Ein Gastbeitrag von Daniel Rettig

Nostalgie-Frauen-Rakete
Peter Ustinov glänzte zu Lebzeiten nicht nur als Schauspieler, sondern auch als geistreicher Chronist der Gesellschaft: "Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen werden." Damit fasste der Mime süffisant zusammen, was Psychologen inzwischen bestätigen konnten: Der Mensch neigt zum Verklären. Wer weiß schon, was der Morgen bringt. Und früher war alles besser, oder? Der Mensch mag Unsicherheit nicht. Daher flüchtet er dahin, wo er sich auskennt – in die Vergangenheit. Und damit diese seelische Hygiene funktioniert, müssen die Erinnerungen angenehm sein. Daher setzen wir beim Blick in den Rückspiegel des Lebens die rosarote Brille auf. Erinnerungen strahlen immer heller als die Realität.

Früher war alles besser

Nostalgie-Fernglas-StadtEinen eindrucksvollen Beleg lieferte 1997 der US-Wissenschaftler Terence Mitchell von der Universität von Washington. Zusammen mit einigen Kollegen befragte er 136 Amerikaner zu ihren Ferienplänen. 21 wollten zwölf Tage lang durch Europa reisen, 38 drei Wochen lang durch Kalifornien radeln, 77 während des amerikanischen Erntedankfests Thanksgiving ein verlängertes Wochenende bei ihren Eltern verbringen. Doch die Vorfreude war mal wieder am schönsten.

Alle Probanden erklärten sich dazu bereit, während der Ferien Fragebögen auszufüllen, die meisten schrieben ihre Gefühle zusätzlich in ein Tagebuch. Es wurde eine Chronik der Frustrationen.

Die einen waren genervt vom schlechten Wetter, die anderen stritten mit ihren Eltern, wieder andere hatten sich generell mehr erhofft. Von den Fahrradtouristen waren beispielsweise vor dem Urlaub nur fünf Prozent davon ausgegangen, enttäuscht zu werden. Doch während der Reise waren ganze 61 Prozent mies drauf.

Das Verblüffendste war jedoch: Hinterher waren alle froh über ein wenig Erholung – und die Enttäuschung war wie verflogen. Schon eine Woche nach der Heimkehr sagten beispielsweise nur noch elf Prozent der Radfahrer, dass sie während der Reise unzufrieden waren.

Aber es kommt noch besser: Vorher hatte niemand damit gerechnet, dass er seine Meinung ändern würde. Während des Trips gaben das immerhin schon acht Prozent zu, nachher kletterte diese Quote auf 53 Prozent. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer hatte ihre Meinung über den Urlaub also geändert – und zwar zu 96 Prozent in eine positive Richtung.

Unangenehmes blenden wir gerne aus

Offenbar ist es dem menschlichen Gedächtnis inhärent, die schönen Dinge zu betonen und die unschönen auszublenden.

Nach Angaben von Terence Mitchell beinhaltet jedes Erlebnis drei Aspekte:

  1. Rosarote Prognose (rosy projection): Wir neigen dazu, ein Erlebnis positiver zu antizipieren, als wir es währenddessen tatsächlich empfinden.
  2. Abschwächen (dampening): Während eines Erlebnisses reden wir das tatsächliche Vergnügen klein.
  3. Rosarote Erinnerung (rosy retrospection): Hinterher finden wir das Erlebnis wiederum toller – jedenfalls toller, als wir es in jenem Moment empfunden haben.

Wir machen uns die Welt, widde-widde-wie sie uns gefällt. Aber warum?

Psychologen zufolge hat das vor allem vier Gründe.

  1. Erstens ist es denkbar, dass uns allein schon die Erinnerung Freude bereitet. Das würde bedeuten, dass wir einem Irrtum unterliegen: Nicht die Vergangenheit an sich ist schön – sondern die Tatsache, dass wir uns überhaupt noch an sie erinnern.
  2. Zweitens ist unsere Aufnahmefähigkeit begrenzt. Im Alltag halten wir uns noch mit nervigen Details auf, doch im Rückblick verblassen diese. Auf die Vergangenheit schauen wir großzügiger. Und das hat Vorteile, da in der Folge nur noch die schönen Sachen übrigbleiben. Die guten landen im gedanklichen Töpfchen, die schlechten im Kröpfchen.
  3. Drittens ist die Zukunft logischerweise völlig unklar – aber das ist uns gar nicht recht. Frei nach dem Motto "Lieber den Spatz in der Hand" bevorzugen wir also die abgeschlossene Vergangenheit.
  4. Doch am wichtigsten ist viertens der fading affect bias: Unangenehme Erinnerungen verblassen schneller als schöne. Und das ist auch gut so. Denn davon profitiert unser psychologisches Immunsystem.

Der Fading Affect Bias - unser psychologisches Immunsystem

Der Ausdruck geht zurück auf Daniel Gilbert, Psychologieprofessor und Glücksforscher der Harvard Universität. Vor einigen Jahren prägte er in einer Studie den Ausdruck affective forecasting. Dahinter steckt vereinfacht gesagt folgendes Dilemma:

Wenn wir eigene Gefühle vorhersagen sollen, liegen wir meistens falsch. Wir überschätzen die Wirkung zukünftiger Ereignisse – und unterschätzen, dass die Umstände in der Zukunft andere sind als zum Zeitpunkt der Prognose.

In seinen Untersuchungen entdeckte Gilbert immer wieder dasselbe Muster: Er ließ seine Probanden verschiedene Lebenssituationen vorausahnen. Mal sollten sie sich das Ende einer Liebesbeziehung vorstellen, mal den Tod eines Kindes, eine Wahlniederlage oder Kritik am eigenen Charakter.

Jedes Mal stellten sie sich die Situation wesentlich schlimmer vor, als sie letztendlich tatsächlich war. Was laut Gilbert an unserem psychologischen Immunsystem liegt. Es sorgt dafür, dass unser Gehirn negative Erlebnisse anders behandelt als positive.

Oder genauer: dass es negative schneller vergisst und die positiven länger behält.

Und das ist doch irgendwie beruhigend. Die unschönen Erinnerungen verblassen im Laufe der Zeit, die schönen bleiben. Unser Gehirn legt uns damit zwar in gewisser Weise rein. Doch erst durch diese subtile Manipulation können wir mit Tragödien umgehen, schöne Momente genießen und uns auf morgen freuen.

Verklärung ist also ganz natürlich.

Über den Autor

Daniel-RettigDaniel Rettig, Jahrgang 1981, arbeitet er als Redakteur bei der WirtschaftsWoche, in seinem Blog alltagsforschung.de schreibt er über Psychologie im Beruf und Privatleben. Im Juli 2011 erschien im Deutschen Taschenbuch-Verlag (dtv) sein erstes Buch, das er gemeinsam mit Karrierebibel-Gründer Jochen Mai schrieb:
Die-guten-alten-Zeiten-Rettig"Ich denke, also spinn ich" stand drei Monate lang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Sein zweites Buch "Die guten alten Zeiten" erscheint in diesen Tagen im dtv. Darin untersucht Rettig die Macht der Nostalgie. Und kommt zu dem Ergebnis: Sie beeinflusst Selbstwert- und Gemeinschaftsgefühl, Kaufentscheidungen und Erinnerungen.

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