Eine klassische Frage aus der Schulzeit lautet: Ab wieviel Grad beginnt Wasser zu kochen? Die richtige Antwort: Bei rund 100 Grad liegt der Siedepunkt des Wassers. Darüber verdampft es. Jetzt die Frage, die Ihnen in der Schule keiner gestellt hat: Was passiert, wenn Sie die Temperatur auf 120 Grad erhöhen? Oder auf 200 Grad? Na, was soll da schon groß passieren, werden Sie jetzt denken. Dann kocht es eben genauso und verdampft ein bisschen schneller. Stimmt. Und genau das ist der Punkt. Ab 100 Grad hat es wenig Sinn, noch mehr Energie in das Wasser zu investieren. Das Resultat ist dasselbe: Dampf.

Genauso verhält es sich, wenn Sie sich bräunen wollen: Legen Sie sich – je nach Hauttyp natürlich – für 15 Minuten in die Sonne, bekommen Sie mit der Zeit eine goldknusprige Bräunung (und ein paar Bikinistreifen vielleicht). Länger in der Sonne zu schmoren, bringt da wenig. Deswegen werden Sie am Abend nicht brauner sein – allenfalls roter.

Was ich damit sagen will: Es gibt so etwas wie die minimal-effektive Dosis, eine Art Pareto-Prinzip, nur dass Sie mit diesem mimimalen Einsatz nicht 80 Prozent, sondern 100 Prozent des gewünschten Effekts erreichen. Oder noch kürzer: Eine Art Minimax-Prinzip – minimaler Einsatz bei maximalem Ergebnis.

Effektiv oder effizient?

Sie haben sicher schon von den beiden Begriffen effektiv und effizient gehört. Während es bei der Effektivität in erster Linie um das Ergebnis (den Effekt) einer Handlung geht, konzentriert sich die Effizienz auf das Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen. Die bekannteste Formel dazu lautet: Effektiv ist, die richtigen Dinge tun; effizient ist, die Dinge richtig tun. Oder anders formuliert: Was effektiv ist, muss noch lange nicht effizient sein. Das Paradebeispiel dafür: Wenn Sie ein kleines Feuer löschen müssen, können Sie das mit einer Flasche Champagner oder mit einer Flasche Wasser tun. Der Effekt ist derselbe. Effizienter und vor allem billiger aber ist der Griff zur Wasserflasche.

Der Begriff der minimal-effektiven Dosis stammt allerdings nicht von mir, sondern von Tim Ferriss. Er verwendet ihn in seinem jüngsten Buch – 4-Hour-Body. Dabei geht es vor allem darum, wie man mit möglichst wenig Aufwand zum Traumkörper gelangt. Nun ja. Auch wenn ich nicht wirklich an den Zum-Waschbrettbauch-in-4-Stunden-Quatsch glaube, so hat mich das Konzept der minimal-effektiven Dosis nachhaltig zum Nachdenken gebracht.

Lässt sich das Prinzip womöglich auch auf den Berufsalltag übertragen, auf Blogs, Twitter, den Einsatz von Social Media?

Ich meine: Ja. Es gibt Blogger, Twitterer, Autoren, Unternehmen, die glauben, immer mehr publizieren und machen zu müssen, um größere Leser-, Follower-, Fanzahlen zu erzielen. Doch das ist ein Trugschluss. Aus mehr folgt nicht zwangsläufig mehr. Manchmal gilt sogar das genaue Gegenteil: Weniger ist mehr.

Eine Feststellung, die ich zum Beispiel immer wieder hier im Blog mache: Lange Artikel – und seien sie auch noch so schön, fundiert, ausrecherchiert und nützlich – erzielen oft weniger Aufmerksamkeit, Leser, Retweets, was auch immer, als die kurzen, frechen, kleinen. Nun ist mir das relativ egal, weil ich einfach das aufschreibe (und so lange), wie es mir gefällt und richtig erscheint. Aber effizient (siehe Infokasten) ist es im Grunde nicht. Vermutlich hätte dieses Blog genauso viele Leser, wenn ich am Tag nur ein, zwei knackige 30-Zeiler poste und mich in der Zwischenzeit mit Bikinistreifen beschäftige. Oder so. Denn zugegeben, frustierend ist das freilich schon, wenn man zwei Stunden an einem Artikel feilt, der zwei Kommentare, drei Likes und fünf Retweets erzielt. Und dann huddelt man irgendwas Lustiges in zehn Minuten hin – und es hagelt 20 Kommentare, 30 Likes und 50 Retweets.

yekesdodsonAber ich schweife an. Tatsächlich glauben viele Menschen, wenn sie nur stärker, härter, schneller arbeiten, dann erzielen sie auch bessere Ergebnisse. Was sie durch ihren überhöhten Selbstanspruch in Wahrheit erzielen, sind aber nur mehr Druck, Stress und weniger Zeit. Und irgendwann entsteht ein Leistungsleck: Man klotzt ran wie verrückt und erreicht immer weniger.

Dieses Phänomen wurde bereits 1908 von den beiden Psychologen Robert Yerkes und John D. Dodson entdeckt. Sie entwickelten daraus die gleichnamige Yerkes-Dodson-Kurve, die wie ein umgedrehtes U aussieht. Den Studien zufolge verhält es sich mit der Leistung so: Mit wachsendem Einsatz und wachsendem Stress steigt zunächst die Produktivität eines Menschen – jedoch nur bis zu einem Scheitelpunkt, dem Leistungsoptimum. Danach bringt Mehrarbeit gar nichts. Im Gegenteil: Die Produktivität fällt nur noch schneller ab. Schlimmstenfalls entsteht so ein Burnout-Syndrom, also das totale Ausgebranntsein.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Das wird jetzt kein Plädoyer für Dienst nach Plan oder Faulheit nach Fünf. Sehr wohl aber eines für smarteres, effizienteres Arbeiten.

Lassen Sie mich das an einem letzten Beispiel verdeutlichen: Bei einem Wettlauf bekommt der Sieger eine Prämie von 10.000 Euro, der Zweite nur noch 5000 Euro. Der Sieger erhält also doppelt soviel Preisgeld wie sein ärgster Verfolger. Jedoch nicht, weil er auch doppelt so schnell gelaufen wäre! Er war vielleicht sogar nur eine Nasenlänge voraus. Aber das reicht. Die Effizienz der Mittel bringt den Sieg – nicht der Energie-Einsatz. Oder eben die minimal-effektive Dosis.