Gute Umgangsformen (pdf) sind nichts, was man im Bedarfsfall zückt. Stil hat man oder nicht. Und wer beruflichen Erfolg anstrebt, braucht gute Manieren.

Wie ich darauf komme? Pragmatisch betrachtet, sind Benimmregeln vor allem eines: eine ökonomische Notwendigkeit. Aus Sicht des Einzelnen, um aufzusteigen, einen Job zu bekommen, oder ihn zu behalten. Denn je stärker sich Bewerber in ihrer fachlichen Qualifikation angleichen, desto mehr geben gute Umgangsformen den Ausschlag. Aus Sicht der Unternehmen, um sich im Vertrieb oder Service von der Konkurrenz abzuheben. Schließlich gilt: Wer sich rücksichtsvoll, kultiviert und offen im Vorstellungsgespräch zeigt, ist auch hinterher im Job und gegenüber Kunden kein Egomane. In einer Umfrage unter 600 Führungskräften sahen 87 Prozent der Manager einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen persönlichem Erfolg und gutem Benehmen. Fast drei Viertel waren der Ansicht, dass gute Umgangsformen Geschäftsergebnisse positiv beeinflussen.

Etikette funktioniert wie ein Rettungsring: Für den Moment verhindern sie den gesellschaftlichen Untergang. Stilsicher wird aber erst, wer das Prinzip dahinter versteht – Respekt und Toleranz. Auch dem prominentesten Benimmregulierer, Adolph Freiherr Knigge, ging es darum, den anderen in seinem Anderssein zu respektieren und ihn nie das Gesicht verlieren zu lassen sowie eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. „Gutes Benehmen ist eine Haltung“, sagt auch Moritz Freiherr Knigge, Nachfahr des Haltungspatrons. Recht hat es. In der kommenden Woche möchte ich mich diesem Thema intensiver widmen und die wichtigsten Etikette-Regeln in einer Serie zusammentragen. Natürlich sind dies keine Gesetze, sondern Konventionen. Man muss sich nicht sklavisch daran halten. Wer aber dagegen verstößt, sollte wenigstens merken, dass er das tut und sich bewusst dazu entscheiden. Nur so entsteht letztlich Parkettsicherheit. Heute also…

Die wichtigsten Knigge-Regeln fürs Büro:

Ausdruck. Flapsiger Schnöseljargon ist in Bewerbungsgesprächen generell ein K.o.-Kriterium: Wer sich nicht gewählt und präzise ausdrückt, nicht in ganzen, geraden Sätzen spricht, kann den Job vergessen. Eine angepasste, stilvolle Sprache ist vielleicht die wichtigste Etiketteregel überhaupt: Wer sich verbal auf die Situation und sein Gegenüber einstellen kann, betont soziale Kompetenz, stellt emotionale Nähe sowie Vertrauen her. Kraftausdrücke, Slang, Modesprache, Dialekte gehören deshalb in die Freizeit. Wenn überhaupt.

Begrüßen. Sind Sie Chef? Dann kann Ihnen keiner die Hand reichen, das darf nur der Ranghöhere. Ein kurzer, fester Druck von maximal zwei Sekunden ist genau richtig. Ähnliches gilt für einen einfachen Gruß. Begegnet man etwa dem Chef im Aufzug, wird der zuerst begrüßt – egal, ob Mann oder Frau; egal, ob er hereinkommt oder man selber. Es zählt allein die Hierarchie. Bei Geschäftsessen hingegen wird zuerst der Gast begrüßt, danach der Ranghöchste, und so weiter. Nur im Privaten ist diese Regel aufgehoben: Hier grüßt immer der, der dazukommt oder den anderen zuerst sieht.

Duzen. Das „Du“ darf nur der Ranghöhere anbieten, nicht zwingend der Ältere. Und es darf auch abgelehnt werden, allerdings mit einer charmanten Begründung. Bekommen Sie von einem Vorgesetzten auf einer Feier zu fortgeschrittener Stunde und unter Alkoholeinfluss das Du angeboten, halten Sie sich am nächsten Morgen mit der neuen Anrede zurück! Sprechen Sie den Vorgesetzten besser per Sie an. Sollte er darauf verweisen, Sie hätten sich doch auf “Du” geeinigt, können Sie bedenkenlos umschalten. Im angelsächsischen Raum werden Geschäftspartner oft mit dem Vornamen angesprochen. Um bei internationalen Verhandlungen parkettsicher zu erscheinen, sollten Sie sich im Vorfeld also mit ihrem Chef oder Kollegen auf ein temporäres „Du“ verständigen. Selbstverständlich kehren Sie nach der Besprechung zum „Sie“ zurück.

Smalltalk. Vor allem international ist das lockere Parlieren Geschäftsgrundlage. Wer sich unverbindlich austauscht, lernt sich kennen, betont Gemeinsamkeiten, schafft eine gute Atmosphäre. Das ist das ganze Geheimnis und zugleich die hohe Kunst des Smalltalk. Ein Einstieg können Gespräche rund um den Ort sein, an dem man sich trifft. Alternativ eignen sich auch der Anlass, das Essen, die Qualität der Redner. Alle Bemerkungen müssen stets positiv sein! Kritik ist tabu, selbst wenn sie Dritte betrifft, denn das entzweit. Gerade zu heikles Terrain sind politische, religiöse und andere weltanschauliche Diskussionen sowie Gespräche über Krankheiten, Gebrechen und Tod. Meiden!

Privatsphäre. Wer ins Büro eines Kollegen oder Mitarbeiters stürmt, den Stuhl zu sich heranzieht, sich hinsetzt und lospoltert, verletzt dessen Territorium und riskiert atmosphärische Störungen. Auch im Unternehmen gibt es Schutz-, beziehungsweise Distanzzonen. Egal, ob Chef oder Kollege – Schliff beweist, wer zuerst anklopft; fragt, ob er stört; dann eintritt oder einen späteren Termin anbietet. Beim Plausch auf dem Flur oder im Meeting empfinden Menschen eine Distanz von 60 Zentimetern als Intimzone – sie bleibt engen Freunden vorbehalten. Ein Meter ist nahe genug für Geschäftsdialoge, ein bis zwei Meter in Gruppen. Wer Vertrauen herstellen will, erreicht das besser, indem er Körperhaltung, Sprechweise und Wortwahl angleicht.

Pünktlichkeit. Höfliche Menschen sind pünktlich. Auch Chefs, die ihren Rang gerne mal damit dokumentieren, dass alle anderen auf sie warten müssen. Reines Machtgehabe – und stillos.

Telefon. Wird in Benimmfragen häufig vergessen, ist eines der wichtigsten Kommunikationsmedien überhaupt. Die Grundregeln: Wer anruft, grüßt und stellt sich vor; wer angerufen wird, meldet sich mit Nachnamen oder mit Vor- und Nachnamen, nicht aber in der dritten Person mit „Hier ist Herr Müller…“. Die meisten Fauxpas passieren heute jedoch mit dem Mobiltelefon: Brüllend laute, obszöne und pseudo-witzige Klingeltöne manövrieren jeden Angerufenen ins Aus. Diskreter ist der Vibrationsalarm – erst recht in Meetings. Und wer schon an öffentlichen Orten, etwa in der Bahn oder in der Kantine parliert, spricht leise und nennt keine Namen! Man weiß nie, wer mithört.

Visitenkarten. Werden auf keinen Fall ungelesen weggesteckt. Besser: Drei Sekunden überfliegen und auf eventuell vorhandene Titel achten, die mündlich nicht vorgestellt wurden. Erwähnen! Das schmeichelt jedem. Bei einem Meeting übergibt der Besucher als Erster seine Karte – in Gruppen erhält sie zuerst der Ranghöchste. Ist eine Hierarchie nicht erkennbar, werden die Karten der Reihe nach verteilt, beginnend mit der Ihnen nächsten Person.