Pokerface: Vertrauen Sie keinem unschuldigen Gesicht

Was kann man nicht alles in einem Gesicht ablesen: Lust und Langeweile, Frust und Freude, Trotz und Trauer. Oft gehen wir aber noch einen Schritt weiter: Wir sehen ein Gesicht – und interpretieren es: Dieser Typ ist freundlich, aufgeschlossen, intelligent, ein guter Mensch. Oder: Er ist verschlagen, link, falsch, ein Fiesling, dem man nicht im Dunkeln begegnen möchte. Sie denken, dieser erste Eindruck entspricht meist der Wahrheit. Sie denken falsch!

Pokerface: Vertrauen Sie keinem unschuldigen Gesicht

Der Kuleshov-Effekt: Der Kontext macht die Wertung

Tatsächlich sind es die Umstände, die Zusammenhänge und noch mehr die Bilder und Emotionen, die wir zuvor gesehen haben, die unsere Interpretation beeinflussen.

Dahinter steckt ein alter Effekt, den sich Filmregisseure schon lange zunutze machen. Etwa der Großmeister Alfred Hitchcock in dem Film „Das Fenster zum Hof“ aus dem Jahr 1954. Darin gibt es eine Großaufnahme von James Stewart. Er schaut aus dem Fenster und sieht ein Hündchen, das in einem Korb in den Hof hinunter getragen wird. Schnitt. Wieder Großaufnahme Stewart – er lächelt. Schnitt. Jetzt sieht der Zuschauer ein nacktes Mädchen im Fenster gegenüber, das sich vor dem offenen Fenster dreht und wendet. Schnitt. Es folgt dieselbe Großaufnahme von Stewart, dasselbe Lächeln. Es ist in Wahrheit eine Kopie des ersten Bildes. Doch jetzt sieht er aus wie ein Lüstling…

Der sowjetische Regisseur und Filmtheoretiker Lev Kuleshov hat diesen Effekt als erster beschrieben und ihm seinen Namen gegeben: den Kuleshov-Effekt.

Weil das Gehirn versucht, Bilder (oder wie im Film aufeinander folgende Einstellungen) zu verbinden, selbst wenn diese nicht zusammen gehören, interpretieren wir sie nicht neutral.

Kuleshovs Kollege, Ivan Mosschuchin, trieb diese Montagekunst in einigen Experimenten bis zum Extrem: Dabei wurde dasselbe, neutrale Gesicht eines Schauspielers immer wieder mit anderen Bildern gegengeschnitten – prompt veränderte sich die Wirkung:

  • Gesicht und ein voller Suppenteller: hungrig.
  • Gesicht und strahlende Sonne: freudig.
  • Gesicht und Beerdigung: traurig.

Psychologische Studien zeigen, dass dasselbe auf der Straße passiert oder wenn wir anderen Menschen begegnen und diese sofort beurteilen.

Das deckt sich auch mit Untersuchungen, über die unter anderem der New Scientist berichtete. Binnen Millisekunden entscheiden wir an winzigen Faktoren, wie glaubwürdig oder vertrauenswürdig wir einen Fremden finden. Wisschenschaftler der Princeton Universität veränderten deshalb schrittweise Durchschnittsgesichter (Fachbegriff morphen), um deren Wirkung auf Betrachter zu untersuchen. Der Effekt war enorm, sodass der Boston Globe später darüber schrieb:

Researchers have discovered that surprisingly small factors – where we meet someone, whether their posture mimics ours, even the slope of their eyebrows or the thickness of their chin – can matter as much or more than what they say about themselves. We size up someone’s trustworthiness within milliseconds of meeting them, and while we can revise our first impression, there are powerful psychological tendencies that often prevent us from doing so – tendencies that apply even more strongly if we’ve grown close.

Pokerface: Wem wir vertrauen (sollten)

Nun gibt es Situationen, in denen es die Beteiligten bewusst darauf anlegen, dass die Leute falsche Schlüsse aus ihrem Gesicht ziehen – oder gar keine. Pokern gehört zum Beispiel dazu. Das sprichwörtliche Pokerface hat schon so manchen um sein Glück und Geld gebracht.

Doch wie sieh das perfekte Pokerface aus, das sich womöglich auch bei Verhandlungen geschickt einsetzen lässt?

Der Harvard-Forscher Erik Schlicht hat das untersucht, indem er und sein Team 14 Poker-Novizen mehrere Runden Texas Hold’em Poker gegen mehr als 100 am Computer erzeugte Gegner spielen ließ. In jeder Runde sahen die Spieler unterschiedliche Gesichter ihrer Avatar-Gegner und mussten danach einschätzen, ob diese bluffen oder nicht. Weil sie dabei gegen jede dieser Kunstfiguren nur einmal spielten, konnten sie ihre Entscheidung auch nicht auf vorheriges Verhalten stützen, sondern mussten allein aus dem Gesichtsausdruck ihre Schlüsse ziehen.

Die Gesichter sahen unter anderem so aus:

Pokerfaces - Gesichtsausdruck

Wie Sie selbst sehen können, unterscheiden sich diese Gesichter nach den klassischen Kriterien eines vertrauenswürdigen Gesichts (links) über neutral (Mitte) bis hin zu einem verschlagenen Gesichtsausdruck (rechts).

Die Wissenschaftler fanden jedoch heraus, dass keinesfalls das neutrale Gesicht (und schon gar nicht das verschlagene) das beste Pokerface darstellte. Es war das vertrauenswürdige Gesicht links, das die Pokerspieler jedes Mal dazu brachte länger über ihre Pokerstrategie nachzudenken und mit dem sie die größere Schwierigkeit hatten, eine richtige Entscheidung zu treffen. Denn eigentlich wollten Sie ihm blind vertrauen – wussten aber natürlich, dass das bei dem Spiel alles andere als klug ist.

Im Alltag, im Job oder auf der Straße ist das natürlich etwas anderes. Dort spielen wir kein Poker – und fallen umso eher auf das nette, sympathische und vermeintlich harmlose Gesicht herein.

Bitte nicht falsch verstehen: Wir können dem anderen nur bis vor die Stirn schauen. Ob so jemand wirklich Gutes oder Böses im Schilde führt, wissen wir in der Regel erst hinterher – oder durch aufmerksame Vorsicht. Entscheidend ist, dass wir uns von einem vertrauenswürdigen Gesicht nicht blenden lassen und uns bewusst machen, dass unsere Einschätzung hochgradig manipulierbar ist… dem perfekten Pokerface und den Umständen sei Dank.

[Bildnachweis: Alexandru Logel by Shutterstock.com]
5. September 2015 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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