Wer schläft, der sündigt nicht, lautet eine alte Volksweise. Übersehen wird dabei das weitaus gefährlichere Gegenteil: Wer nicht schläft, sündigt massiv – und zwar an seinem Körper und Geist. Immer wieder begegnen einem Menschen, die stolz erzählen, dass sie nur vier oder fünf Stunden Schlaf brauchen. Vielleicht gibt es solche Stehaufmännchen wirklich, vielleicht sind sie auch nur gedopt. Auf jeden Fall aber wäre es idiotisch, ihnen nachzueifern.

Der Mensch braucht seinen Schlaf. Nachweislich. Für Randy Gardner war es damals nur ein Schulprojekt, eine Art Selbstversuch: Das Leben ohne Schlaf. Elf Tage blieb der 17-Jährige nonstop wach. Am zweiten Tag sank die Konzentration, am dritten wurde er quarrig, am vierten hielt er ein Schild für eine Person. Das war 1963.

Seitdem gab es immer wieder Versuche, wie lange wohl ein Mensch ohne Schlaf auskommen kann. Der Rekord liegt angeblich bei 266 Stunden und wurde 2007 vom Briten Tony Wright aufgestellt. Chapeau! Tiere sterben, wenn man ihnen chronisch den Schlaf entzieht. Ratten schon nach 28 Tagen. Beim Menschen geht das in der Regel nicht besser aus: Wer etwa an Fatal Familial Insomnia leidet, einer Erbkrankheit, kann eines Tages nicht mehr schlafen, fällt nach ein paar Monaten ins Koma und stirbt.

Forscher wissen heute: Wer jede Nacht weniger als vier Stunden schläft, stört die Ausschüttung wichtiger Hormone, wie Cortisol, Melatonin, Leptin oder Prolactin. Das Immunsystem wird geschwächt, die Menschen altern schneller und werden krank.

Rund ein Drittel unserer Lebenszeit verbringen wir in der Horizontalen. Die optimale Dauer wird von Schlafforschern auf sieben bis acht Stunden täglich taxiert. Dieser erholsame gesunde Schlaf verläuft dann auch noch gewöhnlich in fünf typischen Phasen (siehe Abbildung): In Phase 1, also wenn wir zu Bett gehen, fährt der Organismus allmählich runter, Blutdruck und Körpertemperatur sinken ab, wir schlafen ein. In der Tiefschlafphase (2) setzt der Körper vor allem auf Erholung, wir regenerieren uns – dank Somatotropin. In Phase 3 verarbeitet das Gehirn die Eindrücke des Tages und lernt, Folge: Wir träumen besonders wild. Die Körpertemperatur erreicht jetzt ihren Tiefststand. In Phase 4 sind körperliche Erneuerung und Lernprozess abgeschlossen, der Hormonmix verändert sich: Statt Melatonin strömt nun vermehrt das Aufwachhormon Cortisol durch die Blutbahnen. Wir schlafen immer flacher, träumen aber umso wilder, nicht selten auch Erotisches. Spätestens in Phase 5 kommen noch eine ordentliche Dosis des Sexualhormons Testosteron dazu sowie ein Schuss Ghrelin – das Hormon sorgt für wachsenden Hunger. Sobald Cortisolspiegel und Hungergefühl ausreichen, wachen wir von alleine auf.

Schlafen Sie sich schön, schlank und nach oben: 9 Fakten über Schlaf

Vermutlich wissen Sie schon: Schlaflose sind gereizter, unaufmerksamer, machen mehr Fehler als ihre ausgeruhten Kollegen. Die Leistungsfähigkeit sinkt, räumliches Verständnis schwindet, Konzentration und Merkfähigkeit leiden, Reaktionsgeschwindigkeit und Entscheidungsstärke fallen ab. Das Risiko, aufgrund starker Übermüdung Fehler zu machen, ist sogar größer als beim Konsum von bis zu vier Gläsern Bier. Was Sie aber vielleicht nicht wussten, ist:

Zu wenig Schlaf macht dick. Guter Schlaf dagegen ist ein regelrechter Schlankmacher. Der Grund dafür ist die Ausschüttung des Hormons Leptin. Das drosselt den Hunger. Schläft man zu wenig, erhält der Körper zu wenig davon und bekommt übermäßig Appetit. Überdies haben Kurzschläfer häufig einen erhöhten Ghrelin-Wert. Auch dieses Hormon macht Hunger und kann sogar eine veritable Adipositas auslösen.
Unausgeschlafene sind weniger attraktiv. Schwedische Wissenschaftler um John Axelsson wollen nachgewiesen haben: Der Schönheitsschlaf funktioniert sprichwörtlich.
Müde lernen schlechter. So ließen sich die Forschungsergebnisse von Robert Stickgold an der Harvard Medical School zusammenfassen. Bei den Versuchen dazu sollten die Teilnehmer mehrere Orientierungsaufgaben in einer animierten Computerlandschaft lösen. Dabei zeigte sich: Jene Probanden, die ausgeschlafen waren – und sei es nur, weil sie zwischendurch einen Nap machten – lernten sich schneller zu orientieren und lösten auch die Aufgabe insgesamt besser.
Schlaflose sind öfter krank. Eine Studie (PDF) von Virginie Godet-Cayré vom Centre for Health Economics and Administration Research in Frankreich zeigte etwa, dass Schlaflose öfter krank werden und häufiger auf der Arbeit fehlen als Durchschläfer: Wer nachts nicht zur Ruhe kam, blieb im Schnitt 5,8 Tage im Jahr zu Hause, die ausgeschlafenen Kollegen dagegen nur 2,4 Tage.
Schlafmangel gefährdet den Betriebsfrieden. So konnte Managementprofessor Timothy Judge von der Universität Florida nachweisen, wie Schlafmangel Arbeitnehmer dazu brachte, ihren Beruf regelrecht zu hassen.
Übermüdete sind aggressiver. Der Psychologe Ninad Gujar von der Universität von Kalifornien in Berkeley sagt: Wer wenig schläft, ist empfänglicher für negative Emotionen. Wer sich dagegen gegen nachmittags wenigstens einen Powernap gönnt, konzentriert sich mehr auf schöne Gefühlsmomente.
Fehlende Bettruhe behindert die Karriere. Psychologen der Uniklinik Regensburg konnten nachweisen, dass Kurzschläfer doppelt so häufig in unteren Gehaltsgruppen verweilen wie Langschläfer. Bestätigt wird das auch durch eine US-Studie des Forscherduos Johnson/Spinweber. Die beiden fanden bei einer Analyse von Navy-Angehörigen heraus, dass 84 Prozent der „Gutschläfer“ innerhalb von sechs Jahren mindestens einmal befördert wurden, „Schlechtschläfer“ dagegen nur in 67,9 Prozent der Fälle.
Blaues Licht stört den Schlaf. Haben Sie abends Einschlafprobleme? Das könnte am Fernseher oder Computerbildschirm liegen. Denn die strahlen ein Licht im Frequenzbereich von 464 Nanometern ab – bläuliches Licht. Und das senkt den Spiegel des Schlafhormons Melatonin. Oder kurz gesagt: Es macht wach, wie Christian Cajochen von den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel und seine Kollegen vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart herausgefunden haben. Bei ihren Versuchen waren die Probanden, die abends rund fünf Stunden in LED-Bildschirme glotzten, deutlich wacher als die Kontrollgruppe und hatten bei Bluttests weniger Melatonin in den Adern.
Alkohol lässt Frauen schlechter schlafen. Nix Schlummertrunk! Nach einer feucht-fröhlichen Partynacht schlafen Frauen deutlich schlechter als Männer, haben Wissenschaftler um Todd Arnedt von der Universität von Michigan in Ann Arbor festgestellt. Zwar mache der Alkohol müde und helfe beim Einschlafen – in der zweiten Schlafhälfte aber leiden vor allem Frauen unter schlechterer Schlafqualität und häufigen Wachphasen.

Zwei Infografiken über den Segen des Schlafs

Wie immer hat die Sache allerdings einen kleinen Haken: Wer zu lange schläft, stirbt früher. So hat die Heidelberger Psychologin Petra Hasselbach herausgefunden (PDF), dass Langschläfer ein um 140 Prozent erhöhtes Risiko haben, früher zu sterben. Das hat nichts mit mangelnder Fitness oder Bewegung zu tun. Selbst sportive Langschläfer leben kürzer. Entscheidend für die Schläfersterblichkeit seien Hormone: Wer länger schläft, bekommt zu wenig Licht ab und verändert so seinen Hormonhaushalt. Wenn Sonnenlicht auf die Netzhaut unserer Augen fällt, versiegt der Strom des Nacht- und Müdigkeitshormons Melatonin. Zu viel davon ist offensichtlich nicht gesund.