Marmeladen-Experiment: Was es mit uns macht

Die moderne Welt ist ein Segen. Sie bietet uns unendlich viele Möglichkeiten, lässt uns aus dem Vollen schöpfen. Wenn uns nur das Marmeladen-Experiment die rosarote Brille nicht vom Kopf gerissen hätte. Das Marmeladen-Experiment ist der Beleg dafür, dass Vielfalt und Überfluss manchmal ins Gegenteil umschlagen können…

Marmeladen-Experiment: Was es mit uns macht

Marmeladen-Experiment: Was ist das?

Marmeladen-Experiment: Was ist das?Das Marmeladen-Experiment ist auch als Marmeladen-Paradoxon bekannt geworden. Es geht auf ein Experiment zurück, dass US-Forscher um die Jahrtausenwende in einem kleinen Delikatessenladen in Kalifornien gemacht haben. Sie hatten dort Probiertische für die Kunden aufgebaut, mit Toastbroten und verschiedenen Marmeladensorten zum Testen.

Sechs verschiedene Sorten standen zur Auswahl. 40 Prozent der Vorbeigehenden nahmen das Angebot dankend an und probierten. Und zwölf Prozent von ihnen nahmen letztlich sogar ein Marmeladenglas mit zur Kasse.

Im zweiten Durchgang stellten die Forscher sogar 24 Marmeladensorten auf den Probiertisch. Eine riesige Auswahl. Mit der Folge, dass nun sogar 60 Prozent der Vorbeigehenden zur Konfitüre griffen – deutlich mehr als zuvor. Aber: Weniger als zwei Prozent kauften sich auch ein Glas.

Offenbar hatte die Vielfalt ihre Neugier geweckt, aber sie zugleich entscheidungsunfähig gemacht.

Die Moral von der Geschicht: Je größer die Auswahl, desto schwieriger die Entscheidung. Ist die Auswahl zu groß, wird eine Entscheidung bisweilen sogar unmöglich gemacht.

Im Englischen spricht man auch von Choice Overload, dem Äquivalent zum Information Overload. Zu viele Optionen verwirren uns, und sie machen überdies unglücklich.

Denn haben wir uns erstmal zu einer Entscheidung durchgerungen, grübeln wir unentwegt darüber nach, ob es auch wirklich die richtige war.

Wer 24 Marmeladengläser vor sich stehen hat und die Quitten-Konfitüre auswählt, denkt zuhause vielleicht sehnsüchtig an Waldbeere. Oder hätte ich doch Apfel-Maracuja nehmen sollen? Die sah ja schließlich auch köstlich aus.

Ein Dilemma, das keineswegs nur vorm Marmeladenregal zu beobachten ist…

Warum ist das ein Problem?

Weil wir immer mehr Auswahlmöglichkeiten haben. Das Internet spielt dabei sicherlich eine Hauptrolle. Es macht Entscheidungen schwerer, verzögert sie zusehends.

So viele Infoquellen, die ein User anzapfen kann, bevor er sich für ein Produkt entscheidet. Rezensionen, Tests, Bewertungen, Preisvergleiche. Wo anfangen, wo aufhören? Manche Psychologen sprechen diesbezüglich schon von einer „Tyrannei der Auswahl“.

Und auch mit dem FOMO-Phänomen gibt es Verknüpfungspunkte. Das ist eine Abkürzung, die für „Fear of missing out“ steht. Die Angst, etwas zu verpassen.

Soziale Netzwerke befeuern sie. Urlaubsziele, Food-Kreationen oder neue Freunde stellen wir dort zur Schau. Wer sich für das eine entscheidet, kann das andere nicht mehr haben. Choice overload. „Wir neigen dazu, uns anzusehen, was andere tun, und sie dann als Vergleichsmaßstab zu nehmen“, meinte schon US-Buchautor und Psychologe Barry Schwartz in seinem Werk von 2004 „The Paradox of Choice“.

Bezeichnenderweise leiden auch Menschen mit Angststörungen unter dem Choice Overload. Phobiker sind mitunter wie gelähmt, regelrecht paralysiert, wenn sie eine Entscheidung treffen müssen, aber allzu viele Auswahlmöglichkeiten haben.

Im Kleinen trifft das vielleicht auf uns alle zu — zum Beispiel im Restaurant, wenn der Kellner zur Bestellung auffordert, man mit der ellenlangen Menü-Karte aber heillos überfordert ist.

„Die ökonomische Standardtheorie wird Ihnen sagen, dass mehr Auswahl immer besser ist“, so Tibor Besedes, Professor an der School of Economics am Georgia Institute of Technology. „Theoretisch ist das richtig, aber wenn man es anwenden muss, sieht die Sache plötzlich ganz anders aus. Wenn man den Leuten viele Optionen gibt, können sie sich festfahren und sind irgendwann nicht mehr bereit dazu, überhaupt irgendetwas in Betracht zu ziehen, weil es einfach zu kompliziert wird.“

Choice overload: So treffen Sie bessere Entscheidungen

Im Fall des Marmeladen-Experiments gibt es theoretisch mehrere Herangehensweisen:

  • Sie könnten sich alle 24 Marmeladen-Sorten genauer ansehen und dann Ihren Favoriten auswählen.
  • Sie könnten aber auch erstmal nur zwei Marmeladensorten gegenüberstellen und die schlechtere Option verwerfen. Dann den Gewinner mit der nächsten Sorte vergleichen und wieder Ihren Favoriten auswählen. Und immer so weiter, bis nur noch eine Sorte übrig geblieben ist.

Clever, oder? Das würde die Entscheidungsfindung bestimmt verbessern. Die ernüchternde Antwort: Nein.

Denn Menschen tendieren dazu, einmal getroffene Entscheidungen nicht mehr zu revidieren – sogar dann nicht, wenn Ihnen eine viele bessere Option serviert wird. Stellen Sie sich vor, die Erdbeermarmelade hätte bei Ihnen schon zehn Runden überstanden und würde dann im Finale gegen die Himbeerkonfitüre antreten. Unwahrscheinlich, dass Sie die Erdbeere ausgerechnet im allerletzten Moment noch aus dem Rennen kicken würden.

Die Wissenschaftler aus Georgia aber wissen, wie es richtig geht. Grundsätzlich sinnvoll ist es sehr wohl, die Auswahl zunächst zu reduzieren.

„Wir wissen aus all den Studien, dass man, wenn man eine kleinere Auswahl hat, dazu neigt, bessere Entscheidungen zu treffen“, erklärt Besedes. „Es gibt viele Informationen, die Sie verarbeiten müssen, und Sie müssen verstehen, was all diese Dinge bedeuten, und aus diesen Informationen ableiten, was das Beste für Sie ist. Das geht nicht, wenn man aus 16 Optionen gleichzeitig wählen kan.“

Beim Marmeladen-Experiment müssten Sie nach Ansicht der Forscher so vorgehen:

  • Sie teilen die Sorten in Gruppen a vier Stück auf.
  • Aus jeder Gruppe wählen Sie Ihren Favoriten.
  • Sechs Sorten bleiben übrig. Das ist Ihre Finalgruppe.
  • Sie wählen aus dieser Finalgruppe Ihren Liebling aus.

Es versteht sich von alleine, dass die Marmelade nur eine Chiffre ist. Sie könnten auf diese Weise auch Jobs, Autos oder gar Dating-Partner auswählen.

Marmeladen-Paradoxon: Gibt es das überhaupt?

An der Theorie des Choice Overload gibt es allerdings auch Zweifel.

So kamen Wissenschaftler aus Basel, Mannheim und Bloomington vor einigen Jahren in einer Meta-Studie zu dem Schluss, dass eine große Auswahl die Entscheidungsfindung mitunter sogar beschleunigen, zu mehr Kundenzufriedenheit führe. Empirische Nachweise für Choice Overload gebe es gar nicht.

Zum Beispiel beim Essen im Restaurant. Dort gelte der Grundsatz: Mehr Auswahl ist besser. Vor allem dann, wenn die jeweilige Person klare Präferenzen hat.

Das bedeutet wohl: Ein leidenschaftlicher Pizzaesser schätzt es, wenn er aus einer möglichst großen Auswahl an Pizzen auswählen kann.

Denken Sie daran, wenn Sie sich das nächste Mal wieder nicht entscheiden können…

Was Barry Schwartz darüber denkt…

Barry Schwartz: Die besten ZitateEin Verfechter der Choice Overload-Theorie ist der Psychologe Barry Schwartz. Schon 2004 erschien sein Buch The Paradox of choice. Auf deutsch: Anleitung zur Unzufriedenheit: Warum weniger glücklicher macht. Hier sind die besten Zitate:

Die Tatsache, dass eine gewisse Auswahl gut ist, bedeutet nicht unbedingt, dass mehr Auswahl besser ist.

Zu lernen, sich zu entscheiden, ist schwer. Gut wählen zu lernen ist schwieriger. Und in einer Welt der unbegrenzten Möglichkeiten gut wählen zu lernen, ist noch schwieriger, vielleicht zu schwer.

Unglücklicherweise beraubt uns die Zunahme der Wahloptionen in unserem Leben der Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie wichtig eine Entscheidung ist.

Wählen Sie weniger aus und fühlen Sie sich besser.

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[Bildnachweis: 5 second Studio by Shutterstock.com]
4. August 2018 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

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