Kommt drauf an. Kommt wirklich darauf an, um welche Art von Hilfe es sich handelt. Doch der Reihe nach:
Anderen Menschen in der Not zu helfen, ist erste Menschenpflicht. Keine Frage. Allerdings lässt sich trefflich darüber diskutieren, was wirkliche Not ist, ob sich diese allein auf lebensbedrohliche Situationen bezieht, auf temporäres Leid oder ebenso auf das drohende Scheitern eines beruflichen Projekts. Nur: Darum geht es heute nicht. Heute geht es um die gegenteilige Perspektive: das Annehmen von Hilfe, insbesondere im Job.
Anderen Menschen zu helfen, kann ein unglaublich befriedigendes und nachhaltiges Gefühl hinterlassen. Schließlich zeugt die edle Tat nicht nur von menschlicher Größe – sie beweist zugleich, dass man es kann: anderen helfen. Es ist ein Dokument von Kompetenz, von Kraft und reichhaltigem Wissen, von einem großen Erfahrungsschatz. Ungefragt Ratschläge zu verteilen, beinhaltet immer auch den Zweifel, ob diese wirklich willkommen sind. Aber einem anderen Menschen seine Weisheiten weiterzugeben, weil dieser darum bittet, das ist Balsam für jedes Ego. Entsprechend bescheiden ist das Eingeständnis, Hilfe zu brauchen. Wer um Hilfe bittet, muss zuerst seine eigene Unfähigkeit und Ohnmacht erkennen und auch ertragen können. Und so „mancher ertrinkt lieber, als dass er um Hilfe ruft“, erkannte schon Wilhelm Busch klug.
Im Job ist das Um-Hilfe-Bitten zudem nicht ganz ungefährlich. Wer seinen Posten gerade erst angetreten hat, darf vielleicht noch vorurteilsfrei um Rat und Tat fragen. Wird dieser Zustand jedoch chronisch, nährt das (zurecht) Zweifel an dessen Kompetenz. Und von einer Führungskraft erwarten die Leute natürlich erst recht, dass sie weiß, was zu tun ist, dass sie alles kann und beherrscht und deshalb Rat vorzugsweise spendet und nicht erbittet. Aber stimmt das?
Gerade dieses Klischee hat in den vergangenen Jahren zweifelsfrei dazu geführt, dass viele Manager lieber reden, statt zuzuhören. Sie treffen ratlose Entscheidungen und verbergen dabei so gut es eben geht die eigene Unsicherheit hinter eine Fassade aus Überzeugung(skraft), Stolz und einer Weil-ich-es–kann-Attitüde. Den eigenen Chef um Hilfe zu bitten, könnte das mühsam aufgebaute Image zerstören; die Mitarbeiter zu Rate zu ziehen ihren Respekt mindern. Also wird lieber auf eigene Faust analysiert, organisiert und exekutiert und allenfalls heimlich ein Coach konsultiert. Armselig, das – und zuweilen kostspielig dazu.
Nun ist so manche Hilfe allerdings mindestens ebenso ambivalent. Da gibt es zum Einen Menschen mit einem ausgeprägten Helfersyndrom. Sie raten und retten gerne und überall – und manchmal meinen sie auch bloß, dass es eine Hilfe wäre, was auch immer sie da gerade unfertiges anbieten. Nicht wenige davon muss man vor sich selber schützen, weil sie de facto selbst Hilfe gebrauchen könnten, um künftig bessere Prioritäten setzen zu können und endlich zu lernen, Nein zu sagen.
Am anderen Ende der Skala stehen jene, die nur helfen wollen, weil es sich für sie lohnt. Entweder leisten sie Vorschub, um sich damit selbst über den Empfänger zu erheben oder weil sie sich für den Gefallen ein lohnendes Gegengeschäft erhoffen. „Die Menschen helfen lieber dem, der ihrer Hilfe nicht bedarf, als dem, welchem sie nötig ist“, schrieb Friedrich Hebbel. Solche Leute sind entweder Opportunisten oder fiese Egomanen, die versuchen, subtil ihre Profilneurose an Ihnen zu therapieren. Mit beiden Helfern ist einem wenig geholfen.
Klar ist allerdings auch: Wer nie Hilfe annimmt, bleibt ein törichter Narr. Nicht nur, weil er so womöglich unnötig scheitert und sich aus falschem Stolz um einen (gemeinsamen) Erfolg bringt. Sondern auch, weil gegenseitige Hilfeleistungen feste zwischenmenschlich Bande knüpfen; weil es zum Reifen dazu gehört, mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten professionell umzugehen; und weil es schier Blödsinn ist, dass Führungskräfte, die um Hilfe bitten, weniger respektiert werden. Nobody is perfect. Und jeder kann jederzeit noch etwas lernen. Auch von jenen, die auf einem anderen Level stehen.
1. Kommentar
Timo Zimmermann
07.04.08 um 08:11 Uhr
Die Manager die Angst haben ihr Gesicht zu verlieren, können es immer noch “delegieren einer Aufgabe an einen kompetenten Mitarbeiter” nennen – es wird ja schließlich immer gerne gesehen, wenn ein Manager mit seiner Zeit verantwortungsvoll umgeht und Aufgaben, die er nicht selbst erledigen muss an andere abgibt.
2. Kommentar
Sascha
07.04.08 um 12:01 Uhr
Habe bis jetzt eigentlich nicht die Erfahrung gemacht das eine Führungskraft sich zu “fein“ ist um Rat zu fragen wenn Sie bei einem bestimmten Fall nicht weiter kommt!
3. Kommentar
derherold
07.04.08 um 12:54 Uhr
Ich habe mehrfach die Erfahrung gemacht, daß Führungskräfte keinen Rat annahmen … es gibt da ein gewisses Amoklauf-Verhalten, das man nicht unterschätzen sollte.
(Nicht nur) Die Schwierigkeiten der Nachfolgeregelungen in klein- und mittelständischen Betrieben liefern dafür die Beweise. Wobei – eigentlich überraschend – die karriere- und konkurrenzorientierten “Manager” seltener von dieser Krankheit betroffen sind, als die selfmade-Unternehmer, die ab *50* Gefahr laufen, mit dem Popo das umzureißen, was sie mit den Händen aufgebaut haben. :-)
Trackbacks
Sagen Sie ihre Meinung!
Folgendes HTML ist in den Kommentaren verwendbar: <a> <em> <strong>