Gib einem Menschen Macht, und du erkennst seinen wahren Charakter, lautet ein bekanntes Bonmot. Darin steckt sicher viel Wahrheit. Wahr ist aber auch, dass Macht selbst den Charakter eines Menschen verändern, ja sogar verderben kann. Es ist die Paradoxie der Macht, über die das Wall Street Journal kürzlich einen interessanten Artikel geschrieben hat.

Vor ein paar Jahren begann Dacher Keltner, ein Psychologie-Professor an der Universität von Kalifornien in Berkeley damit, Erstsemester auf dem Campus zu interviewen. Er gab ihnen eine Gratispizza aus und einen Fragebogen dazu, um herauszufinden, welche ersten Eindrücke sie von ihren Mitstudenten hatten. Am Ende des Semesters lud Keltner seine Probanden erneut zu frischen Pizzen und demselben Fragenbogen ein. Dabei zeigte sich: Jene Studenten, die inzwischen am oberen Ende der sozialen Hierarchie standen, also besonders mächtig und respektiert waren, waren zugleich auch jene, die als besonders beliebt und extrovertiert galten. Mit anderen Worten: Die nettesten Kommilitonen führten die Rangliste an.

Das Ergebnis ist keinesfalls singulär für Berkeley. Vergleichbare Studien – etwa in der Army – kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Das ist auch durchaus normal: “Menschen verleihen all jenen Autorität, die sie besonders gut leiden können”, sagt Keltner.

Doch nun passiert das eigentlich Bemerkenswerte: All die Fähigkeiten, die diese natürlichen Führungspersönlichkeiten zu ihrer herausgehobenen Position ermächtigt hatten, schienen mit der Machtergreifung zusehens zu verschwinden. Statt ehrlich, höflich oder offen zu sein, werden diese Menschen plötzlich impulsiv, rücksichtslos und brutal. In einigen extremen Fällen verfolgen diese Chefs dann sogar nur noch eigene Interesse – ohne Rücksicht auf die Interessen der Unternehmen, die sie führen oder ihre eigene Popularität.

Der kürzliche Absturz des ehemaligen Hewlett-Packard-Chefs Mark Hurd ist so ein Beispiel. Als Konzern-CEO verdiente er rund 82.000 Dollar – täglich! Seinen Ruf, seine Karriere aber riskierte der Familienvater und Vorgesetzte von 300.000 Mitarbeitern für eine Affäre mit einer drittklassigen Schauspielerin und gefälschte Spesenabrechnungen im Wert von vergleichsweise läppischen 20.000 Dollar.

Nur warum? Wieso nur kommt es zu diesem Paradox der Macht, dass mit ihr all die guten Eigenschaften verschwinden, die die Menschen zuvor so erfolgreich gemacht haben? Oder kürzer: Warum werden die netten Jungs, sobald sie was zu sagen haben, zu solchen Arschlöchern?

Eine Erklärung der Psychologen geht so: Autorität vermindert Empathie. Menschen mit Macht neigen dazu, über ihre Mitmenschen stärker in Stereotypen und sprichwörtlichen Schubladen zu urteilen als wirklich mitfühlend zu sein. Zudem verbringen sie weniger Zeit damit, Blickkontakt zu anderen zu halten – erst recht, wenn diese weniger mächtig sind als sie selbst.

Dazu gibt es ein amüsantes Experiment (wenngleich es einen ersten Hintergrund hat) von Adam Galinsky, einem Psychologen und Professor für Ethik und Entscheidungen im Management an der Kellogg School of Management der Northwestern Universität in Evanston: Galinsky und seine Kollegen unterteilten dazu ihre Probandengruppe zunächst in zwei Hälften und suggerierten der einen Gruppe besonders mächtig zu sein, der anderen das genaue Gegenteil. Anschließend baten sie ihre Teilnehmer sich den Buchstaben E auf die Stirn zu malen. Nichts besonderes, sollte man meinen. Interessant daran aber war: Wer sich mächtig fühlte, malte den Buchstaben so herum auf seine Stirn, wie er ihn für sich selbst lesbar schreiben würde. Wer dann jedoch auf die Stirn schaut, sieht den Buchstaben spiegelverkehrt. Die Machtlosen hingegen hatten deutlich stärker ihre stirnlesenden Mitmenschen im Blick und malten das E so herum, dass diese es lesen konnten.

Das alles macht Menschen zwar noch nicht zu unmoralischen Tyrannen, ist aber der erste Schritt in die falsche Richtung. Und es kommt noch schlimmer. Wie Galinsky in einer Reihe weiterer Experimente zeigen konnte, neigen Menschen, die sich mächtig fühlen, dazu, sich ihr unmoralisches Verhalten schönzureden. Als der Wissenschaftler etwa Probanden einen Fahrer beurteilen ließ, der sämtliche Tempolimits missachtet, weil er zu spät dran ist, fanden die auf mächtig gepolten Versuchsteilnehmer das zwar nicht okay – bei sich selbst aber schon. Falls sie selbst in eine solche Sitation kommen würden, konnten sie das jederzeit rechtfertigen und fanden zahlreiche Gründe dafür, andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden und sich über Regeln hinwegzusetzen.

Dass der Mensch dem Schweinehund vielleicht doch näher ist als dem Affen, vermutete schon der US-Ökonom Vernon Smith, der diesem Wesenszug bereits in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts auf die Schliche kam und dafür 2002 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt: Bei seinem Versuch konnten die Probanden Geld in eine Gemeinschaftskasse einzahlen und so vermehren, der Gewinn wurde anschließend an alle zu gleichen Teilen ausgezahlt. Allerdings hatten die Teilnehmer die Wahl zwischen zwei Strategien: kooperieren und einzahlen oder nicht einzahlen und trotzdem profitieren. Das Experiment zeigte: Spielten alle mit, erzielten sie den höchsten Gewinn. Den höchsten Einzelprofit aber gab’s für egoistisches Schmarotzen.

Was passierte?

Zu Beginn spielten vier Fünftel fair, der Rest kassierte mit. Die Ehrlichen waren die Dummen und verhielten sich schon bald eigennützig. Effekt: Der Profit schmolz mit jeder Runde und erreichte zum Schluss seinen Tiefststand. Wie die Stimmung. Erst als die Mitspieler Trittbrettfahrer bestrafen konnten, verbesserte sich das Ergebnis.

Der Kekstest

Bei einem von Gruenfelds Versuchen bildete sie mehrere Gruppen zu je drei Studenten, die anschließend über kontroverse Themen diskutieren sollten. Einer der Probanden wurde jedoch per Los dazu bestimmt, die Argumente der anderen Kommilitonen hernach vor allen zu beurteilen. Man könnte auch sagen, er bekam einen Fetzen Macht zugespielt. Als das Trio zur Abschlussrunde wie zufällig einen Teller mit fünf Keksen gereicht bekam, griffen die derart Ermächtigten häufiger und ungenierter zu, kauten mit offenem Mund und hatten nicht einmal Skrupel den Tisch zu bekrümeln. Schon das kleine bisschen Macht reichte aus, um sie all ihr Benehmen vergessen zu lassen und sich wie selbstverständlich einen höheren Anteil zu nehmen, der ihnen als Machtperson vermeintlich zusteht. Man könnte auch sagen: Sie mutierten zu Krümelmonstern.

Macht macht Menschen mies. Dazu gibt es auch eine interessante Untersuchung von Deborah Gruenfeld von der Stanford Universität. Sie fand heraus, dass drei Dinge passieren, wenn Menschen mächtig werden:

  1. Sie fokussieren sich mehr auf die Befriedigung eigener Bedürfnisse.
  2. Sie kümmern sich weniger um die Bedürfnisse ihrer Untergebenen.
  3. Sie halten sich selbst immer weniger an die Regeln, deren Einhaltung sie von allen anderen erwarten.

Sobald manche Menschen Macht über andere Kollegen bekommen, fangen sie an, später zum Meeting zu kommen, andere zu unterbrechen und bei Tisch laut zu schmatzen. In anderen Worten: Sie mutieren zu Miesepetern mit Macken und Mundgeruch.