Vergessenskurve: Kaum gelernt, schon vergessen

Heute werden Sie etwas lernen, was Sie vermutlich nach vier Tagen schon wieder vergessen haben: die Ebbinghaus’sche Vergessenskurve. Kennen Sie nicht? Bestimmt nur entfallen! Denn genau das fand der deutsche Psychologe Hermann Ebbinghaus bei Selbstversuchen heraus: Nach rund 20 Minuten hat der Mensch frisch Gelerntes bereits zu 40 Prozent wieder verlernt. Nach einer Stunde sinkt die Halbwertzeit des Wissens bereits auf 45 Prozent, nach einem Tag erinnern wir allenfalls noch ein Drittel (34 Prozent) der eingeprägten Inhalte. Bemerkenswert ebenfalls: Nach nur sechs Tagen ist unser Erinnerungsvermögen auf 23 Prozent geschrumpft (siehe Grafik) – auf lange Sicht behalten wir gerade mal 15 Prozent des Erlernten. So, und jetzt versuchen Sie diese Zahlen mal dauerhaft zu speichern…

Vergessenskurve: Kaum gelernt, schon vergessen

Ebbinghaus’sche Vergessenskurve: Warum vergessen wir?

Vergessenskurve nach Ebbinghaus GrafikTatsächlich ist das Vergessen enorm davon abhängig, was wir zu lernen versuchen. Den eigenen Geburtstag, die Handynummer der Freundin, die URL karrierebibel.de – das alles kann man sich leicht merken.

Aber schon bei Hochzeitstag, Kontonummer oder PIN bekommen viele Probleme:

  • Angeblich behalten Schüler nach drei bis sechs Tagen noch bis zu 90 Prozent der erlernten Vokabeln im Kopf.
  • Erwachsene dagegen vergessen von einem Gedicht nach nur einem Tag bereits 25 Prozent, nach fünf Tagen ist schon die Hälfte weg.
  • Bei Prosa verläuft die Vergessenskurve sogar noch steiler: Nach einem Tag sind ganze 53 Prozent des Inhalts verschollen.

Leider weiß man nie vorher, welche Wissensteile sich aus unseren grauen Zellen mit der Zeit davonstehlen, so dass wir, um der drohenden Wissensverdunstung zu entgegen, nur zwei Alternativen haben: sich damit abfinden – oder geeignete Gegenstrategien entwickeln.

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Mnemotechnik gegen die Vergessenskurve

Ein Ansinnen, dass übrigens schon die Leute in der Antike hatten. Und so steht etwa Mnemosyne, die griechische Göttin des Gedächtnisses, bis heute als Sinnbild für diverse Techniken, denen sie ihren Namen gab, der Mnemomik, beziehungsweise den Mnemotechniken.

Um sie zu entwickeln, musste man allerdings erst einmal verstehen, wie das Memorieren funktioniert. Dabei werden, grob gesagt, jedes Mal Nervenverbindungen, sogenannte Synapsen, neu kurz geschlossen. Entscheidend für die Merkfähigkeit ist dann, wie viele verschiedene Verbindungen es zu diesem oder jenen Begriff gibt: Je mehr Alternativen das Gehirn hat, um das gesuchte Wort zu finden, desto schneller können wir es aus der hintersten Ecke unserer grauen Zellen ins Bewusstsein laden.

Diese Erkenntnis lässt sich natürlich gezielt als Gedächtnistraining nutzen. So gilt es beim Auswendiglernen möglichst viele und starke Synapsenverbindungen zu erzeugen und zu dem Lernstoff zugleich Farben, Formen, Bilder, Gerüche, Geräusche, Gefühle und Geschichten zu speichern.

Wichtig bei allem Einprägen ist aber auch, die Lernzeit aufzuteilen. Über vier Wochen hinweg pro Tag zehn Minuten zu pauken (rund 300 Minuten) bringt deutlich mehr als an einem Tag fünf Stunden (auch rund 300 Minuten) zu büffeln.

Vergessenskurve: Länger mehr behalten

Tipps wie Sie mehr und länger neues Wissen behalten können…

  1. Schreiben Sie es auf.

    Gewiss, der Tipp ist nicht neu, aber effektiv. Wenn wir Dinge notieren, die wir uns merken wollen, transformieren wir sie zugleich in eigene Worte, die uns mehr bedeuten. Aus den Buchstaben werden aber auch Bilder, die wir uns ebenfalls besser merken können.

    Die Talentierten unter Ihnen können natürlich wirklich ein kleines Bild daraus malen. Merkposten gemalt zu haben, erzeugt für Ihr Gehirn ein sinnliches Erlebnis. Der Duft des Papiers oder die Lösungsmittel im Stift erzeugen weitere sinnliche Eindrücke, die sich allesamt nur um das Gelernte ranken. Versuchen Sie sich auch diese Impressionen einzuprägen.


  2. Wiederholen Sie es.

    Tag für Tag gibt es unzählige Aufgaben, die Ihre volle Aufmerksamkeit erfordern. Das lenkt ab – und Ihre Konzentration auf immer neue Reize. Damit das Gelernte dabei nicht verblasst, sollten Sie es sich von Zeit zu Zeit wieder vor Augen führen, den Merkzettel noch einmal überfliegen, die wichtigsten Punkte aus dem Kopf aufsagen.


  3. Lernen Sie sich zu entspannnen.

    Ständige Anspannung blockiert irgendwann nur noch. Besser lernt, wer sich regelmäßig dabei entspannt und Pausen macht. Dabei hilft etwa Autogenes Training oder die Progressive Muskelrelaxation.

    Die zweite Methode hat der Schwede Edmund Jacobson entwickelt. Dabei geht es darum, einzelne Muskelgruppen der Reihe nach gezielt anzuspannen, um sie sodann abrupt wieder zu lösen. So lässt sich der Körper binnen weniger Minuten vollständig entspannen. Es braucht dazu allerdings etwas Übung.

    So geht’s: Beginnen Sie mit den Füßen. Ballen Sie zuerst die Zehen für etwa vier Sekunden mit aller Kraft zusammen, dann lösen Sie den Druck schlagartig. Während Sie eine kurze Pause machen, versuchen Sie zu spüren, wie die Wärme in die Fußspitzen steigt. Danach gehen Sie von der Ferse Stück für Stück und Muskelgruppe für Muskelgruppe weiter nach oben vor. Die meisten sind schon entspannt, bevor Sie bei den Armen ankommen.


  4. Schlafen Sie besser.

    Für das dauerhafte Memorieren ist gesunder Schlaf – er dauert durchschnittlich sieben Stunden – mindestens ebenso wichtig.

    Der Kopf lernt bereits kurz nach dem Einschlafen: Nach rund 15 Minuten fallen wir in den Deltaschlaf. Dabei schiebt das Gehirn die tagsüber gemachten Erfahrungen und gelernten Informationen aus dem Zwischenspeicher (Hippocampus) in den Langzeitspeicher (Neokortex). Dabei entsorgt es den Infomüll, um für neue Informationen Platz zu schaffen und bildet gleichzeitig das so genannte deklarative Gedächtnis: Wir merken uns Fakten, Vokabeln, Geschichten.

    Deshalb sollte zum Beispiel, wer am nächsten Tag einen Vortrag halten muss, sich das Redemanuskript vor dem Schlafengehen noch einmal durchlesen. Innerhalb von jeweils 90 Minuten wechselt sich der Deltaschlaf mit dem REM-Schlaf (= Rapid Eye Movement) ab – der Phase, in der sich die Augen unter den geschlossenen Lidern schnell bewegen. In dieser Traumphase speichern wir wiederum vor allem prozedurale Fertigkeiten, also Fußball spielen, Radfahren, Malen.

    Die REM-Phasen dominieren morgens, deshalb sollte jemand, der eine Sportart oder ein Instrument erlernt, möglichst ausschlafen. Dazu gibt es sogar ein interessantes Experiment: Der Lübecker Schlafforscher Jan Born ließ etwa zwei Versuchsgruppen mehrere Zahlenkolonnen umrechnen. Was er nicht verriet: Für die zweite Hälfte der Aufgaben musste man nur die ersten Ergebnisse spiegelbildlich in die Lösungsfelder eintragen. Einige erkannten den Trick. Andere gingen schlafen. Kurz darauf stieg die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Dreh durchschauten, dramatisch – von 23 auf 59 Prozent!


  5. Atmen Sie.

    Was ebenfalls entspannt: Setzen oder stellen Sie sich aufrecht hin, die Schultern gerade. Nun versuchen Sie nur durch die Nase in den Bauch zu atmen – ohne dass sich der Brustkorb hebt. Atmen Sie nach der 4-6-8-Methode: Langsam und tief einatmen, bis vier zählen, die Luft anhalten, bis sechs zählen, langsam durch den Mund ausatmen und bis acht zählen. Das Ganze wiederholen Sie mindestens fünf Mal. Mit der Übung können Sie Stress genauso weg atmen wie Lernblockaden.

    Atmen 4 6 8 Methode Stress Entspannung


  6. Merken Sie sich eine Geschichte dazu.

    Diese funktioniert hinterher wie die sprichwörtliche Eselsbrücke. Bei diesen Geschichten gibt es gleich zwei Methoden:

    Die erste wirkt etwas schwächer, ist dafür aber eine richtige Geschichte. Ihr Bekannter erzählt Ihnen dann etwa, wie schwer es war, die für ihn bedeutsamen Ziffernfolge 290968 zu bekommen, weil das sein Geburtsdatum ist.

    Die zweite Variante ist eine klassische Memotechnik: Dazu teilen Sie die Ziffernfolge in Abschnitte ein, zu denen Sie sich Ihnen sehr präsente Begriffe merken. Die Nummer 3210072412 könnten Sie sich etwa so merken: „3-2-1 Meins“ ist der Ebay-Slogan, 007 der Code von James Bond, 2412 das Weihnachtsdatum. Statt 3210072412 merken Sie sich also nur: „Ebay, Bond, X-Mas“. Oder eine abstruse Geschichte dazu: „Bei Ebay kauft James Bond die Geschenke für Weihnachten.“ Je absurder die Geschichte, desto besser in der Regel der Memory-Effekt.


  7. Verknüpfen Sie es.

    Eine weitere Technik, Neues zu behalten, ist, es mit bereits vorhandenem Wissen zu verschmelzen. Das kann eine Anekdote sein, die Sie damit verbinden, ein Ort oder vergleichbare Wirkungsketten, die Sie schon einmal gelernt haben. Der Trick ist, darin Muster zu erkennen und sich diese als Gedankenstütze einzuprägen.


  8. Teilen Sie es ein.

    Gerade komplexe Zusammenhänge wollen manchmal einfach nicht in den Kopf. In diesem Fall hilft teilen: Separieren Sie die komplexen Informationen in verdauliche Happen und üben Sie sich diese – möglichst logisch – miteinander verbundenen Fraktionen einzuprägen.


  9. Sorgen Sie für Frischluft.

    Ernsthaft, ohne Sauerstoff sind Ihre grauen Zellen aufgeschmissen. Wenn Sie etwas einpauken wollen, brauchen Sie viel Sauerstoff. Warum also nicht etwa das Redemanuskript bei einem Spaziergang büffeln oder die Vokabeln im Park?

    Geht das nicht, weil es draußen regnet oder schneit, öffnen Sie wenigstens das Fenster und sorgen Sie für ausreichend Luftzirkulation. Ab und an sollten Sie zudem aufstehen, tief einatmen und sich bewegen, das regt ebenfalls den Stoffwechsel und die Durchblutung an.


  10. Lesen Sie es laut vor.

    Für kürzere Texte, wie etwa Gedichte oder 10-minütige Präsentationen gibt es noch eine weitere Technik: Lesen Sie sich das Manuskript laut und Satz für Satz vor. Erst den ersten Satz, dann schließen Sie die Augen und sprechen ihn auswendig nach. Dann lesen Sie laut den zweiten Satz, schließen die Augen wieder und rezitieren diesmal aber den ersten und den zweiten Satz. Dann den dritten Satz und so weiter.

    Das mag müßig sein, hilft aber wirklich – jedenfalls, wenn Sie nicht gerade vorhaben, so mehr als 1000 Wörter zu memorieren.


[Bildnachweis: Karrierebibel.de]
20. September 2009 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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