Schlagfertigkeit, die Macht zu überzeugen, hat auch eine dunkle Seite. Dann, wenn es nicht mehr darum geht, einen Angriff zu parieren oder das beste Argument in den Vordergrund zu stellen, sondern wenn der Streit mit allen Mitteln, fiesen Maschen und Scheinargumenten gewonnen werden soll. Das ist die Stunde der Eristik. Ihr Ziel ist es, den Gegner auszutricksen, lächerlich zu machen, zu diskreditieren, obwohl dieser möglicherweise sogar Recht oder die besseren Argumente hat.
Bereits im antiken Griechenland war Eristik ein verbreitetes Mittel, seine Positionen durchzusetzen – aber auch umstritten. So schrieb der Philosoph Aristoteles eine ganze Abhandlung über solche Scheinbeweise, weil sie statt das bessere Argument zu liefern nur mit vordergründigen Fangschlüssen spielen. Dennoch starb die Eristik nie aus. Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer fasste etwa zu Lebzeiten 38 Kunstgriffe der Eristik in seinem Buch „Die Kunst, Recht zu behalten“ zusammen. Allerdings wurden sie erst 1864 nach seinem Tod veröffentlicht. Der Mann wusste wohl warum.
Ob Sie diese verbalen Schlagringe jemals anwenden, bleibt Ihnen natürlich selbst überlassen. Sie zu kennen, ist allerdings Pflicht: für alle Schlagfertige und solche, die es werden wollen – und sei es nur, um gemeine Attacken zu parieren. Hier die wichtigsten Kniffe im Überblick:
- Den Gegner wütend machen. Wer vor Wut schäumt, kann keinen klaren Gedanken mehr formulieren. Bewährtes Mittel: Schikane, Unterstellung, Unverschämtheiten und dem Gegner wiederholt Unrecht tun. Übrigens: Gerät der Gegner bei einem Streitpunkt unerwartet in Rage, ist das ein gutes Indiz für einen wunden Punkt. Erfahrungsgemäß ist sind seine Argumente hier besonders schwach und emotional. Sofort nachbohren!
- Unverschämt, aber nicht minder wirkungsvoll ist, mehrere Antworten, die nicht der gewünschten Meinung entsprechen, mit einer falschen Schlussfolgerung (der eigenen These) zusammen zu fassen: „Sie sagen also, dass…“
- Was auch geht: Die These des Gegners überhöhen und möglichst allgemein darstellen, die eigene dagegen sehr konkret und in knappen Worten. So wird die gegnerische These wesentlich angreifbarer, sie bietet mehr Fläche.
- Kreuzverhör. Identifizieren Sie Argumente, die mit etwas in Widerspruch stehen, was der Gegner angeblich früher schon einmal gesagt hat. Genauso wirken Argumente, die mit etwas in Widerspruch stehen, das der Gegner früher gelobt hat. Das Ziel hierbei: Die Glaubwürdigkeit des Zeugen wird untergraben.
- Dieselbe Technik funktioniert auch mit Fragen: Der Gegner wird mit einem Trommelfeuer aus Fragen belegt, bei denen er den Überblick und das Motiv dahinter aus den Augen verliert. Am Ende werden alle bestätigten Punkte rasch zusammengefasst.
- Beliebt auch: Das eigentliche Ziel, etwa die Bestätigung für einen heiklen Punkt, zu verschleiern und in einzelne Prämissen zu zerlegen. Diese lässt man sich dann im Laufe der Debatte und in wilder Reihenfolge einzeln bestätigen. Am Ende ist es leicht, den Sack zuzumachen: „Sie haben ja schon zugegeben, dass … und dass … und dass …, daraus kann nur eines folgen: Es ist so wie ich sage!“
- Noch gemeiner: Dem Gegner zum Schein zustimmen. Anschließend seine Thesen und Argumente überhöhen und übertreiben, dabei seine Zustimmung suggestiv provozieren (Kopfnicken reicht) und anschließend die Übertreibung genüsslich widerlegen: „Aber das ist natürlich Quatsch!“ Das schlägt gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Der Gegner steht da wie ein Depp und sein Pulver ist verschossen.
- Genauso wirkt, die These zu bestätigen, aber bezweifeln, dass sie praxistauglich ist: „Auf dem Papier sieht das ja hübsch aus. Aber wie soll das jemals funktionieren?“
- Ein plötzlicher und heftiger Wortschwall verblüfft manche Gegner so sehr, dass sie aus dem Konzept kommen. Die antiken Sophisten empfahlen sogar, statt zu antworten, plötzlich loszulachen, um den Gegner zu verunsichern. Langes, süffisantes Schweigen funktioniert genauso. Hauptsache danach kommt ein Knaller.
Sagt er natürlich nicht, bringt ihn aber in Rage.







Menachem
Gemein .))
Nadia Kittel
Puh, das klingt richtig gemein. Gibt es wirklich Jobs auf dieser Welt, in denen man mit sowas weiterkommt? Ich hoffe nicht. Aber der Beitrag ist wahnsinnig unterhaltsam und ich überlege gerade, an wem ich das mal testen kann: An der besseren Hälfte? Am Chef? An meiner Kollegin? mh…
Zum Thema Bewerber: Es gibt ab und an tatsächlich Kandidaten, die versuchen, sich mit eristischen Ansätzen (klingt schlau, nicht?) zu profilieren. Dazu kann ich nur sagen: Selbstbewusstsein ist eine gute Sache, aber im Vorstellungsgespräch sollte man es nicht übertreiben. Denn zumindest für mich sind Interviews keine rhetorische Kampfarena und Torreros gehe mir auf den Geist. Zum Thema hatten wir übrigens auch schon mal einen Beitrag, wenn ich diese kleine Eigenwerbung hier betreiben darf.
Jochen Mai
@Menachem: Dann empfehle ich noch diese Lektüre:
http://karrierebibel.de/vorsicht-bissiger-mund-anleitung-zum-gemeinsein/
@Nadia: Ich glaube schon, dass man damit kurzfristig weiterkommt. Aber langfristig hinterlässt man nur verbrannte Erde und macht sich viele Feinde. Wenn man ohne Freunde auskommt und vorhat, den Job häufiger zu wechseln, ist das vielleicht ein ein Mittel der Wahl. Ich rate aber nicht dazu. Ich sehe die Erkenntnis darüber eher wie Aikido: Nur zur Verteidigung einsetzen, und nur um einen Fiesling mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.
Frau Hinrichs
Leider alles schon am eigenen Leib erlebt – im Gespräch mit Journalisten.
Gleich mal das Buch von Herrn Schopenhauer auf den Weihnachtswunschzettel setzen…
Jochen Mai
@D. Hinrichs: Ich hoffe, nicht mit mir…
Frau Hinrichs
@Lieber Herr Mai,
nein, niemals mit ihnen! Journalisten wie sie beherrschen ihr Handwerk und kommen auch ohne Eristik an die gewünschten Informationen ;)
Jochen Mai
@D. Hinrichs: Wenn Sie das so sagen, glaube ich schon nicht mehr an die tatsächliche Güte der Informationen…
Frau Hinrichs
Ach Herr Mai ;)
Auf ein gutes 2008!
Haris
Vielen Dank für diesen Artikel. Sehr interessante Informationen. Natürlich etwas “gemein” , aber man wird sowieso immer von irgendjemandem nicht gemocht – selbst wenn man nichts tut oder sagt. Diese Tipps gehören zu einem Teil der Rhetorik und warum sollte man sie nicht anwenden? Schopenhauer muss es ja wissen; er hat auch Baltasar Gracian geliebt.
Ein Beispiel zu Schlagfertigkeit:
Lady Astor sagte einmal zu Churchill: “Wenn Sie mein Mann wären, würde ich Ihren Kaffee vergiften!” – “Wenn Sie meine Frau wären”, antwortete Churchill, “würde ich ihn trinken.”
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aimatsu
Gemein? Ja, aber anscheinend eine Karrierevoraussetzung und gehört es zum Grundrüstzeug eines jeden erfolgreichen Vorgesetzten, Politikers und Rechtsanwalts.