt diese Macht?

Zum Einen aus unserer unstillbaren Neugier. Die Verlautbarungen sind da wichtig, wo man nicht selbst dabeisein oder mitbeobachten kann.

Je einfacher und konkreter ein Gerücht ist, desto nachhaltiger wirkt es. Das Fatale daran: Menschen glauben das Zeugs sogar, wenn es nachweislich falsch ist. Das ist das Ergebnis von Studien am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie um den Evolutionsbiologen Ralf Sommerfeld.

Erfolgreich sind Gerüchte aber auch dann, wenn sie glaubwürdig und wahrscheinlich wirken. Wie bei guten Verschwörungstheorien.

Dasselbe gilt für den oder die Verbreiter(in) des Gossips: Je seriöser die Quelle, desto schneller verbreitet sich das Gerede. Auf dem Büroflur ebenso wie in Chatrooms und Online-Foren.

Erfolgreicher Klatsch benötigt aber noch eine weitere Zutat: die Nachricht. Die Geschichte muss etwas Neues, Erzählenswertes enthalten, damit man sich mit deren Weitergabe durch Vorsprungwissen schmücken kann.

Typisch daher die Einleitungen:

  • Haste schon gehört…?
  • Wusstest du schon, dass…?

Küchenzuruf wird diese Serialität in der Fachsprache auch genannt.

Um sich fortzupflanzen spiegelt guter Tratsch zugleich den Zeitgeist. Gerüchte sollten zwar eine überraschende Botschaft transportieren. Diese muss aber zugleich in unser existierendes Weltbild passen. Ist die Nachricht zu abgedreht, bleibt das Gerücht allenfalls ein Strohfeuer.

Im besten Fall erzeugt der Klatsch ein Status-Upgrade. Sie hat aber auch eine gefährliche Kehrseite: Hat das Gegenüber schon gehört oder wusste es längst, verpufft die Wirkung unmittelbar. Mehr noch: Die Klatschtante ist blamiert, weil sie immer noch glaubt, der kalte Kaffee sei eine heiße News.

Klatsch und Tratsch haben zwar immer Konjunktur. Die einzelne Nachricht hat aber auch ein Verfallsdatum.

Die diskrete Indiskretion ist also nicht ungefährlich.

Ein Gespräch über Dritte muss zwar nicht zwangsläufig jedes Mal moralisch verwerflich sein. Sind die Inhalte wahr und wohlwollend, bleibt das Gerede harmlos nett.

Wer es damit aber übertreibt, nörgelt und lästert, wird schnell als „Giftspritze“, weniger seriös und vertrauenswürdig wahrgenommen. Und hat man erst einmal den Ruf der verorteten undichten Stelle inne, ist es mit der Karriere bald vorbei. Mit den Sympathien sowieso.

Merke: Vom Dreck, der geworfen wird, bleibt immer auch etwas am Werfer hängen.

Gibt es einen Unterschied zwischen Klatsch und Tratsch?

Ja, gibt es. Beide Begriffe werden zwar gerne im selben Atemzug genannt und synonym verwendet. Es gibt aber einen kleinen Unterschied:

  • Klatsch ist persönlicher Natur. Er bezieht sich auf Menschen des eigenen, privaten Umfeldes: Freunde, Bekannte, Kollegen. Hierin können sich veritable Intrigen verbergen, üble Nachrede oder auch einfach nur Lästereien, die deswegen aber nicht weniger harmlos sind.
  • Tratsch hingegen zielt auf das öffentliche Leben und öffentliche Personen. Sein Stoff speist sich aus der Regenbogenpresse, aus Politik, Kultur, Stars und Sternchen. Die Schönen und Reichen werden beobachtet, bewertet und bemitleidet. Dieses ziellose Schwatzen ist eher unproblematisch bis trivial. Harmloser Smalltalk aus Halbwahrheiten und Spekulationen, die ohnehin niemand richtig ernst nimmt.

Der Begriff „Klatsch“ geht übrigens auf das Waschen der Waschweiber am Fluss zurück. Die „klatschten“ ihre schmutzige Wäsche auf Steine, um auch hartnäckige Flecken zu entfernen. Und natürlich tauschten sie dabei Informationen aus dem Dorf aus. Daher auch der synonyme Ausdruck, dass Lästermäuler „schmutzige Wäsche waschen“.

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Psychologie: Klatsch und Tratsch sind Balsam fürs Hirn

Soziologen wie Jörg Bergmann haben das Tratschen längst zur Kunstform erhoben: Er spricht zum Beispiel von der „Kunst der Enthüllungen über Dritte“. Dafür sei schon eine gehörige Kommunikationskompetenz erforderlich.

Klatsch ist regelrechter Balsam für unser Gehirn. Es ist ein wunderbares Regulativ, um Druck abzubauen und über Chefs und andere Evolutionsfehler herzuziehen. Der gefühlte Triumph gibt uns einen Kick.

Einig sind sich Wissenschaftler auch, dass Klatsch und Tratsch eine Form von sozialem Kitt bilden. Gemeinsames Lästern verbindet. Über andere zu reden, bewirke gleich dreierlei:

  • Zugehörigkeit. Die Tratschmäuler fühlen sich danach stärker verbunden. Informationen zu teilen, stärkt die Bande. Kurz: Wir wollen mitreden können. Geht es dabei vornehmlich um Verfehlungen, stellt sich bei den Gossipern auch noch ein wohliges Gefühl der Überlegenheit ein. Es müssen aber nicht immer böse Zungen sein: Unterhaltung, Beziehungen, Freizeit und Erholung sind ebenso gute Themen.
  • Kontrolle. Indem wir uns über ein Fehlverhalten austauschen und es gemeinsam bewerten, verraten wir uns gegenseitig unsere Moralvorstellungen und Werte. Das gibt uns die Kontrolle darüber, wem wir in der Gruppe vertrauen können, weil er oder sie genauso denkt und urteilt wie wir.
  • Gefahrenabwehr. Wer mit anderen über Außenstehende redet, kann in dem Moment selbst kein Thema sein. Oft existiert innerhalb der Gruppe eine Art Ehrenkodex: Gelästert wird nicht untereinander. Das schafft Sicherheit. Man könnte auch sagen: Wer sich am Klatsch beteiligt, fürchtet sich vor demselben.

Männer und Frauen klatschen übrigens gleich viel. Wissenschaftler, wie die Professorin für Persönlichkeitspsychologie und Eignungsdiagnostik, Freda-Marie Hartung, glauben, dass Frauen vor allem „über Freunde und Familie reden, während Männer zum Beispiel über Sportstars sprechen“. Für beide habe der Tratsch den angenehmen Nebeneffekt, dabei ihre „aggressive Seite“ ausleben zu können.


Klatsch folgt festen Regeln

Schon gewusst: Klatsch und Tratsch folgen einer eigenen Choreographie. Laut Psychologen wird in der Gerüchteküche immer nach diesem festen Rezept gekocht:

  • Zuerst wird geklärt, ob beide Interesse an den Lästereien haben („Du glaubst nicht, was ich gehört habe!?“ – „Ja? Was denn???“)
  • Anschließend folgt der Informationsaustausch – die eigentliche Klatschgeschichte.
  • Zum Schluss gibt eine Abstimmung über deren Bewertung. Beide fällen ein gemeinsames Urteil – meistens negativ („Unmöglich sowas!“ „Was für eine Schlampe!“ So eine arme Wurst!“).
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Klatsch und Tratsch parieren: Professioneller Umgang mit Gerüchten

Nicht selten entwickelt die Stille Post eine unselige Eigendynamik. Aus einem harmlosen Fauxpas wird ein handfester Skandal – den es so aber freilich nie gegeben hat. Ist es wirklich wahr?, zweifeln manche vielleicht noch, während sich andere schon ungebremst am vermeintlichen Aufreger delektieren.

Die Gerüchteküche kocht dann hoch wie heiße Milch. Überschäumend und unfair die Kommentare. Manche reichen von Beleidigung bis hin zur Verleumdung. Es herrschen Alarmismus und Skandalisierung von Bagatellen.

Das geht dann weit über ein Damenkränzchen, Kaffeeklatsch oder Flurfunk hinaus.

Sobald ein Ausmaß erreicht ist, dass Tatsachen behauptet oder verbreitet werden, um eine Person verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen – ohne jeden Nachweis – sprechen Juristen von übler Nachrede. Und die ist strafbar. Sie muss allerdings auch erst einmal nachgewiesen werden.

Wie also damit umgehen? Wie reagiert man als Betroffene(r) professionell auf Klatsch und Tratsch?

Zunächst einmal müssen Sie unterscheiden:

  • Ist das Gerücht wahr?

    Dann kommt die Wahrheit früher oder später sowieso ans Licht. Sie kursiert ja schon. Dementieren zwecklos. Das verstärkt den Verdacht nur noch.

    Betreiben Sie in dem Fall lieber Schadensbegrenzung: Erklären Sie Hintergründe, Auslöser, Zusammenhänge. Keine Rechtfertigungen! Es geht vielmehr darum, Verständnis zu wecken und die Aufregung im Zaum zu halten. Manchmal ist allerdings auch eine (öffentliche) Entschuldigung unumgänglich.

  • Werden unwahre Tatsachen behauptet?

    In dem Fall müssen Sie erst recht handeln. Bevor sich die Geschichte nach dem Stille-Post-Prinzip dynamisch weiterentwickelt.

    Der Widerspruch muss allerdings unbedingt beiläufig erfolgen. Entkräften Sie die Läster-Attacke tiefenentspannt und souverän. Motto: Was stört es den Mond, dass ihn der Wolf anheult?

    Um Hater, Lästermäuler und Intriganten auszukontern, gibt es verschiedene Methoden und Konter-Sprüche:

    • Überdosis:

      Spannende Theorie. Wenn ich dir jetzt recht gäbe, lägen wir beide falsch.

    • Übergröße:

      Ach, ihr sprecht mal wieder über mich? Danke für so viel Aufmerksamkeit!

    • Überhöhung:

      Ich weiß, so viel Neid muss man sich erstmal verdienen… Danke.

    • Überraschung:

      Nicht dein Ernst?! Du hast keine wichtigeren Themen in deinem Leben?

    • Überdruss:

      Adler nehmen keine Flugstunden bei Tauben.

Ein schöner Spruch sagt: „Gerüchte werden von Neidern erfunden, von Dummen verbreitet und von Idioten geglaubt.“ Da ist viel Wahres dran.

Wer selbst wenig Angriffsfläche bieten will, sollte die Gerüchteküche daher möglichst kalt lassen. Das Klügste ist sowieso, sich am Klatsch und Tratsch – wenn überhaupt – nur dosiert zu beteiligen. So können sich auch andere über einen nur schwer das Maul zerreißen.

[Bildnachweis: Topilskaya by Shutterstock.com]
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23. Mai 2020 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt mehr als 20 Jahre als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.


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