Von wegen Blogschwund: In den vergangenen Wochen haben allein zwei meiner Bekannten mit dem Bloggen begonnen und fünf mit dem Twittern. Alle sieben haben mich aber auch gefragt: Wie baut man so eine Webseite auf? Wie wird man bekannter im Netz? Und wie bekomme ich mehr Leser?
Klar, für all die Web-Aborigines, die hier regelmäßig vorbeischauen, sind die Fragen so aufregend und so neu wie Uluru. Trotzdem: Wir alle haben mal klein angefangen, deshalb geht das in Ordnung. Umso negativer fiel mir auf, dass ich diese Fragen zunächst völlig unsystematisch beantwortet habe: Äh, also du könntest dies machen … oder das … Achso, das ginge vielleicht auch noch … Dabei war dann auch viel Angestaubtes, was früher vielleicht funktioniert hat, heute aber nicht mehr. Kurzum: Das hat mich gewurmt, und ich habe daraufhin versucht, eine Liste zu erstellen wie man heute seine Webseite promoten könnte – ohne negativ aufzufallen. Weil die Wirkung der jeweiligen Empfehlungen jedoch recht unterschiedlich ist, habe ich mich dabei für eine Ampel-Systematik entschieden: Grün – empfehlenswert, Gelb – eingeschränkt tauglich, Rot – Finger weg!
Ich würde mich natürlich freuen, wenn auch Sie die Liste durch weitere Anregungen ergänzen. Meine Bekannten (und sicher auch andere Leser) werden sich freuen…
Die Traffic-Ampel
| Anfangen. Der erste Punkt ist zugleich der Wichtigste: Bieten Sie erst einmal Mehrwert. Bevor Sie Ihre Webseite zu Markte tragen, sollten die Leser dort etwas nützliches finden, etwas, das sie woanders nicht bekommen: Originelles, opulente Optik, hohe inhaltliche Qualität – egal, auf was Sie sich konzentrieren, erschaffen Sie zuerst einen guten Fundus, so dass es eine Freude ist, auf Ihrer Seite zu stöbern. Wer dort nur Lapidares findet, kommt nicht wieder. | Blogparaden sind ein wenig außer Mode geraten. Das liegt auch daran, dass sich Blogger immer seltener untereinander verlinken (so wie früher). Zudem wissen viele heute, dass das Sammeln von Backlinks, die dabei entstehen, ein klassisches Mittel der Suchmaschinenoptimierung (SEO) ist. Paraden, die offensichtlich nur angezettelt werden, um Links zu generieren, funktionieren daher nicht. Was allenfalls funktioniert, sind Blogparaden zu Themen, zu denen jeder gerne beiträgt und die Summe aller Teile interessanter ist als der Aufruf. Gut wäre ebenso, wenn das Thema nicht schon durch 20 Blogparaden gegeistert wäre. | E-Books. Bieten Sie ab und an etwas Außergewöhnliches an. Ein kostenloses E-Book, ein nützliches Werkzeug zum Gratis-Download, ein Call-In-Beitrag. Hauptsache, Sie schaffen ein kleines extraordinäres Event, das das Zeug hat, sich herumzusprechen. | Externe Links. Setzen Sie Links zu anderen Blogs und Webseiten. Nicht nur in Form einer Blogrolle, sondern auch innerhalb Ihrer Artikel. Wer dabei hochrangige Artikel in den Trefferlisten der Suchmaschinen verlinkt, wird von Google begünstigt. Die Backlinks erfreuen aber auch die Autoren, die so auf Sie aufmerksam werden. Und nach dem Reziprozitätsprinzip folgt auf das Geben oft auch das Nehmen. | Gastbeiträge. Schreiben Sie Gastbeiträge für Webseiten und Blogs, die Ihr Thema behandeln. Bieten Sie aber nur originäre Artikel, Podcasts oder Videos an. Keiner will nachdrucken, was schon woanders erschienen ist. Originell müssen sie zudem sein: Der Gastbeitrag ist der Lakmustest Ihrer Kompetenz. Wer keine neuen Aspekte liefert, dokumentiert nur seine Entbehrlichkeit. | Gewinnspiele sind sicher auch eine Möglichkeit, Leser anzulocken. Allerdings müssen die Preise heute schon sehr attraktiv sein, um Interesse zu wecken. Wichtiger ist, dass das Spiel selbst Spaß macht, also etwa ein Fotowettbewerb, der viele interessante Bilder zusammenträgt oder eine originelle Frage, die amüsante Antworten provoziert. | Interne Links sorgen vielleicht nicht unmittelbar für mehr Traffic. Aber Sie helfen Ihren Lesern, weiterführende Artikel auf Ihrer Seite zu finden. Das ist klassischer Leserservice. Eine weitere Form finden Sie auch am Ende dieses Artikels: eine Liste mit Leseempfehlungen. Aus Erfahrung weiß ich: Das wird genutzt. | Interviews. Fragen Sie renommierte Experten oder bekannte Blogger, ob Sie Ihnen ein Interview geben. Der dreifache Effekt: Sie schaffen einen originären Inhalt; die Prominenz des Interviewten strahlt auf Sie ab und erzeugt Interesse; und falls es sich um einen Blogger handelt, verlinkt der das Stück vielleicht und macht so Werbung für Sie (und sich). Die Effekte wirken allerdings selten unmittelbar, sondern eher langfristig – etwa, wenn Sie eine Interview-Reihe aufbauen. Achtung: Reines Abfragen ist langweilig, Sie brauchen schon etwas Kontroverse im Dialog. | Kommentare in anderen Blogs sind ein relativ simpler Weg, Aufmerksamkeit zu erregen und neue Leser zu gewinnen. Kommentieren Sie aber bitte nur zur Sache und auch wirklich nur Gehaltvolles. “Toller Text” ist Spam. Und jemand, der in seinem Kommentar zu erkennen gibt, dass er den Text gar nicht aufmerksam gelesen hat, verdient sich auch nicht gerade den Respekt des Autors. | Krawall erzeugt im Web viel Rummel. Widersprüche und hitzige Debatten provozieren nun mal Reaktionen. Sie können also dem Autor harsch (aber nicht unhöflich) widersprechen, einen inhaltlichen Streit anzetteln und eskalieren sowie Ihren Standpunkt schließlich in einem eigenen Blogbeitrag zusammenfassen, den Sie natürlich auch am Ursprungsort verlinken. Zwei bis drei streitbare Kommentare reichen, um das Interesse der Mitleser zu wecken. Der Weg ist allerdings ambivalent: Überspannen Sie den Bogen, verspielen Sie Sympathien und stehen als Troll da. Haben Sie keine guten Argumente, hält man Sie für einen intellektuellen Pfützentaucher – einen überspannten obendrein. | Linkkommentare. Kommentare vom Typ Darüber-habe-ich-auch-schon-was-geschrieben-hier-ist-der-Link-dazu sind ein absolutes No-Go. Hier geht es ganz offenbar nur darum, Traffic abzusaugen. Das dürfen allenfalls Blogger, die sich kennen und schätzen. Als Neuling sollten Sie lieber einen gehaltvollen Kommentar schreiben und Ihren Namen mit dem entsprechenden Beitrag bei sich verlinken. Ist weniger aufdringlich und hat denselben Effekt: Wen das neugierig macht, der klickt sich schon rüber. | Linktausch. Ich selbst bekomme regelmäßig Anfragen, ob ich nicht Interesse an einem Linktausch hätte. Hab ich nicht. Warum auch? Haben meine Leser etwas davon? Eben. Habe ich etwas davon? Selten. Eher ist es ein Tauschgeschäft zu Gunsten des Anbieters – bei dem die wenig schmeichelhafte Hoffnung mitschwingt, ich sei zu blöd, das zu merken (gut daran zu erkennen, dass derjenige die vermeintlichen Vorzüge für mich auflistet). Als Neuling haben Sie in der Regel noch wenig zu bieten. Ehrlicher wäre also, um Unterstützung zu bitten. Davon abgesehen halte ich Linktausch aber für Betrug am Leser: Dem wird die Seite nicht etwa empfohlen, weil sie gut ist, sondern weil die beiden Betreiber ein Zitierkartell gegründet haben. | Listen. Schreiben Sie Listen (dieser Beitrag ist de facto auch eine), denn sie verringern Komplexität, ordnen das Chaos, sind (manchmal) amüsant und lassen sich leichter merken. Weil die meisten Menschen Listen lieben, verschaffen sie dem Autor solcher Hitparaden zudem Aufmerksamkeit. | Mitstreiter. Einer der effektivsten Wege, seinen Bekanntheitsgrad zu steigern, ist, den Markt zu sondieren und herauszufinden, wer über dasselbe Thema schreibt oder ähnliche Interessen hat. Zu diesen Mitstreitern sollten Sie Kontakt aufnehmen, persönlich, per Mail, sich vorstellen, in deren Blogs Kommentare hinterlassen. Denn deren Leser interessieren sich ja zwangsläufig auch für Ihr Thema. | Persönliches. Letztlich kommt es natürlich darauf an, für wen Sie schreiben und wozu. Beides entscheidet über Ihre Inhalte. Falls Sie aber vorhaben, populärer zu werden, müssen Sie Ihren Lesern irgendeinen Nutzen bieten. Persönliches mag ab und an interessant sein, auf Dauer und ausschließlich interessiert das aber höchstens Freunde. Fokussieren Sie sich lieber auf ein Thema, bei dem Sie sich bestens auskennen und bringen dort ab und an persönliche Erfahrungen ein. | Schreiben. Ja, richtig gelesen: Schreiben Sie – und zwar regelmäßig. Nichts wirkt so öde wie eine Webseite, auf der der jüngste Beitrag bereits zwei Wochen alt oder älter ist. Die Botschaft: Nichts los, hier… | Serien. Schreiben Sie nicht nur einen Artikel pro Thema. Entwickeln Sie das Thema weiter, setzen Sie die Geschichte fort (und verlinken Sie bisherige Teile), reichern Sie diese mit neuen Forschungsergebnissen an oder machen Sie gleich eine Serie draus. Wichtig ist dabei, dass Sie einen sogenannten Cliffhanger haben: Es muss einen Spannungsbogen geben, der Lust macht, auch den zweiten und dritten Teil zu lesen. | Social Bookmarks. Auf Diensten wie Mister Wong oder Del.icio.us können Sie Ihre Artikel bookmarken und mit Schlagworten versehen. Doppelter Effekt: Sie erzeugen Backlinks für Ihre Seite und werden über die Schlagworte auch von anderen Nutzern gefunden. Weiteres Plus: Sie sehen ebenso, wer sonst noch Ihre Artikel abheftet. Die Bookmarks dieser Nutzer zu durchforsten, lohnt sich: Sie finden womöglich weitere relevante Seiten zu Ihrem Thema und bekommen ein Gespür dafür, was Ihre Leser nachhaltig interessiert. | Vernetzen. Wo immer Sie einen Account haben, ob bei Facebook, Xing, Twitter, Linkedin oder Myspace: Verlinken Sie Ihre Webseite (ebenso in der Signatur Ihrer E-Mail). Diese Links erzeugen nicht nur sogenannten Google-Juice, sondern locken auch jene Leser an, die Sie vielleicht aus einem anderen Grund an einer anderen Ort gesucht (und gefunden) haben. |
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Ramona
Ein weiterer Tipp: nicht selber spammen, das “spricht” sich rum. Gerade am Anfang ist man Feuer und Flamme und meint, nun überall einen “Haufen” hinterlassen zu müssen. Derartige Sachen lösche ich auf meinen Blogs sofort. Zum Thema Linkttausch, das mich mit steigendem PR immer mehr betrifft, verweise ich bei Anfragen auf die Internetseite http://tinyurl.com/n9owqr. Wenn der Anfragende dann noch ein Argument hat, gut, aber meist bleibt’s bei der Anfrage;)
Marcel
Schöne und recht hilfreiche Auflistung, besonders für Neulinge. Ich mag das Ampelsystem.
Kerstin Hoffmann
Ein Punkt fehlt mir hier explizit: Grün für Qualität in Form und Inhalt – und zwar in jedem einzelnen Blogpost. Jeder Beitrag sollte mit dem Anspruch geschrieben werden, der beste bisher zu werden. – Wer in einem Blog einmal gut und flüssig Geschriebenes gerne gelesen hat, kommt auch wieder. Ebenso derjenige, der aus einem Blogpost nachhaltigen Nutzen für sich gezogen hat.
Ebenso wichtig: So etwas wie eine “Blogorate Identity”. Ein Image, das sich durch alle Ebenen zieht. Das beginnt beim Blog-Namen, geht bei der Gestaltung weiter und hört beim Inhalt einzelner Beiträge noch lange nicht auf. Wiedererkennungseffekt, eine thematische Linie, eine bestimmte Art, Themen aufzugreifen und zu behandeln: alles Elemente, die ein Blog zu einer interessanten Persönlichkeit machen. An das, was greifbar und fühlbar ist, erinnert man sich leichter – und empfiehlt es lieber weiter.
Jochen Mai
@Kerstin: Stimmt soweit alles. Der Punkt Qualität steckt aber bereits im ersten Punkt drin. Und dauerhaft hohe Qualität ist eine Utopie. Kein Autor schafft es jeden Tag Top-Posts zu schreibt. Das variiert schon mal, und das ist auch okay, solange der Schnitt überdurchschnittlich bleibt.
Dein zweiter Punkt “Identity” ist sicher wichtig. Die kann sich aber mit der Zeit erst noch bilden. Karrierebibel.de ist mein 10. Blog – und aus der Erfahrung kann ich sagen, dass sich so eine Webseite und Marke im Laufe der Zeit entwickelt, manchmal verformt oder ganz woanders landet als geplant. Der Anspruch ist gut, für einen Anfänger aber vielleicht noch nicht so relevant wie die anderen Punkte. Das kommt dann später.
Kerstin Hoffmann
@Jochen: Ja, ich stimme wiederum auch in allen Punkten zu. Top-Posts jeden Tag sind in der Tat eine Utopie, aber die Aufmerksamkeit sollte schon auf der Qualität liegen und auch bleiben. Genauso wie die Frage, was für die Leser interessant ist (statt: Was will ich verlautbaren?)
Klar, dass sich so eine Identity langsam entwickelt und immer weiterentwickelt – das erlebe ich selbst auch an meinen Blogs. Wie lange es alleine gebraucht hat, bis ich bei der “Marke” PR-Doktor angelangt war. Und immer wenn ich denke: Jetzt hab ich’s – dann kommt wieder irgendeine neue Idee, ein anderer Impuls, ein überraschender Schwenk, ein radikaler Schnitt. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal dort ankommen würde, wo ich heute mit meinem Blog bin. Das ist, denke ich, ganz normal. Das ist wie bei Menschen: Die Persönlichkeit entwickelt sich immer weiter. Wichtig ist, sich dessen bewusst zu sein, sich immer wieder zu fragen, was man eigentlich will und eine gewisse Stringenz hineinzubringen. Und das kann man gar nicht früh genug beginnen.
Silke
DANKE. Fühle mich bei dir sehr gut beraten.
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Julia Stern
Eine tolle Liste, dank der ich mich mit meinem Blog größten Teils bestätigt fühle, dass ich “alles” richtig mache.
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