Robbers Cave Experiment: Ziele stiften Frieden

Als die elf Jungen aus Oklahoma City am 11. Juni 1954 in den Bus zum Robbers Cave State Park stiegen, wussten sie nicht, dass sie Teil eines Experiments werden würden, dass die Konfliktforschung nachhaltig beeinflusste. Alles schien zunächst normal in dem Ferienlager: Die Jungen bezogen ihre Hütte, spielten Verstecken, gingen Schwimmen, erkundeten das Gelände. Dass etwas weiter entfernt eine weitere Gruppe mit ebenfalls elf Jungen eine andere Hütte bezog, bemerkten sie zunächst ebenso wenig wie die Tatsache, dass es sich bei den Lagerleitern um Wissenschaftler handelte, die sie genau beobachteten – und später massiv manipulieren sollten…

Robbers Cave Experiment: Ziele stiften Frieden

Das Robbers Cave Experiment: Der Ablauf

Schon eine Woche nach der Ankunft hatten sich innerhalb beider Gruppen soziale Strukturen und Hierarchien gebildet, die Jungs gaben sich Gruppennamen – „Klapperschlangen“ und „Adler“ –, bastelten sich dazu eigene Flaggen mit ihrem Emblem und pflegten ihre eigenen Rituale: Die Adler etwa badeten gerne nackt, die Klapperschlangen fluchten öfters.

Nun starteten die Wissenschaftler Phase zwei des Experiments:

Sie machten die beiden Jungengruppen zu Feinden. Dazu initiierten sie 15 sportliche Wettbewerbe, darunter Tauziehen, Baseball oder eine Schatzsuche. Zudem manipulierten die Forscher die Ergebnisse und stachelten so die Feindseligkeiten zusätzlich an.

Es kam, was kommen musste: Der innere Zusammenhalt der Teams wuchs, dafür richteten sich ihre Aggressionen zunehmend gegen die anderen, die sie wahlweise als „Stinker“, „Memmen“ oder „Kommunisten“ verhöhnten.

Das Ausmaß des wachsenden Streits überraschte selbst die Wissenschaftler: Eines Abends verbrannten die Adler die auf dem Spielfeld zurückgelassene Fahne der Klapperschlangen. Kurz darauf rächten sich die Klapperschlangen, indem sie die Hütte der Adler überfielen, die Vorhänge herunterrissen und die Betten umschmissen. Schließlich eskalierte der Konflikt: Beide Lager bewaffneten sich mit ihren Baseballschlägern, um gegen die anderen in den Krieg zu ziehen…

Es folgte Phase drei und das eigentliche Ziel des Experiments: Versöhnung.

Allerdings wollten die Gruppen inzwischen weder miteinander sprechen, noch gemeinsam Mittagessen. Also stellten die Forscher den beiden Teams Aufgaben, die ein Team allein nicht bewältigen konnte.

Als erstes manipulierten die Wissenschaftler die Trinkwasserversorgung des Lagers. Sie erklärten, dass das Zuleitungsrohr offenbar sabotiert worden sei und die Jungen die Leitung deshalb absuchen und reparieren müssten. Es funktionierte: Die Teams arbeiteten zusammen, liehen sich sogar gegenseitig Werkzeug.

Beim gemeinsamen Abendessen jedoch flammte der alte Konflikt sofort wieder auf.

Es folgten weitere Aufgaben:

  • Ein Filmabend, bei dem die Gruppen das Geld für die Filmmiete nur gemeinsam aufbringen konnten.
  • Bei einem Ausflug streikte der Bus, den die Jungen nur mit gemeinsamer Kraft wieder anschieben konnten.
  • Bei einem Campingausflug brachten die Lagerleiter gar die Ausrüstung so durcheinander, dass die Zelte nur durch gegenseitiges aushelfen und austauschen aufzustellen waren.

Und tatsächlich: Nach und nach söhnten sich die Jungen aus. Am Abschlussabend saßen sie gemeinsam um das Lagerfeuer und fuhren auf eigenen Wunsch in einem Bus nach Hause zurück.

Robbers Cave Experiment: Feinde der Kulturen

Der Sozialpsychologe Muzafer Sherif, damals Professor für Psychologie an der Universität von Oklahoma, war der Initiator dieses Experiments und lieferte damit zugleich einen Meilenstein für die Frage, ob und wie friedensstiftend gemeinsame Herausforderungen sowie übergeordnete Ziele auf Gruppen wirken.

Sein Versuch wurde und wird inzwischen häufig auch im Zusammenhang der Konflikte in Nordirland oder in Israel zitiert. So erkannte Sherif:

  • Jede Gruppe bildet binnen kurzer Zeit ihre eigenen Rituale, Sozialstrukturen, Werte – kurz: ihre eigene Kultur.
  • In diesen Unterschieden liegen die Wurzeln der meisten Feindseligkeiten zwischen den Gruppen (oder Ländern). Und die lassen sich am besten durch gemeinsame Ziele überwinden.

Kritik am Robbers Cave Experiment

Was dabei jedoch weniger oft zitiert wird: Dem oben geschilderten Robbers-Cave-Experiment gingen zwei Versuche voraus: Diese endeten weniger gut.

  • Im ersten Experiment ließ sich der Streit nur schlichten, weil die beiden Gangs ihre Aggressionen plötzlich gegen einen Feind außerhalb des Lagers richteten.
  • Beim zweiten Versuch richteten sie ihre Wut gegen die Wissenschaftler selbst. Sie erkannten in den Forschern eine dritte, offenbar mächtigere Gruppe, die sie manipulierte. Also rebellierten sie gegen diesen stärkeren Gegner.

Soziologen sind heute der Meinung, dass gerade die ungleiche Machtverteilung zwischen Gruppen solche orchestrierten Wettstreite nicht nur ermöglicht, sondern subtil provoziert.

Im Job läuft das aber nicht viel anders: Selbst innerhalb eines Unternehmens gibt es mehrere Teams, die untereinander konkurrieren, manchmal sogar einige Einzelkämpfer, die mit dem eigenen Team wetteifern und in dem Chef einen legitimen Lagerleiter erkennen.

Nun ist ein bisschen Wettbewerb meist gesund, fördert Ideen und motiviert. Aber wenn daraus anhaltende Feindseligkeiten erwachsen, kann das einen Betrieb empfindlich stören. Warum gut zureden nichts bringt und Lagerleiter gefährlich leben, die ihre Teams zu sehr manipulieren – auch das lässt sich aus Sherif’s Konfliktmodell lernen.

Weitere Quellen:

[Bildnachweis: Iconic Bestiary by Shutterstock.com]
9. Dezember 2007 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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