Es war Anfang 1927 als die russische Psychologin Bljuma Zeigarnik für einen Forschungsaufenthalt nach Berlin reiste. Sie war einem neuen Phänomen auf der Spur, das sie – so jedenfalls behauptet es die Legende – ausgerechnet in einem Café beobachtet hatte: Ihr Kellner hatte mehrfach hintereinander eine große Zahl von Bestellungen aufgenommen, an die er sich problemlos erinnern konnte – bis er sie alle abgearbeitet hatte. Danach allerdings wusste er nicht mal mehr, ob er jemandem einen Kaffee oder ein Stück Kuchen serviert hatte. Woran aber lag es, dass ihm unerledigte Aufgaben zunächst gestochen scharf im Gedächtnis blieben, um sich nach ihrem Finale schneller aufzulösen als eine Aspirin im Wasserglas?
Also entwickelte Bljuma Zeigarnik an der Universität Berlin ein Experiment, bei dem sie 164 Probanden verschiedene Aufgaben lösen ließ. Die sollten etwa ein beliebiges Tier nachkneten, eine Blume zeichnen, Perlen auf einen Faden ziehen oder häkeln. Einige dieser Aufgaben durften die Teilnehmer vollenden, bei anderen unterbrach Zeigarnik sie mittendrin. Im Anschluss prüfte die Psychologin, an wie viele ihrer Aufgaben sich die Freiwilligen noch erinnerten.
Und tatsächlich: Auch hier memorierten die Teilnehmer jene Aufgaben besser, die sie nicht vollendet hatten – und zwar erheblich: Die unerledigten Dinge blieben bis zu 90 Prozent besser im Gedächtnis haften. Und das völlig unabhängig vom Alter oder dem Bildungsgrad der Probanden.
Dabei handelt es sich aber noch nicht um den heute weltweit geschätzten Zeigarnik-Effekt, den seine Namensgeberin damals aufspürte. Viel entscheidender als der Anteil der präsenten Aufgaben ist der Grund für unsere anhaltende Konzentration: So konnte Bljuma Zeigarnik zeigen, dass nicht etwa der Akt des Unterbrechens als solcher wichtig ist, sondern das Erledigtsein beziehungsweise Unerledigtsein der Aufgabe.
Achtung! Hier kommt eine kleine Pause…
Vereinfacht gesagt: Wenn wir eine Herausforderung vor uns haben, bauen wir geistige Spannung auf – und diese löst sich erst dann, wenn wir die Aufgabe gemeistert haben. Andernfalls bleibt diese Spannung bestehen und sorgt dafür, dass uns die lästige Aufgabe weiter und weiter im Gedächtnis herumspukt, uns nachts um den Schlaf bringt und morgens noch vor dem ersten Kaffee an den Papierstapel auf dem Schreibtisch denken lässt.
„Cliffhänger-Effekt“ wird das Phänomen daher auch umgangssprachlich genannt – und heute in so ziemlich jeder Hollywood-Produktion, jeder TV-Serie und auch in jedem spannenden Roman genutzt. Oder haben Sie sich noch nie gefragt, wieso die Werbepause im Fernsehen immer dann kommt, wenn es am spannendsten ist?
Das ist der Zeigarnik-Effekt! Der Sender will natürlich nicht, dass Sie wegzappen. Und selbst wenn Sie doch ein wenig an der Fernsteuerung herumspielen – Sie kommen wieder. Weil Sie jetzt natürlich wissen wollen, wie die Geschichte ausgeht.
Es ist wie beim sogenannten Fortschrittsbalken am Computer: Irgendwie ist es ziemlich dämlich die ganze Zeit gebannt auf so einen animierten Balken zu starren und zuzusehen, wie der allmählich auf 100 Prozent anschwillt. In der Zeit ließe sich wahrlich Besseres erledigen. Und doch glotzt jeder drauf, weil es Spannung erzeugt: 57 Prozent … 73 Prozent … Wow, schon 80 Prozent! Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein, wenn es heißt: Auch 90 Prozent sind noch nicht das Ende der Fahnenstange!
So machen Sie sich den Zeigarnik-Effekt zunutze

Wie wir ticken
Noch mehr über solche Effekte erfahren Sie in dem Bestseller “Ich denke, also spinn ich“, der inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt wurde und bald schon in der dritten Auflage erscheint.
Der Zeigarnik-Effekt lässt sich allerdings auch anderweitig nutzen. Zum Beispiel ganz klassisch mit sogenannten To-Do-Listen. Sie sind nichts anderes als ein Spiel mit dem Phänomen, bei dem wir uns letztlich selbst manipulieren: Weil wir wollen, dass die Punkte erledigt werden, schreiben wir sie auf eine Liste. Das erzeugt Spannung und Druck beim Abhaken, gleichzeitig aber auch Stress, wenn sich die Häkchen darauf nur langsam mehren.
Das ist zugleich die Kehrseite des Effekts: Wenn Sie zu viele Punkte auf Ihre Liste schreiben, die sich gar nicht zügig genug abarbeiten lassen, macht Sie der Zeigarnik-Effekt so cremig, dass kaum noch Kapazitäten zur Konzentration oder Kreativität übrig bleiben. Von der nötigen Entspannung zwischendurch mal abgesehen. Deshalb ist es – wie so oft – auch hierbei wichtig ein gesundes Mittelmaß zu finden: zwischen einem motivierenden Cliffhänger einerseits und einer letztlich immer noch überwindbaren Klippe andererseits.
Im Übrigen arbeitet auch die Überschrift zu diesem Artikel mit dem Zeigarnik-Effekt. Es ist eine typische Verkaufszeile, die Ihnen durch das Wort „schon“ suggeriert, dass es bei Ihnen noch eine offene Baustelle beziehungsweise etwas nachzuholen gibt. Schon zappeln Sie an Bljumas Haken.
Aber gut, das wäre dann hiermit erledigt.







asaaki
“Aber gut, das wäre dann hiermit erledigt.”
Und schon habe ich wieder vergessen, was ich eigentlich gelesen habe. ;o)
Jochen Mai
Dann lies und klick es gleich noch mal! Und vergiss die Banner dabei nicht…!
Keylogger
Zitat:
“Ihr Kellner hatte mehrfach hintereinander eine große Zahl von Bestellungen aufgenommen, an die er sich problemlos erinnern konnte – bis er sie alle abgearbeitet hatte. Danach allerdings wusste er nicht mal mehr, ob er jemandem einen Kaffee oder ein Stück Kuchen serviert hatte.”
Zitat Ende.
Es liegt am Kurzzeit-Gedächtnis (Unwichtiges nur kurz speichern), weil der Kellner sich dann auf einen neuen Gast konzentrieren muß!
Und im Langzeit-Gedächtnis werden nur die schönsten und angenehmsten Dinge des Lebens abgespeichert wie z.B. Urlaubs- oder Hochzeitstag-Erinnerungen.
Matthias
Da sieht man mal, wie schlau wir eigentlich sind. Nicht nur, dass unser Hirn alles unwichtige ausklammert (nicht vergisst!), sondern es speichert vieles auch nur genau so lange, wie wir es brauchen. Faszinierend!