Es war gerade 1853 als George Crum, Koch eines Hotels in Saratoga Springs, der Kragen platzte. Ständig nörgelte ein Gast über zu dicke Bratkartoffeln. Da nahm Crum die Erdäpfel, schnitt sie in papierdünne Scheiben und briet sie so knusprig, dass sie mit Messer und Gabel nicht mehr zu essen waren. Der Gast war begeistert – prompt landeten die allerersten Kartoffelchips der Welt als „Saratoga Chips“ auf der Speisekarte.
1904 wollte der US-Teehändler Thomas Sullivan Proben eine neue Teesorte an seine Kunden verschicken. Damals wurde der Tee in teure Blechdosen gepackt. Der Sparfuchs Sullivan aber steckte jeweils ein paar lose Teeblätter in einen Seidenbeutel, den er stattdessen verschickte. Seine Kunden missverstanden seine Geschäftsidee und brühten den Tee samt Tütchen auf. Sullivan selbst erkannte die Genialität seiner Erfindung nicht, der Teebeutel wurde trotzdem ein Welterfolg.
1992 erlebten amerikanische Forscher ihr blaues Wunder. Eigentlich wollten sie ein Medikament gegen Angina Pectoris (Brustenge) entwickeln. Doch das Zeug hatte Nebenwirkungen, besonders bei Männern: Während einer 10-tägigen Studie stellten die Wissenschaftler fest, dass die Probanden unter Einfluss der Pille eine Erektion bekamen. Zuerst war das peinlich, dann ein Milliardengeschäft – namens Viagra.
Kleine Ursache – große Wirkung. Egal, wie sehr sich einer anstrengt, oft sind es die Zufälle und Nebenwirkungen, die das entscheidende Quäntchen zum Triumph hervorbringen. Nicht 100 Prozent des Einsatzes entscheiden über 100 Prozent des Erfolgs, sondern in der Regel deutlich weniger. Oft sind es sogar nur 20 Prozent.
Das würde etwa der italienische Ingenieur, Soziologe und Ökonom Vilfredo Pareto sagen. Er untersuchte um 1906 die Volksvermögenverteilung in Italien und fand heraus, dass rund vier Fünftel des Vermögens bei rund einem Fünftel der italienischen Familien konzentriert war. Daraus folgerte er, dass die Banken sich lieber um diese 20 Prozent Reichen kümmern sollten, was ihm allerdings harsche Kritik von den anderen 80 Prozent der Bevölkerung bescherte. Aber das ist eine andere Geschichte.
Das Pareto-Prinzip, auch 80/20-Regel genannt, wurde indes zum Schlagwort und Symbol für Ungleichverteilung oder Unbalance von Mitteleinsatz und Ertrag und seitdem auf viele Bereiche übertragen. Etwa auf den Vertrieb, wo manche davon ausgehen, dass nur 20 Prozent der Verkäufer für 80 Prozent des Umsatzes verantwortlich sind; auf Lagerhäuser, wo häufig 20 Prozent der Produkte 80 Prozent des Platzes beanspruchen oder auf die Produktivität, wo 20 Prozent aller Bemühungen häufig 80 Prozent der Arbeit ausmachen.
Die 80/20-Formel wird allerdings häufig missverstanden oder falsch interpretiert. Ein klassischer Fehler ist etwa, die beiden Zahlen zu 100 Prozent zu addieren. In diesem Fall übertragen diejenigen die 20 bzw. 80 Prozent in ein Kuchendiagramm. Ein Fehlschluss! Schließlich sagt das Pareto-Prinzip, dass 20 Prozent des Einsatzes für 80 Prozent des Ertrags verantwortlich sein können. Einsatz und Ertrag sind aber nicht dasselbe!
Eine weitere Fehlinterpretation ist, die Kausalität der Regel zu invertieren. Im Grunde geht es beim 80/20-Prinzip darum, sich auf die effizienten 20 Prozent zu konzentrieren, um etwa seine Produktivität zu verbessern. Das heißt aber nicht, dass die anderen 80 Prozent generell verzichtbar wären. In jedem Job gibt es Aufgaben, die erledigt werden müssen, jedoch nicht sonderlich produktiv sind. E-Mails beantworten zum Beispiel. Darauf zu verzichten und sich nur noch auf die anderen 20 Prozent zu konzentrieren, hätte sicher dramatische Folgen. Allerdings lässt sich die Organisation und der Zeiteinsatz solcher Aufgaben sicher soweit optimieren, dass der Anteil des Arbeitseinsatzes dafür unter 80 Prozent sinkt.
Michael Gartner, Harvard-Dozent und Pulitzer-Preisträger, hat das einmal andersherum formuliert und lieferte damit eine weitere amüsante Interpretation des Pareto-Prinzips: So findet er, dass es oft nur 20 Prozent Jobmüll sind, die uns 80 Prozent des Spaßes an der Arbeit rauben. Seien es unproduktive Meetings, chaotische Chefs oder Primadonna-Kollegen. Aber es sind eben nur 20 Prozent!
Was zählt, sind aber letztlich die anderen 80 Prozent echte Leidenschaft.
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Alexander
Wenn ich 20 % ausgebe und 80 % spare, dann verhungere ich nicht. Wenn ich 80 % ausgebe und 20 % spare, dann habe ich eine Menge Spaß. Will sagen: Sich auf die 20 % zu beschränken, und sei es auch noch so effizient, kann viel kosten. Aber das ist ja eh die falsche Interpretation ;-)
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