Ei-Theorie: Mehr Erfolg durch Unfertiges

Der Umsatz brach dramatisch ein. Der Backmischungs-Hersteller Pillsbury (Knack & Back) bemerkte, dass sich seine Fertigkuchen-Packungen immer schlechter verkauften. Dann kamen die Pillsbury-Manager auf die Idee, es könnte daran liegen, dass Kunden den fertigen Kuchen nicht als „ihren“ empfanden. Das Prinzip war zu perfekt. Also empfahl der Psychologe und Marketing-Experte Ernest Dichter dem Konzern, einige Zutaten wegzulassen: Statt der enthaltenen Trockeneier wurden die Kunden gebeten, selbst frische Eier in den Teig zu geben, ebenso Milch und Öl. Und tatsächlich: Aus der Backmischung wurde ein „eigener“ Kuchen. Die Umsätze schossen in die Höhe, weshalb der Coup als Ei-Theorie Geschichte machte…

Ei Theorie Erfolg Durch Unfertiges Weglassen

Mehr Erfolg durch Unfertiges

Die Pillsbury-Geschichte ist zwar schon ein paar Jahre her. Der renommierte Verhaltensökonom von der Duke Universität, Dan Ariely, erzählt sie aber in seinen Büchern immer wieder gern. Zahlreiche Hersteller, Manager und Teams verhalten sich genauso: Wochenlang wird an einem neuen Produkt, einer neuen Strategie, einer besseren Organisation getüftelt – bis alles bedacht wurde, das Konzept keine Kanten mehr hat, perfekt ist. Erst dann wird es präsentiert. Und was passiert? Der Funke springt nicht über! Der Grund: Es ist das Konzept der Mitarbeiter, deren Idee, deren Erfolg.

Anzeige

Ei-Theorie: Mehr Mut zur Lücke!

Oft verbirgt sich hinter dem Bestreben, perfekt zu sein, nur das unerfüllte Verlangen nach Beachtung oder Beifall, der Wunsch nach mehr Kontrolle und der Versuch, sich vor Schimpf und Schande zu schützen. Oft sind Perfektionisten willensstarke Menschen mit harter Schale, aber sensiblem Kern. Verstehen Sie uns nicht falsch: Stets sein Bestes geben zu wollen, ist nichts Falsches. Aber daraus entsteht leicht eine Abwärtsspirale aus Streben und Scheitern – siehe Perfektionismus. Mehr noch: Es ist ein Fehler, keine Fehler machen zu wollen. Das Gegenteil ist richtig: Makel machen glaubwürdiger, attraktiver, sympathischer – siehe Blemishing-Effekt.

Mehr Kommentare durch unfertige Artikel?

„Erzählen Sie nicht die ganze Geschichte!“, empfahl vor einiger Zeit Michael van Laar den Lesern seines Blogs. So würden sie mehr Kommentare generieren: Bewusstes Weglassen könne dazu führen, dass ein Artikel kommentiert wird. Denn nichts rege weniger zu einem Kommentar an als ein vollkommen auserzählter Artikel, zu dem es nichts mehr zu sagen gibt. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn Sie Raum für persönliche Ergänzungen lassen, bewegen Sie Leserinnen, Leser oder Kunden zu mehr Engagement. Selbst wenn es nur ein Kommentar ist, der auf die Unvollständigkeit hinweist.

Die Ei-Theorie ist ein Plädoyer für mehr Mut zur Lücke. Und es ist der Schlüssel zu mehr Identifikation, Begeisterung und Interaktion. Natürlich gibt es Produkte, die ausgereift und perfekt sein müssen. Flugzeuge zum Beispiel. Für viele andere, insbesondere Dienstleistungen, gilt das nicht. Im Gegenteil: Etwas Imperfektion und bewusstes Weglassen können zu deutlich besseren Ergebnissen führen.

Anzeige

Fragen stellen statt Tipps geben

Coaches wissen das und haben sich das Prinzip längst zunutze gemacht: Ein Coach wird seinem Coachee nie die Lösung seines Problems empfehlen, Ratschläge erteilen oder Tipps geben – er fragt lieber systemisch und lässt seinen Klienten selbst die Lösung finden. Der Effekt: Es ist seine Lösung, seine Idee, sein Weg! Und den verfolgt er dadurch viel motivierter als einen Ratschlag.

So gesehen, ist womöglich sogar derjenige, der mit seinem Halbwissen hausiert, nicht einmal ein knarziger Besserwisser, sondern hebt nur einen verborgenen Schatz kollektiver Klugheit. Aber das ist freilich auch nur eine unfertige These…


Was andere dazu gelesen haben