Einen Job finden ohne Interessen? Mythos Selbstverwirklichung
Zuerst einmal: Atmen Sie durch. Wir müssen mit einem weitverbreiteten Karrieremythos aufräumen. Arbeit muss nicht zwingend geliebt werden! Im Kern ist sie ein Tauschgeschäft: Zeit und Arbeit gegen Geld. Der Druck, im Beruf jederzeit die totale Selbstverwirklichung zu finden, führt oftmals nur in eine Blockade. Wer keine klare Leidenschaft für irgendwas spürt, fühlt sich schnell als Versager im Selbstoptimierungs-Zirkus. Dabei ist es vollkommen legitim, den Job als das zu sehen, was er ist: eine solide Basis, die das restliche Leben finanziert.
Arbeiten müssen Sie natürlich trotzdem irgendwas, klar. Schon allein, um sich ein Einkommen und Gehalt zu sichern. Wie also können Sie einen Job finden – auch ohne Interessen? Wir empfehlen in dem Fall folgende Strategien:
Strategie 1: Das Ausschlussprinzip nutzen
Wenn die Frage „Was will ich?“ unbeantwortet bleibt, hilft der Blick auf das „Was will ich auf keinen Fall?“ Diese Negativ-Liste ist oft viel einfacher und schneller erstellt und gibt Ihnen ebenfalls erste präzise Hinweise auf mögliche Betätigungsfelder – natürlich nur indirekt, indem Sie bestimmte Jobs schon mal ausschließen, etwa Jobs mit Kundenkontakt, in Schichtarbeit, im Büro oder mit hohem Leistungsdruck. Der Vorteil der Negativ-Liste: Durch das Eliminieren der No-Gos lichtet sich häufig der Nebel. Was übrig bleibt, ist das Spielfeld, auf dem Sie sich bewegen können.
Strategie 2: Fähigkeiten vor Interessen
Ein entscheidender psychologischer Effekt wird oft übersehen: Interesse folgt oft dem Können (sog. Competence-Passion-Cycle). Wir mögen Dinge, in denen wir gut sind. Statt also nach einer abstrakten Leidenschaft zu suchen, sollten Sie Ihre Talente inventarisieren und dazu ebenfalls eine Liste erstellen: Was fällt mir besonders leicht? Wofür erhalte ich immer wieder Komplimente? Kann ich besonders gut strukturieren, organisieren oder habe ich ein gutes Auge für Details? Konzentrieren Sie sich zunächst voll und ganz auf Ihre Stärken! Die Begeisterung für eine Aufgabe kommt dann oft erst mit den ersten Erfolgserlebnissen und wenn Sie merken: „Hey, ich kann das richtig gut!“
Strategie 3: Die Suche nach dem „Wie“ statt dem „Was“
Oft sind es nicht die Aufgaben und Arbeitsinhalte, die uns langweilen, sondern die Art der Tätigkeit. Unterscheiden Sie strikt zwischen dem Thema und der Arbeitsweise. Wer gerne analysiert, kann im Controlling einer Modekette genauso glücklich werden wie in einem Logistikunternehmen. Das Thema „Mode“ oder „LKWs“ ist damit zweitrangig, wenn die eigentliche Art der geistigen Herausforderung zu Ihrem Naturell passt.
Tipps für die praktische Umsetzung:
- Der Blick zurück: Was haben Sie als Kind stundenlang gemacht? (Bauen, Sortieren, Geschichten erfinden?) Diese Muster sind meist unverfälscht.
- Fremdbild einholen: Fragen Sie Freunde oder Familie: „In welcher Rolle siehst du mich?“ Oft sehen andere Stärken und Talente, für die wir selbst blind sind.
- Mikro-Experimente: Machen Sie Job-Shadowing oder Praktika. Klarheit entsteht oft durch Gehen – nicht durch Grübeln!
Allein durch diese drei Tricks und Strategien, können Sie herausfinden, was Ihre wahren Interessen sind – ohne gleich von einer Passion zu sprechen.
Berufswahl mit Flaschengeist-Frage
Auch die sogenannte „Flaschengeist-Frage“ hilft vielen bei der Berufswahl oder im Coaching bei der beruflichen Neuorientierung: Stellen Sie sich vor, Sie finden eine magische Lampe. Der Flaschengeist erfüllt Ihnen einen Wunsch – egal, welchen Beruf Sie wählen – es wird ein Erfolg! Was wählen Sie? Die Frage hilft (wie auch „Münzwurf-Trick“) den wahren Herzenswunsch zu offenbaren, und schafft so mehr Klarheit bei der Berufswahl.
Ist das Desinteresse eine Schutzstrategie?
Manchmal ist das Gefühl, sich für nichts zu interessieren, ebenso eine unbewusste Schutzstrategie. Wer sich nicht festlegt, kann nicht scheitern. Wer keine Leidenschaft zeigt, ist nicht verletzlich. Wenn Sie also feststecken oder sich für keinen Job so richtig interessieren, können auch innere Blockaden und Schutzmechanismen dahinterstecken. Hierbei kann es helfen, sich einen Karrierecoach oder Jobmentor zu suchen, der Ihnen hilft, die Blockaden aufzudecken und zu überwinden, und den Mut zur (vielleicht auch unperfekten) ersten Jobwahl zu finden.
Die Kurzfassung der Antwort auf die Frage, welchen Job man machen soll, wenn einen nichts interessiert, lautet: „Fangen Sie an!“ Viele Karrierewege entstehen erst dadurch, dass man losgeht. Die wenigsten Laufbahnen verlaufen heute geradlinig, sondern entwickeln sich organisch. Ebenso sind Interesse oder Leidenschaft keine statischen Zustände, die man „findet“ wie einen verlorenen Schlüssel! Es ist vielmehr eine Pflanze, die wächst, während man arbeitet. Sinn entsteht durch Verantwortung, durch das Lösen von Problemen und durch ein Team, in dem man sich geschätzt fühlt. Sie müssen das Ziel nicht kennen, um den ersten Schritt zu gehen. Merke: Kleine Schritte sind besser als keine Schritte. Und Bewegung schlägt Stillstand – immer!
Checkliste zur Arbeitgeberwahl
Wenn Sie schließlich eine Wahl getroffen und einen potenziellen Wunscharbeitgeber gefunden haben, sollten Sie diesen immer noch einmal durchleuchten und prüfen, ob dieser wirklich Ihren Erwartungen entspricht. Hierfür haben wir eine Arbeitgeber-Checkliste entwickelt, die Sie sich gerne herunterladen und nutzen können:
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