Marmeladen-Experiment: Zu viele Optionen blockieren

Das Marmeladen-Experiment ist ein Klassiker in der Verkaufspsychologie und zeigt, dass weniger wirklich mehr ist. Tatsächlich können Auswahl, Vielfalt und Überfluss uns enorm blockieren. Wer die Wahl hat, hat in dem Fall wirklich die Qual…

Marmeladen Experiment Choice Overload Psychologie Optionen Wahl Was Tun

Definition: Was ist das Marmeladen-Experiment?

Das Marmeladen-Experiment (auch: Auswahlparadox, engl. Paradox of Choice) beschreibt ein modernes Auswahlproblem: Können Kunden zwischen zu vielen Optionen wählen, entscheiden sie sich für keine davon. Ein zu großes Angebot oder Sortiment kann damit den Umsatz deutlich reduzieren.

Namensgeber und Ursprung des Marmeladen-Experiments ist eine Studie der US-Forscher Mark Lepper und Sheena Iyengar aus dem Jahr 2000. Bei dem Experiment in einem kalifornischen Delikatessladen bekamen die Kunden zunächst sechs Marmeladen-Sorten zur Auswahl. 40 % der Kunden probierten – und 12 % kauften am Ende ein Marmeladenglas. Beim zweiten Experiment standen 24 Marmeladensorten auf dem Probiertisch – eine zu große Auswahl! Zwar probierten jetzt 60 % der Ladenbesucher die Testhäppchen, aber weniger als 2 % kauften die Marmelade. Die Vielfalt hatte zwar Neugier geweckt, aber die Kunden zugleich unentschlossen gemacht.

Marmeladen Experiment Marmeladenparadoxon Auswahl Anzahl Qual der Wahl

Anzeige

Welche Bedeutung hat das Marmeladen-Experiment?

Je größer die Auswahl, desto schwieriger wird die Entscheidung – oder ganz unmöglich. In der Psychologie ist das Phänomen auch als „Choice Overload“ bekannt – als Äquivalent zum „Information Overload“. Studien zu beiden Effekten zeigen: Zu viele Optionen verwirren uns, machen müde und sogar unglücklich. Der Grund dafür ist, dass eine Entscheidung FÜR eine Option immer auch eine GEGEN alle Alternativen ist. Je größer die Auswahl, desto größer der potenzielle Verzicht und mögliche Verlust. Viele Menschen grübeln daher nach einer Entscheidung noch lange darüber, ob die andere Option nicht vielleicht doch besser gewesen wäre. Die Qual der Wahl gibt es also wirklich!

Warum ist das ein Problem?

Das Dilemma lässt sich nicht nur im Supermarktregal beobachten: Immer größere Angebotsvielfalt und Auswahloptionen im Internet machen Entscheidungen generell schwerer. Bevor wir uns für ein Produkt entscheiden, müssen wir heute viel mehr recherchieren, Testberichte und Kundenbewertungen lesen, Preise vergleichen. Manche Psychologen sprechen schon von einer „Tyrannei der Auswahl“. Hinzu kommt ein weiteres Phänomen der Neuzeit: FOMO (Fear Of Missing Out) – die Angst, etwas zu verpassen. Soziale Netzwerke befeuern diese noch zusätzlich: Unzählige Urlaubsziele, Luxusprodukte oder angesagte Gimmicks werden dort angepriesen. Doch das blockiert eher noch. „Wir neigen dazu, uns anzusehen, was andere tun, und sie dann als Vergleichsmaßstab zu nehmen“, schreibt der US-Psychologe Barry Schwartz in seinem Buch „The Paradox of Choice“. „In einer Welt der unbegrenzten Möglichkeiten gut zu wählen, ist noch schwieriger, vielleicht zu schwer.“

Marmeladen Experiment Auswahlparadoxon Entscheidung Optionen Alternativen Schwere Wahl Grafik

Weniger ist mehr

Ausgerechnet Menschen mit einer Angststörung leiden besonders unter dem Choice Overload. Phobiker sind mitunter wie gelähmt, regelrecht paralysiert, wenn sie eine Entscheidung treffen müssen, aber zu viele Auswahlmöglichkeiten haben. Gleichwohl betrifft es uns alle: Sie kennen das sicher von Restaurants mit einer zu langen Menü-Karte. Die meisten sind damit zunächst heillos überfordert. Weniger wäre mehr. „Die ökonomische Standardtheorie wird Ihnen sagen, dass mehr Auswahl besser ist“, sagt Tibor Besedes, Professor an der School of Economics am Georgia Institute of Technology. Theoretisch sei das richtig. In der Praxis aber komplett anders: „Wenn man den Leuten viele Optionen gibt, können sie sich festfahren und gar nichts mehr wählen – einfach, weil es zu kompliziert wird.“

Anzeige

Choice overload: Wie bessere Entscheidungen treffen?

Wie aber kann ich dann bessere Entscheidungen treffen und das Auswahlparadoxon vermeiden? Im Fall des Marmeladen-Experiments könnten Sie zunächst Ihre Favoriten auswählen oder sofort jene Sorten verwerfen, die Ihnen so gar nicht schmecken. Das reduziert die Auswahl. Genau diese Strategie empfehlen auch die Wissenschaftler am Georgia Institute of Technology: „Versuchen Sie immer, zuerst die möglichen Optionen zu verringern!“ Je mehr Informationen Sie abwägen und verarbeiten müssen, desto schwerer fällt die Wahl. Also weg damit – bis nur noch wenige Finalisten übrig bleiben. Aus dieser Finalgruppe wählen Sie schließlich Ihren Liebling aus – das gilt übrigens nicht nur für Marmeladen, sondern zum Beispiel auch bei der Berufswahl, bei Autos oder einem Dating-Partner.

Anzeige

Marmeladen-Paradoxon: Gibt es das überhaupt?

An der Theorie des Choice Overload gibt es allerdings auch Kritik und Zweifel. So kamen Wissenschaftler aus Basel, Mannheim und Bloomington vor einigen Jahren in einer Meta-Studie zu dem Schluss, dass eine große Auswahl die Entscheidungsfindung sogar beschleunigen könne. Dies gelte allerdings nur dann wenn eine Person klare Präferenzen hat. Dann ist mehr Auswahl kein Problem. Mehr noch: Ein leidenschaftlicher Pizza-Esser schätzt es womöglich, wenn er beim Italiener aus einer möglichst großen Auswahl an Pizzen auswählen kann. Psychologe Barry Schwartz findet allerdings nach wie vor: „Wählen Sie weniger aus und fühlen Sie sich besser!“


Was andere dazu gelesen haben