Text-Unterstreichen-Lernen-Studentinnen
Wie lernt man effektiv? Wer erfolgreich studieren will, muss sich im Laufe des Studiums Lernmethoden und -techniken aneignen, um das enorme Lernpensum zu bewältigen. Dabei setzen die einen auf Zusammenfassungen und das Unterstreichen wichtiger Passagen in Texten, andere konzentrieren sich auf das Auswendiglernen und wieder andere schwören auf das Lösen von Altklausuren. Welche dieser Methoden aber bringt den größten Lernerfolg? Ein Forscherteam um Professor John Dunlosky von der Kent State Universität hat die beliebtesten Lernmethoden der Studenten genauer untersucht. Die Ergebnisse dürften Studierende überraschen...

Studie: Welche Lernmethode bringt was?

John Dunlosky und Katharine Rawson von der Kent State Universität, Elisabeth Marsh von der Duke Universität, Mitchell J. Nathan von der Universität von Wisconsin und Daniel Willingham von der Universität von Virginia testeten für ihre Studie insgesamt zehn Lernmethoden. Dabei wollten sie herauszufinden, welche Lernmethoden den größten Erfolg versprechen und mit dem geringsten Aufwand für die Lernenden verbunden sind.

Die Methoden wurden danach ausgewählt, wie beliebt diese bei Schülern und Studenten sind, ob diese selbstständig angewendet werden können und ob ausreichend wissenschaftliche Erkenntnisse hierzu vorlagen. Denn die Forscher führten allerdings keine empirischen Tests zu den ausgewählten Methoden durch, sondern schauten sich bereits vorhandene Studien an und werteten diese aus.

Die folgenden 10 Lernmethoden wurden ausgewertet:

  1. Das Gelernte hinterfragen. Bei dieser Methode wird nicht bloß ein Fakt oder eine Information auswendig gelernt, sondern hinterfragt, wieso etwas so ist, wie es ist. Ein Beispiel: Sie können sich das Datum 9.11.1989 besser merken, wenn Sie wissen, wieso es wichtig ist.
  2. Sachverhalte selbst erklären. Bei dieser Methode steht der Lösungsweg im Fokus. Man führt sich selbst noch einmal vor Augen, wie man auf die Lösung einer Aufgabe gekommen ist.
  3. Zusammenfassungen schreiben. Bei dieser Methode werden die Kernaussagen eines Textes zusammengefasst.
  4. Markieren und unterstreichen. Bei dieser Methode geht es um das kennzeichnen von wichtigen Textpassagen.
  5. Schlüsselwörter herausschreiben. Bei dieser Methode werden Kernbegriffe, wie Definitionen aus Texten herausgeschrieben und gelernt.
  6. Bildhaftes Lernen. Mit bildhaftes Lernen ist das Anfertigen von Skizzen, aber auch mentalen Bildern zu bestimmten Sachverhalten gemeint.
  7. Wiederholtes Lesen. Bei dieser Methode werden Texte immer wieder gelesen.
  8. Lösen von Aufgabenstellungen. Bei dieser Methode werden Aufgabenstellungen zum gelernten Inhalt bearbeitet. Diese Aufgabenstellungen können beispielsweise auch selbstausgedachte Quizzes sein.
  9. Langfristiges Lernen. Bei dieser Lernmethode wird der Inhalt in kleine Einheiten geteilt und mittels Lernplan kontinuierlich gelernt.
  10. Verschachteltes Lernen. Hierbei wird nicht in Blöcken gelernt, sprich ein Thema nach dem anderen abgehandelt, sondern der Lernstoff wird variiert.

Lernempfehlung: Die beliebtesten Methoden bringen am wenigsten

Odua Images/shutterstock.comIn ihrer Untersuchung kamen Dunlosky und seine Kollegen zu dem Schluss, dass vor allem die Lernmethoden, die häufig von Schülern und Studenten angewendet werden, Texte markieren und zusammenfassen, Zeitverschwendung sind. Diese Methoden schnitten am schlechtesten ab.

Diese Lerntechniken sind wenig effektiv:

  • Markieren und Unterstreichen

    Die wahrscheinlich bekannteste und auch beliebteste Methode, gerade an der Universität, ist das Markieren. Schaut man in Skripte und Lehrbücher springen einem die unterschiedlichsten Farben und Muster geradezu ins Auge: Gelb, Blau, Rot, Pink, gestrichelt, durchgezogen, eingekreist - es gibt wahrscheinlich unzählige Methoden einen Text mit Hilfe von Stiften und Textmarkern zu bearbeiten, die alle dem Ziel folgen: "Alles was ich markiert habe, habe ich auch verstanden." Doch diese Methoden halten die Forscher für Zeitverschwendung, denn sie bringe keinen Mehrwert zum bloßen Lesen. Das Problem dabei sei, dass viele Studenten zu viel unterstreichen und nicht erkennen, was wichtig ist. Außerdem gehe auch der Blick fürs Ganze verloren.

  • Zusammenfassungen schreiben

    An einigen Universitäten existiert ein regelrechter Schwarzmarkt für Zusammenfassungen von Büchern, Vorlesungen, Skripten oder Tutoriumsmitschriften. Doch glaubt man der Studie, sind diese meistens nur rausgeschmissenes Geld. Das Hauptproblem liegt in der Anfertigung. Es ist eine Kunst, eine wirklich gelungene Zusammenfassung zu erstellen. Allein die Auswahl der wichtigsten Thesen und Argumente erfordert ein tiefgehendes Verständnis. Auch bei selbst angefertigten Zusammenfassungen ist Vorsicht geboten. Erstens sind diese nicht für jedes Themengebiet gleich gut anzuwenden und zweitens besteht auch hier die Gefahr, dass wichtige Punkte übersehen und damit erst gar nicht gelernt werden.

  • Wiederholtes Lesen

    In einer Umfrage unter College Studenten gaben 62 Prozent an, während ihrer Lernphase Texte oder Textabschnitte mehr als einmal zu lesen. Obwohl sich diese Technik großer Beliebtheit erfreut, bleibt der erwünschte Erfolg meistens aus. Das wiederholte Lesen hat zwar einen Einfluss auf den Lernerfolg, dieser ist jedoch geringer als bei anderen Lernmethoden und der Zeitaufwand, der beispielsweise für das erneute Lesen eines Kapitels notwendig ist, steht meistens in keinen Verhältnis zum Mehrwert.

  • Schlüsselwörter herausschreiben

    Die bekannteste Form dieser Technik sind Karteikarten: Schlüsselwort auf der einen, Definition auf der anderen Seite und fertig ist das perfekte Lernmaterial... Leider nicht, denn diese Lernmethode fiel in der Studie glatt durch. Nicht nur der Aufwand, auch der Lerneffekt wurde kritisiert. Die Forscher bezweifeln, dass durch stupides Auswendiglernen ein langfristiger Lernerfolg erzielt wird.

Erfolgversprechender sind stattdessen:

  • Lösen von Aufgabenstellungen

    Die Studie empfiehlt das gezielte Lösen von Aufgaben als effektivste Lernmethode. Hierbei bieten besonders Altklausuren, aber auch selbsterfundene Frage-Antwort-Spiele eine hervorragende Möglichkeit, das eigene Wissen zu testen und, was noch wichtiger ist, zu festigen. Dabei sollte man darauf achten, nicht die gleichen Aufgaben immer wieder zu lösen, da das Gehirn sich den Lösungsweg schnell eingeprägt hat und kein weiterer Lernerfolg stattfindet, sondern nur noch die Lösung aus dem Gehirn abgerufen wird.

  • Langfristiges Lernen

    Die Lehrer in der Schule, die Professoren an der Uni und auch die Eltern zu Hause haben es immer gepredigt. "Lernt nicht auf den letzten Drücker." Nun gibt die Studie ihnen Recht: Langfristiges Lernen ist effektiver als einen Lernmarathon kurz vor der Prüfung einzulegen. Besonders hilfreich und vielversprechend ist in diesem Zusammenhang ein Lernplan, der ruhig mehrere Monate im Voraus erstellt werden kann. Darin kann genau festgehalten werden, welche Themen zu welcher Zeit gelernt werden müssen. Auch verhindert man so den typischen Stress, der sich einige Wochen vor der Klausurphase einstellt.

Lernmethode dem Inhalt anpassen

Bedeuten die Ergebnisse nun, dass Sie auf das Anfertigen von Zusammenfassungen generell verzichten sollten und den Textmarker getrost wegschmeißen können? Nein, ganz im Gegenteil: Auch wenn die Studie nahelegt, dass diese Lernmethoden nicht die effektivsten sind, so haben sie dennoch ihre Berechtigung.

Die Zürcher Professorin Elsbeth Stern sagt, dass die Lernmethode vor allem zum Inhalt passen muss. Französische Vokabeln werden anders gelernt als beispielsweise die Ursachen und Folgen des Balkan-Krieges. Was die richtige Lernmethode angeht, sollte man sich eine größtmögliche Offenheit und Flexibilität erhalten, denn die Mischung der Methoden bringt den größten Erfolg.

  • Logische Zusammenhänge können beispielsweise gut skizziert und anderen erklärt werden.
  • Bei langen Seminartexten lohnt es sich jedoch, eine Zusammenfassung zu erstellen.
  • Fremdwörter und Vokabeln lernt man am besten durch herausschreiben und auswendig lernen. In diesem Fall führt kein Weg am Auswendiglernen vorbei, denn es besteht kein Vorwissen dazu.

Am wichtigsten ist aber die Motivation. Denn wenn diese nicht stimmt, bringt auch die beste Lernmethode nichts. Für unser Gehirn ist das Lernen immer mit Anstrengung verbunden und diese nimmt man nur bereitwillig auf sich, wenn man weiß wofür. Da hilft es, sich das eigene Ziel vor Augen zu halten und sich zwischendurch zu belohnen - beispielsweise mit einem schönen Essen oder einer Auszeit mit Freunden am Ende eines anstrengenden Lerntages...

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