Labour Illusion: Viel hilft gar nicht viel

Wie misst man den Wert von Arbeit: am Ergebnis – oder an der Menge der eingesetzten Zeit? Zugegeben, die Frage ist latent rhetorisch, denn sobald wir beispielsweise einen Handwerker beauftragen, etwas zu reparieren, ärgern wir uns über jede Stunde, die er länger dafür braucht (und uns natürlich in Rechnung stellt). Wir wollen die Lösung bezahlen, kein Lehrgeld. Eigentlich. In den meisten Unternehmen und Jobs läuft das aber genau umgekehrt: Der Mitarbeiter, der seine Aufgaben binnen zwei knackigen Stunden erledigt, wofür andere acht brauchen, darf deswegen noch lange nicht nach Hause gehen. Erst wenn er lange genug beschäftigt aussieht und spät abends ermattet das Licht ausmacht, gelten seine Produktivität, sein Fleiß und Engagement als bewiesen und die Arbeit als wertvoll. Labour Illusion nennen Psychologen das Phänomen…

Labour Illusion: Viel hilft gar nicht viel

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Labour Illusion: Anwesenheit als Wertmesser

Egal, ob das Ergebnis stimmt oder nicht – erst wenn sich einer dafür auch ordentlich abgemüht hat, kommt es uns so vor, die Leistung sei auch einen guten Preis wert. Aus demselben Grund zeigen Ihnen, laut einer Harvard-Studie manche Webseiten übrigens auch eine Art Prozessbalken – selbst wenn die Software das Ergebnis binnen Millisekunden ermittelt hat: Wenn es etwas dauert, sieht es einfach nach Arbeit und damit auch nach einem wertvollen Service aus… Die Labour Illusion eben.

Auch auf zahlreichen Managementfluren wird zwar heute gerne von der Produktivität und Effizienz der Belegschaft gesprochen, doch gemessen wird am Ende doch nur die Anwesenheit der Mitarbeiter. Das Denken dahinter: Feierabend machen nur Faulpelze. Riesenfehler!

Viel hilft eben nicht viel. Wer zehn Stunden ranklotzt, muss deswegen nicht viel schaffen. Und wer den ganzen Tag im Büro verbringt, kann die Zeit auch mit ineffizienten Meetings verdaddelt haben. Wer den späten Feierabend fördert, fördert nicht mehr Effektivität, sondern belohnt Sitzfleisch und schauspielerisches Talent.

Danach gefragt, wie viele Stunden am Tag sie denn wirklich produktiv sind, antworteten zum Beispiel die Karrierebibel-Leser:

  • Jeder Dritte (35 Prozent) ist nur drei bis vier Stunden am Tag produktiv.
  • 41 Prozent an fünf bis sechs Stunden.
  • Sieben bis acht Stunden produktiv waren dagegen nur knapp 13 Prozent.
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Labour Illusion: Weniger arbeiten, mehr schaffen

Erst kürzlich veröffentlichte der Economist eine bemerkenswerte OECD-Studie über die Korrelation von Arbeitsstunden und Output. Die Kurve verlief jedoch keinesfalls linear, im Gegenteil: Ab einem Umfang von 50 Wochenstunden sank die Produktivität der Probanden rapide. Alles, was über 56 Stunden hinaus ging, bezeichneten die Forscher gar als pure Zeitverschwendung.

OECD-Produktivität-Arbeitsstunden

Das deckt sich auch mit einer schon etwas älteren Studie der Durham Business School und des Beratungsunternehmens JBA. Die Forscher unterschieden dabei zwei Mitarbeitergruppen in wissensintensiven Branchen: Die einen kamen – wie üblich – an fünf Tagen in der Woche ins Büro, die anderen hatten flexible Arbeitszeiten und -orte und durften gar einen oder mehrere Tage pro Woche von einem beliebigen Standort aus arbeiten.

Ergebnis: Sobald jemand, seine Arbeit selbstständig verteilen und organisieren konnte, erhöhte sich dessen Produktivität. So stieg etwa mit zunehmender Anwesenheitspflicht und Bindung an das Büro auch die Bereitschaft, drei oder mehr Tage im Jahr zu fehlen, beziehungsweise blau zu machen.

Oder salopp formuliert: Wer häufiger da sein muss, ist häufiger abwesend. Konkret betraf das 15,9 Prozent der Büroarbeiter, aber nur 6,6 Prozent der Flexiblen.

Eine dritte Untersuchung schlägt in dieselbe Kerbe: Bei der Langzeitstudie wurden zwölf bis zu 5-köpfige Beraterteams der Boston Consulting Group (BCG) aufgefordert, sich regelmäßig eine feste Zeit frei zu nehmen – jede Woche. Dazu gehörte etwa, dass sich jedes Gruppenmitglied mindestens einmal unter der Woche ab 18 Uhr einen freien, ungestörten Abend nehmen musste: kein Blackberry, kein Kontakt zu den Kollegen. Arbeiten war in dieser Zeit absolut tabu. Genauso wie die Arbeit am Wochenende nachzuholen. Wer wann welche Auszeiten nahm, wurde in wöchentlichen Meetings besprochen, wobei einige der beratenden Workaholics zu ihrem Feierabend regelrecht gezwungen werden mussten.

Das Ergebnis überraschte dann sowohl die Teams, die Chefs der Beratung sowie die Forscher: Die erzwungenen Auszeiten sorgten nicht nur dafür, dass die Teams besser miteinander kommunizierten und mehr Informationen miteinander teilten – sie verbesserten sogar die Beziehungen untereinander. Zudem optimierte der erzwungene Lenz die Arbeitsorganisation und Arbeitsabläufe. Mehr noch: Nach dem 5-monatigen Experiment zeigte sich, dass sogar die Jobzufriedenheit und Ausgeglichenheit der Consultants enorm angestiegen war. Alles wichtige Voraussetzungen für bessere Leistungen.

Wo bitteschön steht auch geschrieben, dass man immer und überall erreichbar, immer ansprechbar und vor allem immer beschäftigt sein muss? Ein derartiges Verhalten könnte schließlich ebenso auf eine narzisstische Störung hindeuten: Wer etwa glaubt, dass die Wirtschaft, vielleicht aber auch nur die Tabellenkalkulation zusammenbricht, sobald er mal kurz innehält, nimmt sich höchstwahrscheinlich viel zu wichtig.

Es ist eine Illusion, dass der Wert der Arbeit mit der verbrachten Zeit steigt. Eher sollte der mit mehr Freizeit belohnt werden, der sich diese durch fokussiertere und konzentrierte Arbeit auch verdient.

[Bildnachweis: Tero Vesalainen by Shutterstock.com]

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