Kreativraum-Konzept-Ideen

Ein Gastbeitrag von Bernd Buck

Innovation verordnen - das geht nicht. Rahmenbedingungen schaffen und mit Methoden und Instrumenten daran arbeiten aber schon. Ein Beispiel hierfür ist der sogenanne Kreativraum - sei es für Produkte, Projekte, Prozesse. Ein Kreativraum kann bereits ein Stück Papier sein, auf dem man mit ersten Notizen oder Skizzen Ideen malt, also visualisiert. Es kann aber auch ein Flipchart, eine Pinnwand, ein Besprechungsraum, ein großer Saal oder ein Freigelände sein. Wesentlich ist aber immer das Visualisieren, auch mit Gegenständen, Fotos, Zeichnungen, Prospekten...

Aufbau des Kreativraums

Dazu stellen wir uns einen wirklichen Raum vor. Dieser wird idealerweise in fünf Zonen gegliedert: Die vier Raumecken, welche den vier Quadranten für die gemeinsame Orientierung am Sinn zugeordnet werden, und die Raummitte, in der ein Bereich für das sogenannte Prototyping geschaffen wird.

Jetzt füllen wir die Ecken mit all den relevanten Gedanken, Ideen, Informationen oder Vorstellungen. Dazu wird weder ein bestimmtes Projekt oder große Kreativität benötigt. Ein wichtiges Prinzip im Kreativraum ist dessen Leichtigkeit.

Zuerst werden die Informationen zusammengetragen, die leicht fallen. Je nach dem, ob ein Kundenwunsch, eine technische Neuerung, ein neuer Kooperationspartner, ein Markttrend, ein Geistesblitz oder noch etwas anderes der Ausgangspunkt für ein mögliches Vorhaben ist, beginnen wir im entsprechenden Quadranten und füllen anschließend die übrigen. Wir definieren unser Vorhaben, sobald die Zeit dafür reif ist, und arbeiten dann systematisch in der beschriebenen Reihenfolge weiter.

Kreativraum

Konkret sieht das dann so aus:

  1. Schritt eins: Informationen über Möglichkeiten sammeln

    Wir stellen uns Fragen wie: Wer sind wir? Was können wir? Wen kennen wir? Was können die, die wir kennen?

    Wenn wir uns diese Fragen beantworten, sehen wir, wie viel Potential bereits vorhanden ist. Natürlich haben wir unser Wissen über unsere Möglichkeiten bereits im Kopf. Doch diese mit Texten und Bildern zu visualisieren, macht einen großen Unterschied. Außerdem fragen wir auch unsere bestehenden Partner und Lieferanten, welche Möglichkeiten es noch gibt.

  2. Schritt zwei: Informationen über Bedürfnisse

    Für das Sammeln der Informationen über Kundenbedürfnisse ist der direkte Kontakt zu den Kunden unerlässlich. Dabei braucht es Klarheit, wer eigentlich die Kunden sind. Dazu beschaffen wir Informationen aus erster Hand und beobachten die Kunden selbst oder laden sie zu gemeinsamen Workshops ein. Vor Schritt drei erstellen wir noch ein fiktives Kundenprofil.

  3. Schritt drei: Ideen zu Bedürfnissen

    Nun sammeln wir Ideen zu weiteren Bedürfnissen, welche die Kunden noch haben könnten. Also Bedürfnisse, von denen uns die Kunden bisher noch nicht erzählt haben, die wir jedoch für möglich halten. Wir dürfen hier alles sammeln, das uns in den Sinn kommt, ohne es zu hinterfragen. Wir beginnen mit der Frage: Welche Bedürfnisse könnte diese Person noch haben? Wenn keine Ideen mehr kommen, denken wir miteinander über das Leben dieser Person nach und stellen weitere Fragen. Wie läuft wohl der Tagesablauf dieser Person ab? Wie wird sie wohl das neue Produkt nutzen? Was wird die Person wohl der Freundin, dem Chef, der Mutter oder sonst jemandem über dieses Produkt erzählen?

  4. Schritt vier: Ideen zu Möglichkeiten

    Hier landen spontane Assoziationen. Diese sind noch keine Lösungsansätze, könnten aber rein theoretisch hilfreich für die Lösung könnten. Es darf ruhig alles logisch, richtig und vernünftig sein, muss es aber nicht. Jeder kann Ideen platzieren, die er für interessant hält. Es wird nichts wegdiskutiert. Killerphrasen sind nie gut, schon gar nicht in dieser Ecke. Hilfreiche Fragen in dieser Ecke sind:

    Wenn sich die Welt so entwickelt, wie ich selbst glaube, was ist dann in Zukunft möglich? Was habe ich bei anderen Produkten in anderen Märkten schon gesehen, das für unser Produkt vielleicht auch eine Bedeutung haben könnte? Was ist bereits vorhanden, wird aber noch nicht so richtig wahrgenommen? Was könnte dadurch Neues entstehen, dass zwei bestehende Möglichkeiten miteinander kombiniert werden?

  5. Schritt fünf: Lösungsansätze finden

    Wir haben mit den bisherigen Schritten die perfekten Rahmenbedingungen geschaffen, um Lösungsansätze nun spielerisch, mühelos und zahlreich zu finden. Zunächst visualisieren alle Ideen für die Lösungsansätze, die bisher entstanden sind.

    Um Schwung und Richtung in das kreative Denken zu bringen, formulieren wir aktivierende Fragen wie: Was können wir tun, um den Kunden genau in diesem Punkt glücklich zu machen? Wie würde es Daniel Düsentrieb lösen?

    Wir lassen so viele Ideen wie nur irgend möglich aus diesem Prozess heraus rieseln. Erst wenn ausreichend viele Ideen gefunden wurden, erfolgt eine Bewertung bzw. Entscheidung. Die Lösungsansätze müssen nicht perfekt sein. Sie müssen sich lediglich dazu eignen, um damit weiter zu arbeiten.

  6. Schritt sechs: Auswerten und Entscheiden

    Wir kommen nicht umhin, nun eine Auswahl zu treffen, welche Ansätze zunächst weiterverfolgt werden sollen.

  7. Schritt sieben: Prototyping

    Haben wir uns entschieden, machen wir uns ans Schnelltesten, an einen „Vorab-Check“. Beim Prototyping geht es um das sehr schnelle Prüfen von Lösungsansätzen. Wir sollten dabei versuchen, daran Gefallen zu finden, früh und oft zu scheitern. Jedes Scheitern ist eine Lerngelegenheit und je früher dies geschieht, desto kleiner ist der „Preis“, der dafür zu zahlen ist. Wir wählen einen einfachen und schnellen Weg für den nächsten Schritt:

    • Probieren der Ansätze durch einfaches Visualisieren
    • Suche nach weiteren Informationen
    • Nachdenken über weitere Ansätze
    • Kommunizieren unserer Ansätze
  8. Schritt acht: Testing

    Nun lassen wir die Ansätze intern und sobald wie möglich extern von potentiellen Anwendern testen. Dabei werden die Testkandidaten gut beobachtet. Wie agieren sie körpersprachlich? An welcher Stelle werden sie hellhörig? Was scheint schwer nachvollziehbar zu sein? Mit dem Feedback aus dem Test wird der Kreativraum aktualisiert. Je nach Testergebnis wird an unterschiedlichen Stellen im Prozess weitergearbeitet. Es kann (oder wird) also auch Wiederholungsschleifen geben.

  9. Schritt neun: Präsentieren und Überzeugen

    Neben dem guten Produkt sind zahlreiche Einflüsse maßgeblich, ob die Präsentation überzeugend wirkt. Wichtig ist, dass wir Aufmerksamkeit gewinnen können. Wir müssen unsere Adressaten mit allen Sinnen erreichen. Wir sprechen ihn an und schaffen eine emotionalen Visualisierung durch Bilder oder Gegenstände. Wir geben ihm etwas zum Anfassen. Falls es zum Thema passt, dann nutzen wir Farben, Klänge oder Gerüche. Und wenn es uns nicht gelingen sollte, zu überzeugen oder gar Begeisterung auszulösen, haben wir die Chance, zu erkennen, in welchem Moment das Interesse verloren gegangen ist. Wir können Kommentare und Bewertungen einsammeln. Dadurch bietet sich uns eine weitere Lerngelegenheit und die Chance, Verbesserungen zu finden.

  10. Schritt zehn: Feiern und Lernen

    Das Review schließt die Lernschleife, mit der wir aus dem aktuellen Kreativraum-Projekt etwas für künftige Projekte lernen. Wir fragen uns, ob wir unser Ziel erreicht haben, und: Wodurch wurde dies möglich? Worauf achten wir beim nächsten Projekt besonders? Was machen wir beim nächsten vergleichbaren Projekt anders? Welche Fragen waren in diesem Projekt besonders hilfreich?

    Ganz wichtig beim Review ist, die neu erarbeiteten oder kennengelernten Möglichkeiten festzuhalten, damit sie nicht verloren gehen und als Grundlage für weitere Projekte für alle sichtbar bleiben. Dazu schaffen wir einen uns passenden standardisierten Prozess.

Und natürlich gehört das Ergebnis gefeiert. Mit Freude und Spaß entstehen die besten Innovationen.

Über den Autor

Bernd BuckBernd Buck hat in Konstanz Physik studiert und war anschließend als Entwickler, Entwicklungsleiter und Technischer Geschäftsführer bei ifm Electronic GmbH tätig. Er ist als systemischer Organisationsberater mit Schwerpunkt Innovationsprozesse und Innovationskultur im Rahmen der Beratungsfirma TeamThink tätig sowie Autor des Buches "Innerinnovation – Innovationen aus eigenem Anbau".

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