Precrastination: Dinge sofort erledigen müssen

Das Phänomen der Procrastination (vulgo Aufschieberitis) kennen Sie schon: die Neigung, Dinge aufzuschieben, die eigentlich dringend erledigt werden müssten. Schätzungen zufolge ist etwa jeder fünfte Deutsche davon betroffen. Es gibt allerdings auch ein namensverwandtes Phänomen, das nicht minder verbreitet ist: die sogenannte Precrastination (eingedeutscht: Prekrastination). Dahinter verbirgt sich das genaue Gegenteil: der Zwang, jedwede Aufgabe so schnell wie möglich zu erledigen, Hauptsache weg damit. Oder wie es im Büroslang heißt: asap – as soon as possible…

Precrastination: Dinge sofort erledigen müssen

ASAP: Precrastination ist vor allem selbstgemachter Stress

Typisch für diese Soforterlediger ist der zunehmende Stress, der mit jedem neuen Punkt auf ihrer (imaginären) To-Do-Liste wächst: So viele Dinge, die noch geregelt werden müssen – und so wenig Zeit!!!

Also versuchen sie, diese so schnell wie möglich abzuarbeiten. Auch dann, wenn dies zu noch mehr (selbstgemachtem) Stress oder gar unnötiger Arbeit führt. Manche Dinge erledigen sich schließlich ganz von alleine.

Nicht so bei den Soforterledigern, für sie gilt: Nix wie weg von der Liste, abgearbeitet, aus den Augen, aus dem Sinn! Deadlines sind für Sie eher Bedrohung als Richtwert; Leistungsdruck und Optimierungswahn sind ihre Attitüde.

So allerdings werden manche Aufgaben viel zu früh und mit einem potenzierten Stressfaktor erledigt, der im Grunde gar nicht nötig wäre. Hinter dem scheinbaren Engagement und Fleiß steckt also gar keine Arbeitstugend, sondern ein innerer Zwang.

Definition-Prokrastination-Precrastination

David Rosenbaum, Psychologe an der Pennsylvania State Universität, hat das Phänomen Precrastination zusammen mit Kollegen näher erforscht und dazu eine Reihe von Experimenten initiiert.

Dabei zeigte sich immer wieder: Egal, welche Aufgaben den betroffenen Probanden gestellt wurden – hatten sie die Auswahl zwischen zwei Lösungsalternativen, entschieden sie sich immer für die erstbeste Lösung. Hauptsache Aufgabe erledigt, selbst wenn das mehr physische Anstrengung erforderte. Das gaben die Probanden sogar in den Interviews hinterher exakt so zu Protokoll.

Offenbar wiegt bei den Prekrastinierern der mentale Druck der unerledigten Aufgabe so schwer, dass sie alles tun würden, um diese umgehend abzuschließen und so von der mentalen To-Do-Liste streichen zu können. Also das genaue Gegenteil eines typischen Aufschiebers.

Oder anders formuliert:

  • Wenn das Mantra der Procrastination lautet: Nicht jetzt, später!
  • Heißt das Mantra der Precrastination: Jetzt sofort, nicht gleich!

Ob der (zu) frühe Vogel auch den Wurm fängt, ist allerdings unklar.

Sicher, für Arbeitgeber mag der Prekrastinierer der beliebtere Mitarbeiter sein. Der Soforterlediger schafft schließlich was weg – und das ohne Aufschub. Sein Verhalten muss deswegen aber nicht effizient sein, nicht einmal produktiv. Schließlich erhöhen sich unter enormem Druck auch gerne mal die Fehler.

Überdies liegt der Verdacht nahe, dass dieses Phänomen zugleich die Vorstufe von Workaholismus und Burnout ist.

Lässt sich etwas gegen Prekrastination tun?

De facto haben wir es hier mit zwei Extremen – Pro- und Prekrastination – zu tun. Beide können zu deutlich erhöhtem Stress bei den Betroffenen führen und damit zu langfristigen gesundheitlichen Schäden.

Falls auch Sie davon betroffen sind (und das sind laut unserer Leserumfrage unten die meisten), haben Sie den ersten Schritt dagegen schon getan: Sie haben diesen Artikel gelesen. Tatsächlich hilft es den meisten Soforterledigern schon, sich das Problem bewusst zu machen und so den Druck rauszunehmen.

Was ebenfalls gegen das Soforterledigen hilft:

  • Gehen Sie Ihre To-Do-Liste noch einmal durch: Was davon muss wirklich sofort erledigt werden?
  • Verschaffen Sie sich einen Überblick der wirklich dringenden Aufgaben.
  • Suchen Sie die goldene Mitte: Was steht an, was geht auch nachher noch?
  • Machen Sie nicht alles auf einmal. Multitasking ist eine gefährliche Illusion. Versuchen Sie sich stattdessen zu fokussieren.
  • Und ganz simpel: Nehmen Sie den Druck raus! Sie werden sehen: Sie schaffen Ihr Pensum auch so.
[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]
13. Januar 2016 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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