Labyrinth
Alexander Fleming war nicht gerade der aufgeräumteste Typ. Als der Bakteriologe im September 1928 aus dem Urlaub zurückkehrte, entdeckte er im Chaos seines Labors zwei Petrischalen mit Bakterienkulturen. Auf einer hatte sich Schimmel gebildet und Fleming fiel auf, dass sich die Kulturen davon auf wundersame Weise fernhielten. Unter dem Mikroskop offenbarte sich ein Pilz, der bestimmte Bakterien abtötete – die Geburtsstunde des Penizillin.

Ordnung muss sein. Ein bisschen Unordnung schadet aber auch nicht. Viel zu oft verunglimpfen wir die Diener des Durcheinanders als Chaoten. Tatsächlich sind viele davon enorm kreativ. Denn ausgerechnet das, was professionelle Aufräumer aus Büros und Wohnungen vehement vertreiben, fördert geistige Impulse: Zettelberge, Wirrwarr, Anarchie. Das klingt selbst ein bisschen anarch, ist aber psychologisch belegbar: Ganz oft keimen Kreativität und Ideen, wenn Menschen aus festen Systemen ausbrechen, wenn etwas ihre Aufmerksamkeit ablenkt (und damit die linke Hirnhälfte beschäftigt) oder wenn sie nur halb an ihre aktuelle Aufgabe und halb an etwas anderes denken. Dann entsteht so etwas wie eine schöpferische Synthese aus dem amorphen Gendankengebilde im Kopf. Und Papierstapel, so sehr manche sie auch hassen, sind gelegentlich ein guter Humus für solche Verbindungen.

Die These lässt sich sogar wissenschaftlich stützen: Wer an einem aufgeräumten Schreibtisch sitzt, kramt im Schnitt 36 Prozent länger nach seinen Zetteln als der Chaot, schreibt zum Beispiel Eric Abrahamson, Professor an der New Yorker Columbia Universität und Autor von “Das perfekte Chaos“. So sei ein ordentlicher Schreibtisch zwar gut für das Image – zu viel Ordnung aber blockiere. Mehr noch: Sie kann sogar Unfälle verursachen. So sind etwa Autofahrer, die sich besonders streng an die Verkehrsregeln halten, auffällig oft in Zusammenstöße verwickelt, fand wiederum der Kölner Psychologe Stephan Grünewald in einer Untersuchung für den Deutschen Verkehrssicherheitsrat heraus. Der Grund: Sie sind untrainiert, spontan zu reagieren. Am seltensten krache es demnach bei jenen, die sich zwar an die wichtigsten Regeln halten, gleichzeitig aber auch ihre Aufmerksamkeit mit Gesprächen, Tagträumen oder Radiosendungen teilen.

Und tatsächlich: Genies und Chaoten haben in gewisser Weise zweierlei gemein: Sie beherrschen die Konfusion und bleiben flexibel. Nach neuen Erkenntnissen von Psychologen arbeitet jeder Mensch dann am effektivsten, wenn er sein individuelles Chaos-Level findet – und sei es nur die heimliche Rumpelkammer im Büroschrank oder die Krimskramsschublade im Schreibtisch. Das ist nichts anderes als eine natürliche Ordnung, die – zugegeben – auf Außenstehende planlos wirken kann. Psychologen raten sogar im Alltag bewusst solche zeitlich limitierten Oasen der Konfusion zu pflegen. Für ihre Nutzer mindern sie den Ordnungsstress und geben ihnen zugleich Struktur – wenn auch eine höchst individuelle. Wessen Alltag in Projekte und feste Zyklen fragmentiert ist, kennt das: Bis zur Abgabe türmen sich Unterlagen auf dem Tisch an, danach aber sind sie auf wundersame Weise wieder verschwunden.

Umgekehrt: Ordnung zu halten, ist wiederum keine Geheimwissenschaft. Tatsächlich ist es eher eine Art Gewohnheit. Genau genommen sind es sogar nur sechs Gewohnheiten, die sich Ordnungsprofis regelmäßig zu eigen machen:

  1. Sofort aufräumen. Oft läuft es so: Auf den Schreibtisch werden arglos Dinge gelegt, die man ja später noch wegräumen kann oder später einmal abarbeiten, einsortieren, lesen will. Tatsächlich aber werden sie schon bald von Gegenständen mit gleicher Zielsetzung überlagert. Schöner Selbstbetrug. Wer Ordnung dauerhaft halten will, hat nur eine Chance: Was man einmal angepackt hat, sofort danach wieder aufzuräumen. So türmen sich erst gar keine Stapel auf und das jeweilige Aufräumen bleibt auch nur ein Handgriff.
  2. Reduzieren. Viele Leute begehen den Fehler, dass Sie irgendwann anfangen, das Chaos auf ihrem Schreibtisch, in ihrem Posteingang oder in den Regalen zu sortieren, zu strukturieren und dabei für jeden Tinnef ein sinnvolles Ablagesystem entwickeln müssen. Falsch! Richtig geht so: erst ausmisten, dann aufräumen. Die Kunst, Ordnung zu halten, besteht im Wesentlichen darin, sich von Überflüssigem zu trennen – und zwar bevor man den Rest organisiert.
  3. Ablegen. Und zwar möglichst immer am selben Platz. Nicht drei Schubladen für Stifte anlegen, sondern nur eine; nicht zwei Zeitschriftenablagen, sondern eine, und so weiter. So müssen Sie später auch weniger nach Abgelegtem suchen.
  4. Aufschreiben. Das Potenzial unserer grauen Zellen ist schier unermesslich. Tatsächlich können wir uns mehr merken, als wir meinen. Wir haben es oft nur nicht richtig gelernt. Dennoch neigt unser Biospeicher dazu, Dinge zu vergessen. Meist, wenn wir sie kurzfristig brauchen. Die Lösung: Schreiben Sie sich etwa in Form einer To-do-Liste auf, was Sie etwa heute alles erledigen wollen. Notieren Sie ebenfalls sofort Aufgaben, die Ihnen zwischendurch in den Sinn kommen. Solche Listen sind nichts statisches. Und Notizzettel sind keine Schande!
  5. Ordnung am Abend. Misten Sie Ihr Büro täglich aus und hinterlassen Sie es jeden Abend akkurat. Schon im eigenen Interesse: Sollte den Arbeitsplatz mal jemand anderes nutzen, so kann derjenige keine Horrorgeschichten von lebendem Kaffeesatz erzählen. Zweitens: Kommt Ihr Chef zufällig vorbei, behält er seinen guten Eindruck von Ihnen. Denn 70 Prozent aller Manager bevorzugen Mitarbeiter mit ordentlichen Schreibtischen, so eine Umfrage des britischen Psychologen Cary Cooper. Dahinter steckt ein handfestes Klischee: Die Schreibfläche ist Projektionsfläche. Ein unaufgeräumtes Pult steht für eine desolate Persönlichkeit. Das Klischee: So jemand ist weder strukturiert noch zielorientiert, hat weder Ehrgeiz noch Führungsqualitäten.
  6. Routinen. Aufräumen schafft allenfalls 50 Prozent Ordnung, diese zu halten ist die andere Hälfte. Dazu gehört, sich die oben genannten Punkte zu unbewussten Routinen werden zu lassen, wie etwa den Schreibtisch nie unaufgeräumt zu verlassen. Solche Alltagsrituale entstehen allein aus beharrlicher Übung, allen Rückschlägen zum Trotz. Alles andere wären ja auch nur halbe Sachen.

Organisation und Kreativität sind allerdings immer ein Mix aus Ordnung und Chaos. Denken Sie nur an die Genesis! Für Gott war, trotz aller Ordnungsliebe, das Chaos zugleich Inspiration und Ursprung allen Lebens: Aus ihm erschuf er das Universum und die Welt. Warum nicht auch aus diesem göttlichen Quell schöpfen?