Wahrnehmungsstörung: Symptome, Ursachen + Beispiele

Über unsere Sinne nehmen wir die Umwelt wahr – doch entscheidend ist, was das Gehirn aus diesen Informationen macht. Bei einer Wahrnehmungsstörung werden Sinnesreize nicht richtig verarbeitet, geordnet oder miteinander verknüpft. Wir erklären typische Symptome und Beispiele bei Kindern und Erwachsenen, mögliche Ursachen sowie Diagnose und Behandlung…

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Was ist eine Wahrnehmungsstörung?

Eine Wahrnehmungsstörung liegt vor, wenn Sinnesreize im zentralen Nervensystem nicht richtig verarbeitet werden. Betroffen sein können unter anderem Hören, Sehen, Fühlen, Bewegung oder räumliche Orientierung. Die Sinnesorgane selbst können dabei vollkommen intakt sein. Ein Mensch kann zum Beispiel normal hören, aber Schwierigkeiten haben, ähnlich klingende Sprachlaute auseinanderzuhalten oder Sprache bei starken Hintergrundgeräuschen zu verstehen.

Entscheidend ist die Verarbeitung: Das Gehirn muss eintreffende Informationen erkennen, ordnen, miteinander verbinden und angemessen darauf reagieren. Störungen können an unterschiedlichen Stellen dieses Prozesses auftreten. Eine klassische Einteilung unterscheidet modalitätsspezifische, intermodale und seriale Wahrnehmungsstörungen.

Wahrnehmungsstörung oder Wahrnehmungsfehler?

Eine Wahrnehmungsstörung ist nicht dasselbe wie ein Wahrnehmungsfehler. Wahrnehmungsfehler sind psychologische Verzerrungen bei der Auswahl, Interpretation oder Bewertung von Informationen. Auch die selektive Wahrnehmung ist grundsätzlich normal und hilft dem Gehirn, wichtige Reize herauszufiltern. Eine Wahrnehmungsstörung betrifft dagegen die Verarbeitung oder Verknüpfung sensorischer Informationen.

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Wahrnehmungsstörungen Arten

Je nachdem, welcher Verarbeitungsschritt betroffen ist, lassen sich drei grundlegende Formen unterscheiden:

Art

Bedeutung

Modalitätsspezifisch Die Verarbeitung eines einzelnen Wahrnehmungsbereichs wie Hören, Sehen oder Fühlen ist beeinträchtigt.
Intermodal Informationen verschiedener Sinnesbereiche können nicht ausreichend miteinander verbunden werden.
Serial Räumliche oder zeitliche Abfolgen von Reizen werden nur schwer erkannt, gespeichert oder richtig umgesetzt.

In der Praxis treten diese Formen nicht immer isoliert auf. Mehrere Wahrnehmungsbereiche können gleichzeitig betroffen sein.

Wahrnehmungsstörung Symptome und Beispiele

Die Symptome hängen davon ab, welche Sinnesinformationen betroffen sind und wie stark die Verarbeitung beeinträchtigt ist. Entsprechend unterschiedlich können Wahrnehmungsstörungen im Alltag aussehen:

Auditive Wahrnehmungsstörung

Bei einer auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) ist das eigentliche Hörvermögen grundsätzlich intakt, zentrale Hörprozesse sind jedoch beeinträchtigt. Betroffene können beispielsweise ähnlich klingende Laute schlecht unterscheiden, Sprache bei Umgebungslärm schwer verstehen oder Probleme beim Richtungshören haben. Gerade bei Kindern können dadurch Verständigungs-, Lern- und Schulprobleme entstehen.

Visuelle Wahrnehmungsstörung

Hier bereitet nicht zwangsläufig das Sehen selbst Schwierigkeiten, sondern die Verarbeitung visueller Informationen. Betroffene können beispielsweise Formen schlecht unterscheiden, Gegenstände in einem unruhigen Hintergrund schwer erkennen oder räumliche Beziehungen falsch einschätzen. Bei Kindern können solche Schwierigkeiten unter anderem beim Lesen, Schreiben, Zeichnen oder Abschreiben auffallen.

Taktile Wahrnehmungsstörung

Eine taktile Wahrnehmungsstörung betrifft die Verarbeitung von Berührungs- und Körperreizen. Manche Menschen reagieren ungewöhnlich empfindlich auf Berührungen, Kleidungsstoffe oder bestimmte Oberflächen, andere nehmen entsprechende Reize weniger deutlich wahr. Auch die Körperwahrnehmung und Feinmotorik können beeinträchtigt sein.

Visu-konstruktive Wahrnehmungsstörung

Bei visu-konstruktiven Störungen fällt es schwer, visuelle und räumliche Informationen in eine passende Handlung umzusetzen. Probleme können beispielsweise beim Zeichnen, Bauen, Anziehen oder bei gezielten Bewegungen auftreten. Betroffene verlieren leichter die räumliche Orientierung oder können Gesehenes nicht ausreichend in Bewegungsabläufe übertragen.

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Woran erkennt man eine Wahrnehmungsstörung?

Ein einzelnes Merkmal reicht für eine Diagnose nicht aus. Auffällig wird eine Wahrnehmungsstörung eher durch wiederkehrende Schwierigkeiten, die deutlich über gelegentliche Konzentrations- oder Flüchtigkeitsfehler hinausgehen. Typische Hinweise können sein:

  • Sprache wird trotz normalen Hörvermögens häufig falsch verstanden.
  • Laute, Formen oder räumliche Beziehungen werden schwer unterschieden.
  • Geräusche, Berührungen oder andere Reize lösen ungewöhnlich starke Reaktionen aus.
  • Bewegungsabläufe und räumliche Orientierung bereiten große Schwierigkeiten.
  • Mehrere Sinneseindrücke lassen sich schlecht miteinander verbinden.
  • Handlungsschritte werden häufig in die falsche Reihenfolge gebracht.
  • Viele gleichzeitige Reize führen schnell zu Überforderung.

Solche Auffälligkeiten sind nicht spezifisch. Seh- oder Hörprobleme, neurologische Erkrankungen sowie Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Konzentration können teilweise ähnlich wirken. Eine Selbstdiagnose ist deshalb nicht zuverlässig.

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Wahrnehmungsstörungen bei Kindern

Bei Kindern werden Wahrnehmungsprobleme häufig beim Spielen, Lernen oder im Schulalltag sichtbar. Sie können Schwierigkeiten haben, mündliche Anweisungen zu verstehen, sich Bewegungsabläufe zu merken, Buchstaben zu unterscheiden oder ihren Körper im Raum zu koordinieren. Auch scheinbares Fehlverhalten kann eine Folge der Überforderung sein. Ein Kind, das eine Anweisung mehrfach nicht ausführt, muss diese nicht absichtlich ignorieren. Vielleicht konnte es die sprachlichen Informationen nicht vollständig verarbeiten.

Deshalb sollten Auffälligkeiten nicht vorschnell als Unaufmerksamkeit oder mangelnde Anstrengung bewertet werden. Gerade AVWS-Symptome können Ähnlichkeiten mit Aufmerksamkeitsproblemen zeigen. Amplifon weist ebenfalls darauf hin, dass entsprechende Beschwerden mit ADS beziehungsweise ADHS verwechselt werden können. Bestehen Probleme dauerhaft und beeinträchtigen Entwicklung, Schule oder Alltag deutlich, ist eine fachliche Abklärung sinnvoll.

Wahrnehmungsstörungen bei Erwachsenen

Wahrnehmungsstörungen können bis ins Erwachsenenalter fortbestehen oder erst später entstehen. Erworbene Störungen sind beispielsweise nach Erkrankungen oder Schädigungen des zentralen Nervensystems möglich. Im Alltag zeigen sich dann unter anderem Probleme beim Verstehen, Orientieren, Koordinieren oder Verarbeiten komplexer Situationen. Auch im Berufsleben können Schwierigkeiten auffallen, wenn zahlreiche akustische oder visuelle Informationen gleichzeitig verarbeitet werden müssen.

Plötzlich auftretende Wahrnehmungsveränderungen sind dagegen ein Warnsignal: Treten zusätzlich Sprachstörungen, Lähmungserscheinungen, Bewusstseinsveränderungen oder starke ungewohnte Kopfschmerzen auf, sollten Betroffene umgehend medizinische Hilfe suchen.

Welche Ursachen haben Wahrnehmungsstörungen?

Für den Oberbegriff „Wahrnehmungsstörung“ gibt es keine einheitliche Ursache. Die möglichen Auslöser unterscheiden sich je nach betroffenem Wahrnehmungsbereich und Störungsbild. Dazu können gehören:

  • Entwicklungsbedingte Faktoren

    Manche Verarbeitungsprobleme treten bereits während der kindlichen Entwicklung auf.

  • Neurologische Erkrankungen

    Veränderungen des Nervensystems können die Verarbeitung von Sinnesinformationen beeinflussen.

  • Hirnschädigungen

    Verletzungen, Durchblutungsstörungen oder Schlaganfälle können erworbene Störungen verursachen.

  • Prä- und perinatale Einflüsse

    Bei einzelnen Störungsbildern werden Faktoren während Schwangerschaft und Geburt als mögliche Ursachen diskutiert.

  • Alkohol und Drogen

    Bewusstseinsverändernde bzw. neurotoxische Substanzen können Wahrnehmungsprozesse vorübergehend oder dauerhaft beeinträchtigen.

Bei vielen konkreten Wahrnehmungsstörungen ist die Ursache komplex oder nicht abschließend geklärt. Für eine AVWS werden etwa unterschiedliche neurophysiologische und entwicklungsbezogene Faktoren diskutiert. Pauschale Erklärungen greifen deshalb zu kurz.

Wie wird eine Wahrnehmungsstörung diagnostiziert?

Eine zuverlässige Diagnose erfordert eine fachliche Untersuchung. Welche Tests sinnvoll sind, hängt von den Beschwerden ab. Zunächst müssen andere Ursachen ausgeschlossen werden. Bei vermuteter AVWS wird zum Beispiel geprüft, ob das periphere Gehör normal funktioniert. Danach können spezielle Untersuchungen zentraler Hörfunktionen folgen. Bei visuellen, motorischen oder neurologischen Beschwerden kommen wiederum andere Untersuchungsverfahren zum Einsatz.

Diagnostik bedeutet deshalb immer auch Abgrenzung. Nicht jede Schwierigkeit beim Zuhören ist eine auditive Wahrnehmungsstörung und nicht jedes Problem beim Schreiben eine visuelle Verarbeitungsstörung. Je nach Beschwerden können Kinderärzte, HNO- beziehungsweise Pädaudiologie, Augenheilkunde, Neurologie, Psychologie, Logopädie oder Ergotherapie an der Abklärung beteiligt sein.

Wie werden Wahrnehmungsstörungen behandelt?

Die Behandlung richtet sich nach Art, Ursache, Alter und individueller Beeinträchtigung. Eine allgemeine Therapie für sämtliche Wahrnehmungsstörungen gibt es nicht. Je nach Befund können logopädische, ergotherapeutische, audiologische, neuropsychologische oder andere therapeutische Maßnahmen sinnvoll sein. Bei Kindern können zusätzlich Veränderungen im Lernumfeld helfen – zum Beispiel weniger störende Hintergrundgeräusche bei Schwierigkeiten mit der auditiven Verarbeitung.

Ziel ist nicht immer die „Heilung“ einer Störung. Je nach Ursache geht es ebenso darum, betroffene Fähigkeiten gezielt zu trainieren, geeignete Kompensationsstrategien zu entwickeln und Belastungen im Alltag zu reduzieren. Entsprechend lässt sich auch die Prognose nicht pauschal beantworten. Sie hängt immer vom konkreten Befund ab.

Wahrnehmungsstörung Test: Kann ich mich selbst testen?

Mit einem einfachen Online-Test lässt sich keine Wahrnehmungsstörung diagnostizieren. Fachliche Tests prüfen gezielt bestimmte Wahrnehmungsleistungen und müssen im Zusammenhang mit weiteren Untersuchungen bewertet werden. Sie können aber selbst erleben, wie anspruchsvoll die Verarbeitung widersprüchlicher Informationen für das Gehirn sein kann. Ein bekanntes Beispiel ist der Stroop-Effekt.

Probieren Sie es aus: Nennen Sie möglichst schnell die Farben, in denen die folgenden Wörter geschrieben sind. Lesen Sie nicht die Wörter selbst vor:

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Wahrscheinlich kostet die Aufgabe mehr Konzentration als erwartet. Das Lesen ist bei geübten Lesern stark automatisiert. Gleichzeitig sollen Sie bewusst die Schriftfarbe benennen. Stimmen Wort und Farbe nicht überein, konkurrieren beide Informationen miteinander. Der Stroop-Effekt ist allerdings keine echte Wahrnehmungsstörung. Der Versuch demonstriert vielmehr einen Interferenzkonflikt bei der Informationsverarbeitung und wird auch in Konzentrations- und Aufmerksamkeitstests eingesetzt.

Kann Stress die Wahrnehmung stören?

Starker Stress, Angst, Schlafmangel oder Erschöpfung können Aufmerksamkeit und Wahrnehmung vorübergehend verändern. Das ist jedoch nicht automatisch eine medizinische Wahrnehmungsstörung. Treten ungewöhnliche Veränderungen plötzlich, stark oder über längere Zeit auf, sollten die Ursachen professionell abgeklärt werden.



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