Frechheit: Wie dreist ist erlaubt?

Frechheit, Dreistigkeit, Unverschämtheit oder Respektlosigkeit: Die Anzahl der Synonyme für Frechheit ist groß. Ebenso groß sind die Meinungsverschiedenheiten dazu: Wie frech darf jemand sein? Was gilt überhaupt als frech? Und sind freche Menschen einfach nur clever und alle anderen, die sich brav an die Regeln halten, damit dumm? Oder verhält es sich genau anders herum? Viele kennen vermutlich für das eine oder andere Verhalten Beispiele aus ihrem Umfeld. Ganz so einfach ist es mit der Beantwortung der Frage jedoch nicht. Was Frechheit im Arbeitsleben bedeutet und worauf Sie sich einstellen sollten…

Frechheit: Wie dreist ist erlaubt?

Frechheit oder nicht: Eine Definition

Was für eine bodenlose Frechheit! Formulierungen wie diese lassen bereits vermuten: Da wurde eine Grenze überschritten, und zwar gewaltig. Wir verstehen als Frechheit (englisch = impudence, impertinence) ein Benehmen von Menschen anderen gegenüber, das als unangemessen angesehen wird.

Dabei reicht die Palette der Frechheiten von verbalen Auswüchsen über Gestik bis hin zum Verhalten insgesamt. Häufig geht es darum, dass sich jemand etwas anmaßt, ein Recht herausnimmt, das ihm nicht zusteht.

Dabei kann es sich um ungeschriebene Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders handeln, wenn beispielsweise jemand das weitverbreitete Senioritätsprinzip missachtet. Ebenso fallen Regelverstöße jeder Art darunter, also auch die, bei denen das Gesetz zu wohlwollend für die eigene Sache ausgelegt wird.

Nur wie wird definiert, was angemessen ist? Ausgangspunkt ist meist die eigene Haltung und das eigene Selbstverständnis. Dies entwickelt sich durch gesellschaftliche Normen und Werte. Innerhalb dieses Systems weisen wir uns selbst eine bestimmte Rolle zu.

Dazu gehört beispielsweise, dass Hierarchien entsprechend gewürdigt werden. Unterschiede in der Hierarchie können aufgrund des Alters, des gesellschaftlichen Status oder eines Abhängigkeitsverhältnisses bestehen.

Kinder, die alt genug sind, siezen fremde Erwachsene, promovierte Akademiker haben das Recht, mit ihrem Doktortitel angesprochen zu werden und der Lehrer oder der Chef wird für gewöhnlich ebenfalls gesiezt.

Diese Regeln zu kennen und zu beachten heißt, dass wir uns konform dazu verhalten. Sie zu brechen kann demnach bereits als Frechheit ausgelegt werden, selbst wenn der Bruch an sich nicht gesetzeswidrig ist.

Frechheit wird unterschiedlich bewertet

Wie das Verhalten einer Person bewertet wird, hängt davon ab, wie die vermeintliche Frechheit interpretiert wird. Denn manchmal lässt freches Verhalten den anderen fassungslos zurück, weil gesellschaftliche Konventionen nicht beachtet wurden. Ernstzunehmender Schaden hingegen ist nicht entstanden.

Beispiel: Diebstahl ist verboten. Wenn aber ein Junge vom Baum auf dem Nachbargrundstück Kirschen pflückt, wird das wahrscheinlich als Frechheit, aber nicht gleich als Diebstahl bewertet werden.

Wird diese Geschichte als Schwank aus der Jugend mit einem verschmitzten Lächeln erzählt, so wird wohl eher die Chuzpe des Jungen hervorgehoben.

Ein anderes Beispiel für Verhalten, das häufig Kopfschütteln provoziert: E-Mails von Studenten an Dozenten. Häufig werden die unangemessen formuliert.

Die Absender vergreifen sich im Ton, wenn sie den Dozenten auf dieselbe Hierarchiestufe wie sich selbst stellen. Welche Gründe gibt es für ein freches Verhalten?

  • Abwertung

    In einigen Fällen kann jemand aus einem Unterlegenheitsgefühl heraus andere abwerten wollen. Motto: Du brauchst Dir gar nichts auf deinen Doktortitel einzubilden, du kochst auch nur mit Wasser! In dem Fall findet eine Selbstüberhöhung der eigenen Person statt. Gleichmacherei statt Unterschieden kann eine Flucht vor den eigenen Unzulänglichkeiten sein.

  • Ahnungslosigkeit

    Reine Unwissenheit, wie in einer bestimmten Situation verfahren wird, kann Verhalten bedingen, das von anderen als Frechheit empfunden wird. Bestes Beispiel hierfür: mangelnde interkulturelle Kompetenz.

  • Berechnung

    Wenn sich jemand etwas herausnimmt, kann ihm das unter Umständen einen Vorteil verschaffen. Beispielsweise behauptet er einfach dreist im Vorstellungsgespräch, dass er sich mit bestimmten Bereichen sehr gut auskennt, auch wenn die Erfahrungen vielleicht eher rudimentär sind. Übertreibungen in Anschreiben sind nicht selten, aber riskant. Können die Defizite bis zum fraglichen Einsatz aufgeholt werden, wurde zwar hoch gepokert, aber gewonnen. Wenn nicht, geht die Rechnung nicht auf.

  • Gedankenlosigkeit

    Und dann gibt es Menschen, die etwas unbedarft sind. Sie wissen zwar grob um solche Unterschiede, aber denken im Vorfeld nicht über mögliche Situationen nach, vergessen, wie sie sich zu verhalten haben. Ihnen fehlt unter Umständen völlig das Empfinden dafür, da sie sich nicht mit möglichen Konsequenzen auseinandersetzen.

Bedeutung von Frechheit im Wandel

Was jedoch als frech eingestuft wird, ist einem stetigen Wandel unterworfen. Regeln verschieben sich, Verhalten ändert sich. Oder hätten Sie gewusst, dass noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Kinder ihre Eltern siezten?

Vor diesem Hintergrund könnte man annehmen, dass flapsige Formulierungen in den Mails von Studenten an Professoren nur eine konsequente Weiterentwicklung eines insgesamt lockereren Umgangs sind. Und schließlich macht es ein schwedischer Möbelkonzern (so wie die Schweden insgesamt) seit Jahren erfolgreich vor.

Durch die Bank weg werden die Kunden geduzt, keine Frechheit, keine Anmaßung, sondern schwedisches Lebensgefühl und Gelassenheit soll vermittelt werden. Allerdings beobachten Experten seit einigen Jahren ausgerechnet bei der jüngeren Generation wieder eine verstärkte Rückkehr zum Sie, so dass bei Nichtbeachtung der korrekten Anrede durchaus unangenehme Situationen entstehen können.

Das einzige, was über die Jahrhunderte beziehungsweise Jahrtausende gleich geblieben ist, ist die Klage über die Jugend. Wobei ganz klar gesagt werden muss: Frechheit ist weder ans Alter noch ans Geschlecht gebunden.

Über die Frechheit: Sprüche und Zitate

  • Ist dir noch nicht aufgefallen, wie viel Frechheit durch Unsicherheit zu erklären ist? Kurt Tucholsky
  • Die Jugend ist trotz ihrer Frechheiten schüchterner, das Greisenalter trotz seiner Würde frecher, als man glaubt. Sigmund Graff
  • Dem fehlte nie, der freche Laster übte, die Unverschämtheit, seine Tat zu leugnen. William Shakespeare
  • Eine freche Zunge macht keinen frommen Mann. Sprichwort
  • Wer immer verzeiht, der stärkt die Frechheit. Lucius Caecilius Firmianus Lactantius
  • Die einen werden durch großes Lob schamhaft, die anderen frech. Friedrich Wilhelm Nietzsche
  • Lass dich nicht unterkriegen. Sei frech und wild und wunderbar. Astrid Lindgren

Unverschämtheiten ahnden oder durchwinken?

Stellt sich die Frage: Wie damit umgehen, wenn mir jemand zu frech erscheint? Der Azubi, der mal ganz entspannt auf dem Chefsessel Platz nimmt, während dieser im Urlaub ist, übertritt ganz klar eine Grenze.

Aber wer sagt es ihm? Der Chef selbst kaum, am ehesten andere Azubis auf derselben Hierarchiestufe oder Kollegen von der nächsthöheren. Hier ist der Fall klar. Nicht so klar ist es, wenn es sich bei den Regelbrechern um Fremde handelt und Konsequenzen zu befürchten sind.

2016 unternahm ein Team von Wissenschaftlern der Universität Köln mit Schauspielerinnen zwei Versuche. Im ersten Versuch ließen die engagierten Schauspielerinnen kleinere Abfallgegenstände auf das Bahngleis fallen.

Diejenigen, die das Verhalten beobachteten, drückten ihre Missbilligung durch Kopfschütteln und Hinweise auf den Mülleimer aus – konkrete Rückmeldungen waren insgesamt jedoch wenig. Im zweiten Versuch steigerten die Wissenschaftler das ungehörige Verhalten:

Die Schauspielerinnen leerten nun ganze Mülltüten auf dem Bahnsteig. Auch hier kaum Reaktionen, obwohl der Regelbruch deutlich zu beobachten war und eine größere Dimension angenommen hatte. Man hätte also erwarten können, dass nun die Grenze der Zumutbarkeit überschritten wurde.

Wie kommt es, dass niemand sich lautstark empört? Die Experten kommen in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass die Beobachter sich aus Angst zurückhalten.

Wer derart selbstsicher offensichtlich die Regeln bricht, wird sich bei einer Beschwerde entsprechend heftig wehren. Statt dieses Risiko einzugehen, gucken die Beobachter entweder weg, oder hoffen bei schlimmeren Verstößen die Polizei.

Veränderte Standards und Ansprüche

Veränderte Regeln im Umgang miteinander sind eine Sache. Eine andere sind veränderte Standards. Jemand, der noch von der Pike auf in einem Betrieb gelernt hat, mag es als Frechheit empfinden, wenn ein heutiger Azubi ganz andere Erwartungen hat als er selbst noch vor 30 Jahren.

In der Zwischenzeit sind einige Jahrzehnte vergangen. Das, was früher vielleicht noch überschwängliche Dankbarkeit hervorgerufen hat, wird nun als Selbstverständlichkeit betrachtet – beispielsweise eine bestimmte technische Ausstattung.

Aber es gibt natürlich auch immer Menschen, die sich das nehmen, von dem sie meinen, dass es ihnen zustünde. Etwa der Arbeitnehmer, der sich auf der Arbeit mit Büromaterialien versorgt, da er so einen Ausgleich zu seinem ohnehin als mickrig empfundenen Gehalt schafft.

Und ganz häufig lässt sich beobachten, dass Dreistigkeit siegt. Die Ohnmacht derjenigen, die ein solches Verhalten als Frechheit bewerten und am liebsten sanktioniert sähen, spiegelt sich in dem Spruch wieder:

Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.

Und es ist was dran: Das Unrechtsbewusstsein scheint mit höherem Einkommen zu schrumpfen. Betrogen wird zwar in allen Einkommensklassen, aber das Ausmaß ist ein anderes. Die Kassiererin lässt Pfandbons verschwinden, der Vorstandsvorsitzende eröffnet Schwarzgeldkonten in Übersee.

Anhand solcher Fälle lässt sich das Experiment der Kölner Universität gut nachvollziehen und verstehen, warum manche Leute mit ihrem Verhalten durchkommen: Bevor jemand eine einflussreiche Persönlichkeit eines internationalen Konzerns verpfeift, wird er sich das zweimal durch den Kopf gehen lassen.

Zu groß die Gefahr, dass man sich selbst ein Bein stellt. Solcherlei Überlegungen dürften hingegen bei kleineren Delikten keine Rolle spielen.

[Bildnachweis: traveliving Shutterstock.com]
23. August 2018 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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