212 Tage. So viele Werktage verbringt der deutsche Arbeitnehmer durchschnittlich an seinem Arbeitsplatz. Und für die meisten bedeutet das gut acht Stunden am Tag: sitzen, sitzen, sitzen. Fehler! Männer, die mehr als 23 Stunden pro Woche im Sitzen arbeiteten, haben ein um 64 Prozent größeres Risiko an einem Herzinfarkt zu sterben, als jene, die nur 11 Stunden sitzen. Das ergaben Studien von Steven Blair, Professor an der Universität von South Carolina. Sein Kollege Rikke Krogh-Madsen vom Centre of Inflammation and Metabolism in Kopenhagen kam zuvor schon zu einem ähnlichen Resultat: Nur zwei Wochen vermehrtes Sitzen setzten dem Herz-Kreislauf-System merklich zu – negativ...

Besser sitzen: Achten Sie auf den Bürostuhl

Dabei gäbe es eine ebenso einfache wie effektive (und billige) Lösung für das Problem: einfach öfter aufstehen. Wer häufiger bei der Arbeit steht, trainiert seine Rumpfmuskulatur, vor allem den Bauch und Rücken, senkt die Gefahren von Diabetes und Thrombose und erhöht seine Lebenserwartung. Mehr noch: Laut einer Studie des Psychologen Frank Fischer von der Münchner LMU bringt uns Aufstehen oder zeitweiliges Arbeiten im Stehen sogar auf bessere Gedanken. Wer in den Experimenten dazu öfter aufstand und im Stehen arbeitete, hatte 24 Prozent mehr Ideen und traf in 25 Prozent der Fälle bessere Entscheidungen als die Fraktion der Sitzengebliebenen.

Tipps für richtiges Sitzen

TippsfürrichtigesSitzenNun werden Sie freilich trotzdem nicht die ganze Arbeitszeit stehend verbringen (wollen). Ein Grund mehr, sich mit der Auswahl eines ergonomisch sinnvollen Bürostuhls auseinander zu setzen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass der Körper beim Sitzen beides braucht: Halt und Bewegung.

Vor allem Letzteres klingt paradox, ist aber entscheidend, um weiterhin Ihre Rücken- und Bauchmuskulatur zu trainieren. Sonst erschlaffen diese - und sie sitzen irgendwann nur noch krumm vor der Glotze und wundern sich abends über Rückenleiden... Ein geeigneter und rückenfreundlicher Bürostuhl bietet daher nicht nur Stützen - er mobilisiert Sie daher auch.

Moderne Bürostühle verfügen heute über eine sogenannte Synchronmechanik, sie sorgt für ein simultanes Einstellen von Sitzneigung und Rückenlehne. Über eine Einstellschraube lässt sich dabei der Gegendruck individuell regeln. Idealerweise ist der nicht zu weich (sonst fallen Sie nach hinten weg) und auch nicht so hart, dass er Sie aus dem Sitz herausdrückt.

Wer steht, arbeitet 46 Prozent besser

Wer steht, arbeitet 46 Prozent besserWer im Stehen arbeitet, tut nicht nur etwas für seine Gesundheit, sondern arbeitet einer neuen Studie zufolge auch produktiver als seine sitzenden Kollegen.

Die Texas A&M Health Science Center School of Public Health beobachtete die Mitarbeiter eines Call Centers über ein halbes Jahr lang. Die eine Gruppe arbeitete wie gewohnt im Sitzen an ihren Schreibtischen, die andere wurde mit höhenverstellbaren Tischen ausgestattet, die es ihnen erlaubten, ihre Arbeit auch im Stehen zu erledigen.

Ergebnis: Die Mitarbeiter, die während der Arbeit aufstehen und an einem hohen Schreibtisch arbeiten konnten, leisteten stolze 46 Prozent mehr.

Um diesen Effekt zu erreichen, ist es gar nicht nötig, den Großteil der Arbeitszeit stehend zu verbringen. Im Schnitt nutzten die Arbeitnehmer die Möglichkeit, im Stehen zu arbeiten, nur knapp 90 Minuten am Tag. Das reichte für den Effekt aber schon.

Kleine Kaufberatung für einen Bürostuhl

Grundsätzlich erfüllt der optimale, rückengerechte Bürostuhl folgende Kriterien:

  • Variabilität

    Der Bürostuhl lässt sich individuell anpassen und ermöglicht wechselnde Arbeitshaltungen.

  • Sitzhöhe

    Beim Sitzen sind Ihre Beine etwa 90 Grad angewinkelt, die Fußsohlen berühren vollständig den Boden. Die Oberschenkel liegen dabei waagrecht oder fallen leicht nach vorne ab. Auch in dieser Position muss der Stuhl aber noch Spiel nach oben und unten haben.

  • Federung

    Achten Sie darauf, dass der Bürostuhl eine sogenannte Sitztiefenfederung besitzt. Sie muss das Körpergewicht beim Hinsetzen (oder sich in den Stuhl fallen lassen) abfangen können.

  • Rückenlehne

    Diese sollte stufenlos verstellbar sein und mindestens 20 Zentimeter über den Sitz hinausragen. Bequemer ist, die Rückenlehne ragt bis zu den Schulterblättern. Der sogenannte Lendenbausch (oder: Lordosenstütze), also die Innenwölbung der Lehne, befindet sich optimalerweise dann auf Gürtelhöhe. Und wenn Sie mit dem Rücken anliegen, sollten die Beine noch mindestens zwei Fingerbreit über die Sitzvorderkante hinausragen.

  • Armlehnen

    Ob Sie Armstützen mögen oder nicht, liegt natürlich an Ihnen. Sie sind aber enorm praktisch - etwa zum Abstützen beim Aufstehen. In jedem Fall aber sollten diese in der Höhe verstellbar sein, sodass Sie die Armlehnen individuell an sich anpassen können. Tipp: Achten Sie darauf, dass beim Heranrollen an den Schreibtisch nicht die Armlehnen, sondern der Bauch zuerst den Tisch erreichen.

  • Sitztiefe

    Wenn Sie am Schreibtisch sitzen, sollte über Ihren Oberschenkeln noch eine Handbreit Platz bis zur Tischplatte sein.

  • Sitzfläche

    Die optimale Sitzbreite oder Sitzfläche liegt zwischen 40 und 48 Zentimetern. Das liegt aber letztlich immer am eigenen Körpermaß und Sitzempfinden. Vermeiden Sie zudem bitte den sogenannten Rutschbahn-Effekt: Der Sitz sollte hinten nicht hochgezogen sein, sonst gleiten Sie ständig heraus.

  • Rollen

    Hier sollten sie auf Qualität achten, denn diese werden stark beansprucht. Welche Rollen sich für welchen Untergrund eignen, erkennen Sie leicht an den "Farben" an den Seitenflächen der Rollen: Harte und einfarbige Rollen sind für Teppichböden, zweifarbige und weiche Rollen sind für harte Untergründe wie Laminat, Fliesen oder Parkett gedacht. Die Rollen müssen allerdings gewichtsabhängig gebremst sein. Sonst riskieren Sie, dass der Stuhl schon wegrollt bevor Sie sich darauf setzen.

Die wichtigsten Einstellungen zeigt diese Infografik:

Ergonomie-Arbeitsplatz-Buerostuhl-Infografik

Bürostuhl-Auswahl: Nur Probesitzen am Schreibtisch

Bürostuhl-5-RollenBürodrehstühle mit Rollen bieten viel Beweglichkeit und Flexibilität. Sie sollten Ihnen ein Maximum an Bewegungsfreiheit geben. Das stellen Sie in der Regel aber nie allein im Geschäft fest. Verhandeln Sie deshalb immer ein Probesitzen an Ihrem Schreibtisch. Denn erst wenn beide - Stuhl und Tisch - an Ihre Haltung angepasst sind, merken Sie, ob der Stuhl seine Aufgaben optimal erfüllt. Denn der muss sich Ihnen und Ihrer Arbeitsweise anpassen - nicht umgekehrt. Eine weitere Orientierungshilfe bei der Auswahl bieten GS-Zeichen (Geprüfte Sicherheit) oder das Prüfzeichen "Ergonomie geprüft".

Weiterführende Artikel:

PS: Es gibt auf dem Markt inzwischen auch einige Alternativen zum klassischen Bürostuhl. In der Regel handelt es sich dabei um wippende Hocker, Sitzbälle oder Stehhilfen, die durch ihre Form zu regelmäßigen Bewegungen animieren sollen. Die Meinungen dazu gehen auseinander. Ich kenne einen Ex-Kollegen, der sich so einen "Swopper" erst an- und nach kurzer Zeit wieder abschaffte - auf Dauer zu unbequem und kein Ersatz für einen guten Stuhl. So jedenfalls sein Fazit.

[Bildnachweis: Marcin Balcerzak, Dean Drobot, Maluson, iconico by Shutterstock.com]

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