Ich gestehe, wir haben das früher auch so gemacht – erst in der Schule, später an der Uni: das kurzfristige Pauken für die Klausur, wohlwissend, dass das Meiste davon danach wieder vergessen sein wird. Es gibt dafür unter Studenten sogar einen Fachausdruck: Bulimielernen. Wissen kurzfristig in sich reinstopfen als gäb’s kein Morgen, dann in der Prüfung ausspucken und anschließend vergessen. Weg mit dem unnötigen Ballast! Man kann das verwerflich finden, weil es irgendwie nach Verschwendung klingt, nach vergeudeter Zeit und Unterforderung der grauen Zellen. Und doch lässt sich nicht leugnen, dass es ebenso eine recht erfolgreiche Strategie ist – ja, sogar ein wichtiger Erfolgsschlüssel, der darin steckt: das Fokussierenkönnen.
Viele Menschen können das nicht. Sie haben schon Probleme damit, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Fokussieren geht aber noch darüber hinaus. Es bedeutet, sich auszurichten auf ein bewusstes (!) Ziel und all seine Kraft, Energie und Leidenschaft darauf zu setzen, dieses Ziel auch zu erreichen. Solche Menschen sind nicht nur enorm hartnäckig, sie lassen sich auch kaum noch ablenken oder entmutigen.
Sicher geht es dabei nicht darum, mit Scheuklappen durchs Leben zu trampeln und alles zu ignorieren oder niederzumähen, was sich einem in den Weg stellt. Das wäre auch blöd, schließlich verläuft das Leben selten nach Plan und Improvisation und Anpassungsfähigkeit sind ebenso wichtige Erfolgsschlüssel. Es wird immer wieder Dinge geben, die kurzfristig unsere volle Aufmerksamkeit verlangen. Aber es gibt eben auch das eine große Ziel, das, was man wirklich erreichen will. Dort, wo will man morgen stehen will. Und darum geht es in dem Fall.
Mit Fokus zum Erfolg
Ich habe in meinem Leben schon einige sehr erfolgreiche Menschen getroffen, einige habe ich seinerzeit interviewt, mit anderen bin ich befreundet (wofür ich sehr dankbar bin, weil ich viel von ihnen lerne). Sie alle haben immer wieder dieselben Dinge gemeinsam: Sie alle hatten oder haben einen Traum, eine Vision, ein Ziel, und das haben sie mit aller Kraft und sehr klarem Fokus verfolgt. Und genau das wurde am Ende mit Erfolg belohnt.
Die letzten Tage im Jahr sind eine gute Gelegenheit, Revue passieren zu lassen und sich gleichzeitig neu auszurichten – auf neue (eigene) Ziele, diese konkret zu formulieren und anschließend fokussiert zu verfolgen.
Es gibt ja immer so eine Versuchung und Gefahr, wenn man die Erfolgsgeschichten von anderen hört oder liest: Erst bereiten sie einem ein schlechtes Gewissen, weil man sich dabei ertappt, nicht ganz so zielstrebig zu sein. Dann meint man, man könne es ihnen einfach so nachmachen und hätte prompt denselben Erfolg. Genau das stimmt natürlich nicht, das funktioniert nie. Denn der Erfolgsschlüssel ist eben nicht, ein zweites Facebook zu gründen, sondern seine eigenen Ideen genauso konsequent und fokussiert zu verfolgen.
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Andreas Mertens
Ich kenne den Begriff des Bulimielernen von meinen Studenten ebenso. Ich glaube aber, dass das kurzfristige, auf die Klausur strebende Schnelllernen ein anderes Fokussieren ist, als das Fokussieren erfolgreicher Menschen. Das schnelle “reinladen” des Stoffes in die Birne, nur um es für die Klausur abzuspulen ist zwar eine Fokussierung, aber es bleibt, glaube ich, wenig hängen (bzw. es wird nicht stark vernetzt). Anders sind die, die nachhaltig, kontinuierlich fokussieren und ihr Ziel verfolgen. Diese Menschen durchdringen den Stoff – ich glaube Sie verstehen ihn wirklich und vernetzen auch besser. Ich vergleiche das manchmal auch mit einer tiefen, zielgerichteten Meditation. Will damit sagen, dass das Vokabellernen und abspulen für den Prof. zwar kurzfristig wirksam ist (um den Schein zu bekommen, was auch Erfolg ist), aber noch lange kein Erfolgsgarant ist im Sinne erfolgreicher Persönlichkeiten ;-)
Jochen Mai
Hallo Andreas,
Ich glaube nicht, dass das ein anderes Fokussieren ist. Ja, es ist eine andere Wirkung und ein anderer Zusammenhang. Aber das Fokussieren auf das Wesentliche – das Bestehen der Klausur – ist auch hierbei enorm effizient und im Kern derselbe Gedanke.
Andreas Mertens
Hallo Jochen,
im Wesentlichen stimme ich zu, dass das Fokussieren wichtig für eine Zielerreichung ist, also hier das Bestehen einer Klausur.
Ich glaube, dass es beim Fokussieren unterschiedliche Qualitäten für den Fokussierenden gibt (ungeachtet des Ziels: Bestehen Klausur). Ich glaube, dass da sog. Bulemielernen oftmals einem “Gewaltlernen” gleich kommt, schnell und viel in den Kopf zu hämmern, mit dem Ziel, effizient den Schein zu erreichen (wenig Zeitinvest bei möglichst guter Note). Das kenne ich nur zu gut aus meinem Studium und ist auch okay (das muss natürlichen nicht bei jedem Studierenden gleich sein, für den Einen ist das Bulemielernen vielleicht mit keinem oder wenig Stress verbunden, für den Anderen mit mehr Stress). Allerdings fand ich andere Formen des Lernens für mich sehr viel angenehmer, entspannter. Wovon ich rede ist ein Fokussieren, dass einer Trance gleichkommt beim Bearbeiten des Stoffes. Dabei – so meine Erfahrung – rückt die Effizienz in den Hintergrund, Zeit verschwindet, ich bin so gefesselt von dem Thema, das ich zum Thema werde. In Bezug auf den Stoff bzw. das bearbeitete Thema hatte ich dabei dann den Eindruck von Oberflächlichkeit (Bulemiemodus) oder der Durchdringung (Trancemodus).
Beim Schreiben wird mir immer klarer: Ich persönlich habe zwei Lernmodi:
(1) Bulemiemode, Ziel: effizient und schneller Know-How-Aufbau, Zeit spielt dabei eine wesentliche Rolle in Bezug auf die Effizienz, es wird nur bewusste aber keine unbewusste Kompetenz erreicht
(2) Trancemode, Ziel: Durchdringung eines Themas mit dem Ziel Meistschaft zu erlangen. Unbewusste Kompetenz wird erreicht.
Für mich ist beides in Ordnung, solange ich mir bewusst bin, was mein Ziel ist: Schnell einen Schein absahnen oder den Aufbau unbewusster Kompetenzen.
Birgit Fuchs
Hallo Herr Mai,
das hängt wohl davon ab, was man als “Erfolg” definiert: Einen Schein zu bestehen, womöglich noch mit guter Note, oder das notwendige Wissen für die Ausübung eines Berufes zu erwerben.
Die meisten Medizin-StudentInnen wollen später als Arzt tätig sein, die meisten LehramtsstudentInnen vor einer Klasse mit Schüler zurecht kommen. Focussiert auf sein Ziel zu sein, die notwendige Qualifikation für die Wunschtätigkeit zu erwerben, ist dann eben doch etwas anderes als kurzfristig kleine Teilerfolge zu feiern.
Birgit Fuchs
Jochen Mai
Klar ist das was anderes. Aber ist das nicht immer eine höchst individuelle Frage, was man als Erfolg für sich definiert? Und wenn man dieses Ziel fokussiert verfolgt, wer sind dann Sie dieses Ziel für andere infrage zu stellen oder zu bewerten?
Birgit Fuchs
Hallo Herr Mai,
das Argument mit den je eigenen Zielen leuchtet mir natürlich ein.
Ich hatte Ihren klugen Schlusssatz “Denn der Erfolgsschlüssel ist [...], seine eigenen Ideen genauso konsequent und fokussiert zu verfolgen” wohl einfach, sagen wir mal: “großartiger” interpretiert.
Mag es dem Facebook-Gründungs-Vergleich geschuldet sein, der mir eine andere Schuhgröße als Hochschulnoten nahe legte.
Freundliche Grüße,
Birgit Fuchs
Jochen Mai
Es ist immer noch eine andere Schuhgröße. Nur erkennt die nicht jeder sofort. Die Ziele variieren nun mal. Und die großartigsten Wahrheiten sind oft erschreckend simpel. In der Theorie. Die Praxis ist eine andere Geschichte. Aber die nimmt eben bei jedem einen anderen Verlauf. Und selbst das kann ganz großartig sein. Noch mal: Warum der Hang dazu, das zu bewerten?
Frauke Bitomsky
Hallo Herr Mai,
aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das Bulemielernen aus dem Studium, das inzwischen leider auch schon in den Schulen Einzug hält, nichts mit dem konzentrierten Fokussieren auf ein selbstgesetztes Ziel zu tun hat.
In der Uni geht es gerade nach der Umstellung auf den Bachelor nur darum, Fakten in sich hinein zu stopfen und die nächste Klausur zu bestehen, weil man einen bestimmten NC erreichen muss, um z.B. überhaupt für einen Masterstudiengang zugelassen zu werden oder ein akzeptables Zeugnis zu bekommen. Dies ist von außen aufgebauter Druck, dem man standhalten muss, aber kein selbstgesetztes Ziel, das man erreichen will.
Der eigentliche Sinn eines Studiums, nämlich sich Wissen anzueignen, zu vernetzen und zu begreifen, um es dann später für sich und die eigenen Ziele nutzbar zu machen, geht dadurch verloren. Ich bestreite nicht, dass es einige Menschen gibt, die mit dem vorherrschenden Druck umgehen und trotz dem Lernstress auf ihr Ziel fokussiert studieren können, aber für die allermeisten bringt so ein Studium keinen Gewinn. Dieses vorgeschriebene Fokussieren auf den Lehrplan führt die Studenten nicht zu eigenen Zielen, sondern trichtert nur genau das ein, was im Lehrplan steht. Es bleibt keine Zeit mehr, individuell zu lernen, da man in die Schablonen der Studiengänge gepresst wird.
In meinen Augen ist die Unterscheidung wichtig, ob man sich freiwillig derart fokussiert (fokussieren kann), wie es von den Universitäten gefordert wird, oder ob man dazu gezwungen ist, weil es eh keine andere Möglichkeit gibt. Denn sich auf ein Ziel zu fokussieren ist schließlich nicht der einzige Weg zum Erfolg; abseits der klassischen Wege zu schauen kann, wie Sie selbst sagen, ebenfalls zum Erfolg führen.
Jochen Mai
Hallo Frauke Bitomsky,
in meinen Augen beurteilen und fällen Sie hier gleich mehrere Urteile über andere, ohne dass Sie die dies wirklich beurteilen könnten. Woher nehmen Sie etwa die Sicherheit, andere verfolgen kein fokussiertes Ziel, wenn Sie gezielt nur für eine Klausur lernen? Sie bestimmen hier mal eben, was der Sinn des Studiums zu sein hat – aber sind Sie wirklich die Uni-Polizei?
Sie schreiben da zum Beispiel sehr deklaratorisch: “In der Uni geht es gerade nach der Umstellung auf den Bachelor nur (sic!) darum, Fakten in sich hinein zu stopfen und die nächste Klausur zu bestehen … Dies ist von außen aufgebauter Druck, dem man standhalten muss, aber kein selbstgesetztes Ziel, das man erreichen will.” Können Sie das generell für alle Studenten festlegen?
Oder übersehen Sie dabei nicht vielleicht doch, dass einen zunächst einmal keiner dazu zwingt, ein Studium aufzunehmen. Damit wäre es schon ein erstes selbstgestecktes Ziel, einen entsprechenden Abschluss zu schaffen – ob Master oder Bachelor. Und bestimmt nicht jeder selbst, ob er dies tut, um am Ende ein Zeugnis zu erhalten, welches bei der Bewerbung vorausgesetzt wird oder um möglichst viel Wissen zu erlernen? Wir wissen wohl beide gut genug, dass allenfalls 10 Prozent von dem, was man in Schule oder im Studium lernt, später im Beruf wirklich wichtig sind. Auch deshalb ist es schon eine selbstgewählte (und auch effiziente) Entscheidung, sich nicht mit dem Wissen zu belasten, was man später gar nicht mehr braucht. Ich entschied mich zum Beispiel seinerzeit als fünftes Prüfungsfach in der Uni für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Ich fand das interessant, wusste aber zugleich, dass ich die Entstehungsgeschichte der Hanse nie wieder in meinem Beruf brauchen würde.
Sie schreiben zwar zu Recht, dass “sich auf ein Ziel zu fokussieren nicht der einzige Weg zum Erfolg” ist. Abseits der klassischen Wege zu schauen, hat damit aber nichts zu tun. Es sind Äpfel und Birnen, die Sie hier zusammenbringen. Denn sobald Sie dort – abseits – ein besseres Ziel entdeckt haben, sollten Sie dies auch wieder fokussieren. Ich schrieb von Anpassungsfähigkeit als zweiten Erfolgsschlüssel. Der schließt Fokussierenkönnen aber nicht aus.
Frauke Bitomsky
Hallo Herr Mai,
dass ich nicht für alle Studenten sprechen kann ist mir durchaus bewusst. Das kann niemand, der sich an dieser Diskussion beteiligt. Wie ich bereits schriebe gehe ich auch davon aus, dass es einige Studenten gibt, die mit dem jetzigen Lernsystem an den Universitäten gut zurechtkommen. Wenn es so klang, als würde ich für andere urteilen, tut mir dies Leid; allerdings kann Ihre Antwort auch leicht so verstanden werden, dass ich nicht nur Ihrer Meinung nach, sondern generell falsch liege.
Es ist richtig, dass mich niemand zwingt, ein Studium aufzunehmen. Ich könnte ebenso eine Ausbildung machen oder mir einen Job suchen, der nicht einmal eine Ausbildung erfordert. Dennoch kann ich die Studienbedingungen, die ich selbst erlebte und von vielen anderen erzählt bekam, kritisieren.
Ich sehe den Sinn eines Studiums nicht nur in einer möglichst effizienten Aneignung von Wissen in einem eingeschränkten Feld. Der Blick über Tellerrand ist in meinen Augen wichtig und das Vergessen eines Großteils des vermittelten Wissens bedauernswert und, meiner Meinung nach, eine Zeitverschwendung. Solange man noch keinen Beruf ergriffen hat kann man nicht wissen, welches Wissen aus dem Studium man tatsächlich brauchen wird; ein Vergessen des Großteils davon führt am Ende dazu, dass man es erneut lernen muss. Zudem werden die Informationen, die in einem Studiengang vermittelt werden, ja nicht unterrichtet, weil sie unnütz sind, sondern weil sie nötiges Hintergrundwissen darstellen oder das Verständnis des studierten Faches vertiefen und somit eine Basis bilden, auf der man später aufbauen und sich schneller weiterentwickeln kann, als wenn man diese Basis wieder vergisst.
Ich möchte Ihnen nicht wiedersprechen, dass die Fähigkeit sich auch in stressigen Klausurenphasen zu fokussieren und konzentriert zu lernen sehr wichtig ist. Was mir sauer aufstößt ist die inzwischen große Akzeptanz des Bulemielernens, bei dem nach der Klausur ein Großteil des Wissens wieder vergessen wird. Meiner Meinung nach kann eine zu starke Einteilung in nötiges und unnötiges Wissen nachteilig sein, da niemand mit absoluter Sicherheit sagen kann, was ihn beruflich erwartet und welches Wissen er für sein weiteres Leben tatsächlich benötigt. Ist die Entscheidung, sich absolut auf ein bestimmtes Ziel zu fokussieren selbst getroffen, ist dies etwas vollkommen anderes, als wenn eine solche Fokussierung von Außen aufgezwungen wird, obwohl man selbst einen weitgefächerteren Blick haben möchte.
Jochen Mai
Hallo Frau Bitomsky,
zunächst einmal Danke, dass Sie sich noch einmal melden und die Diskussion fortsetzen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, wenn ich sage, ich möchte hier an dieser Stelle aber nicht mit Ihnen über kritikwürdige oder unwürdige Studienbedingungen diskutieren. Es gehört hier nicht hin, weil es vom Thema weg führt. In dem Artikel geht es um das Fokussieren – Bulimielernen ist dabei nur ein Randaspekt, der Einstieg. Mehr nicht.
Ich verstehe natürlich, was für Sie der Sinn des Studiums ist und wie Sie es begreifen und bewerten. Jetzt führen Sie aber ein neues Argument an – das, dass eine zu starke Einteilung in nötiges und unnötiges Wissen nachteilig sein könne und niemand mit absoluter Sicherheit sagen kann, was ihn beruflich erwartet und welches Wissen er für sein weiteres Leben tatsächlich benötigt. Das ist zweifellos richtig – das Argument lässt sich aber auch genauso gut für das Bulimielernen verwenden beziehungsweise gegen Ihre Haltung: Wer so argumentiert, räumt ja indirekt ein, dass es also auch unnützes Wissen gibt – eben das, was man später nicht im Beruf braucht. Keine Frage, es ist – wie in der Werbung – schwer schon vorher genau zu sagen, ob man auf den richtigen Teil des Wissens verzichtet. Aber das schließt die Option auch ein, damit richtig zu liegen. Und wir beide wissen: Das kann sowieso keiner für uns entscheiden, sondern nur jeder für sich selbst – denn die Verantwortung dafür liegt ja am Ende auch bei einem selbst.
Und genau da schließt sich der Kreis wieder: Da mich an der Uni keiner dazu zwingt, welches Wissen ist behalten und welches letztlich gleich nach der Klausur wieder vergessen will, ist es eine individuell effiziente und legitime Entscheidung – und Bulimielernen damit völlig okay. Ich wüsste aber nicht, wer mir in dem Fall meine Fokussierung von außen aufzwingen sollte. Der Studienplan und die Klausuren stehen schließlich schon vor Studienaufnahme fest – und die Entscheidung für die Aufnahme des Studiums ist ebenfalls die eigene.
Birgit Fuchs
Hallo Herr Mai,
jetzt verweisen Sie schon zum zweiten Mal anders denkende in Ihre Schranken, indem Sie sowohl mir als auch Frau Bitomsky vorhalten, für Andere zu bewerten und sich zum Maß aller Dinge oder gar zur Polizei aufzuspielen.
Ich empfinde diesen Umgang mit von der Ihren abweichenden Meinungen zunehmend als aggressiv und bedaure, dass wir über das von Ihnen aufgeworfene spannende Thema keinen Diskurs frei von Angriffen führen können.
Ich würde mir wünschen, dass wir unsere unterschiedlichen Positionen einander Gewinn bringend gegenüber stellen könnten. Denn – um den Spieß mal umzudrehen – auch Ihre Sicht der Dinge hat keinen Anspruch darauf, von allen geteilt zu werden.
Mit freundlichen Grüßen,
Birgit Fuchs
Jochen Mai
Hallo Birgit Fuchs,
zunächst einmal verweise ich weder Sie, Frau Fuchs, noch Frau Bitomsky “in Schranken”, sondern stelle Ihnen eine in meinen Augen entscheidende Frage. Denn Sie beide haben nicht einfach über das Fokussieren diskutiert, sondern sich durch die Wahl Ihrer Formulierung zu einer Art Klassensprecher gemacht oder aber Ihrer Einschätzung qualifizierende Adjektive hinzugefügt. Vielleicht ist Ihnen das ja selbst nicht aufgefallen, aber ich zitiere mal aus Ihren Kommentaren:
Ähnlich bei Frau Bitomsky:
Und so weiter.
Ich finde es einen bemerkenswerten Vorgang, dass Sie, Frau Fuchs, sich nun einen angriffsfreien Diskurs wünschen, aber hier als Erste von “in die Schranken verweisen”, “aggressiv”, “bedauern” oder “Spieß umdrehen” schreiben – in meinen Augen eine erneut wertende und nicht minder aggressive und inzwischen sogar persönlich angreifende Wortwahl. Gestatten Sie mir eine weitere Frage: Warum empfinden Sie schon die Frage danach als “zunehmend aggressiv”, ob Sie die Motive und Fokussierung der Studentenschaft überhaupt verallgemeinernd bewerten und qualifizieren können? Oder anders gefragt: Ist es nicht interessant, dass Sie sich allein dadurch angegriffen fühlen, dass man Sie genau danach fragt, was Sie seit drei Kommentaren machen: andere be- bzw. abwerten?
Bitte verwechseln Sie auch nicht meine Motive mit der Debatte: Ich erhebe keinerlei Anspruch darauf, dass meine Sicht der Dinge von Ihnen oder einem anderen geteilt wird. Da gibt es keinen Spieß zum Umdrehen. Aber wenn wir miteinander einen Diskurs führen (was wir sehr gerne tun können), werden wir nicht umhin können, unsere jeweilige Position durch Argumente zu erklären, zu begründen und zu stützen. Desgleichen ist es dabei üblich, auf die Argumente des jeweils anderen einzugehen. Und genau das mache ich: Ich frage Sie, ob Sie (beide) tatsächlich so wissend den Sinn des Studiums oder das Fokussieren der gesamten Studentenschaft beurteilen können – und ja, ich bezweifle das.
Deswegen lassen Sie uns gerne darüber diskutieren, was Fokussierenkönnen alles ist (oder auch nicht) und ob es ein oder gar DER Erfolgsschlüssel ist. Aber vielleicht möchten Sie dies künftig ohne wertende Adjektive machen und vielleicht auch so argumentieren, dass Sie “nur” für sich selbst sprechen und nicht für die meisten oder gar alle Studenten. Schließlich diskutieren ja auch “nur” wir hier und nicht alle Studenten. Ich bin sicher, jemand, der sich als Trainer für Rhetorik und Sozialkompetenz positioniert, versteht das.
Michael
Meiner Ansicht nach sollte man hier verschiedene Ebenen differenzieren:
Zum einen ist Bulimielernen sicherlich eine Form Energie aus etwas zu fokussieren, der Unterschied zum “klassischen” Lernen besteht wohl in der Dauer und der Intensität.
Dann kommt, allein schon durch die Namenswahl “Bulimielernen” ausgelöst, eine Wertung hinzu. Wenn man sich die Ziele der mesiten Studiengänge/Studiengangbeschreibungen ansieht, liest man meist etwas von “Wissensvermittlung”, dazu kommt der Anspruch von Bachelor und Master, berufsqualifiziernde darzustellen. Die Scheine sollten dabei dem Nachweis von verankertem Wissen dienen, dass die Praxis nach dem Bolognaprozess dran vorbei geht, macht schon wieder den nächsten Diskussionpunkt auf, der aber mit dem Thema nichts mehr zu tun hat.
Zu guter letzt die Aussagen, die als wertend empfunden werden, dass Lehramtler mit Klassen voller Kinder und Mediziner als Ärzte enden. Fußt das nicht auf einem statistischen Fundament? Ich habe zwar keine Zahlen dazu, aber ich gehe auch mal davon aus, dass die meisten Lehrämtler als Lehrer und die meisten Medizinstudenen als Mediziner arbeiten werden. Und da würde ich dann auch zustimmen, dass es Paradebeispiele dafür sind, dass zwar Bulimielernen funktioniert, aber nicht eine Fokussierung auf’s Wesentliche darstellt (das wäre ja die erwähnte langfristige Wissensverankerung) sondern auf ein gutes Handling von Zeitnot hindeutet. Darum geht’s aber laut Lehrplan nicht.
Jochen Mai
Hallo Michael,
es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass Medizinstudenten als Ärzte enden und Lehramtler als Lehrer. Nur hat diese Aussage überhaupt keine Aussagekraft dafür, welche Studenten beim Studieren oder Klausurlernen fokussieren und welche nicht. Ein klassischer Fall von Äpfel und Birnen. In dem entscheidenden Satz klang das so:
“Die meisten Medizin-StudentInnen wollen später als Arzt tätig sein, die meisten LehramtsstudentInnen vor einer Klasse mit Schüler zurecht kommen. Focussiert auf sein Ziel zu sein, die notwendige Qualifikation für die Wunschtätigkeit zu erwerben, ist dann eben doch etwas anderes als kurzfristig kleine Teilerfolge zu feiern.”
Zunächst einmal wäre die Frage, warum die Konzentration auf “kleine Teilerfolge” und “die notwendige Qualifikation zu erlangen” ein anderes Fokussieren sein soll? Es sind zwar andere Ziele (groß, klein) – aber der Weg dorthin muss deshalb nicht zwangsläufig ein anderer sein (fokussiertes Lernen zum Beispiel). Die zweite Frage – und um die ging es mir hauptsächlich: Was hat der erste Satz mit dem zweiten zu tun? Antwort: nichts. Aber mit der allgemeinen Aussage am Anfang klingt der Rest sofort so, als sei der auch richtig oder generell gültig. Ein Rhetoriktrick (der vielleicht gar nicht bewusst eingesetzt wurde). Aber nichts, was differenziert betrachtet, standhalten kann – eben weil es nicht stimmt und Äpfel mit Birnen verglichen werden.
Michael
Herr Mai,
hier möchte ich nochmal einhaken. Ich finde nämlich schon, dass die Art des Fokussierens unterscheidet. Es macht doch einen Unterschied, ob man sich kurzfristig mit extrem viel Energie auf eine Klausur vorbereitet oder ob man diese Energie über Wochen und Monate verteilt um mit einem ähnlichen Erfolg in Sachen Note abzuschließen. Ohne jetzt eine der Methoden über die andere zu stellen, sind das doch 2 verschiedene Skills. Das eine zeigt Qualifikation zum Planen und planvollen Umsetzen, das andere zum kurzfristigen managen stressiger Situationen.
In Ihrem KOmmentar vom 28. Dezember 2012, 20:23, schreiben Sie
“Aber das Fokussieren auf das Wesentliche – das Bestehen der Klausur – ist auch hierbei enorm effizient und im Kern derselbe Gedanke.”
Wie bereits dargelegt halte ich in einem Studium das bestehen der Klausur nicht für das Wesentliche (wesentlich von Wesen –> Seele, Charakter, das wichtige), sondern den Wissens- und Fähigkeitenerwerb. Darüber kann man freilich anderer Meinung sein, dennoch unterscheiden sich in meinen Augen die Ziele, auf die man sich dabei konzentriert und auch die Art, wie man dies tut.
“Die meisten Medizin-StudentInnen wollen später als Arzt tätig sein, die meisten LehramtsstudentInnen vor einer Klasse mit Schüler zurecht kommen. Focussiert auf sein Ziel zu sein, die notwendige Qualifikation für die Wunschtätigkeit zu erwerben, ist dann eben doch etwas anderes als kurzfristig kleine Teilerfolge zu feiern.”
In diesem Zusammennhang würde ich das nicht unbedingt nur als rhetorischen Winkelzug ansehen, sondern ich denke, dass die von mir dargelegte Sichtweise hier in der Metaebene, zwischen den Zeilen mit drinsteckt. Allerdings gleich mit Wertung.
Mir persönlcih liegt Bulimielernen nicht, unabhängig vom langfristigen Lernerfolg kann ich auch kurzfristig keine Unmengen von Informationen klausurfertig verarbeiten, ohne den regelmäßigen Besuch der Vorlesungen und arbeiten mit Lernmaterial wie Skripten wären meine Noten inakzeptabel gewesen, dies aber nur als Randnotiz.
Jochen Mai
Hallo Michael,
welchen Unterschied macht es denn auf das Fokussieren? Ob sich einer kurzfristig fokussiert oder langfristig – in beiden Fällen ist es fokussieren. Sie sagen es im ersten Absatz selbst: “Es sind zwei verschiedene Skills: die Qualifikation zum Planen und planvollen Umsetzen – und das kurzfristige managen stressiger Situationen”. Richtig: Das sind die beiden verschiedenen Herausforderungen. Aber um beide zu meistern, muss sich derjenige auf jeweils eine, die seine davon fokussieren – und in dem Moment etwa Partys, Kino, Bücherlesen, im Internet surfen, das Treffen mit Freunden usw. hinten anstellen. Er muss sich ganz auf das Erlernen und Meistern des jeweiligen Skills konzentrieren – fokussieren eben. Insofern ist in beiden Fällen Fokussierenkönnen der Schlüssel zum Erfolg.
Und jetzt kommt Ihre persönliche Wertung: Sie halten das Bestehen einer Klausur nicht für das Wesentliche im Studium, sondern den Wissenserwerb. Ich sage Ihnen: Das ist Ihre ganz persönliche Wertung und nicht verallgemeinerbar. Ich kenne (und kannte zu meiner Studienzeit) eine ganze Reihe von Studenten, für die war das Wesentliche Ihres Studiums sehr wohl das reine Bestehen der Klausuren (manche waren nicht einmal glücklich mit ihrem Studium, mussten aber, weil die Eltern das wollten). Insbesondere im Grundstudium, wo beispielsweise in Köln (wo ich studiert habe) 50% der Studienanfänger einfach ausgesiebt wurden. Wer dann nicht durchs Grundstudium kam, musste sich etwas anderes suchen und hatte 2 Jahre verschenkt – und das betraf im Schnitt rund die Hälfte aller 1200 Studenten, die mit mir zusammen in den Wirtschaftswissenschaften begonnen haben. Was das “Wesentliche” am Studium ist, können Sie also maximal für sich festlegen – das für rund 300.000 andere Studenten festzulegen, finde ich äußerst anmaßend und aus meinem Umfeld heraus kann ich auch sagen: Es ist definitiv falsch und trifft in zahlreichen Fällen nicht zu.
Jetzt schreiben Sie weiter: “dennoch unterscheiden sich in meinen Augen die Ziele, auf die man sich dabei konzentriert und auch die Art, wie man dies tut”. Dem kann ich voll zustimmen – hatte ich ja auch gerade geschrieben. Der eine hat vielleicht das Ziel, möglichst viel Wissen zu erlernen; der andere einen schnellen Abschluss (unterschiedliche Ziele). Der eine wählt dazu lange Tage in der Bibliothek, der andere macht lieber Party und büffelt erst eine Woche vor der Klausur (unterschiedliche Art). Aber wieder haben diese Unterschiede nichts mit dem Fokussierenkönnen zu tun – oder in beiden Fällen gleich viel: Der eine fokussiert auf den Wissenserwerb, konzentriert sich also auf seine Bücher und viele neue Impulse; der andere fokussiert in den letzten fünf Tagen voll auf den Klausurstoff und auf das Bestehen der Prüfung. Würde es das nicht tun, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, durchzufallen. Fokussieren zu können, ist also für beide wieder der Schlüssel zum jeweils individuell definierten Erfolg.
Deshalb noch mal zu dem zitierten Satz: Die “notwendige Qualifikation für die Wunschtätigkeit zu erwerben”, ist sicher etwas “anderes als kurzfristig kleine Teilerfolge zu feiern” – das bestreitet keiner. Aber worin liegt das jeweils andere Fokussieren??? Nirgendwo! Sie machen in meinen Augen stets denselben Denkfehler, unterschiedliche Ziele mit anderem Fokussieren gleichzusetzen. Das Fokussierenkönnen ist aber eine generelle Fähigkeit, eine Methode – unabhängig davon, was man mit ihr erreicht. Entsprechend Sie lässt sie sich auf unterschiedliche Ziele anwenden. Und meine These ist eben: Alle Erfolgreichen eint, dass sie sich stets auf ihr Ziel voll fokussierten (und diese Fähigkeit beherrschten). Oder würden auch sagen, dass Steve Jobs, Warren Buffett oder Barack Obama dieselben Ziele verfolgt haben? Wohl kaum. Aber lesen Sie mal deren Biografien: Alle drei eint ein starker Fokus auf ihr jeweiliges Ziel – große und auch viele kleine. Auch wenn sie völlig unterschiedliche Wege gegangen sind, eint alle drei diese herausragende Eigenschaft.
Wenn also einer den Weg des Bulimielernens wählt, dann steckt darin auch diese Eigenschaft.
Michael
Nun, was das wesentliche eines Studiums ist, habe ja nicht ich definiert, sondern ich habe es ganz allgemein Studiengangsbeschreibungen entnommen. Außerdem wurde und wird ja von Hochschullehrern das langfristig angelegt Lernen propagiert. Das bestehen der Prüfungen ist sicherlich ein implizites Ziel. Doch lernt man für die Schule oder für’s Leben?
Um noch ein letztes Statement zum Fokussieren abzugeben: ich sehe hier einfach einen sprachlichen Mangel an Ausdrucksfähigkeit. Es werden zwei, meines Erachtens nach unterschiedliche Fähigkeiten, beide mit “Fokussieren” bezeichntet. Ähnlich wie der Begriff Intelligenz. Da gibt es den logisch-analytischen, klassischen IQ und z.B. die emotionale Intelligenz. Menschen, die einen hohen IQ haben, sind dennoch nicht zwangsläufig emotional intelligent, umgekehrt gilt das ebenso wenig zwingend, dennoch bezeichnet man sie alle als intelligent.
Mir scheint diese letzte offene Frage ein intellektuelles “Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst” zu sein. Daher würde ich davon ausgehen, dass dieser Unterschied vorhanden ist, auch wenn ihn nicht jeder erkennt. ;)
Damit wünsche ich eine gute Nacht und einen guten Rutsch!
Jochen Mai
Hallo Michael,
nun, so ganz stimmt das ja jetzt nicht. Du hast schon selber geschrieben: “Wie bereits dargelegt >>> HALTE ICH < << in einem Studium das bestehen der Klausur nicht für das Wesentliche (wesentlich von Wesen –> Seele, Charakter, das wichtige), sondern den Wissens- und Fähigkeitenerwerb.” Das ist ja damit keine allgemeine Studiengangsbeschreibung, sondern deine persönliche Meinung und Definition, was das Wesentlich eines Studiums sei. Und selbst, wenn das ursprünglich nicht von dir stammt, machst du es dir damit ja doch zumindest zu eigen. Und wofür einer lernt – für Schule, Leben, Eltern, Geld, Ruhm, ein Stück Papier – ist eben jedem seine eigene Angelegenheit. Ich glaube halt nicht, dass du hier für mehr als 300.000 Studenten sprechen kannst. Oder glaubst du das?
Den “sprachlichen Mangel an Ausdrucksfähigkeit” überlese ich jetzt einfach mal, das könnte man als Frechheit missverstehen. Was danach kommt, ist dann zwar ein netter Ausflug in die Theorie der unterschiedlichen Intelligenzen (Grüße an Daniel Goleman). Doch schreibst du, es würden zwei, deines “Erachtens nach unterschiedliche Fähigkeiten, beide mit Fokussieren bezeichntet” – welche zwei Fähigkeiten das sein sollen, schreibst du aber nicht. Das würde mich jedoch interessieren: Welche zwei Fähigkeiten sollen das sein – und wie grenzt beide von einander ab?
Vielleicht kannst du das ja morgen noch beantworten.
Michael
Doch nochmal in diesem Jahr :)
Herr Mai, dass wir uns da nicht missverstehen, mangelnde Ausdrucksfähigkleit wollte ich der deutschen Sprache unterstellen, nicht Ihnen! Mir selbst ist ja immer klar, was ich meine, daher passiert es manchmal, dass es trotz durchlesens vor dem abschicken falsch rüber kommt.
Die beiden Arten von fokussieren habe ich schon beschrieben, ich sehe einen Unterschied im Fokussieren auf Kurzfristiges oder auf langfristige Ziele, ich denke, die beiden Qualitäten lassen sich nicht zwingend aufeinander übertragen. Darauf zielt dann der Vergleich mit der Intelligenz, da mir keine besseres Beispiel für mangelnde Feinheit der deutschen Sprache einfiel.
Über das Wesentliche eines Studiums mag ich nicht für 300.000 Studenten urteilen, ich denke nur, das haben wir als Gesellschaft getan. Zumindest staatliche Hochschulen und Universitäten werden größtenteils aus Steuermitteln finanziert, Regularien und Strukturen werden von der Politik mit vorgegeben, die von uns allen demokratisch legitimiert ist. Wenn jemand meint, das über diesen Weg das Studium als ein möglichst effektives Scheinesammlen definiert wurde, muss er mit das näher erklären, alle Aussagen, die auf einer Mehrheit oder deren Deligierten fußen sprechen doch immer von Wissenserwerb. Eine weitere Zielsetzung darf für sich jeder vornehmen. Doch dabei den Zweck, denn die Gesellschaft einer von ihr bezahlten Lehranstalt gegeben hat zu negieren, das halte ich für moralisch falsch, dieses Urteil maße ich mir dann tatsächlich an. Es gründet schließlich auf vernünftigen Überlegungen, andere Ansichten sollten da auf Widersprüche der Argumentation hinweisen können. Der Wunsch nach Selbstbestimmung ist schließlich nicht universell umzusetzen.
Jochen Mai
Hallo Michael,
stimmt nicht, über das Wesentliche eines Studiums haben wir nicht als Gesellschaft entschieden – wir haben entschieden, jedem ein Studium zu ermöglichen, der die nötigen Qualifikationen dazu mitbringt, weil ein Staat ohne nennenswerte Rohstoffvorkommen besser in das Kapital im Kopf seiner Bürger investiert. Und: Ein Studium bildet normalerweise aus mit dem Ziel eine akademische Laufbahn einzuschlagen – also etwa zu promovieren. Tatsächlich aber ist ein Bachelor und ein Master längst so etwas wie eine staatlich geförderte Berufsausbildung. Was aber nichts Schlimmes sein muss. Nur: Auch hierin stecken wieder so viele Optionen, was der Sinn des Studiums für den Einzelnen ist, sodass ein generelles Urteil dazu schlicht unmöglich ist.
Und ehrlich gesagt habe ich nicht verstanden (auch nachdem ich all Ihre Kommentare noch einmal gelesen habe), wie Sie kurzfristiges und langfristiges Fokussieren genau definieren und wie Sie beide von einander abgrenzen (außer über kurzfristige bzw. langfristige Ziele – was aber kein Unterschied im Fokussieren ist). Vielleicht sind Sie so nett, und definieren das zu meinem besseren Verständnis noch einmal und grenzen das konkret von einander ab. Ich lerne ja gerne dazu…
Michael
Ok, ich verstehe Ihren Standpunkt, bin jedoch weiterhin anderer Ansicht, da ich wohl von anderen Prämissen ausgehe als Sie. Was nun richtig ist (falls es sowas in solchen fragen gibt) lässt sich vermutlich in einer solchen Diskussionsform nicht abschließend klären.
Jedoch kann ich gern nochmal auf die Unterscheidung meinerseits eingehen.
Zum einen hat man das fokussieren auf langfristige Ziele. Das erfordert, Pläne aufzustellen, Prioritäten über Monate oder gar Jahre zu setzen und diese kalr umzusetzen. Um diese Aufgaben zu bewältigen, braucht man gewisse Qualitäten, was die Selbstdisziplin und das Durchhaltevermögen angeht, weniger aber muss man in stressigen Situationen einen kühlen Kopf behalten um nicht das wesentliche aus den Augen zu verlieren.
Beim kurzfristigen Fokussieren sehe ich wichtige Punkte darin, mit der Hormonausschüttung während des Zeitdrucks zurechtzukommen. Planvolles Handelen steht hier nicht im Vordergrund.
Ich habe wenig Expertise in der Neurobiologie, aber ich könnte mir vorstellen, dass beim Fokussieren auf langfristige bzw. kurzfristige Ziele verschiedene Hirnareale aktiv sind. So wie bei einem guten Sprinter andere Muskelgruppen trainiert werden müssen als bei einem Marathonläufer.
Zu guter Letzt ist mir noch etwas eingefallen, was die Diskussion zu einem Konsens führen könnte: Selbstbeherrschung. Das Mischelexperiment aus den 60ern zeigt den Zusammenhang zwischen kurzfristiger und langfristiger Selbstbeherrschung, er ist gegeben. Das ist aber nur ein Teil des Fokussierens, denn Selbstbeherrschung allein bedeutet nicht, konzentriert auf das Ziel zu bleiben und auch konsequent weiter zu gehen, es bedeutet nur, nicht die Kontrolle über die eigenen Handlungen zu verlieren.
Zur Erinnering des Mischelexperiments: http://www.youtube.com/watch?v=Y7kjsb7iyms
Jochen Mai
Stimmt, was richtig und was falsch ist, werden wir hier nicht abschließend klären – und das sollten wir auch nicht. Reine Zeitverschwendung. Deshalb gleich zum Fokussieren…
So langsam verstehe ich, was Sie meinen. Aber glaube mehr denn je, dass Sie dabei nicht über Fokussieren sprechen. Was Sie beschreiben, sind einfach unterschiedliche Herangehensweisen, verschiedene Probleme zu lösen. Sie sprechen dabei zum Beispiel von bestimmten Qualitäten – Selbstdisziplin, Durchhaltevermögen, Stressbewältigung, planvolles Handelen. Alles richtig, aber eben alles kein Fokussieren (sondern Selbstdisziplin, Durchhaltevermögen, …)!
Fokussieren geht über all das hinaus. Es bedeutet – wie schon im Artikel beschrieben -, sich auszurichten auf ein bewusstes Ziel (kurzfristig, langfristig, egal) und all seine Kraft, Energie und Leidenschaft darauf zu setzen, dieses Ziel auch zu erreichen. Sie bündeln Ihre Kräfte und Ihr Streben. WIE einer das dann im Detail umsetzt, um das Ziel zu erreichen – durch Selbstdisziplin, Durchhaltevermögen, Stressbewältigung, planvolles Handelen – ist dann erst Schritt zwei.
Um bei Ihrem Beispiel Sprinter/Marathonläufer zu bleiben: Beide werden sicher völlig unterschiedlich trainieren. Aber wenn Sie oder ich in drei Monaten 100 Meter in 9 Sekunden oder 42 Kilometer in zweieinhalb Stunden laufen wollen, dann werden wir uns beide in diesen drei Monaten völlig auf das jeweilige Ziel FOKUSSIEREN und dem alles andere unterordnen müssen (Karriere, Familie, Freizeit, Ernährung, Genuss, …). Wir beide fokussieren als gleich stark nur inhaltlich anders. Und selbst dann würde ich das Ziel wohl nicht erreichen, nicht in drei Monaten. ;)
Jennifer
Hallo zusammen,
eine interessante Diskussion habt ihr hier. Ich wollte aber mal ergänzen, das mit dem fürs Leben lernen habe ich schon so oft gehört. Ich kenne an meiner Uni aber keine……… keine!!! die die nicht schon Bulimielernen praktiziert hätte. Das machen doch alle mal. Wer lernt denn schon bei jeder Klausur fürs Leben? Da hat man doch gar kein Leben mehr!!!
Und in einem Punkt muss ich Jochen genauso recht geben: Ich möchte nicht, dass irgendeiner für mich spricht oder festlegt, warum ich studiere. Das sind allein meine Ziele. Und fürs Leben lerne ich an der Uni das meiste sowieso außerhalb des Hörsaals.
Liebe Grüße
Jenny
Michael
Hallo Jennifer, wie im Kommentar oben angedeutet: für mich stellt sich hier eine moralische Frage. Wenn Sie auf Kosten der Gemeinschaft studieren, dann doch bitte nach deren Vorstellungen. Wenn man nciht möchte, dass jemand einem Vorschriften macht, wofür man studiert, es gibt ja private Lehrinstitute. Dann geht man nach Harvard, zahlt Zigtausend, aber dann hat man auch die Legitimation zu sagen:
“Das vergesse ich alles wieder, weil ich es so möchte!”
Jennifer
Äh, hallo??? Geht’s noch?????? Ich zahle Studiengebühren und wenn ich später in dem Beruf arbeite, für den ich ausgebildet werde, dann zahle ich der Gesellschaft genug Steuern zurück dafür dass sie mich im Studium gefördert hat….. Ich glaube, du hast noch nicht begriffen, dass wir in einem freien demokratischen Land leben und nicht im Sozialismus wo der Staat bestimmt, nach welchen Vorstellungen ich zu leben habe. Seit wann darf mir der Staat vorschreiben was ich zu vergessen und zu behalten habe???? Weißt du denn noch alles, was du mal in der Schule gelernt hast??? Dann setz dich mal gleich wieder hin und hol das nach – schließlich war das staatlich gefördert, also leb auch nach den Vorstellungen deiner Lehrer!!!!