Ein kurzer Test zum Einstieg. Beantworten Sie bitte die folgende Frage spontan, ohne lange zu überlegen:
Nennen Sie 100 Tiere!
Waaaaas??? 100 Tiere? Wer bringt die schon so schnell zusammen?! Ich weiß, die Frage ist bewusst so formuliert, dass sie zunächst völlig abschreckend wirkt. Lassen Sie mich die Aufgabe umformulieren: Nennen Sie bitte 10 Tiere! “Pah, zehn Tiernamen. Das ist doch Kindercamping…”, denken Sie jetzt vielleicht. Mag sein. Aber warum sollten 100 Namen so viel schwerer sein?
Doch der Reihe nach: Führen Sie sich doch bitte vor Augen, welche zehn Tiere Ihnen gerade in den Sinn gekommen sind. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass bei dieser Aufgabe im Schnitt die ersten sechs Tiernamen aus derselben Gruppe oder Umgebung stammen – etwa Bauernhof (Huhn, Katze, Kuh, Pferd, Schaf, Ziege, Hund, etc.) oder Zoo (Löwe, Giraffe, Zebra, Leopard, Nashorn, Nilpferd, etc.). So gesehen ist die erste Testaufgabe gar nicht so unmöglich, wie sie vielleicht scheint. Sie müssten sich nur zehn Tiergruppen einfallen lassen oder an deren Umgebung denken und – zack – jeweils zehn Tiere aufzählen. Kinderleicht. Eigentlich.
Genau das ist der Trick, um kreativ zu werden und Innovationen zu entwickeln: Gute Ideen entstehen fast immer dann, wenn jemand sein Problem aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Wenn er nicht mehr das Problem sieht (100 Tiernamen!), sondern einen neuen Weg sucht, um ans Ziel zu gelangen. Einen ungewöhnlichen, vielleicht sogar einen Umweg. Ich bin mir sicher, die meisten von Ihnen kennen 100 Tierarten. Nur auf Anhieb danach gefragt, würden Sie wohl erst einmal denken: Hundert? Nee, so viele kenne ich nicht! Dabei haben Sie die Lösung längst im Kopf. Sie müssen Sie dort nur herausbekommen.
Ein zweiter, verwandter Weg zu mehr Kreativität ist, sich in eine andere Person hineinzuversetzen:
Was hätte Thomas Edison an meiner Stelle gemacht?
Was hätte MacGyver gemacht?
Wie würde John Rambo das Problem lösen?
Okay, die letzte Frage war nicht ernst gemeint. Aber ungewöhnlich, das müssen Sie zugeben. Auch wenn es noch so abwegig ist: Schlüpfen Sie gedanklich einfach mal in eine andere Rolle. Wer dieses Blog schon länger liest, kennt das Prinzip auch unter einem anderen Namen – als Disney-Methode. Demnach versetzte sich der Erfinder von Micky Maus, Goofy und Donald Duck regelmäßig in drei verschiedene Rollen (den Träumer, den Realisten, den Kritiker), um auf neue Gedanken zu kommen. Dabei denkt der Träumer vor allem in Bildern, chaotisch und visionär und lässt sich weder durch (logische) Regeln noch Traditionen einschränken. Der Realist konzentriert sich danach auf das Machbare – jedoch mit viel gutem Willen: Falls die Idee des Träumers umgesetzt würde, was wäre dazu nötig? Was würde es kosten? Welche Schritte müssten unternommen werden und in welcher Reihenfolge? Wichtig ist, dass der Realist stets vor dem Kritiker gehört wird. So bekommt die Vision die Chance, ihr Potenzial zu zeigen. Erst dann schlägt der Kritiker zu, stellt konstruktive (!) Fragen, prüft, analysiert und verbessert das vorläufige Ergebnis. Sobald der Kritiker keine offenen Fragen mehr hat, der Realist von dem Gelingen des Projekts überzeugt und der Träumer von dessen Strahlkraft begeistert ist, liegt ein optimales Ergebnis vor.
Der Trick hierbei ist, sich selbst aus dem (gewohnten) Denkprozess zu nehmen, was wiederum den Druck aus der Sache nimmt. Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, dass Sie wirklich herausfinden, was Edison, MacGyver oder Rambo getan hätten. Es geht darum, dass Sie überlegen, was Sie tun würden, wenn Sie Edison, MacGyver oder Rambo wären! Ein kleiner, aber feiner Unterschied.
Exkurs
Wie mächtig diese Technik ist, konnte in abgewandelter Form auch der russische Psychotherapeut Vladimir Raikov zeigen. Er entdeckte die sogenannte Methode des geborgten Genies: Dazu versetzte er seine Klienten in Tiefenhypnose und suggerierte ihnen, ein herausragender Kopf der Geschichte zu sein. Und tatsächlich: In diesem Zustand entwickelten seine Patienten annäherungsweise geniale Fertigkeiten. Der Raikov-Effekt lässt sich sogar bei Menschen mit Persönlichkeitsstörungen beobachten – wie bei Dr. Jeckyl und Mr. Hyde. Bevor Sie dies jedoch als esoterischen Schabernack abtun – viele wenden die Rajkov-Methode längst an. Nur klingt Inspiration durch Vorbilder deutlich weniger esoterisch.
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Sie können natürlich auch versuchen, erst das komplette Gegenteil Ihres Problems anzunehmen und dann zu überlegen, wie man die Sache lösen kann. Klingt verrückt – funktioniert aber. Genauso können Sie die Aufgabe in einer anderen Sprache notieren oder aufmalen oder mit Knetgummi nachbauen. Hauptsache, Sie zwingen Ihren Geist in eine nicht-lineare unübliche Denkweise. Oder wie es im Englischen so schön heißt: Think out of the box! Raus aus den Denkschubladen.
Wenn Sie möchten, können Sie das jetzt sofort ausprobieren. Ich hätte da noch einen kleinen Test zum Abschluss:
Verändern Sie die Lage von maximal drei Kugeln, um die Figur auf den Kopf zu stellen!
Zur Lösung bitte Bild anklicken.



sevenjobs
Schon kleine Veränderungen reichen, um den Denkprozess anzustoßen. Wir machen Besprechungen stehend im Flur, ohne Notebook, mit nem Becher Kaffee in der Hand. Oder im Besprechungsraum setzen sich alle auf die Tische statt auf die Stühle. Ich denke, dass allein diese Ungewzungenheit und das ‘raus aus dem Büro und der gewohnten Arbeitshaltung’ schon Denkschleusen öffnet. Bis jetzt klappt es auf jeden Fall ganz gut :-)
Jürgen
Superbeitrag. Danke dafür! Und nein, das ist kein Ich-finde-alles-toll-will-einen-Backlink-Spamkommentar. ;)
Lizzy
Das mit den Kategorien ist eine gute Idee, die ich in Zukunft bedenken werde, wenn ich ein Problem lösen möchte.
Mit der Methode, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, kann ich mich dagegen nicht anfreunden. Das Rätsel zum Beispiel konnte ich auch so leicht lösen, ohne mir vorzustellen ich sein Rambo ;-)
Aber wahrscheinlich probiere ich es trotzdem einmal aus. Bloß weil es mir nicht gefällt, heisst das ja nicht, dass es nicht wirkt.
Siegfried
Was hätte Rambo gemacht? Nun, er hätte angefangen mit Sherrifs, Polizisten, Feldwebeln, Generälen, … Warum? “Die nerven tierisch”.
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