Die Welt wird flach, dem Internet sei Dank. Derselbe Zustand droht aber womöglich auch unserem Denken. Auch hierfür verantwortlich: das Internet. Schuld sind die sich explosionsartig verbreitenden Kommunikationskanäle im Web. Wie ein Virus breiten sich Belanglosigkeiten, flüchtige Notizen und peinliche Eingeständnisse aus und beseelen das Web mit Meinungskakophonie und Blabla. Das Ergebnis: Rauschen statt Relevanz. Wir kommunizieren mittlerweile rund um die Uhr und rund um den Globus. Es piept, es klingelt und vibriert überall und gleichzeitig. Wer aber neben der Arbeit ständig seinen Posteingang überwacht, Online-Ticker überfliegt und die Kommentare zu seinem Weblog prüft, der versetzt sein Gehirn in einen permanenten Stresszustand. Das bleibt nicht ohne Folgen.
Zuerst sinkt unsere Konzentrationsfähigkeit. Schon heute werden Büroarbeiter im Schnitt alle elf Minuten unterbrochen, weil das Telefon klingelt oder Outlook Alarm schlägt. Erst kürzlich ergab eine Studie unter amerikanischen Internet-Nutzern, dass die Zahl der Medien, die sie parallel einsetzen, stärker steigt als die Zeit, die sie online verbringen. Die „permanente Halbaufmerksamkeit“, die laut der amerikanischen Autorin und Ex-Microsoft-Managerin Linda Stone dadurch ausgelöst wird, hat gravierende Folgen für Lernfähigkeit, Ausdrucksvermögen und Kreativität. Zwar amüsieren wir uns nicht zu Tode, wie es einst der Medienkritiker Neil Postman befürchtete. Dafür aber kommunizieren wir bis zur geistigen Flatrate.
So ergab eine Studie des Londoner King’s College, dass Menschen, die neben ihrer Arbeit fortwährend E-Mails lesen und schreiben, so arbeiten, als hätten sie einen um bis zu zehn Punkte geringeren Intelligenzquotienten (IQ). Zum Vergleich: Das Rauchen eines Joints verringert das geistige Potenzial allenfalls um vier IQ-Punkte.
In dieselbe Kerbe haut nun auch der Technologie-Kritiker Nicolas Carr: Weil wir im Internet alles binnen Sekunden finden können, verflacht unser Denken. Denn anstatt das Wissen im Web zu durchdringen, zu analysieren, zu verarbeiten und zu memorieren, konsumieren wir die Informationen nur – oder bookmarken die Stelle, wo wir sie wiederfinden können. Das Ganze gleich einem Bibliothekar, der zwar seine Bücher sinnvoll katalogisiert, jedoch keines wirklich kennt.
“Mehr und mehr beschleicht mich das unangenehme Gefühl, dass irgendjemand oder irgendetwas an meinem Gehirn herumgebastelt hat. Als ob der Neuronenschaltkreis neu gepolt und die Erinnerung neu programmiert würde. Ich spüre das am stärksten beim Lesen. Früher fiel es mir leicht, mich in einem Buch zu verlieren. Heute kommt das kaum noch vor. Meine Geist schweift nach zwei Seiten ab. Ich werde zappelig, verliere den Faden, schaue mich nach einer anderen Beschäftigung um. Es ist, als müsste ich mein launisches Gehirn immer wieder zu dem Text zurückschleifen. Das konzentrierte Lesen, das mir früher leicht fiel, wurde zu einem anstrengen Akt.‘‘
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Carrs Thesen bekommen durch eine Studie des Psychologen Joseph Ferrari von der DePaul University in Chicago einigen Rückhalt: Bei einer Befragung von 4000 Beschäftigten kam heraus, dass jeder Fünfte an Zerstreuung leidet und unter Prokrastination leidet.
Natürlich bleiben solche provokanten Thesen nicht lange unwidersprochen. Längst gibt es im Internet eine Debatte dazu, die in sich selbst gewissermaßen schon den Gegenbeweis trägt. So hält der Internet-Experte Clay Shirky den Informationsüberfluss im Web für eine grundsätzlich “gute Sache”. Seitdem streiten beide Vordenker auf dem Britannica-Blog und liefern sich die eine oder andere veritable Replik zur Zerstreuungstheorie. Der Wissenschafts-Autor Richard Smith indes bezweifelt gar, dass chronisches Aufschieben überhaupt eine Krankheit ist.
So oder so, das Internet ist per se ein Wissensmedium, dessen richtige Nutzung wir gerade erst beginnen zu lernen. Sicher werden einige der Veruchung erliegen, aus der schieren Masse der Reize und Oberflächlichkeiten kaum noch auszuwählen, zu hinterfragen, zu gewichten. Es sind aber vermutlich dieselben, die das vorher auch mit anderen Medien – Fernsehen, Radio, Zeitungen – schon getan haben. Flaches Lesen muss nicht zwangsläufig zu flachem Denken führen. Entscheidend bleibt die Medienkompetenz, die Fähigkeit mit solchen Informations- und Kommunikationskanälen richtig umzugehen. Was zugegebnermaßen auch bedeutet, ab und an einfach auch mal abzuschalt



jaydee
Sicher besteht die Gefahr der Oberflächlichkeit, aber dafür noch umso mehr Potential denke ich. Auf Spreeblick hab ich heute einen Artikel gesehen, der die möglichen folgen humorvoll schildert:
http://www.spreeblick.com/2008/07/24/das-internet-hat-mein-leben-zerstort/
Der Herr Schmitt
Sehr interessant und irgendwie schon ein wenig beängstigend!
Phil
Es gibt sicher eine Tendenz einen Artikel nicht komplett zu lesen wegen der Fülle des Angebotes. Mit dem Fernsehen ist es genau so. Jedes Medium hat seine Schwächen.
Stefan
Das ist wirklich erschreckend – aber viel heftiger finde ich die Tendenz, dass man sich Sachen ja gar nicht mehr selbet merken muss, da ja alle Informationen im Handy oder online sofort verfügbar sind. Oder weiss jemand noch die Telefonnummern der 10 besten Freude auswendig? Grüße, Stefan
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