Bescheidenheit: Ein sympathischer Karrierekiller?

Bescheidenheit gilt als positive Charaktereigenschaft. Angeber oder Selbstdarsteller mag niemand. Bescheidene und genügsame Menschen gelten hingegen als sympathisch und umgänglich. Doch gilt das auch im Job? Hier setzen sich oft die frechen, selbstbewussten Typen, teils sogar Blender durch. Die Vorteile und Nachteile von Bescheidenheit im Job plus Tipps, wie Sie diese richtig dosieren…

Bescheidenheit Definition Gefahr Job Karrierekiller Was Tun

Definition: Was ist Bescheidenheit?

Bescheidenheit (synonym: Genügsamkeit) bezeichnet eine innere Haltung, bei der ein Mensch seine eigenen Fähigkeiten, Erfolge und seinen Wert realistisch einschätzt, ohne sich über andere zu stellen oder sich in den Mittelpunkt zu drängen.

Die Tugend zeigt sich z.B. darin, Anerkennung annehmen zu können, ohne damit zu prahlen, und die Leistungen, Meinungen und Bedürfnisse anderer zu respektieren. Bescheidenheit bedeutet jedoch nicht, sich kleinzumachen oder unsicher zu sein, sondern bewusst auf große Töne und Überheblichkeit zu verzichten – dafür maßvoll und mit Respekt und Rücksicht sich selbst und anderen zu begegnen.

Das Gegenteil von Bescheidenheit sind Prahlerei, Aufmerksamkeitssucht oder Geltungsdrang.

Wie äußert sich „bescheiden sein“?

Bescheidene Menschen fallen vielleicht nicht immer auf, wenn aber, dann positiv. Typische Merkmale für ein bescheidendes Verhalten sind zum Beispiel:

  • Freude an kleinen Dingen

    Wer bescheiden ist, braucht nicht immer das Beste vom Besten. Um glücklich und zufrieden zu sein, reicht oft schon kleine Dinge: Freunde, ein Lächeln, gutes Essen. Sowas.

  • Teilen von Anerkennung

    Bescheidenheit zeigt sich auch darin, dass Betroffene die Lorbeeren nicht nur für sich beanspruchen. Das eigene Selbstwertgefühl leidet nicht, wenn Sie Lob und Erfolge mit anderen teilen.

  • Akzeptieren eigener Schwächen

    Bescheidene Menschen müssen nicht perfekt sein. Sie kennen Ihre Grenzen und Schwächen – und stehen selbstbewusst dazu. Deshalb müssen Sie auch keine falsche Fassade aufbauen.

Anzeige

Wie wirkt Bescheidenheit im Job?

„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.“ – die Redensart basiert auf Erfahrungen, die viele Menschen im Berufsleben machen. Erfolg im Job haben oft die lauten Kollegen, die Selbstdarsteller und Blender und jene, die die meiste Redezeit und Aufmerksamkeit für sich beanspruchen. Die Bescheidenen dagegen werden oftmals übersehen oder übergangen.

Frechheit siegt und zündet häufig den Karriereturbo. Doch das stimmt nicht uneingeschränkt, sagen Bonner Forscher. Laut Studien um den Psychologieprofessor Gerhard Blickle finden zurückhaltende Mitarbeiter häufiger Mentoren und Fürsprecher – und die seien der wichtigere Karrierefaktor.

Für die Studie bewerteten die Forscher das Einkommen von Berufseinsteigern und deren Karriere nach 5 Jahren, Ergebnis: Bescheidene Einsteiger erreichten vergleichsweise höhere Positionen und ein besseres Gehalt.

Anzeige

Was sind die Vor- und Nachteile von Bescheidenheit im Job?

Keine Frage, Bescheidenheit im Berufsleben kann durchaus Vorteile haben: Betroffene werden häufig als sympathisch, authentisch, verlässlich und teamorientiert beschrieben. In der Folge gewinnen sie schneller das Vertrauen von Kollegen und Vorgesetzten.

Überdies fördern die angenehmen Zeitgenossen ein angenehmes Arbeitsklima, hören anderen zu und sind offen für Feedback, was das eigene Lernen und die Weiterentwicklung erleichtert. Außerdem hilft Bescheidenheit dabei, Konflikte zu vermeiden und den Fokus stärker auf gemeinsame Ziele statt auf Selbstdarstellung zu legen.

Was sind die Nachteile von Bescheidenheit im Job?

Zu viel „falsche Bescheidenheit“ kann jedoch auch negativ ausgelegt werden und dann die berufliche Entwicklung bremsen oder gar zum Karrierekiller werden. Zu den größten Nachteilen gehören:

  • Leistungen bleiben unbemerkt

    Bescheiden kann dazu führen, dass eigene Leistungen übersehen oder unterschätzt werden. Wer Erfolge selten sichtbar macht oder sich nicht aktiv einbringt, läuft Gefahr, bei Beförderungen, spannenden Projekten oder Gehaltserhöhungen übergangen zu werden.

  • Förderung des Erfolgs anderer

    Allzu große Bescheidenheit senkt sogar eigene Erfolgschancen zugunsten anderer, die dann die Lorbeeren für den Erfolg für sich beanspruchen. Die Zurückhaltung macht zwar beliebt, aber nur, weil alle anderen davon profitieren. Die Betroffenen selbst treten beruflich auf der Stelle.

Natürlich ist das unfair und ungerecht. Aber genau hier stimmt die Redensart wieder: Wer sich nicht ab und an in Szene setzt und im Job positiv auffällt und sich als wichtiger Leistungsträger positioniert, vergibt Chancen.

2 Arten von Bescheidenheit

In der Sozialwissenschaft werden jedoch zwei Formen der Bescheidenheit im Job unterschieden: Die geheuchelte Bescheidenheit (synonym: Humblebragging) dient nur dazu, nach außen eine demütige Fassade zu wahren, weil das sympathischer macht. In Wahrheit sind diese Menschen alles andere als bescheiden, sondern eitel, berechnend und opportunistisch. Die echte (falsche) Bescheidenheit ist nicht gespielt, kann aber eben dazu führen, dass man übergangen oder ausgenutzt wird.

Anzeige

Wie gehe ich am besten mit Bescheidenheit im Beruf um?

Wie immer kommt es auch bei der Bescheidenheit im Job auf das richtige Maß an. Geltungsdrang und Aufmerksamkeitssucht sind definitiv die größeren Erfolgskiller, weil sie unsympathisch machen und das Betriebsklima vergiften. Unterschätzt zu werden und – im positiven Sinne – ab und an bescheidener aufzutreten, insbesondere am Anfang der beruflichen Laufbahn zahlt sich langfristig mehr aus.

Gleichzeitig kommen Sie an gesundem Eigenmarketing im Berufsleben nicht vorbei! Ihre Leistungen sollte der Chef auch mit Ihrem Namen verbinden. Karriere ist eben kein Zufall, sondern wird gemacht. Das hat nichts mit stumpfer Prahlerei zu tun, sondern ist notwendig, um auf dem Radar zu bleiben.

Wie kann ich mich im Job bescheiden aber selbstbewusst positionieren?

Sich im Job bescheiden und gleichzeitig selbstbewusst zu positionieren heißt vor allem, die eigene Leistung sichtbar zu machen, ohne sie aufzublasen. Bewährte Tipps und Strategien dazu sind:

  • Leistungen sachlich sichtbar machen

    Sprechen Sie über Ihre Erfolge – in Fakten, nicht in Superlativen! Zum Beispiel: „Ich bin stolz auf das Projekt, das ich koordinieren durfte. Wir konnten die Deadline sogar 2 Wochen früher einhalten.“ Das ist klar, ehrlich und nicht prahlerisch.

  • Verantwortung übernehmen

    Zeigen Sie Initiative und übernehmen Sie Verantwortung, ohne sich über andere zu stellen. Wer z.B. sagt „Das übernehme ich gern.“ Oder: „Dafür fühle ich mich zuständig.“, wirkt selbstbewusst, aber nicht arrogant.

  • Teamleistung anerkennen – mit Eigenanteil

    Würdigen Sie regelmäßig die Leistung anderer Kollegen und gönnen Sie anderen ihren Erfolg, ohne jedoch den eigenen Beitrag zu verschweigen. Sie dürfen durchaus sagen: „Das Ergebnis war erstklassige Teamarbeit, und ich freue mich, dass ich bei der Datenanalyse einen wichtigen Teil zum Erfolg beitragen konnte.“

  • Ruhige, klare Kommunikation

    Selbstbewusstsein braucht keine Lautstärke! Eine ruhige Stimme, klare Aussagen und ein sicherer Standpunkt wirken oft stärker als Dominanzgesten und allzu offensichtliche Selbstdarstellung oder Selbstlob.

  • Eigene Ziele formulieren

    Sagen Sie gegenüber dem Chef offen, wohin Sie sich entwickeln möchten. Etwa: „Ich möchte mehr Verantwortung im Projekt XY übernehmen.“ Oder: „Ich sehe mich perspektivisch in einer leitenden Rolle.“ Auch das ist wieder selbstbewusst, nicht unbescheiden – und sorgt dafür, dass Sie regelmäßig sichtbar werden.

Merken Sie sich bitte: Bescheiden sein, heißt nicht, unsichtbar zu sein. Selbstbewusst sein, heißt nicht, sich über andere zu erheben. Die richtige Balance entsteht, indem Sie Ihre Stärken klar benennen und dabei respektvoll und authentisch bleiben.


Was andere dazu gelesen haben