Gefühlskälte: Definition, Selbsttest und Tipps gegen Alexithymie

Gefühlskälte betrifft etwa zehn Prozent aller Menschen in Deutschland. Sie wirken auf andere Personen kühl, distanziert und emotionslos. Es ist ihnen unmöglich, die eigenen Gefühle oder die anderer adäquat wahrzunehmen und zu verbalisieren. Das hat Konsequenzen für die Zusammenarbeit und das Zusammenleben. Wie sich Gefühlskälte äußert und was Betroffene tun können, erfahren Sie hier…

Gefühlskälte: Definition, Selbsttest und Tipps gegen Alexithymie

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Was ist Gefühlskälte?

Der Begriff Gefühlskälte beschreibt das Unvermögen einer Person, sich in andere hineinzuversetzen. Bereits Anfang der siebziger Jahre prägten die amerikanischen Psychologen John Case Nemiah und Peter Emanuel Sifneos dafür den Fachbegriff „Alexithymie“. Es handelt sich dabei um ein griechisches Kunstwort, übersetzt bedeutet es: „Unfähigkeit, Gefühle zu lesen und auszudrücken“.

Das Konzept der Alexithymie oder auch Gefühlsblindheit (manchmal auch: Gefühlslegasthenie) bezieht sich sowohl auf die Person selbst als auch auf ihren Umgang mit anderen. Das heißt, der Betroffene kann seine eigenen Gefühle nicht erkennen oder einordnen. Es fehlt oft das Vokabular und Ausdrucksvermögen und mangelt schlicht an emotionaler Intelligenz. Dieser Mangel zeigt sich auch im Umgang mit Außenstehenden, weshalb jene Menschen auf andere gefühlskalt wirken.

Wie äußert sich Gefühlskälte?

In der Regel können diese Personen ihre Beschwerden nicht mit Gefühlen ausdrücken. Beispielsweise würde eine gefühlsblinde Person nie sagen, dass sie nervös sei. Stattdessen käme eine typische Beschreibung der körperlichen Symptome, etwa: Kribbeln in der Magengegend, vermehrter Harndrang. Auch auf die Frage „Wie geht es dir“ wissen Betroffene meist keine passende Erwiderung, weshalb sie oft kurz und knapp antworten.

Gefühlskälte bewirkt, dass Betroffene ihre Emotionen nur schwer differenzieren können. Daher fällt die Abgrenzung und Unterscheidung zu anderen Emotionen schwer. Das wiederum bewirkt, dass gefühlskalte Menschen sich losgelöst von sich und ihren eigenen Emotionen empfinden. Das kann zu Missverständnissen führen. Und es erschwert den Kontakt zu anderen Menschen: Wer mit den Emotionen anderer nichts anfangen kann, fühlt sich angesichts von Emotionen schnell überfordert und meidet enge Beziehungen nach Möglichkeit.

Jobsuche und Partnersuche scheitern daran, dass selbst grundlegende Prinzipien des menschlichen Miteinanders fehlen. Und natürlich wirkt sich das zusätzlich auf die Lebenszufriedenheit aus: Andere meiden den Eigenbrötler. Das erschwert sowohl wichtige soziale Kontakte als auch berufliches Vorankommen.

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Ursachen von Alexithymie

Die Gelehrten sind uneins darüber, ob es sich dabei um ein Persönlichkeitsmerkmal oder eine Störung handelt. Tatsache ist, dass Gefühlskälte bisher nicht als Krankheit gilt. Sie tritt allerdings häufig im Zusammenhang mit bestimmten Erkrankungen auf.

Nemiah und Sifneos entdeckten die Gefühlskälte bei Menschen mit psychosomatischen Beschwerden. Bluthochdruck, Darmerkrankungen, Schlafstörungen aber auch Rückenschmerzen (PDF) und Migräne kamen häufig vor. Viele dieser Menschen haben sehr wohl Gefühle – können sie aber nicht verbalisieren. Stattdessen versuchen sie diese teilweise durch Suchtverhalten (Essattacken, Drogenkonsum, abnorme Sexualität) zu kanalisieren. Als Ursache für Gefühlsblindheit kommen verschiedene Umstände infrage.

  • Drogen: Zum einen gibt es Anzeichen für die schädliche Wirkung durch Drogenmissbrauch bei gefühlskalten Menschen.
  • Erziehung: Zum anderen scheinen Kindheitserfahrungen wahrscheinlich: Wer als Kind infolge emotionaler Vernachlässigung nie gelernt hat, Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken, entwickelt mit großer Sicherheit Gefühlskälte.
  • Traumata: Auch andere traumatische Erlebnisse schließt man als Ursache nicht aus.
  • Krankheiten: Hinzu kommt, dass Gefühlsblindheit mit Erkrankungen wie Asperger, Burnout und Depressionen korreliert: Oft beschreiben Personen eine innere Leere. Auch beobachten Forscher einen Zusammenhang zwischen Angststörungen und Alexithymie.
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Gefühlskälte Test: Sind Sie gefühlsblind?

Wer sich nun fragt, ob er oder sie an Gefühlsblindheit leidet, kann diesen kurzen Selbsttest machen. Überprüfen Sie folgende Aussagen:

  • Ihren eigenen Zustand beschreiben Sie auf Nachfrage mit gut oder schlecht.
  • Eine nuancierte Ausdrucksweise bei Gefühlen ist Ihnen unmöglich.
  • Sie hören häufiger, dass andere Sie als unzugänglich, unterkühlt und kalt wahrnehmen.
  • Wenn jemand in Ihrer Gegenwart in Tränen ausbricht, ist Ihnen das vor allem unangenehm. Sie möchten flüchten.
  • Sie haben nicht sehr viele Freunde.
  • Von sich aus würden Sie niemals über Gefühle reden.
  • Körperliche Nähe empfinden Sie als notwendiges Übel und weniger als Freude.
  • Familie, Freunde und Kollegen fühlen sich oft unverstanden von Ihnen.
  • Sie machen einen hohen Bogen um Leute, die in irgendeiner Form hilfebedürftig erscheinen.
  • Es fällt Ihnen schwer, neue Beziehungen einzugehen, soziale Kontakte zu knüpfen.

Natürlich kann dieser Selbsttest keine ärztliche oder psychologische Beratung ersetzen. Sollten Sie allerdings die Hälfte der Fragen mit „ja“ beantworten können, ist das ein Indiz für Gefühlskälte.

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Das können Sie gegen Gefühlskälte tun

Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es bei Gefühlskälte? Das hängt einerseits von der Ausprägung und andererseits vom Leidensdruck ab. Oft nimmt jemand eine andere Person als gefühlskalt wahr, dabei ist diese lediglich rational und geht sehr analytisch denkend vor. Aber nicht jeder, der nicht sein Herz auf der Zunge trägt, ist auch gleichzeitig gefühlskalt. Verwechslungsgefahr besteht daher auch bei introvertierten Menschen. Es ist aber ein Unterschied, ob sich jemand anderen gegenüber nicht öffnen möchte oder nicht kann, weil er es nie gelernt hat.

Auch wenn es seit einigen Jahren gesellschaftliche Veränderungen gibt: Häufig sind besonders Männer davon betroffen. Das hängt damit zusammen, dass lange Zeit das Ideal des starken Mannes gepredigt wurde. Emotionen als Zeichen der Schwäche waren verpönt. Davon sollten Sie sich allerdings nicht entmutigen lassen. Mit diesen Tipps packen Sie das Problem an:

1. Setzen Sie sich mit dem Problem auseinander

Im Kontakt mit anderen Menschen ecken Sie immer wieder an und kommen nicht weiter? Dann ist Problemanalyse gefragt. Sich eigene Defizite im Umgang mit anderen Menschen und den eigenen Gefühlen einzugestehen, erfordert Selbstkritik und Mut.

2. Schauen Sie sich nach empathischen Menschen um

Problem erkannt, Gefahr gebannt? Fast. Wenn Sie zu denjenigen Menschen gehören, bei denen die Gefühlskälte eher gering ausgeprägt ist, dann fehlt es Ihnen vor allem an Übung: Sie müssen quasi die typischen Vokabeln lernen, mit denen Sie bestimmten Gefühle bezeichnen. Dafür sollten Sie vor allem viel Zeit mit anderen Menschen verbringen, vorzugsweise solchen, die viel Empathie besitzen. Mitfühlende Menschen verhalten sich anders im Umgang mit ihren Mitmenschen als solche, die eher durch egoistisches Handeln auffallen. Durch Menschen mit Vorbildfunktion können Sie ein besseres Verständnis für die eigenen Gefühle erlangen als auch für die anderer Personen.

3. Suchen Sie nach einem Therapeuten

Ist die Gefühlskälte bereits stark ausgeprägt, hilft meist nur eine Therapie. Die empfiehlt sich ohnehin, wenn Sie unter oben genannten gesundheitlichen Beschwerden leiden, ohne dass sich dafür eine organische Ursache finden lässt. Noch sind die Forschungen zu Gefühlskälte nicht sonderlich fortgeschritten. Experten schätzen aber die kognitive Verhaltenstherapie und Gruppentherapien als vielversprechend ein. Hier lernen Menschen Mentalisierung: Anhand von Überzeugungen, Gefühlen, Einstellungen und Wünschen reflektieren sie ihr Verhalten.

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[Bildnachweis: Elena Abrazhevich by Shutterstock.com]

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