Ein Interview mit Axel Koch, Professor für Wirtschaftspsychologie
Axel Koch führte lange Zeit ein Doppelleben. Unter dem Pseudonym Richard Gris deckte er mit seinem Buch “Die Weiterbildungslüge“, zahlreiche Missstände bei Seminaren und Trainings, besonders im Soft Skills-Bereich, auf. Entsprechend groß war die mediale Aufmerksamkeit und der Zorn der Seminaranbieter. Inzwischen ist das Geheimnis um seine Identität gelüftet und Koch Professor für Wirtschaftspsychologie an der SRH Fernhochschule Riedlingen. Für unsere MBA-Serie beleuchtet er, für wen sich der MBA lohnt und warum sich deutsche Business Schools auch in naher Zukunft nicht auf dem internationalen Markt durchsetzen werden.
Herr Koch, würden Sie jungen Berufstätigen zu einem MBA-Studium raten?
Ich würde ihnen empfehlen, intensiv zu recherchieren, ob sich dadurch ihre Karriere- und Berufsvorstellungen wirklich realisieren lassen. Das MBA-Studium lebt heute von seinem schillernden Image. Es suggeriert, dass es der Einstieg in die Welt des Managements mit steilen Karriereleitern ist. Das ist jedoch ein Trugschluss, der aber viel bis sehr viel Geld kostet. Dazu muss man die Historie des MBA kennen: Ursprünglich wurde er ins Leben gerufen, um gestandenen Managern aus dem Bereich der Technik und Naturwissenschaften das erforderliche Wirtschaftswissens zur Lenkung eines Unternehmens zu vermitteln. Folglich saßen in den Weiterbildungen erfahrene Manager. Heute ist es vielfach umgekehrt: Leute wählen den MBA und hoffen dadurch Ihre Manageraussichten zu steigern. Diese Kausalität gibt es jedoch nicht.
Finden sich unter den MBA-Angeboten Weiterbildungslügen, wie Sie sie auch in Ihrem Buch beschrieben haben?
Die Weiterbildungslüge besteht darin, dass der weltweit bekannte Begriff MBA annehmen lässt, dass unter diesem Label standardisierte Inhalte angeboten werden. Dem ist aber nicht so. So mag es manche Anbieter geben, die einfach die vorhandenen Bausteine aus einem BWL-Studium in den MBA überführen. Man könnte es auch böse Recycling-Inhalte nennen. Andere dagegen haben ausgetüftelte Konzepte, um der Grundidee des MBA gerecht zu werden und nur das zu vermitteln, was ein Manager zwingend in seiner Tätigkeit braucht und wo zum Beispiel durch ausgiebige Fallstudienarbeit das erforderliche Denken in Zusammenhängen trainiert wird. Außerdem muss man immer auch unterscheiden, in welchem Land der MBA angeboten wird. In Deutschland gibt es strenge rechtlichen Vorgaben, die durch den Vorgang der Akkreditierung eines Studienganges überprüft werden. Die deutsche und die internationale Akkreditierung decken sich aber nicht. Schließlich gibt es renommierte Anbieter, die sich aufgrund ihres Images erlauben können, ganz eigene Wege zu gehen. Sie richten sich nicht nach Vorgaben – was aber nicht heisst, dass sie schlechte Ergebnisse produzieren. Es kann sogar sein, dass es besser ist.
Wie beurteilen Sie die Entwicklung, dass schlichte Master im Windschatten des MBA aufgeblasen werden?
Die Entwicklung, dass im Grunde jede Universität, Hochschule oder Fernfochschule einen MBA auf Ihre Fahnen schreiben muss, um sich nicht gleich ins Abseits zu katapultieren, ist bedenklich, weil dadurch die Auswahl und Vergleichbarkeit noch schwerer fällt. Am Ende geht es also darum, den Markt abzuschöpfen, da der MBA so hoch gehandelt wird. Firmen nutzen zum Beispiel den MBA als Werbeargument für Ihre High Potentials. Dadurch gibt es entsprechende Nachfrage. Doch es gibt auch Semester mit leeren Studienbänken, weil die Studenten fehlen. Wie bereits erwähnt, kommt die Güte eines MBA auch dadurch zustande, dass berufserfahrene Teilnehmer darin sitzen. Doch auch hier ist Vorsicht angesagt. Denn – so zeigen Weiterbildungsmessen – Bewerber wollen zwar international sein und einen MBA absolvieren, aber mangels Sprachkenntnissen doch alle Vorlesungen am liebsten auf Deutsch.
Werden sich deutsche Anbieter irgendwann ähnlich etablieren wie ihre amerikanischen Vorbilder?
Nein. Die USA gelten einfach als Hochburg des MBA. Und da der MBA auch gerade die Internationalität verspricht, sind deutsche Anbieter nicht in der vordersten Reihe. Sicherlich werden weiter die bereits namhaften Anbieter das Rennen machen, weil die Firmen ihre Nachwuchsführungskräfte ganz bewusst in bestimmte Kaderschmieden schicken. In diesen Fällen reduziert einfach schon der Preis den Teilnehmerkreis und so ist sichergestellt, dass die High Potentials mit den richtigen Kontakten in Berührung kommen.
Lohnt sich denn noch irgendeine Weiterbildung?
Weiterbildung lohnt sich immer dann, wenn man vorab sehr genau die Ziele präsiziert, die man damit verfolgt und sich genau das Passende dazu sucht. Weiterbildung lohnt sich auch dann, wenn man bereit ist, die erforderliche, Zeit, Disziplin und Energie dafür aufzubringen. Es ist aber immer dann ein Irrtum, wenn man sich von Schlagworten, Marketing und Versprechen blenden lässt.
Wäre denn der Doktortitel eine Alternative?
Ein Doktortitel klingt gut und bietet in bestimmten Bereichen auch eine Erhöhung des eigenen Marktwerts. Aber vor den Titel haben die Götter den Schweiß gesetzt. Und nicht zu knapp. Wer das Ganze berufsbegleitend macht, hat in der Regel mehrere Jahre damit zu schaffen. Deshalb muss man schon sehr genau überlegen, ob dieser Titel die gewünschte Tür öffnet.
Sind wir Deutschen tatsächlich so Titelversessen, wie man es von uns glaubt?
Ich höre immer wieder, dass der Titel in Deutschland oft Türen und Toren für bestimmte Bereiche öffnet. Ich selbst habe es noch nicht so bewusst erlebt. Wenn ich mir zum Beispiel manch naturwissenschaftlich geprägten Konzern anschaue, dann ist ab einer bestimmten Hierarchieebene fast immer ein „Dr“ vor dem Namen. Man fällt also auf wie ein bunter Hund, wenn man mit blankem Namen rumläuft. Angeblich sollen die Österreicher aber noch mehr auf Titel versessen sein.
Was halten Sie von Speed-Ausbildungen mit Zertifikat, die an ein paar Wochenenden absolviert werden können?
Speed-Ausbildungen sind immer dann ein Irrtum, wenn es darum geht, komplexe Denk- und Verhaltensfähigkeiten aufzubauen und zu schulen, wie es im Grunde ein MBA-Studium anpeilt. Meistens kommen solche Angebote dem Bedarf entgegen, schnell etwas fertig zu machen oder schnell etwas vorzuweisen. Wenn es nur um das Zertifikat als Stück Papier geht, dann mag es ausreichen – aber darum geht es meistens nicht. Ansonsten ist im Einzelfall zu prüfen, was gelehrt und vermittelt wird und ob es für die eigenen Weiterbildungsziele ausreicht.
Ich frage mal anders herum: Für wen lohnt sich was?
Ein MBA lohnt sich sicherlich besonders für die Studenten, die bereits Erfahrungen im Berufsleben und in Führungsposition haben. Denn nur dann bringen Sie den Grundstock mit, um etwa im Rahmen von Fallstudienarbeiten – als typische Methode der Managementausbildung – geeignete Lernerfahrungen zu machen. Jeder, der nur bestimmte Inhalte und Wissensbausteine aus dem Bereich der Wirtschaft oder Unternehmensführung braucht, muss schauen, ob dazu andere Weiterbildungen nicht genauso geeignet sind.
Das Interview ist Teil der fünfteiligen Serie MBA – Ein Weg nach oben. Die Artikel richten sich in erster Linie (aber nicht ausschließlich) an Absolventen und junge Berufstätige. Ich freue mich auf Ihr Feedback (via Twitter).
Bisher erschienen:







Pingback: „MBA Ranking – Die 20 besten Adressen“ auf karrierebibel.de – Jeden Tag mehr Erfolg!
Regina Haberfellner
Also ich denke auch, dass wir in Österreich den Deutschen bezüglich Titelverliebtheit noch einiges voraus haben. Die akademischen Titel sind ja noch einigermaßen übersichtlich, aber beim Beamtenadel wird es ganz heftig – der “Hofrat” ist da nur die Spitze des Eisbergs.
Max
sehr cooler artikel. kann auch nicht verstehen, wieso so viele für 10-40000 euro einen mba machen. so toll kann der gar nicht sein :)
Pingback: Karrierebibel: Wochenrückblick # 3 « Blogging by holg!