Ein Gastbeitrag von Conrad Pramböck

Bewerber-VorstellungsgesprächDie besten Jobs bekommen immer die Geschichtenerzähler. Immer. Stellen Sie sich vor, Sie präsentieren als Personalberater zwei Kandidaten: Beide sind fachlich gleich qualifiziert. Der eine versteht es, seine Fähigkeiten und Erfolge mit blühenden Geschichten zu vermitteln. Der andere hat die farblose Persönlichkeit einer grauen Maus. Wer wird wohl das Rennen machen?

Am Ende bleibt in der Bewerbung immer jener Kandidat in Erinnerung, der vor dem geistigen Auge seines Gegenübers die stärksten Bilder entstehen lässt.

Geschichten als Verpackung für Kompetenzen

Storytelling-BewerbungsgesprächGeschichtenerzähler sind weder Märchenonkel noch Lügenbarone. Es sind Menschen, die gelernt haben, dass Geschichten die hochwertige Verpackung für ihre Kompetenzen sind. Gute Geschichten können berufliches Wissen und fachliche Fähigkeiten nicht ersetzen, aber sie können sie aufwerten.

Geschichten sind wie das elegante Kleid an einer wunderschönen Frau. Sie sind die Rosenblüten und das Kerzenlicht am Tisch des Dinners für zwei. Sie sind die edle Schmuckschatulle, in der ihr der Mann gegenüber einen Ring überreicht.

Sind Sie auch gerade in diese Szene eingetaucht?

Sehen Sie, es funktioniert. Nicht Ihre Worte, sondern Ihre Bilder bleiben im Gedächtnis Ihrer Geschäftspartner haften.

Es ist recht einfach, ein guter Geschichtenerzähler zu werden. Hier sind ein paar Rezepte, die Sie vorbereiten können, um beim Bewerbungsgespräch ein mitreißender Gesprächspartner zu sein.

Reflektorische und episodische Erzählweise

Für jede Stelle gibt es ein ideales Persönlichkeitsprofil des Kandidaten. So steht etwa in einer Stellenanzeige: „Wir suchen eine innovative, flexible Persönlichkeit, die gut im Team arbeiten kann.“ Die Aufgabe des Recruiters besteht unter anderem darin, die Kandidaten im Bewerbungsgespräch auf diese Kriterien hin zu überprüfen.

Auf die Frage: „Sind Sie innovativ?“, gibt es also nur eine richtige Antwort: „Ja“. Thema erledigt? Nein, denn jetzt folgt der große Auftritt des Geschichtenerzählers. Dessen Kunst besteht darin, zwischen reflektorischer und episodischer Erzählweise hin- und herzuwechseln.

  • Reflektorisch bedeutet: Sie schätzen sich selbst ein, zum Beispiel: “Ich bin innovativ.”
  • Episodisch bedeutet: Sie erzählen zu dieser Eigenschaft eine Episode, also eine Geschichte, die Ihre eigene Einschätzung beweist und untermauert.

Wie funktioniert das in der Praxis?

Jobinterview-BewerbungEin Recruiter stellt zu jeder Eigenschaft Fragen, mit denen er den Finger in die Wunde legt und tiefer bohrt, zum Beispiel: „Was war Ihre letzte große Innovation?“

Als Kandidat sollten Sie sich auf das Interview vorbereiten, indem Sie zu jeder gefragten Eigenschaft eine kurze, spannende Geschichte aus Ihrem Leben vorbereiten. Mit einer reflektorischen Antwort behaupten Sie etwas, mit einer episodischen Antwort beweisen Sie es.

Indem Sie Geschichten vorbereiten, sammeln Sie Beweise, dass Sie der perfekte Kandidat sind. Wie in der Verhandlung in einem amerikanischen Gerichtssaal legen Sie nun einen Beweis nach dem anderen vor, um die Geschworenen von der Richtigkeit Ihrer Argumente zu überzeugen. 

Hier ein paar Beispiele:

„Sind Sie innovativ?“

Ja, da kann ich Ihnen gleich von meiner letzten großen Innovation erzählen: Bei meinem letzten Arbeitgeber hatte ich eine Idee für die Neugestaltung der Vertriebsprozesse, mit denen keiner so richtig zufrieden war…

„Wir suchen einen Teamplayer.“

Ich liebe es, im Team zu arbeiten. Neulich saßen wir im Meeting zusammen, als ich mit meinen rumänischen Kollegen die zukünftige Aufgabenverteilung besprach…

„In Ihrem neuen Job müssen Sie flexibel sein.“

Da muss ich schmunzeln, denn ich denke gerade an die Situation, als mir vor ein paar Wochen unser Vorstand fünf Minuten vor Beginn einer großen Konferenz ein SMS schickte, dass er dringend zum Flughafen müsse und ich seine Präsentation vor 100 Teilnehmern halten solle…

Setzen Sie die STAR-Methode ein

Das Massachussetts Institute of Technology (MIT) empfiehlt für das Erzählen von Geschichten die STAR-Methode.

  • Situation: Welche Situation haben Sie vorgefunden?
  • Task: Was war Ihre Aufgabe?
  • Action: Was haben Sie konkret getan?
  • Result: Welches Ergebnis haben Sie erzielt?

Sie können auch Situation und Task tauschen, also etwa:

Das Unternehmen XY hat mich an Bord geholt, um den Geschäftsbereich ABC aufzubauen (Task), den es bis dato dort nicht gab (Situation). Ich habe mit meinem Team das Produkt xyz auf den Markt gebracht (Action) und damit innerhalb eines Jahres den Umsatz des Gesamtunternehmens um XXX Prozent gesteigert (Result).

Zusatztipp: Beschreiben Sie, wie Sie sich dabei gefühlt haben, etwa:

„Ich war so stolz auf unser Team, als ich nach drei Wochen den ersten fertigen Prototyp in Händen hielt.“

Zweiter Zusatztipp: Stellen Sie dar, was diese Geschichte in Ihrem Leben bewegt und verändert hat, sodass sie Sie noch heute prägt, beispielsweise:

„In diesem Moment habe ich zum ersten Mal gespürt, dass der internationale Vertrieb genau das ist, was mir beruflich die größte Freude bereitet.“

Auf diese Weise bescheren Sie sich und Ihrem Gegenüber viele abwechslungsreiche und niveauvolle Bewerbungsgespräche, die allen lange in Erinnerung bleiben.

Über den Autor

Conrad Pramböck ist Gehaltsexperte bei Pedersen & Partners. Er berät seit über zehn Jahren Unternehmen weltweit zum Thema Gehälter. In seinem Buch „Jobstars“ vertritt er die These, dass Angestellte ihre beruflichen Ziele besser erreichen können, und gibt Tipps, was sie von Selbständigen lernen sollten, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein.

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