Schätzungen zufolge leidet in Deutschland jeder Zehnte an Gelotophobie. So nennen Psychologen Menschen, die permanent Angst davor haben, von anderen ausgelacht zu werden. Diesen bemitleidenswerten Zeitgenossen reicht bereits das Glucksen von Passanten, um es auf sich zu beziehen. Dabei sind kleinere Missgeschicke, wie sie jedem von uns mal passieren, halb so wild. Solche Fauxpas interessieren unsere Umwelt nicht ansatzweise so sehr, wie wir vielleicht denken. Echt jetzt.

Warum Menschen überhaupt auf eine solche Idee kommen? Die Anwesenheit anderer wirkt auf sie wie ein emotionaler Verstärker. Die gelungene Präsentation finden wir mindestens doppelt so gut, wenn Kollegen zugeguckt haben (und sie klasse fanden). Genauso stark grämen wir uns allerdings auch über den öffentlichen Lapsus – eben weil wir fest davon ausgehen, dass alles, was wir tun, von unserer Umwelt immer bewusst wahrgenommen wird.

Aber wussten Sie, dass beispielsweise das Erröten, was viele von uns so fürchten, allenfalls eine Minute dauert und nach 15 Sekunden bereits seinen Höhepunkt erreicht hat? Vor lauter Konzentration auf das Leben im Rampenlicht vergessen wir meist eine nicht unerhebliche Kleinigkeit: Andere Menschen interessiert das womöglich so sehr, wie wenn in Mexiko ein Sack Mais umfällt.

Kurz: Wir erliegen dem Spotlight-Effekt.

Den Ausdruck prägte der amerikanische Psychologe Thomas Gilovich von der Cornell-Universität. In verschiedenen Experimenten fand er heraus: Wir überschätzen regelmäßig die Wirkung, die unsere Aktionen bei anderen hinterlassen.

Barry Manilow gilt als in etwa so cool wie ein Bausparvertrag

In einem seiner Versuche ließ er zum Beispiel 109 Studenten ein, nun ja, gewagtes T-Shirt tragen. Darauf abgebildet war das Konterfei des Popsängers Barry Manilow („Mandy“). Der gilt heute als in etwa so cool wie ein Bausparvertrag. Die Aufgabe der Studenten bestand nun darin, mit dem T-Shirt einen Raum voller Kommilitonen zu betreten. Nach einigen Minuten sollten sie wieder herauskommen und schätzen, wie viele sich über ihr T-Shirt lustig gemacht hatten.

Im Schnitt vermuteten die Testpersonen, dass etwa die Hälfte der Anwesenden das Manilow-Shirt bemerkt und sich darüber negativ geäußert hätte. Wie falsch! Nicht einmal ein Viertel der Studenten hatte davon überhaupt Notiz genommen.

Wie wir ticken

Falls Sie noch mehr über solche Effekte lesen wollen, dann sollten Sie dieses Buch kennen: “Ich denke, also spinn ich” ist mein dritter Bestseller, den ich zusammen mit meinem Freund Daniel Rettig geschrieben habe.

Dieselbe Beobachtung machte Gilovich allerdings auch, als er seine Probanden einer deutlich angenehmeren Situation aussetzte. Nun sollten sie sich an einer Diskussion beteiligen. Wieder überschätzten alle maßlos, wie sehr die Anwesenden von ihren Argumenten beeindruckt waren.

Mal fällt man auf, mal fällt man nur. „Shit happens“, sagt der Angelsachse gelassen und fragt sich sogleich: „So what?!“ Na und? Was soll’s! Und das ist enorm erleichternd. Denn die Haltung befreit vom Zwang, immer perfekt sein zu müssen.

Oder wie das deutsche Popgirlie Lucilectric einst sang: „Isses nich, isses nich schön, du bist peinlich und jeder hat’s geseh’n.