kollektiverfirmenurlaub
Mit der ganzen Belegschaft in Urlaub fahren - für die einen ein Horrorszenario, für die anderen das Paradies. Die IT-Firma Adjust aus Berlin hat aus dem Kollektivurlaub ein Ritual gemacht. Einmal im Jahr trommelt sie all ihre Mitarbeiter aus den Büros in Europa, Asien und Amerika an einem Ort zusammen und lässt sich das Spektakel einen sechsstelligen Betrag kosten. Unter Palmen wird aber nicht nur relaxed, auch geplant und gearbeitet. Die Firmenreise ist also kein reiner Entspannungstrip, sondern auch Teambuilding-Maßnahme und Strategie-Meeting. Aber bringt so ein Retreat wirklich was? Oder wird am Strand nur Geld verbrannt? Karrierebibel hat mit Gründer und Geschäftsführer Christian Henschel (Bildmitte oben) von Adjust gesprochen.

Firmenurlaub: "Hauptsache warm"

Karrierebibel: Herr Henschel, Sie waren schon gemeinsam an der Ostsee, in der Türkei, Thailand und in Mexiko. Im nächsten Jahr geht's mit 130 Mitarbeitern für 250.000 Euro in die Dominikanische Republik. Warum machen Sie das?

Die Idee ist das erste Mal aufgekommen, als wir unseren zweiten Standort in London eröffnet haben. Uns war es wichtig, einmal alle Mitarbeiter an einem Ort zu versammeln, um gemeinsam auf das Jahr zurückschauen, Erfahrungen austauschen und einen Blick in die Zukunft werfen zu können. Im ersten Jahr ging die Reise in noch vergleichsweise kleiner Besetzung an die Ostsee. Im darauffolgenden Jahr war die zweite Reise dann eine Art Belohnung für das Erreichen besonderer Ziele. Zu Beginn dachten wir noch nicht daran, daraus einen festen jährlichen Termin zu machen. Erst mit der Zeit wurde es ein fester Teil der Unternehmenskultur. Resultat einer jeden Reise war bisher immer die verbesserte Kommunikation im Unternehmen nach der Rückkehr. Wir hatten den Rucksack voll mit neuen Ideen, neuer Energie, und auch Lösungen zu bestehenden Problemen. Der wichtigste Aspekt war jedoch immer das Kennenlernen der Mitarbeiter aus den verschiedenen Standorten. Bei mittlerweile 14 Büros auf unterschiedlichen Kontinenten ist dieser Aspekt wichtiger denn je. Der Retreat ist also viel mehr als ein Urlaub. Er dient dazu, die Kommunikation zwischen den Teams in einer angenehmen Atmosphäre zu fördern und um Feedback aus der ganzen Firma im direkten Austausch einzufangen. Darüber hinaus stellen wir eine höhere Motivation und Loyalität unter den Mitarbeitern fest, die Fluktuation bei Adjust ist sehr gering.

Gibt es nicht andere und vor allem günstigere Wege, um die Fluktuation im Unternehmen gering zu halten?

Sicherlich führt ein Urlaub allein nicht zu einer geringen Fluktuation. Der Effekt, einmal außerhalb des gewohnten Arbeitsumfelds über den Job zu sprechen, ist jedoch durch nichts zu ersetzen. Unsere Mitarbeiter aus der ganzen Welt kommen zwar häufig nach Berlin für Trainings, doch im privaten Alltag hier vor Ort ist es nicht so einfach, sich nach dem Arbeitstag noch gemeinsam auf ein Bier zu treffen. Darüber hinaus ist es auch immer schwer, Zeit für Workshops und Feedback zu finden, wenn die Geschäfte ständig weitergehen müssen.

Wie ist denn die Resonanz bislang: Was gefällt den Mitarbeitern an dem Reise-Ritual und was nicht?

Ganz allgemein schätzten die Mitarbeiter die Reisen sehr. Wir versuchen auch bei jeder Reise, das Angebot vielfältig zu gestalten. Manchmal haben wir ein umfangreicheres Programm, manchmal mehr Freizeit. Wir haben sogar schon ein paar Mal Berater oder Coaches mitgenommen, die uns bei der Programmgestaltung vor Ort unterstützt haben. Die reinen Coaches, die für uns Aktivitäten planen wollten, waren jedoch oft nicht so beliebt – das ist Kultursache, meistens haben wir das Gefühl, dass wir keine Hilfe für unsere Workshops brauchen. Einer unserer Investoren kam ebenfalls einmal mit nach Thailand, und da haben wir seinen Input und sein Feedback sehr geschätzt.

Ganz stressfrei scheint so eine Firmenreise also auch nicht sein. Was sollte ich als Mitarbeiter während des Urlaubs tun, um positiv aufzufallen?

Uns ist es wichtig, dass die Mitarbeiter nicht die ganze Zeit auf dem Hotelzimmer sitzen sollen, um an ihren täglichen Aufgaben zu arbeiten. Vielmehr sollen sie dazu ermutigt werden, den Kontakt zu ihren Kollegen zu suchen. Da das immer automatisch passiert, gab es bisher keinen Grund, dafür ein Regelwerk zu erstellen.

Wonach richtet sich eigentlich die Destination?

Hauptsache warm. Da die Mitarbeiter mittlerweile auf der ganzen Welt verteilt sind, macht es keinen Unterschied, wo die Reise hingeht. Natürlich können die Kolleginnen und Kollegen ihre Ideen an das Management richten. Einfach im Chat oder per Mail direkt an die Gründer. Wie bei jeder anderen Idee oder Feedback, gibt es hierfür direkte Kanäle zum Management.

Ich könnte mir vorstellen, dass es im Kollektivurlaub auch mal zu weniger schönen Geschehnissen kommt. Welches war das bis dato unschönste Erlebnis für Sie auf einer Ihrer Reisen und welches das schönste?

Da unser Team immer größer wird, geht natürlich auch unbeabsichtigt immer mehr kaputt, was sich in steigenden Rechnungen für Schäden widerspiegelt. Aber das nehmen wir gerne in Kauf. Das schönste Erlebnis ist schwer zu identifizieren. Jedes Teammitglied hat seine eigenen Geschichten und Erlebnisse zu erzählen. Eine sehr schöne Erinnerung ist, als wir mit Segelbooten raus auf die Ostsee gefahren sind. Nach kurzer Zeit war direkt Windstille. Aber anstatt direkt zurück in den Hafen zu fahren, blieben wir ein paar Stunden auf den Booten, um uns treiben zu lassen und einfach zu quatschen. Dass unverhoffte Situationen zu schönen Erlebnissen werden, zeigt uns, wie intakt unser Team ist. Jedes Jahr sind wir besser und besser darin geworden, die Retreats zu planen und zu organisieren. Und in jedem Jahr wird das Feedback aus dem Team ebenfalls besser bezüglich, was wir beim nächsten mal verbessern können und was richtig gut gefallen hat. Inhaltlich hatte die Thailand-Reise den größten Einfluss auf das Unternehmen. Wir haben große Änderungen vorgenommen, wie wir uns als Unternehmen nach außen positionieren. Darüber hinaus wurden innerhalb vieler Teams Strategien für die kommenden Jahre festgelegt.

Und die Reisen werden den Mitarbeitern dann womöglich noch offiziell als Urlaubstage angerechnet?

Die Retreats werden nicht als Urlaubstage gezählt. Generell erfassen wir bei Adjust die Urlaubstage nicht. Mitarbeiter können so viele Urlaubstage nehmen, wie sie wollen und brauchen. Urlaubstage werden nur manchmal abgerechnet, um sicherzustellen, dass die Leute sich auch das gesetzliche Minimum an Urlaubstagen nehmen.

Was sagt eigentlich das Finanzamt dazu? Kann man die Kosten als Betriebsausgaben von der Steuer absetzen?

Trotz aller Annehmlichkeiten ist und bleibt das Ziel des Retreats eine Geschäftsreise, bei der man bei entspannter Atmosphäre über die Zukunft des Unternehmens spricht. Wo so ein Jahresrückblick stattfindet, zu dem alle Mitarbeiter eingeladen werden, ist dabei doch egal. Wir bevorzugen lieber den Strand anstelle eines kalten Konferenzraums. Der Retreat ist für uns der beste Weg, um die Unternehmenskultur trotz Wachstums aufrecht zu erhalten.

Herr Henschel, vielen Dank für das Gespräch.

[Bildnachweis: Adjust]