Kopfhörerkabelsalat
Es ist eines dieser Phänomene, das wir alle kennen, alle hassen und doch nicht recht erklären können: den gemeinen Kabelsalat. Man nehme dazu normale In-Ohr-Kopfhörer. Die sind heute oft weiß, manchmal schwarz und bei Hipstern irgendwas in Neon, aber so gut wie immer verknotet. Schon ab Werk. Ich glaube, alle diese Kopfhörerkabel haben eine angeborene Selbstverknäuelungshypomanie. Glauben Sie nicht? Probieren Sie es aus: beliebiges Kabel nehmen, aufrollen, in die Tasche stecken, fünf Minuten warten, wieder herausholen. Voilà, das Ding sieht aus wie Harry Houdini nach dem Scheitern. Ein Mordsknoten. Gordisch! Das Beste aber: Wissenschaftler können inzwischen auch erklären, warum...

Kabelsalat: Die Geschichte des Knotens

Sie kennen doch sicher den Mythos vom gordischen Knoten? Eines Tages kommt ein armer Bauer namens Gordius auf einem Ochsenwagen nach Phrygien. Den Leuten dort hatte das Orakel vorhergesagt, dass ihr künftiger König auf einem Wagen kommt. Zack, war Gordius den Karren los und phrygischer König. So schnell ging das in der Antike. Aus Dank weihte Gordius Zeus seine Kiste und knüpfte zwischen Joch und Deichsel einen komplizierten Knoten. Daher der Name. Später wurde die Technik von Stöpselkopfhörer-Herstellern perfektioniert.

Doch zurück zur Geschichte: "Wer den Knoten lösen wird", prophezeite das Orakel ein weiteres Mal, "wird eines Tages Asien regieren." Daraufhin versuchten sich viele schlaue Leute daran – ohne Erfolg. Irgendwann, es war gerade 333 Jahre vor Christus, kam Alexander der Große vorbei und haute den Knoten einfach mit dem Schwert durch. Der Rest ist, wie gesagt, Geschichte.

Aber die schlauen Leute hat das damals natürlich schwer gewurmt. Über Jahrhunderte hinweg haben notorische Besserwisser darüber gegrübelt, ob man den Knoten nicht auch mit Schlaumeiern hätte aufbekommen können. Bis der polnische Physiker Piotr Pieranski von der Universität Poznan und der Schweizer Biologe Andrzej Stasiak von der Universität Lausanne vor ein paar Jahren bewiesen:

Den unlösbaren Knoten hätte es wirklich gegeben haben können.

Die beiden Forscher entwickelten ein Computerprogramm, das alle Verschlingungsmöglichkeiten ausrechnete und am Ende tatsächlich einen unentwirrbaren Knoten lieferte. Das Duo bekam viel Lob dafür. Dann verkauften sie das Patent vermutlich an Sony, Apple & co. – und wir alle haben jetzt den Salat. Na, Danke!

Spontaner Knoten: Warum verknoten sich Kabel in der Tasche?

Doch warum ist das überhaupt so? Warum existiert dieses Phänomen des spontanen Knotens, der sich scheinbar selbstständig in der Hosentasche bildet?

Dorian M. Raymer und Douglas E. Smith von der Universität von Chicago haben das vor einiger Zeit tatsächlich intensiv erforscht. Und wenn ich schreibe intensiv, dann meine ich das auch so. Genau genommen haben sie zig Kabel unterschiedlicher Längen in eine Box gelegt, ordentlich geschüttelt und dann nachgesehen, wie der Knoten aussah - stolze 3.415 Mal!

Ihre Ergebnisse haben Sie in dieser Studie veröffentlicht, und sie belegen, dass es den Spontanknoten tatsächlich gibt. Und für dessen Entstehung sind vor allem zwei Faktoren elementar:

  • Die Länge des Kabels
  • Die Schüttelzeit

Kurz gesagt: Je länger das Kabel und länger es in der Tasche bewegt, desto gordischer der Knoten.

Kabelsalat-Studie

Und wir wissen dank Raymer und Smith jetzt genau:

  • Kabel, die kürzer als 46 Zentimeter sind, verknoten sich so gut wie nie spontan.
  • Mit einer Länge von etwas mehr als zwei Metern erreicht das Verknotungsausmaß sein Plateau.
  • Weil aber typische In-Ohr-Kopfhörer eine Kabellänger von nur 139 Zentimetern haben, liegt die Wahrscheinlichkeit für einen veritablen Kabelsalat in der Tasche knapp unter 50 Prozent. Eigentlich.
  • Denn die Forscher bemerkten auch, dass die Y-Form des Kopfhörerkabels, die Chancen auf eine gordisches Wirrwarr substanziell steigert.

Das ist dann zumindest eine halbwegs gute Nachricht: Wenn Sie Ihre Kopfhörer also das nächste Mal aus der Hose kramen, stehen die Chancen bei nur rund Fifty-Fifty, dass Sie erst mal nichts hören - außer Ihrem Fluchen beim Entwirren.

Dieses Risiko lässt sich allerdings noch einmal minimieren. So...

Antiknoten-Anleitung: So vermeiden Sie den Kabelsalat bei Kopfhörern

Schon vor einiger Zeit entdeckte ich einen Tipp, der so lifehackerig ist, dass er mein Leben und die Phänomene in meinen Hosentaschen nachhaltig verändert hat. Echt jetzt.

Naturgemäß haben Kabelentwirrtechniken wenig mit Karriereratgebern gemeinsam, außer dass sie manchmal in denselben Blogs stehen. Aber eben das könnte ja ein erstes Indiz für was auch immer sein. Oder für eine schlechte Rechtfertigung. Man kann das nicht genau sagen. Jedenfalls kann und möchte ich diese wahnsinnig nützliche Erkenntnis nicht für mich allein behalten. Ich teile Wissen gerne, also bitteschön:

  1. Hörner-Zeichen machen

    Rocker und Heavy-Metal-Fans kennen diese eingängige Geste: Mit Zeigefinger und kleinem Finger das "Hörner"-Zeichen machen. Kabel mit den Kopfhörern nach oben auflegen. Der Einsatz dieser Technik sollte in Spanien und Italien vermieden werden: Einem gehörnten Mann wird so erklärt, dass ihn seine Frau betrügt.


  2. Über Kreuz aufwickeln

    Kabel über Kreuz zwischen beiden Fingern aufwickeln. Vorsicht: nicht zu stramm. Sonst baut man sich eine veritable Fingerfalle.


  3. Schlinge rollen

    Wenn noch circa zehn Zentimeter Kabel übrig sind - aufhören mit den Kreuzwickeln. Stattdessen den Rest um die Mitte schlingen.


  4. Schlaufe knoten

    Zum Schluss noch den Stecker durch die untere Schlaufe ziehen. Geht mit wenig Übung ganz schnell - und besteht jeden Hosentaschentest. Ehrlich.

    Achja: Morgen erobere ich Asien...


  5. [Bildnachweis: Jochen Mai]