Blemishing-Effekt: Makel machen glaubwürdiger

Nobody is pefect – und das ist auch besser so: Ein Restaurant mit 4,8 Sternen wirkt glaubwürdiger als eines mit 5 Sternen; ein kleiner Schönheitsfehler im Gesicht – schon ist uns eine Person sympathischer. Makel machen attraktiver und zerstreuen Zweifel – das ist die Quintessenz des Blemishing-Effekt. Nicht Perfektion, sondern Authentizität schafft Vertrauen. Was laut Psychologie dahintersteckt…

Blemishing Effekt Definition Beispiel Psychologie Marketing

Definition: Was ist der Blemishing-Effekt?

Der Blemishing-Effekt (Synonym: Makel-Effekt) ist ein psychologisches Wahrnehmungsphänomen, wonach kleine und harmlose Schönheitsfehler (auch: Makel, Englisch: blemish) die Glaubwürdigkeit und Sympathie einer Person oder Marke sogar noch steigern und diese attraktiver machen. Perfektion wirkt dagegen oft unglaubwürdig oder unsympathisch. Ein kleiner „Fehler“ macht hingegen menschlicher und nahbarer. Damit ist der Blemishing-Effekt eng verwandt mit dem Pratfall-Effekt.

Die bekannteste Studie zum „Blemishing Effect“ stammt von der israelischen Marketing-Expertin Danit Ein-Gar von der Coller School of Management in Tel Aviv aus dem Jahr 2011. Sie konnte beweisen, dass kleine negative Informationen die Gesamtbewertung eines Produkts oder einer Dienstleistung verbessern, statt sie zu verschlechtern. Der irrelevante Makel führt dazu, dass Verbraucher die positiven Informationen nur noch intensiver wahrnehmen und positiv verarbeiten (sog. Blossoming-Effekt).

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Beispiele aus Marketing und Werbung

Viele erfolgreiche Marken nutzen den Blemishing-Effekt bereits gezielt. Beispiele:

  • Pringles spielte in einer Super-Bowl-Kampagne humorvoll damit, dass man mit der Hand im Dosenboden stecken bleiben kann.
  • Volkswagen setzte mit der legendären „Think Small“-Kampagne bewusst auf vermeintliche Nachteile – und machte sie zum Verkaufsargument.
  • Heinz betont in seiner Ketchup-Werbung seit Jahren, dass die Tomatensoße nur langsam aus der Flasche fließt – was eher ein Zeichen für Qualität sei.

Jeder macht Fehler – wir übrigens auch! Im Zeitalter von KI und scheinbar perfekten Texten können gerade die menschlichen und individuellen Ecken und Kanten im Satz, dem ganzen Artikel eine persönliche Note geben und die Information damit authentischer und vertrauenswürdiger machen.

Warum funktioniert der Blemishing-Effect?

Der Blemishing-Effekt basiert letztlich auf einem einfachen psychologischen Mechanismus: Menschen vertrauen Informationen mehr, wenn sie nicht ausschließlich positiv sind. Eine kleine Schwäche oder ein Makel signalisieren Ehrlichkeit und reduzieren die natürliche Skepsis: Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, ist das meist auch nicht! Das Ergebnis des Makel-Effekts ist höhere Glaubwürdigkeit, mehr Vertrauen – sowie eine nachhaltig viel stärkere Kundenbindung oder Sympathie gegenüber Menschen. Der Effekt funktioniert sogar am besten, wenn der Makel zuerst präsentiert wird, gefolgt von den positiven Informationen und wenn die positive Information sehr stark ist und der Makel als „verzeihlich“ gilt.

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Wie kann man den Blemishing-Effekt im Marketing nutzen?

Wenn Sie den Blemishing-Effekt gezielt einsetzen möchten – etwa im Marketing –, helfen Ihnen diese Strategien:

1. Kundenfeedback ernst nehmen

Sprechen Sie aktiv mit Ihren Kunden: Gibt es eine Eigenheit Ihres Produkts oder Dienstleistung, die zwar auffällt, aber dennoch geschätzt wird? Genau hierin liegt Ihr Blemish-Potenzial!

2. Authentische Schwächen identifizieren

Finden Sie kleine Unvollkommenheiten, die Ihr Produkt einzigartig machen – ohne die Funktionalität zu beeinträchtigen. Wichtig: Der Makel darf niemals ein echtes Problem sein.

3. Schwächen strategisch inszenieren

Stellen Sie diese irrelevante Eigenheit bewusst neben Ihre Stärken – am besten mit einer Prise Humor und Selbstironie. So entsteht ein glaubwürdiges Gesamtbild, das Vertrauen schafft und im Gedächtnis bleibt.

Lesen Sie dazu: Verkaufspsychologie – 12 Tricks für den Vertrieb

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Der Blemishing-Effekt bei Menschen

Der Schönheitsfehler-Effekt funktioniert genauso bei Menschen – etwa beim Kennenlernen oder Flirten. Denken Sie nur ein paar Jahrhunderte zurück: Im 17. und 18. Jahrhundert („Rokoko“) galt es als schick und besonders attraktiv, sich einen Schönheitsfleck (meist ein kleiner brauner Pigmentfleck oder Nävus oberhalb der Lippe) ins Gesicht zu malen. Sogenannte „Mouches“ (französisch für „Fliegen“) waren künstliche Schönheitsflecken aus Seide, Samt, Papier oder Leder, die mit Klebstoff auf Gesicht, Dekolleté oder Schulter angebracht wurden. Die Platzierung der Pflaster war eine Art Flirt-Code. Ein Punkt nahe dem Auge galt als „leidenschaftlich“, auf der Wange als „galant“, nahe dem Mund als „reizend“ oder „küss mich“. Der Attraktivitätstrick wirkte bei Models und Schauspielerinnen auch noch in späteren Epochen – etwa Cindy Crawford, Madonna oder Marilyn Monroe (Muttermal auf linker Wange). Heutzutage werden Schönheitsflecken oft mit den Augenbrauenstiften nachgezeichnet oder als „Faux Freckles“ (künstliche Sommersprossen) aufgetragen, um den Look zu imitieren.

Mut zur Imperfektion zahlt sich aus

Der Blemishing-Effekt zeigt: Perfektion ist nicht immer der beste Weg. Gerade im Marketing kann eine kleine, gut gewählte Schwäche den entscheidenden Unterschied machen. Sie wirkt menschlich, ehrlich – und genau das überzeugt Ihre Zielgruppe. Wenn Sie Ihre Marke stärken möchten, lohnt es sich, nicht nur Ihre Stärken zu betonen, sondern auch gezielt mit kleinen Makeln zu arbeiten. Authentizität ist heute einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren.


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