Konkurrenzdenken, Stress und Druck am Arbeitsplatz nehmen stetig zu und sind mit normalen Mitteln kaum noch zu bewältigen. Schon heute spüren fast zwei Drittel der Deutschen arbeitnehmer Zeitdruck im Job; drei von vier fühlen sich überbelastet. Jeder Dritte klagt über häufige Kopfschmerzen, jeder Vierte schläft schlecht. Zehn Prozent glauben sogar, wegen des hohen Stresspegels irgendwann umzukippen. Dazu passt, dass die Zahl der bezahlten Überstunden in diesem Jahr auf rund 1,9 Milliarden ansteigen dürfte – den höchsten Stand seit 1995.
Viele gehen deshalb schon auf dem Zahnfleisch, legen Extraschichten ein, steuern auf den Burnout zu. Die anderen greifen zu Drogen, Pillen, kurz: zu Doping im Büro.
Seit einiger Zeit wächst die Nachfrage nach den leistungssteigernden Pillen bedenklich an. Das vielleicht bekannteste Dopingmittel ist Ritalin. Das Medikament mit dem Wirkstoff Methylphenidat ist eigentlich gedacht für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Wer es nimmt, kann sich anschließend besser konzentrieren. Aber auch gesunde Erwachsene können damit mehr leisten und Nächte durcharbeiten. Allein Johnson & Johnson hat mit Methylphenidat-Präparaten 2007 erstmals über eine Milliarde Dollar verdient. In Deutschland hat sich die Zahl der verschriebenen Tagesdosen seit 1998 auf 46 Millionen fast verzehnfacht. Nicht eingerechnet jene Pillen, die unter der Hand gehandelt oder per Internet in Übersee bestellt werden.
Methylphenidat ist aber nur ein Treibstoff, mit dem man im Büro durchpowern kann. Auch Modafinil-Präparate wie Provigil werden immer beliebter. Die sind zwar eigentlich für Menschen gedacht, die an der Schlafstörung Narkolepsie leiden. Doch auch sie machen Gesunde munterer, konzentrierter, leistungsfähiger. Andere Führungskräfte nehmen sich gar die Radprofis der Tour de France zum Vorbild – und geben dank EPO richtig Gas. Das Hormon kurbelt die Blutbildung an und stärkt so nicht nur die Ausdauer, sondern erhöht auch die Gedächtnisleistung, haben Neurowissenschaftler jüngst herausgefunden. Und wer sich gar nicht mehr anders zu helfen weiß, greift sogar zu Drogen wie Amphetamin und Kokain.
Mein Kollege Jens Tönnesmann beschreibt in der aktuellen WirtschaftsWoche wie sich das Doping im Büro ausweitet und wie Manager in den Drogensog geraten, beziehungsweise wieder herauskommen können.
Dabei betrifft das Problem längst nicht nur Manager. Auch in Schulen oder Hörsälen wird bei der Jagd nach Bestnoten medikamentös nachgeholfen. So offenbaren zahlreiche Kommilitonen in Internet-Foren, wie überrascht sie seien, wie viele Kommilitonen in der Examensvorbereitung „irgendwas nehmen, um mehr lernen zu können“. Vor allem Koks scheint dabei inzwischen normal zu sein. In den USA greifen Schätzungen zufolge bereits 25 Prozent der Studierenden zu rezeptpflichtigen Psychopharmaka, die in den USA mit einem „Rx“ gekennzeichnet sind. Experten sprechen deshalb schon von einer „Generation Rx“.
Das Vorbild dazu liefern die Professoren selbst. Unter Wissenschaftlern ist der Konsum von stimulierender Nervennahrung anscheinend Usus: Als das Fachmagazin „Nature“ zu Beginn dieses Jahres anonym 1400 Forscher aus 60 Ländern befragte, gestanden 62 Prozent freimütig, schon einmal Ritalin konsumiert zu haben. Rund 44 Prozent setzen auf das Narkolepsie-Mittel Provigil.
Dahinter steckt freilich nicht nur Wettbewerbsdruck, sondern generell der Wunsch, besser zu sein als andere. Und genau hier wittern Nahrungsmittelkonzerne das große Geschäft mit „Brain-Food“, während Wissenschaftler auch schon erforschen, mit welchen Wirkstoffen das möglich sein könnte. So verabreicht der Münsteraner Neurologe Stefan Knecht Probanden Naturstoffe, um zu untersuchen, wie diese die Gedächtnisleistung beeinflussen. Mit dem Parkinson-Medikament Levodopa hatte er bereits Erfolg: Gesunde Probanden konnten sich damit Vokabeln deutlich besser merken. Auch als US-Forscher Piloten ein Alzheimer-Medikament gaben, stellten sie fest, dass diese sich Gelerntes leichter merken und im Flugsimulator besser reagieren konnten.
Der Doping-Trend wird deshalb weiter zunehmen. Im Sport ist es zwar auch weiterhin verboten, sich mit Pharmaprodukten heimlich Vorteile zu verschaffen. In der Wirtschaft hingegen war das noch nie ein Problem. Vielleicht aber künftig.







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