Ein Gastbeitrag von Heiner Reinke-Dieker

[caption id="attachment_49629" align="alignright" width="300"] IVY PHOTOS/shutterstock.com IVY PHOTOS/shutterstock.com[/caption]Jeder Berufsanfänger hat das Bedürfnis, sich möglichst schnell mit seinen Fähigkeiten zu beweisen. Noch mehr besteht dieser Druck für Praktikanten, deren Chance nur darin besteht, im neuen Umfeld positiv auf sich aufmerksam zu machen. Auf sich aufmerksam macht aber niemand, der still und höflich Anforderungen umsetzt und bemüht ist, es sich mit niemandem zu verscherzen. Unternehmen und Institutionen sind ja ausdrücklich auf der Suche nach Nachwuchskräften, die initiativ sind, eigene Ideen einbringen und diese auch gegen Einwände verteidigen können. Gesucht wird also eine aufrichtige, starke Persönlichkeit. So weit die Theorie. Die Praxis zeigt sich oft in der Abhängigkeit von Mentoren, Ausbildern oder Vorgesetzten, die sehr stolz zum bestehenden, zu ihrem System halten, sich jede Infragestellung, jede Kritik von Außenstehenden verbitten und Praktikanten ohnehin eher wie störendes Beiwerk sehen. Und wenn deren Urteil über Sie erst einmal lautet: naiv, inkompetent oder gar frech, dann können Sie das an anderer Stelle kaum wett machen...

Das Phänomen der Rigidität

Berufsanfänger tun daher gut daran, sich mit dem Phänomen der Rigidität zu befassen.

Rigidität ist mehr als eine normale Voreingenommenheit und Parteilichkeit, sondern eine Starrheit in Ansichten und Stellungsnahmen, die auf emotionalen Bedürfnissen beruht.

In der Regel sind es Ängste, die überdeckt und verdrängt werden, um sich das Gefühl von Sicherheit zu verschaffen. Es ist ein unbewusstes Nichthinsehen. Dann gilt nur die eigene Sicht, und alles Irritierende, Widersprechende muss in Frage gestellt, wenn nicht bekämpft werden.

Es ist klar, dass zurückliegender Erfolg diese Haltung von Selbsttäuschung begünstigt und dass unter Stress der Tunnelblick noch enger und radikaler ausfällt. Wenn Sie nun auf einen derartig rigide auftretenden Verteidiger des Status-Quo stoßen, dann stecken Sie in der Zwickmühle:

  • Anpassung heißt Verzicht auf die eigene Profilierung,
  • Widersprüchlichkeit aber schafft einen Gegner, der leicht die weitere Zukunft verbauen kann.

Wichtig für Sie ist daher, dass Sie sich keine Illusionen machen und vor allem nicht glauben, Sie bräuchten nur noch bessere Argumente. Rigidität ist die Unzugänglichkeit gegenüber sachlichen Argumenten.

Rigidität ist Emotion, und es hat dann einfach keinen Zweck, zu debattieren und Fakten anzuführen. Ihre Unbelehrbarkeit gilt dann im Gegenteil als Beweis Ihrer Gegnerschaft, oder schlimmer noch für Inkompetenz.

Wenn Sie die eigenen Möglichkeiten in der Situation mit einem rigiden Gegenüber abschätzen möchten, dann hilft das Bild der Beratersituation gegenüber einem Unternehmen:

Sie stehen dann außerhalb des Systems und können es direkt nicht beeinflussen, obwohl Sie den doppelbödigen Auftrag haben "Wasch mich, aber mach mich nicht nass." Sie können allenfalls Widersprüche des Systems aufgreifen und vorhandene Entwicklungen in die eine oder andere Richtung verstärken. Aber zunächst müssen Sie als Gesprächspartner angenommen werden.

Der erste Schritt ist immer der Aufbau von Vertrauen und Akzeptanz.

Dabei hilft Ihnen das offensichtliche Bedürfnis nach Bestätigung. Rigide Personen haben ein immenses Bedürfnis nach Selbstbestätigung, lassen Sie sich nicht von einer äußerliche Ruhe und Gelassenheit täuschen. Sie gewinnen an Akzeptanz durch viel Zustimmung und Lob, durch Interesse an Erfolgen, Stärken und Historie.

Wenn Sie nun auf Unvollkommenheiten oder deutliche Probleme im System stoßen, dann besteht die Chance, mit eigenen Ideen Verbesserungsanstöße einzubringen. Aber Vorsicht! Ein Anstoß kann immer auch weh tun, beschränken Sie sich lieber auf ein Angebot mit einer "etwas anderen" oder "weitergehenden" Sichtweise.

Ihre Gesprächsstrategie sollte sein:

  • Interesse zeigen: "Wie sehen Sie die Situation?"
  • Bestätigung geben: "Ja, Sie haben recht, so ist es."
  • Angebot machen: "Es gibt da noch etwas anderes..."
  • Nach Aufforderung informieren: "Die andere Sichtweise, eine Idee ist..."
  • Neutral bleiben: "Sie können am besten beurteilen..."

Wenn alles gut geht, wird Ihr Gegenüber eine neue Sichtweise und damit eine Idee zum alternativen Vorgehen gewinnen.

Aber seien Sie nun nicht enttäuscht: Bei einem Rigiden wird das zumeist zu seiner eigenen Idee. Er wird Sie womöglich als Katalysator anerkennen, der den Erkenntnisprozess unterstützt hat, aber es ist nun einmal sein Können, seine Klugheit, sein Erfolg.

Es ist Ihre Stärke, aus dieser Situation keinen Wettstreit zu machen, nicht aufzutrumpfen, sondern im Gegenteil auch Anerkennung für die Ihnen doch eigentlich gestohlene Idee auszusprechen. Ihre Zukunft hängt vor allem davon ab, beim Gegenüber Wohlwollen zu erreichen.

Sie müssen nicht besser sein wollen, sondern deutlich machen, dass Sie in ein relativ festgefügtes System hineinpassen, dass Sie als angenehme Bereicherung gesehen werden können. Und wenn Sie meinen, das sei ein Zuviel an Selbstverleugnung, nehmen Sie die Rigidität (für sich, im Stillen) wie eine Form von Geisteskrankheit. Wenn Sie erreichen konnten, was möglich ist, dann ist es Ihre Stärke und ein erster Schritt.

Über den Autor

Heiner Reinke-DiekerDr. Heiner Reinke-Dieker ist Diplom-Sozialpädagoge (FH) und systemischer Berater. Seit über 30 Jahren ist ist er als Methodenlehrer, Trainer und Coach von Führungskräften tätig. Er ist Autor von drei Büchern - unter anderem "Vorsicht! Rigidität", das im Herbst 2014 erschienen ist.